Scientology, KVPM und das Russell-Tribunal
Über den KVPM nimmt Scientology Einfluß
auf den "Antipsychiatrie"-Zweig der Psychiatrie-Betroffenen-Vereine
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Aus einer Broschüre zum
Russel-Tribunal 2001:
| 3sat Kulturzeit 02.07.2001
Verrückt - entrückt Das Russell-Tribunal zwischen Psychiatrie und Scientology Am Abgrund des Nicht-Fassbaren, des Irrationalen zu existieren, ist ein dauerhaftes menschliches Phänomen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit 800 Millionen Menschen unter psychischen Krankheiten leiden. Viele von ihnen sollen in der Psychiatrie im besten Falle aufgefangen werden. Das Machtgefälle zwischen Arzt und Patient ist in diesem System nahezu total. Zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte gehört auch der Missbrauch dieser Macht. In Berlin ging heute eine Veranstaltung zu Ende, die die Defizite der modernen Psychiatrie anprangerte: das 5. Internationale Russell-Tribunal zur Lage der Menschenrechte. Namen wie Peter Weiss, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sind mit dem ersten Tribunal aus dem Jahr 1969 gegen Vietnam verbunden. 2001 wird in Berlin berichtet und diskutiert über Zwangseinweisungen und -behandlungen: Fixierungen, Elektroschocktherapie und Psychopharmaka. Verteidiger sind bei diesem "Verfahren" nicht anwesend. Viele Fragen, wenig Antworten Vertreter der Anklage ist der amerikanische Psychiater Thomas Szasz. Er ist aber auch Gründungsdirektor der amerikanischen "Citizens Commission on Human Rights", kurz CCHR, einer hundertprozentigen Scientology-Organisation. Beschädigt eine solche inhaltliche Nähe das nicht die seriösen Anliegen des Tribunals? Szasz wiegelt ab: "Schon das Wort Scientology in diesem Zusammenhang ist eine Art der Stigmatisierung, besonders in Deutschland. Es ist wie die Bezeichnung 'jüdisch' während der Hitler-Zeit. Scientology ist eine legale Religion. Ich glaube nicht daran. Ich bin kein Scientologe. Wenn aber deren Organisation die Willkürlichkeit in der Psychiatrie bekämpft, unterstütze ich das. Wenn eine jüdische oder katholische Organisation dies bekämpft, würde ich das genauso unterstützen." 130 Anlaufstellen in 39 Ländern hat die CCHR geschaffen. Die deutsche Sektion ist die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte." Auf ihrer aktuellen Internetseite wirbt sie mit dem "angesehenen Professor für Psychiatrie Dr. Thomas Szasz" und zählt ihn zu ihren "Beauftragten". Die "Kommission" gilt als eine der aggressivsten Scientology-Organisationen und wird auch vom Verfassungsschutz beobachtet. Szasz hat damit offenbar kein Problem, anders als Ursula Caberta. Für die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Scientology der Hamburger Innenbehörde ist die CCHR der ideologische Arm der Scientologen - und Szasz kein Unbekannnter: "Wir müssen davon ausgehen, dass er in enger Verknüpfung mit der Organisation war. Wer würde sich sonst gefallen lassen, dass mit ihm geworben wird, in der Art und Weise, wie Scientology das tut - und Gründungsmitglieder informieren sich ja in der Regel, mit wem sie es zu tun haben." Scientology-Gründer L. Ron Hubbard hatte zu Lebzeiten immer wieder vor der Psychiatrie und deren Ideologie als Feind der Menschen gewarnt und verkündete stattdessen die Dianetik als Heilsbotschaft für die Anhänger seiner Lehre und als "einzige moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit". Versprechungen, die nicht selten den Weg in die Sekte bedeuten für Psychiatrie-Geschädigte, Hilfesuchende und deren Angehörige. Nicht zuletzt deshalb, weil in der breiten Öffentlichkeit heute noch immer die Ausgrenzung des Anderen, des Un-Normalen, des Ver-rückten sehr verbreitet ist. Auch der Kampf der Scientologen gegen die Psychiatrie bleibt nicht zuletzt deshalb bisher in der Diskussion um diese Sekte weitgehend unbemerkt. Verrückt - entrückt Die Ebenen der Kritik vermischen sich, doch nicht nur der Gegenstand der Kritik ist wichtig, sondern auch die Art und Weise, wer kritisiert und warum. Doch auch der deutsche Hochschulprofessor und Veranstalter des Tribunals, Wolf-Dieter Narr, sieht keinen Handlungsbedarf: "Ich weiß, dass es bei ihm ein Problem gibt, dem ich selber jetzt nicht weiter nachgegangen bin, obwohl ich selber die Scientology-Organisation ablehne. In der Bundesrepublik wird immer alles mit Verboten geregelt. Wenn die Szaszsche Mitgliedschaft in dieser Organisation irgend eine Rolle spielen sollte in seinem Plädoyer oder in der Jury, dann würde ich mich mit aller Macht, die mir zur Verfügung steht, dagegen wehren." Doch eben diese nötige Abgrenzung der seriösen Problematisierung der Methoden der modernen Psychiatrie von jener Kritik von Seiten der Scientologen wurde von den Veranstaltern nicht gelöst. Der Feministin und Menschenrechtlerin Kate Millett, die am Russell-Tribunal teilnimmt, ist dieses Problem auch nur zum Teil bekannt: "Ich stimme zu: Scientology ist undemokratisch. Über die Situation in Deutschland weiß ich zu wenig, aber Freunde in den Staaten hatten mal mit ihnen kurz zu tun. Es scheint ein Kult zu sein und gesellschaftlich sehr gefährlich: Sie übernehmen dein Leben, dein Geld und so weiter. Wir haben natürlich nichts damit zu tun und ich bin sicher, dass wir nicht mit ihnen verwechselt werden." Den anderen Teil will Millett gar nicht erst kennen lernen. Szasz und Scientology - davon weiß sie nichts: "Szasz ist ein großer Sozialkritiker", sagt sie. "Seit ich zwanzig bin, habe ich ihn gelesen. Seine Stimme war die einzige, die in meinem Land zu hören war, die wirklich eine Herausforderung darstellte. Ich habe keinen Zweifel daran, dass er nichts mit Scientology zu tun hat oder jemals hatte." Die Szaszschen Thesen allerdings sind bei Scientologen mehr als willkommen. Für Thomas Szasz gibt es "Geisteskrankheit" als solche nicht: Psychiatrie ist keine Wissenschaft, sondern eine Ideologie, die - zusammen mit dem Staat - soziale Kontrolle ausübt. Und unabhängig davon, ob man dem zustimmt oder nicht, bedient sich die Scientology-Propaganda solcher Argumente. Die Frage nach einer möglichen Vermischung von Scientologen-Interessen mit den generellen Fragestellungen der Tribunal-Teilnehmer zum Thema Psychiatrie stellt sich für Kate Millett und den brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho nicht - zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Ihre Motivation zur Teilnahme an der Veranstaltung in Berlin ist eine ganz persönliche. Beide haben schlechte Erfahrungen gemacht mit dem System Psychiatrie und engagieren sich gegen den Zwang in den Institutionen. Paulo Cuelho kennt Scientology nur, wenn die Kamera aus ist: "Ich weiß nicht genug über Scientology, um darüber zu reden." Auch auf Nachfrage beteuert er, sich dazu nicht äußern zu können: "Ich habe keine Meinung, ich kann das nicht zusammenbringen. Ich bin nicht in der Position zu urteilen, ich weiß nicht genug. Es ist zu kompliziert, um eine Verteidigung parat zu haben." Und so bleiben viele Fragezeichen nach dem Ende einer einer Veranstaltung, die sich hohe Ziele gesteckt hatte. Die notwenige Kritik am System Psychiatrie droht auf diese Weise zu kurz zu kommen - und ins Zwielicht zu geraten. |
Der nachfolgende Artikel ist der Website der Zeitschrift "Balance" entnommen.
Der Autor Bernd Trepping ist der Vorsitzende des KVPM, vgl. KVPM
gegen Biologische Psychiatrie