Gerry Armstrong:
Scientology-Kritik statt
Hubbard-Biografie
| Inhalt dieser Seite: | Zum Thema auch: | In anderen Websites: |
|
|
Der Boykottaufruf
![]() |
| Waiblinger Kreiszeitung
vom 9.6.01 u.a.
Gerald Armstrong - der Mann, der ein Sklave war Ein hochrangiger Scientology-Aussteiger sprach in Backnang über seine Leidensgeschichte und die Methoden der Sekte Von unserem Redaktionsmitglied Peter Schwarz Backnang. Der Mann, der L. Ron Hubbards Sklave war, wirkt zierlich, fast schmächtig. Die Augen über dem schütteren Bart liegen verschattet in den Höhlen - und sind doch so groß, dass sie das ganze Gesicht beherrschen und einen magnetischen Sog aussenden. Die schweren, buschigen Brauen sind immer leicht hochgezogen und geben der Mimik eine Anmutung ständiger Aufnahmebereitschaft, eine Aura zwischen Wachheit und Wachsamkeit. Das Fesselndste aber an Gerald Armstrong, dem hochrangigen Scientology-Aussteiger, der zehn Jahre lang zum innersten Zirkel des Sekten-Konzerns gehörte, ist der Tonfall: Da erzählt einer eine luftabschnürende Geschichte - und das ganz langsam, überdeutlich artikulierend, in einem gleichförmigen Satzfluss, als stünde er vor einem Untersuchungsausschuss, als prüfe er jedes Wort, bevor er es ausspricht, auf Justitiabilität. Der ausgekühlte, fast erstarrte Ton vermittelt den Eindruck einer ungeheuren Disziplinierung - um so beklemmender wird das Gemisch aus Schmerz und Aufklärungsfuror spürbar, das hinter dem anästhesierten Sprachklang schwelt. Kein Flüstern, nicht mal ein Kleiderknistern ist zu hören im Publikum, bei den Mitgliedern des "Wirtschaftsrates des CDU Rems-Murr" in Backnang. 1969 macht sich Armstrong, 22 Jahre alt, "zum Sklaven der Organisation": ein schüchterner junger Mann mit einer ins Leere tastenden Intelligenz, vom Glauben an die Vernunft geprägt --und um so anfälliger für das scientologische Heilsversprechen: Hier findet Armstrong ein Sinnstiftungsangebot, das nicht auf Vertrauen und Glauben fußt, sondern für sich in Anspruch nimmt, wissenschaftlich begründet zu sein. Sektengründer Hubbard lehrt: Wer sich der psychoanalytisch angehauchten Verhörmethode des "Auditing" aussetzt, könne seinen Intelligenzquotienten um einen Punkt pro Stunde steigern und sich erheben über die menschliche Begrenztheit. 1971 wird Armstrong Mitglied der "Sea-Organisation", einer Art Stoßtrupp Scientologys. 400 Leute um Hubbard reisen auf dem Schiff "Apollo" durch die ganze Welt. Armstrong ist Rechtsberater, später Öffentlichkeitsarbeiter. Der Knick in Armstrongs Sekten-Karriere kommt 1976: Nach einem Streit mit Hubbards Frau wird er "gefangen gesetzt" in einem der Scientology-Umerziehungscamps - "we call them Gulags", Konzentrationslager. Dort, abgeschieden in der kalifornischen Wüste, abgeschnitten von Zeitungen, Fernsehen, Radio, trägt er eine Arbeitsuniform und unterzieht sich hunderten von Verhörstunden mit Lügendetektor. Alles wird ausgeforscht: sein Sexualleben, tiefste Ängste und Zweifel. Die Protokolle der angeblich "vertraulichen" Aushorchungen sind dem Geheimdienst der Sekte zugänglich. So verfügt Scientology über eine Art Röntgenbild von Armstrongs Psyche - eine gewaltige Waffe, um einen Menschen abhängig zu halten und gefügig zu machen. Es folgt eine Berg- und Talfahrt aus Wiederaufnahmen in den inneren Zirkel und erneuten Verhören. Eine Zeit lang dient Armstrong in Hubbards Haushalt, später wird er beauftragt, für eine verherrlichende Biographie des Sektenchefs zu recherchieren - und dringt vor in ein labyrinthisches Lügengebäude, in dem Hubbards mittelmäßige Militär-Karriere zur Heldenvita umgedichtet und seine ruhmlos abgebrochenen universitären Versuche zur strahlenden Physikerlaufbahn umkonstruiert werden ... Armstrong flieht 1981. Zwölf Jahre seines Lebens hat er "vergeudet". "Freiwild-Doktrin" und "schwarze Propaganda": wie Scientology mit Aussteigern umgeht Und nun beginnt der Kampf, nun gehört Armstrong zu denen, für die Hubbard die "Freiwild-Doktrin" vorsieht: Abtrünnige darf man "belügen, bestehlen, zerstören". Armstrongs Auto wird auf der Autobahn gerammt, fortan überzieht Scientology ihn mit Prozessen und der im Konzern-Jargon so genannten "schwarzen Propaganda": gezielten Rufmordkampagnen. In Deutschland ist Scientology nicht wirklich ein Machtfaktor: Experten gehen von 5000 Scientologen hierzulande aus - auf 20000 Einwohner kommt ein einziges Mitglied. Sektenbeauftragte, Regierungsstellen, Initiativen leisten Aufklärung. Scientology ist keine Religion, sondern eine nackte, skrupellose "money making machine" - in Deutschland gehört das zum gesellschaftlichen Allgemeinwissen. Doch Armstrong kommt aus einem anderen Land: In Amerika ist ihm per Gerichtsurteil und 650 000 Dollar Strafandrohung untersagt, das Wort "Scientology" öffentlich auch nur in den Mund zu nehmen. In den USA genießt die Geldmaschine die Privilegien einer Religionsgemeinschaft. Showgrößen wie Tom Cruise oder John Travolta wurde nachgesagt, sie seien Mitglieder. Ihrer Karriere schadet es nicht. Erst vor diesem Hintergrund wird Armstrongs Schlussreaktion richtig verständlich: Die Maske seines Gesichts, das anderthalb Stunden wie eingefroren in Ernst und Dringlichkeit wirkte, löst sich angesichts des anhaltenden Beifalls auf in ein strahlendes, fast gerührtes Lächeln. |