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Adresse dieser Seite: http://www.Ingo-Heinemann.de/Bluem.htm Zuletzt bearbeitet am 16.9.2006 zur Homepage | zur Inhaltsseite | AGPF-Spendenkonto |
Bundesminister Blüm:
"Das ist Psychokrieg"
Minister Blüm wirft
der Scientology-Organisation Psychokrieg, Geldwäsche und Gehirnwäsche
vor.
Norbert Blüm hat sich bereits 1981
anläßlich einer Tagung der AGPF über Sekten geäußert:
"Die Feinde der Freiheit sind es, die
heute selbst nach Freiheit und Toleranz rufen".
(Buch: "Destruktive Kulte" von Karbe und
Müller-Küppers)
"Das ist Psychokrieg"
Arbeitsminister Norbert
Blüm über die Gefährdung der Gesellschaft durch den Sektenkonzern
Scientology.
| "Krake"
nennt Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, 60, den weltweit agierenden Psychokonzern Scientology. Die Sekte, 1954 von dem Amerikaner L. Ron Hubbard gegründet, ist seit 25 Jahren in Deutschland aktiv und zählt nach eigenen Angaben bundesweit mehr als 30 000 Mitglieder. Mit Kritikern geht die Sekte rüde um. In einem "Freiheit" genannten Pamphlet verunglimpft sie neben Blüm auch die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, Ursula Caberta. und die Bestsellerautorin und Scientology-Expertin Renate Hartwig. "Scientology ist eine Orgamsation. für die der Zweck die Mittel heiligt", urteilt Robert Vaughn Young, ein ehemaliges Mitglied des Führungszirkels der Sekte. "Ihr Ziel ist die komplette Kontrolle von Schulen, Firmen und Regierungen" (SPIEGEL 39/1995). |
Blüm: Vor zwei Jahren traf ich auf einer Wahlveranstaltung in Süddeutschland eine Mutter, die ihren Sohn an diese menschenverachtende Sekte verloren hatte. Aus dem jungen Mann war ein völlig anderer Mensch geworden, und sie hatte keinerlei Zugang mehr zu ihrem Kind. Welchen Terror Scientology auf Menschen ausübt, ist mir da zum erstenmal klargeworden.
SPIEGEL: Inzwischen stehen Sie ganz oben auf der Feindliste der Sekte. In der Scientology-Propaganda erscheinen Sie als "geistiger Brandstifter" in der Tradition Adolf Hitlers. Der Vorwurf lautet, Sie verfolgten die Scientologen wie die Nazis die Juden im Dritten Reich.
Blüm: Wenn es nur mich träfe, ginge das ja noch. Aber wer unsere Kampagne gegen die Sekte, die wir mit rechtsstaatlichen Mitteln führen, mit dem Massenmord an den Juden vergleicht, der beleidigt die Opfer des Holocaust. Da ist bei mir Schluss.
SPIEGEL: Müssen Sie nicht mehr fürchten als Verleumdungen und verbale Angriffe ? Sektengründer L.Ron Hubbard gab die Devise aus, "jeder kann" Scientology-Kritiker wie Sie "austricksen, verklagen, belügen und vernichten", um sie mundtot zu machen.
Blüm: Das gehört zur Einschüchterungsstrategie dieses Vereins. Aber wenn einer glaubt, er könne mir Angst machen, werde ich erst recht bockig. Falls mir wirklich etwas passiert, wird ja sicher jemand auf die Idee kommen, nach Spuren zu suchen. Da bin ich besser geschützt als zum Beispiel ein Beamter im Arbeitsamt, der einem Scientologen die Lizenz zur Arbeitsvermittlung verweigert. Wenn sie den fertigmachen, dann fällt das natürlich weniger auf als bei mir.
SPIEGEL: Scientology nimmt für sich in Anspruch, eine Kirche zu sein - und geniesst so den Schutz des Grundgesetzes.
Blüm: Scientology ist das Gegenteil von einer Kirche. Die Sekte gründet Glauben nicht auf Freiheit, sondern auf Unterdrückung: ach was, Glauben kann man das gar nicht nennen. Denen geht es nur darum, ihre Machtgeilheit zu befriedigen. Geld, Geld, Geld - das ist die Dreifaltigkeit von Scientology.
SPIEGEL: Sie haben die Organisation als "menschenverachtendes Kartell" und als "verbrecherische Geldwäscheorganisation" bezeichnet. Was macht Scientology so gefährlich ?
Blüm: Diese Sekte ist ein Krake, der Menschen ruiniert und gezielt in die Verschuldung treibt, weil sie masslos überteuerte Psychokurse absolvieren müssen. Er zerstört den persönlichen Kern des einzelnen, und zwar durch verfeinerte Formen der Gehirnwäsche, wie sie die Menschheit erst in diesem Jahrhundert entwickelt hat. Da sind Verfolgte früherer Zeiten fast schon beneidenswert, die konnten bei aller äusseren Bedrohung wenigstens noch frei denken. Aber die Opfer von Scientology kriegen doch gar nicht mit, wie sie von diesen Manipulationstechniken erobert werden. Das ist eine massive Gefahr für unsere Demokratie.
SPIEGEL: Staatsfeind Scientology - solche Kategorien wurden bisher nur auf politische Extremisten angewendet. Tun Sie der Sekte da nicht zuviel Ehre an ?
Blüm: Keineswegs. Die Demokratie
braucht mündige Bürger. Wenn die Menschen aber zu Marionetten
werden, ist die Demokratie am Ende. Dann braucht es nur noch einen Strippenzieher,
und Scientology will diese Weltherrschaft.
Deren Ziel ist eine neue Form des Imperialismus, der die Gegner nicht erschiesst,
sondern sie auf andere Weise erledigt. Das ist Krieg, Psychokrieg.
Die neuen Eroberer wie Scientology kommen nicht mehr wie Dschingis-Khan
oder Hitler auf Pferden oder mit Panzern daher. Auch nicht mit der Atombombe.
Aber sie können die gleiche Verwüstung hinterlassen, wenn sie
eine ganze Gesellschaft manipulieren.
Blüm: Das wäre die Notbremse. Unsere Hauptwaffe ist die Aufklärung. Wir müssen die Gesellschaft immunisieren gegen diese Seelenkäufer. Bei den jungen Leuten - die sind besonders gefährdet - und auch bei deren Eltern müssen sofort die Alarmsignale hochgehen, wenn der Name Scientology auftaucht. Sehenden Auges wird niemand in sein Verderben rennen.
SPIEGEL: Mancher wohl doch. Viele Aussteiger der Sekte berichten, dass sie zwar über die Gefahren informiert waren. Aber alles, wovor man sie gewarnt hatte, Psychoterror oder Gehirnwäsche, hätten sie dort zunächst nicht wahrgenommen - statt dessen nur nette, fröhliche, hilfsbereite Menschen.
Blüm: Das ist ja der Trick. Diese vorgetäuschte Freundlichkeit ist genau der Leim, auf dem die Leute kleben bleiben. Dort glauben sie zu finden, was ihnen unsere Gesellschaft nicht mehr bieten kann. Es reicht eben nicht zu sagen: Du hast zu trinken und zu essen, und du kannst einmal im Jahr in Urlaub fahren. Was bleibt, ist ein ungeheurer Sinnhunger der Menschen, die Sehnsucht nach Transzendenz. Das ist eine Marktlücke, die Scientology ausnutzt.
SPIEGEL: Ist das nicht eigentlich das Geschäft der Kirchen ?
Blüm: Die Kirchen scheuen sich zu oft, ihre Rolle als Sinnstifter zu erfüllen. Wenn ich mir morgens in der Badewanne die Morgenandacht anhöre - das ist ja alles ganz interessant, aber einen Pfarrer brauche ich dafür eigentlich nicht. Da reduziert sich die kirchliche Botschaft auf Sozialbetreuung, und der Rest wird fast schamhaft verschwiegen - der liebe Gott, das unbekannte Wesen. Dann ist das Feld frei für Scharlatane und Teufel, die an die Stelle der Kirchen treten.
SPIEGEL: Scientology hat sich längst auch in der Wirtschaft breitgemacht. Ganze Branchen, wie etwa der Immobilienmarkt, drohen systematisch unterwandert zu werden. Der Deutsche Industrie- und Handelstag nennt den Sektenkonzern eine "Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland". Aber die Regierung unternimmt nichts.
Blüm: Wir haben das Problem lange unterschätzt. Aber die Gesellschaft beginnt sich zu regen. Nach Gerichtsentscheidungen zwingen Hamburg, München, Stuttgart und andere Städte die Sekte, ihre Geschäfte offiziell als Gewerbe anzumelden. Dadurch müssen sie ihre Finanzen offenlegen und zeigen, von wem die Geld kriegen und was sie damit machen. Das ist schon viel.
SPIEGEL: Den Expansionsdrang von Scientology haben diese Urteile kaum beeinträchtigt. So darf die Sekte fast überall weiterhin auf offener Strasse um Anhänger werben und arglose Passanten mit ihren Psychotests ködern. Bundesweit verbindliche Entscheidungen gibt es nicht.
Blüm: Das ist ja auch in erster Linie Sache der Länder. Die Innenministerkonferenz wird sich damit beschäftigen. Wir als Bundesregierung können da nicht vorpreschen.
SPIEGEL: Warum nicht ? Als Arbeitsminister
könnten Sie zum Beispiel systematisch die
Beschäftigungsverhältnisse der
Mitarbeiter von Scientology überprüfen. Viele schuften für
ein Taschengeld 50 Stunden und mehr in der Woche und sind häufig zu
niedrig oder gar nicht sozialversichert.
Was spricht gegen Razzien
in den Filialen der Sekte ?
Blüm: Auch das wäre Sache der Länder. Wir haben keine zentrale Stelle zur Überprüfung von Arbeitsverhältnissen in Deutschland.
SPIEGEL: Bei der Suche nach Schwarzarbeitern auf Baustellen sind solche Stichproben üblich, seitdem Sie die Länder dazu aufgefordert haben.
Blüm: Auch im Fall von Scientology empfehle ich das den Ländern dringend. Aber es geht vor allem darum, die Aktivitäten zu bündeln. Fakten und Beweise über kriminelle Machenschaften der Sekte muss der Verfassungsschutz zusammentragen. Der hat ja bisher auch nicht die Augen davor verschlossen. Aber erst die nächste Konferenz der Länderinnenminister will entscheiden, ob daraus eine bundeseinheitliche Aktion wird. Ich bin sehr dafür.
SPIEGEL: Sie verwehren Scientologen, als private Arbeitsvermittler tätig zu sein. Genügen die Vorwürfe gegen die Sekte, um den Mitgliedern ihr Recht auf freie Berufswahl zu beschneiden ?
Blüm: Wer ein Gewerbe betreiben will, braucht die Zulassung der Behörde, in diesem Fall der Bundesanstalt für Arbeit. Aber warum sollten wie jemandem eine Lizenz dafür geben, dass er unter diesem Vorwand Zugang bekommt zur Personalplanung und zu persönlichen Daten von Unternehmen; das fängt ja ganz harmlos an, mit Psychotests. Aber das Ziel ist ein Netz von Spitzeln, die die Schwächen und Nöte der Menschen ausnutzen.
SPIEGEL: Welchen Beruf soll ein Scientologe ausüben dürfen? Darf er Lehrer sein ?
Blüm: Nein.
SPIEGEL: Kindergärtner, Professor, Polizeibeamter ?
Blüm: Nein. Das sind doch alles Fangarme der Sekte. Warum bemüht sie sich denn um Lehrer? Um den Nachschub für ihre schmutzigen Geschäfte frühzeitig zu präparieren.
SPIEGEL: Denken Sie an ein gesetzliches Berufsverbot ?
Blüm: Berufsverbote sind die Ultima ratio, das letzte Mittel. Bis dahin sind wir im Beweiszwang, über die Techniken der Sekte aufzuklären. Aber ich will in jedem Fall verhindern, dass Scientologen sich an den Knotenpunkten der Gesellschaft - und das sind Kindergärten, Schulen, Behörden und Wirtschaftsunternehmen - einnisten. Aus der Verknüpfung dieser Knotenpunkte entsteht das Netz, in dem die Manipulierten zappeln.
SPIEGEL: Damit stehen Sie in der Bundesregierung allein da. Aus den zuständigen Ressorts Wirtschaft, Familie und Inneres ist zu dem Thema nichts zu hören.
Blüm: Also, zum Beispiel Manfred Kanther ist da jedenfalls nicht bange; der hat schon einen Scientologen in seinem CDU-Landesverband aus der Partei ausgeschlossen. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn auch der Kollege Rexrodt mitmacht im Kampf gegen die psychische Unterdrückung, die Scientology organisiert. Freiheit ist ein urliberales Thema. Die FDP schliesst, wie die CDU/CSU, Scientology-Mitglieder aus. Und Bayern steht an der Spitze des Kampfes gegen Scientology.
SPIEGEL: Und Ihre Parteifreundin im Familienministerium, Claudia Nolte ?
Blüm: Die hat die Gefahr erkannt.
Blüm: Am Geld darf das nicht scheitern. Wir brauchen ein öffentliches System von Ausstiegsberatern. Um in der Terminologie der Militärs zu bleiben: Wir brauchen ein psychologisches Rotes Kreuz, das die Verwundeten, wie Sanitäter im Krieg, vom Schlachtfeld holt. Den Scientologen soll klarwerden: Wir meinen es ernst. Die müssen wissen, dass das Spiel aus ist.
SPIEGEL: Herr Blüm, wir danken Ihnen
für dieses
Gespräch.
(Fußnote unter Photo mit Blüm: Hans-Joerg Vehlewald und Susanne Koelbl mit Blüm-Unterlagen über Scientology)
Aus: -DER SPIEGEL-48/95-27-11-95-