|
Adresse dieser Seite: http://www.Ingo-Heinemann.de/Kaufman-UebermenschenUnterUns1972.htm Zuletzt bearbeitet am 26.12.2007 Impressum | zur Homepage | zur Inhaltsseite | AGPF-Spendenkonto |
Robert Kaufman:
Übermenschen unter
uns, 1972
|
Robert Kaufman: Übermenschen unter uns. Olympia Press Deutschland, 1972 Dies war zugleich das erste deutschsprachige
Buch über Scientology.
Eine mehrteilige Version befindet sich in Winfried Müllers www.religio.de Von dort wurde diese Version übernommen.Das Oberlandesgericht Frankfurt 16 U 45/72 und das LG München 21 O 175/73 hatten eine einstweilige Verfügung gegen das Buch abgelehnt. Robert Kaufman ist am 29.7.1996 an Krebs
gestorben.
|
![]() |
Lieber Demetrius, Du alter Thetan-Racker!
Ich attestiere, daß dies mein erster
ruhiger Moment im Jahr AD 21 ist. Hier der R-Faktor, auf den Du gewartet
hast: Alles läuft prima in der AO. Höchstgeschwindigkeit ist
IN: massenweise schwebende Nadeln und OT Release. Derzeit bin ich in der
Klasse VIII; und es ist das bisher Tollste - ständig neue Erkenntnisse!
Ich bin völlig außer mir, seit ich meine Neue Macht besitze.
Gestern ließ ich meinen Körper drei Stunden hinter mir. Ich
hasse es, Turbulenzen auf unseren Comm-Linien zu verursachen, aber irgend
etwas ist definitiv OUT in der Org. Ich habe das Gefühl, daß
es der DT ist. Ich darf Dir seine Fall-Geschichte zu den oberen Stufen
nicht darstellen, wie Du weißt, aber vor einiger Zeit hatte er einen
ARC-Bruch, fing an, aus seiner Bank heraus zu nörgeln und verschwand
aus dem Hill. Na ja, sie holten ihn doch zurück, clearten alle seine
Whitholds, unterzogen ihn einem Joburg und einem S&D. Er trennte sich
von dem SP, aber das unterbrach den Kreis nicht; er klagt über Körper-Thetanen,
selbst nach einer Wiederholung, und er wird wieder PTS. QUAL mußte
ihn in die Review-Schlange stecken, ihm ein grünes Formular verpassen
und eine Check-Liste für übergangene Ladung dazu. Er hatte einige
fallende Nadeln und eine festsitzende, ehe sein Meter mit hohem TA voll
gepackt war. Vielleicht gab es irgendwo ein falsches Attest - R6 EW oder
früher - oder auch ein noch nicht eingeebnetes Service Fac. Vielleicht
sitzt der Kerl sogar in einem Vorfall aus einem früheren Leben fest.
Genug davon. Ich will Dich nicht überfahren;
Du mußt denken, ich sei wieder voller Begehrlichkeit! Mach's gut
für heute - ich muß hinübergehen und TR-O mit einer Barbarin
machen!
Mit ARC, Dein
OT III/VIII
(Dieser Brief, von einem Scientologen
an einen anderen, ist erdacht. Aber er steht vollkommen im Bereich des
Möglichen.)
Inhalt
| Teil I: Die Agentur | Teil II: Saint Hill | Teil III: Die AOUK | Teil IV: Rückkehr in die Welt der Barbaren Teil V: Die Rückkehr |
Nachwort des Übersetzers
Verzeichnis von
Scientology-Begriffen
Unsere eigene Science Fiction unterscheidet
sich nur äußerlich von der der Scientology. Die inneren Tendenzen
sind ziemlich dieselben, trotz ihrer unterschiedlichen Einkleidung. Die
Kräfte, die die Welt der Scientology bewegen - die Emotionen, die
Ziele, die Manipulationen sind universal. Wenn zum Beispiel ein Kind in
unsere Welt hineingeboren ist, wird ihm beigebracht, daß es ein Mensch
ist, und daß sich die Menschen von allem übrigen im Universum
unterscheiden. Man sagt ihm, was sein Geschlecht ist und seine Hautfarbe.
Man lehrt es die Sitten und Gebräuche seiner Umgebung, ebenso seine
Pflichten gegenüber Familie, Stamm, Religion und Vaterland.
Ein Scientologe würde einem solchen
Kind sagen, daß es ein Thetan ist und deshalb einem einzigen Mann
Treue schuldet.
Scientology ist die Schöpfung dieses
einen Mannes, eines Amerikaners namens L. Ron Hubbard. Ich würde daher
einen Scientologen als einen Menschen definieren, der alles glaubt, was
aus Hubbards Mund oder Feder fließt.
Hubbards Beschäftigung mit dem Reich
der Seele hat ihm einen Nettogewinn von Millionen Dollar auf einem Schweizer
Bankkonto eingebracht, außerdem eine Jacht-Flotte, ein Flaggschiff
eingeschlossen, mit dem er auf dem Mittelmeer kreuzt. Hinzu kommen zahlreiche
Töchter seiner Mutter-Organisation, die über den Erdball verstreut
sind. Wie ein Oberaufseher kontrolliert er das Leben vieler Mitglieder.
Ein Telex-System hält das ganze Spinnennetz zusammen. Darüber
hinaus weiß man wenig über den Mann. Die erreichbaren Mosaiksteine
seiner Biographie
Ich lade den Leser ein, mich auf einem
Trip durch jene Geisterwelt zu begleiten, geschaffen und beherrscht durch
einen gottgleichen Erzschwindler, Messias, genialen Geschäftsmann
oder auch hoffnungslos verrückten Größenwahnsinnigen, je
nachdem, wie man ihn beurteilen
Die Erschaffung der Dianetic ist ein Meilenstein für den Menschen, der Entdeckung des Feuers vergleichbar, und bedeutender als die Erfindung von Rad und Bogen.Meine Geschichte beginnt im Jahr 1950, als in den Buchläden ein Werk von L. Ron Hubbard auftauchte: "Dianetic - die moderne Wissenschaft von der geistigen Gesundheit.(L. Ron Hubbard)
Die vielen Leser von "Dianetic", die sich
für den Autor interessierten, erfuhren nur wenig über ihn. Hubbard
behauptet, er habe ein äußerst wechselvolles Leben hinter sich.
In seiner Jugend trieb ihn seine Abenteuerlust bis ins westliche China.
Später war es nach seinen Angaben die Universitätsausbildung
als Techniker und Physiker, die ihn befähigte, die menschliche Seele
zu erkunden und mit mathematischer Präzision zu beschreiben. Und nebenbei
hat er sich als Science-Fiction-Autor einen Namen gemacht. Es ist unwahrscheinlich,
daß sehr viele der frühen Leser von "Dianetic" Hubbard wirklich
für qualifiziert hielten, sich über Seele und Geist zu äußern.
Doch dem hielt er unbekümmert entgegen: "Na schön, und wer sonst
ist kompetent?" Er war wirklich talentiert, sogar brillant in einer gewissen
Weise. Daher die Folgerung: Vielleicht war doch etwas an ihm dran. Und
es wäre der sprichwörtliche Triumph des kleinen Mannes gewesen,
wenn dieser amerikanische Selfmademan als der Entdecker des Geheimnisses
der Seele und ihrer Gesetzmäßigkeiten anerkannt worden wäre.
Das Endresultat seiner Methode (falls sie funktionierte) war unwahrscheinlich
verlockend: nicht die undefinierbare "Heilung" durch den Psychiater, die
im günstigsten Fall einen gut angepaßten Neurotiker produziert,
sondern der Mensch im Zustand des "Clear" - ein gigantischer Fortschritt
in Richtung zum Obermenschen. Und es schien sogar recht billig zu sein,
ein Clear zu werden. Man brauchte nur das Buch zu kaufen.
So oder so - es machte einfach Spaß,
Hubbard zu lesen. Ich jedenfalls genoß die Lektüre von "Dianetic",
und Tausende von Lesern waren neugierig genug, um das Buch zu einem gewaltigen
Bestseller zu machen. Während der frühen fünfziger Jahre
kam die Dianetic geradezu in Mode, sie faszinierte nicht nur die weniger
Gebildeten. Viele, die sich zum Beispiel niemals für Wunderheilungen
durch Handauflegen interessiert hätten, waren von der Dianetic so
angetan, daß sie Lust hatten, die Sache auszuprobieren.
Ich war einer von ihnen. Auch ich probierte
die Dianetic mit einem Freund aus, der gern einverstanden war, daß
wir uns gegenseitig auditierten. Vielleicht, so meinte er, war es ein Engramm,
das drohte, seine Ehe scheitern zu lassen. Die Prozedur stellte sich als
ziemlich zeitraubend heraus. Einen Menschen bis zum Zustand des Clear zu
auditieren, könne Hunderte von Stunden erfordern, hieß es in
dem Buch, in dem außerdem nichts darüber stand, woran man erkennt,
ob man es tatsächlich geschafft hat. Darüber hinaus bestand die
Gefahr, daß man bei Engrammen schwerwiegender Vorfälle die Kontrolle
verlor.
In einer Sitzung ließ ich den Anweisungen
entsprechend meinen Partner sich hinlegen. Nach kurzem Vorspiel geriet
er in einen Autounfall, den er vor einigen Jahren erlebt hatte. Er erinnerte
sich an die Worte, die während dieses Vorfalls gefallen waren, und
machte noch einmal die Schmerzen durch, die er damals erlitten hatte, als
er durch die Windschutzscheibe geschleudert worden war. Ich ließ
ihn das ganze mehrfach wiederholen und holte ihn dann in die Gegenwart
zurück. Er war ganz durcheinander. Ich hätte das Auditieren dieses
Unfalls zu schnell abgebrochen, beschwerte er sich, und damit Hubbards
wichtigste Vorschrift verletzt: lasse niemals einen Patienten mitten in
einem Engramm allein.
Während der nächsten zehn, zwölf
Jahre hörte ich wenig von Hubbard. Er reiste viel herum und sammelte
hier und dort Gruppen von Jüngern. Wie es schien, mußte er dauernd
versuchen, den Behörden um eine Nasenlänge voraus zu sein; ständig
hatte er Schwierigkeiten mit ihnen. Ich las eins seiner neuen Bücher
und fand, daß es weit weniger überzeugend war, als sein Erstlingswerk.
Es entsprach vielmehr der Science Fiction, die Hubbard früher geschrieben
hatte. Es enthielt eine neue, noch verworrenere Terminologie. Da gibt es
MEST, eine Abkürzung für Materie, Energie, Raum und Zeit (= matter,
energy, space und time): das physische Universum; ferner enMEST, das ist
MEST im Zustand der Turbulenz. Dann Theta, der Bereich des Geistigen oder
Nicht-Physischen und enTheta (Theta in der Turbulenz, der Unruhe). Die
Folgen der Jagd nach Engrammen versetzen Patienten in einen tiefen Abkühlungsschlaf,
eine Periode der Erschöpfung oder sogar der Bewußtlosigkeit,
die bis zu dreißig Stunden dauert. Ich fragte mich, warum Hubbard
diese änderungen für nötig hielt, obwohl er eben erst die
ursprüngliche Dianetic als unweigerlich erfolgreich bezeichnet hatte.
Eine Werbeschrift, die zusammen mit dem späteren Buch herauskam, enthielt
die Mitteilung, daß in Wichita, Kansas, eine "Stiftung zur Erforschung
der Dianetic" errichtet worden sei, wo man sich gegen Bezahlung auditieren
lassen könne. Daraus konnte man schließen, daß Hubbard
irgendwann nach der Veröffentlichung von "Dianetic" auf die Idee gekommen
war, daß sich "Laien" nicht gegenseitig auditieren könnten.
Ich war enttäuscht zu erfahren, daß die häufige Lektüre
von Dianetic und die sorgfältig ausgeführten Auditions-Sitzungen
mit meinem Freund eine noch größere Zeitverschwendung gewesen
waren, als wir beide angenommen hatten. Jetzt sah es so aus, als ob L.
Ron Hubbard selbst nie so ganz an die Dianetic geglaubt hatte, ganz im
Gegensatz zu seinen Behauptungen. Die Werbebroschüre verriet außerdem
die Tendenz zum Geldmachen zu offen, als daß man darüber hätte
hinwegsehen können.
Kaum nötig zu sagen, daß Hubbards
Bücher über Seele und Geist von den Kritikern zerfetzt wurden;
sie bezeichneten seine Theorien als wissenschaftlich völlig unbegründet.
In seinem Buch "Fads and Fallacies in the Name of Science" (etwa "Lug und
Trug im Namen der Wissenschaft") ging Martin Gardner mit der Dianetic ins
Gericht. Mehr als eine Satire wurde veröffentlicht. Hubbards überzogene
Behauptungen, sein arrogantes Vokabular boten perfekte Zielscheiben. Es
ging bergab mit ihm. Ein Magazin brachte das Gerücht, Hubbard sei
in ein Hospital für Geisteskranke eingeliefert worden. Ich selbst
dachte kaum noch an L. Ron Hubbard und an die Dianetic.
Das unbeirrbare Streben nach Gewißheit ist nicht der Ausdruck wahren Glaubens sondern wurzelt in der Notwendigkeit, den unerträglichen Zweifel zu besiegen.ERICH FROMM
... wir gehen bei jedem Patienten genau auf das Problem ein, das ihn zu uns gebracht hat, damit wir ihn nie durch eine änderung unserer Taktik erschrecken. Dann wecken wir sein Interesse, clear zu werden...18L. RON HUBBARD
eine magische Wünschelrute. Das galt
besonders für einen von ihnen (ich möchte ihn Morton Morvis nennen).
Er fand, daß er bei der Befragung mit dem E-Meter seine innersten
Gedanken offenbaren mußte, gleichgültig, wie riskant oder selbstanklägerisch
sie waren. Er schien dies zu genießen, vor allem wenn der Auditor
eine üppige junge Frau war.
Morton liebte es, mich mit Geschichten
aus der New York Org zu unterhalten, wo er an einem Kurs als künftiger
Auditor teilnahm. Zu den wichtigsten Dingen, die er lernen mußte,
gehörte es, beim Auditieren eines Preclear die Fakten nicht durcheinander
zu bringen. Er mußte genügend Selbstkontrolle haben, um selbst
vor dem extremsten Unsinn aus dem reaktiven Geist des PC nicht zurückzuschrecken,
aus dem Teil seiner Psyche, der die Engramme und anderen Verwirrungen beherbergte.
Um dem Schüler zu helfen, sich diese Fähigkeit anzueignen, spielte
ein Ausbilder die Rolle eines PC, der - voll reaktiven Geistes - nichts
anderes im Sinn hatte, als den Auditor in jeder denkbaren Weise durcheinander
zu bringen. Dieser Drill war als "Stier-Hetze" bekannt.
Die meisten Ausbilder versuchten, den
künftigen Auditor zum Lachen zu bringen. Morton beschrieb mir eine
derartige Sitzung. Er und sein Ausbilder saßen sich auf zwei Sesseln
gegenüber, der Ausbilder ganz dicht vor ihm, so daß er Mortons
Knie mit seinen festhalten konnte. Der Ausbilder machte sich dann daran,
Mortons schwache Punkte herauszufinden, die ihn bei der zum Auditieren
notwendigen Konzentration stören konnten. Mit Erfolg. Sechs Stunden
dauerte es, bis Morton nicht mehr mit hilflosem Gelächter auf die
Attacken des Ausbilders und anderer Scientologen antwortete, die ihn mit
Juden-Witzen (Morton selbst war Jude) und Imitationen jüdischer Gesänge
aufs Glatteis führten.
Die sexuelle Seite des Lebens ergab natürlich
die beste Gelegenheit, den Auditor abzulenken. Das gab Morton eine Chance,
sich an der Frau zu rächen, die ihn vorher traktiert hatte. Tatsächlich
gelang es ihr nicht, ein ernstes Gesicht zu behalten, als er sagte: "Ich
habe Lust, mit meiner Zunge zwischen Ihren Beinen zu spielen", wobei er
die Bewegungen des Leckens drastisch vorführte. Doch sie behielt das
letzte Wort, als sie an der Reihe war, den aktiven Part bei der Stierhetze
zu spielen. Sie stellte einen weiteren Schwächepunkt bei ihm fest
- Blähungen - und brachte ihn erneut zu Lachkrämpfen, indem sie
ihm die entsprechenden Geräusche mit großem Erfindungsreichtum
vorführte.
Eine andere Freundin, Hildegard Sonderstrom,
beschäftigte sich sehr viel ernsthafter mit der Scientology als Morton,
dem es vor allem der Spaß und das spielerische Element in der Org
angetan hatten. Sie verbrachte ihre ganze freie Zeit in der Org und drängte
mich, ebenfalls hinzugehen, um mich auditieren zu lassen. Hildegard erzählte
mir von den Erfolgen des Auditierens, die ihr Leben verändert hätten.
"Vorher konnte ich mich nicht mitteilen",
beteuerte sie. "Ich war abgeschlossen, verriegelt, lebte in einem Nebel,
bis ich mich auditieren ließ und der ganze Seelenmüll ausgeräumt
wurde. Früher erlegte ich mir bei Dingen, die ich tun wollte, die
verrücktesten Beschränkungen auf. Das sind "Considerationen",
in der Scientologie-Sprache: falsche Betrachtungsweisen; während eines
scientologischen Prozesses verhindern sie die Befreiung vom reaktiven Geist.
Es ist solch ein Glücksgefühl, wenn man seine Considerationen
aufgeben kann. Sie wehen einfach fort! Es ist eine Offenbarung!"
"Aber Hildie, brauchen Offenbarungen nicht
etwas Zeit?"
"Nicht mit dem E-Meter. Das ist keine
Psychoanalyse oder Positives Denken oder so etwas. Der Meter ist ein wissenschaftliches
Präzisionsinstrument. Er hat dazu geführt, daß Scientology
so viel schneller ist als Dianetic ... Es ist Hubbards Durchbruch!"
Der einzige Durchbruch, von dem hier die
Rede sein kann, dachte ich damals, ist die Tatsache, daß das Wort
Absurdität eine neue Dimension gewonnen hat. Doch ich ließ sie
weiterreden.
Durch Hildegard lernte ich Felicia Lancia
kennen, eine professionelle Auditorin. Hildegard nahm mich eines Abends
in ihr Appartement mit, nachdem sie betont hatte, sie führe nichts
Böses im Schilde. Felicia Lancia war eine schlanke und hübsche
junge Frau mit unwiderstehlichen Augen. Sie und ihr Mann Umberto waren
Musiker wie ich, und wir wurden schnell Freunde. Das Paar beeindruckte
mich. Sie waren beide keine Fanatiker. Umberto war nicht annähernd
so fest von der Scientology überzeugt wie die anderen. Er interessierte
sich mehr für seine Kompositionen als für seine Ausbildung zum
Auditor. Die Lancias schienen harmonisch zusammen zu leben, obgleich sie
Felicias Beruf unterschiedlich wichtig nahmen.
Wie Hildegard versprochen hatte, wurde
kein Druck auf mich ausgeübt, mich der Scientology anzuschließen.
Selbstverständlich versuchte Felicia nicht die Tatsache zu verbergen,
daß sie mich sehr gern auditiert hätte. Als ich auf ihrem Klavier
spielte, deutete sie mein Spiel scientologisch und sprach von meinem "Fluß"
und meiner "Aura". Hildegard machte mich auf das üppige Wachstum der
Pflanzen überall in der Wohnung aufmerksam. "Pflanzen brauchen ebenso
Bestätigung wie Menschen", sagte sie. "Wenn man mit ihnen verbunden
ist, ihnen - wie wir es nennen - ARC gibt und ihnen Ist-heit verleiht,
dann gedeihen sie auch. Ich begrüße meine Pflanzen immer. Ich
mache ihnen Komplimente und ich streichele sie."
Felicia ließ mich ein Spiel ausprobieren,
bei dem ich Bewegungen ihrer Hände nachahmen mußte. Sie forderte
mich auch auf, Hildegard durch den Raum zu schicken und dabei die Wände
und einzelne Gegenstände berühren zu lassen. Ich sollte ihren
Gehorsam bei der Ausführung der einzelnen Kommandos mit einem "Dankeschön"
bestätigen. Ich fand das bald monoton. Die beiden jungen Frauen meinten,
ich stelle mich bei diesen Übungen recht gut an und könne eines
Tages ein guter Scientologe werden.
Etwa eine Woche später lud mich Felicia
in die New York Org ein. Sobald ich ankam, wurde ich zum Empfang gebracht.
Dort saß eine aufregende Blondine. Sie hatte die Aufgabe, die Leute
zu überreden, sich zum Auditieren und für neue Kurse einzuschreiben.
Mir schlug sie vor, sofort mit den unteren Graden zu beginnen und im voraus
zu bezahlen. Während sie mir unverwandt in die Augen starrte, wurde
mir unbehaglich. Ich versuchte, mich von ihrem Blick zu lösen. Ich
antwortete ihr, ich wolle noch ein wenig warten, um die Angelegenheit zu
bedenken. Daraufhin ging sie sofort in die Offensive: Offensichtlich habe
ich Probleme, meinte sie, Scientology sei der einzige Weg zur totalen Freiheit.
Darum würde ich eine Sünde gegen mich selbst begehen, wenn ich
länger abwarte.
Ihre Plumpheit stieß mich ab. Ich
befreite mich endgültig von ihrem durchdringenden Blick. Später
saß ich mit Felicia in einem Cafe. "Ich hätte dich gar nicht
hinbringen sollen", sagte sie mit mitfühlendem Lächeln. "Du bist
zu sehr Individualist für sie. Du darfst die Empfangsdame nicht tadeln
- sie bekommt eine Prämie, wenn sie jemanden wirbt. Aber selbst ich
finde sie mitunter ziemlich anstrengend. Ich werde dich privat auditieren,
in unserer Wohnung. Auf diese Weise kommst du mit den Fanatikern gar nicht
mehr zusammen."
Ich nahm ihr Angebot nicht an. So sehr
ich Felicia mochte, so wenig konnte ich einsehen, wie eine Serie von Fragen
und eine Maschine mein Leben irgendwie verbessern konnten. Meinen Freunden
war es nie gelungen, mir klar zu machen, was genau die Scientology war,
und vor allem, wie sie bewirkte, was sie bewirken sollte. Ich hielt die
Scientology einfach nur für den privaten Glauben einiger meiner Freunde.
Wenn sie ihnen half - um so besser. Es machte mir keine Mühe, ihrer
Begeisterung Toleranz entgegenzubringen. Ich hatte einen großen Bekanntenkreis
innerhalb und außerhalb der Musikbranche. In jenen Tagen suchten
die meisten von uns auf den verschiedensten Wegen nach der Wahrheit. Ich
selbst las Bücher über den Zen-Buddhismus, einige meiner Freunde
praktizierten Yoga, andere begannen, sich auf Drogen einzulassen. Alle
waren zufrieden, solange niemand versuchte, einem anderen seine Wahrheit
aufzudrängen. Die Lancias belästigten mich mit ihrer Scientology
nicht, darum gewöhnte ich mich daran, sie hin und wieder zu besuchen.
Eine Veränderung trat bald nach meiner
Rückkehr nach New York ein. Ich hatte eine sechsmonatige Tournee mit
einer Musicalproduktion hinter mir, eine Arbeit, die mir nicht sehr gefiel.
Diese lange andauernde Verdrossenheit ließ mich erkennen, wie sehr
es mir seit Jahren an Kreativität gefehlt hatte, während ich
für minimale Gagen arbeitete und bescheiden in möblierten Zimmern
wohnte, in der einzigen Hoffnung, genug Geld zu sparen, um einen großen
Gewinn an der Börse zu machen. Genau zu dieser Zeit machte mir Felicia
ein Sonderangebot: Ich konnte mich zum ersten Grad auditieren lassen und
brauchte nur dann weiter zu machen, wenn ich einen Nutzen davon spürte.
Das war in der Tat günstig. Denn in der Org hätte ich sofort
für alle fünf Grade unterschreiben müssen, mit dem zusätzlichen
Nachteil, ständig aufgefordert zu werden, eine Anzahlung auf gesonderte
Trainingskurse zu leisten. Daß Felicia mir Entscheidungsfreiheit
ließ, erweckte sofort mein Interesse. Wenigstens hatte ich die freie
Wahl. Ich konnte mich von den Fanatikern fernhalten und zugleich meine
Neugier befriedigen. Wenn ich schon keine Ahnung hatte, worum es in der
Scientology eigentlich ging, mochte es doch eine angenehme Beschäftigung
sein, eben das herauszufinden. Wenn ich mich ein paar Stunden von einer
hübschen jungen Frau auditieren ließe, überlegte ich mir,
würde mich das schon nicht gleich zu einem Jünger machen. Der
Spaß des Frage- und Antworte-Spiels und der Reiz, den E-Meter in
Aktion zu sehen, würden allein die Kosten von 125 Dollar für
den ersten Grad lohnen.
Was war der wahre Grund, weshalb ich mich
auf das Auditieren, oder den "Prozeß", wie es auch genannt wird,
einließ? Ich habe viele Stunden damit verbracht, mir das zu überlegen.
Es liegt auf der Hand, daß mein ganzes Leben zu jener Zeit die Antwort
darstellt. Ich möchte den Leser nicht mit einer Nabelschau langweilen.
Ich will daher nur sagen, daß ich äußerst neugierig war,
beeinflußbar und bereit, zweifelhafte und vielleicht sogar selbstzerstörerische
Risiken ohne große Bedenken einzugehen; daß mein Sinn für
soziale Verantwortung unterentwickelt war; und daß ich seit langem
persönliche Probleme hatte, ohne sie direkt anzugehen. Ich wollte
herausbekommen, was das Auditieren bewirkte, und ich wollte kein Spielverderber
sein.
Es war im April 1967, volle zwei Jahre,
nachdem ich erstmals über die Scientology hatte sprechen hören,
als ich mich bereit erklärte, daß Felicia mich auditierte. Dies
lange
Zögern machte mich, wie ich meinte, zu einem Sonderfall gegenüber
den vielen, die schnell und total in die Gruppe eingetaucht waren.
23
24
"Danke. Noch etwas?"
"Glasierte Kastanien ... eine Orangensaft-Presse
... ein grünes Luftschiff", sagte ich. Allmählich kam ich in
Fahrt.
"Gut. Wir wollen das etwas näher
betrachten. Wir machen eine Liste aller Dinge, die du sehen könntest."
Ich kam mir etwas komisch vor, während
ich meine Phantasie schweifen ließ und der Liste hinzufügte,
was immer ich "sah". Jedes einzelne Wort wurde von Felicia genau in ihren
Auditor-Report eingetragen. Ich gab ihr eine umfassende Sammlung, von "Schuhen
und Schiffen" bis zu "Siegelwachs". Einen Augenblick lang hatte ich das
Gefühl, ganz dicht an der Grenze einer Einsicht zu stehen. Aber dann
ließ ich nach, meine Kraft schwand, als ob sie sich an verborgenen
Widerständen verzehrt hätte. Sofort verstärkte Felicia ihren
Druck, um die Liste der Dinge, die ich sehen würde, weiter zu vervollständigen.
Als ich das Wort "Schornstein" aussprach,
hatte ich das Gefühl, näher an den Kern des Geheimnisses herangekommen
zu sein. Ein erregendes Gefühl begann sich>
25
man genau nach den Stufen vorgeht, die
den Preclear von verschiedenen Problemen befreien sollen, scheint es eine
Anzahl verborgener Stufen oder Stationen zu geben, die ihn Schritt für
Schritt in eine völlig andere Richtung lenken.
Während dieser ersten Sitzung hatte
ich meinen eigenen Weg durch diese geheimen Stufen begonnen.
Wir trafen uns zwei Tage später. Als
erstes fragte sie:
"Welchen Gewinn hattest du von der
vorigen Sitzung?" Ich sagte ihr, daß sich bis jetzt noch keiner
eingestellt hätte. Sie begann wieder ihre Fragen zu stellen.
"Wenn du mit einem Polizisten sprechen
könntest, worüber würdest du mit ihm reden?"
"Über alles, worüber er sprechen
wollte."
"Fein. Wenn du mit einem Polizisten
über etwas, worüber er sprechen wollte, reden würdest, was
würdest du dann genau sagen?"
"Irgendetwas, das mir keine Schwierigkeiten
einbringt."
"Danke. Wenn du mit Vater oder Mutter
sprechen könntest, über was würdest du sprechen?"
"... meine Mutter starb vor einigen Jahren."
"Gut. Was sind deine Überlegungen
zum Thema Kommunikation?"
"Sie ist nicht in Frieden gestorben."
"O.k. Wenn du mit ihr reden würdest,
worüber würdest du mit ihr sprechen?"
"Ich würde ihr sagen, daß es
mir leid tut."
"Danke. Wenn du ihr sagen würdest,
daß es dir leid tut, was würdest du genau sagen?"
"Wie meinst du das?"
Sie ließ mich die Büchsen für
einen Moment hinstellen, während sie erklärte, ich könne
so tun, als ob meine Mutter anwesend wäre. Ich griff wieder nach den
Büchsen und sagte meiner Mutter, daß ich wünschte, ich
wäre freundlicher zu ihr gewesen, als sie noch lebte. Am Ende der
Sitzung wollte Felicia wissen, welche Fortschritte ich gemacht hätte.
Ich konnte ihr keine genaue Antwort geben. Etwa eine Stunde nach dem Beginn
der dritten Sitzung richtete sich Felicia in ihrem Stuhl kerzengerade auf,
sie hatte den abwesenden Blick eines Hundes, der in den Wind schnüffelt.
Meine Antworten kamen jetzt schneller, und ihre Augen glänzten, als
ob gleich etwas Wunderbares passieren müßte.
"Ich überprüfe folgende Frage:
Wenn du mit einem Richter ein Gespräch führtest, worüber
möchtest du mit ihm reden?"
"Über alles."
26
"Fein. Wenn du dich einem Publikum
von mehreren tausend Menschen mitteilen könntest, worüber möchtest
du dann sprechen?"
"Über alles."
"Gut. Und wenn du mit irgendjemand
sprechen könntest, worüber möchtest du dann reden?"
"Über alles. Über alles in der
Welt."
So erreichten wir den ersten wichtigen
Markstein, den sie schon während der ersten Sitzung im Auge gehabt
hatte. Felicia nahm auf dem E-Meter genau die Anzeige wahr, auf die sie
schon gewartet hatte und kündigte das Ende des Prozesses an: "Danke,
0.K.! Das wär's!" Sie ließ mich die Konservenbüchsen abstellen.
"Herzliche Glückwünsche, du bist ein 'Release', ein Befreiter,
Grad 0 - Kommunikation."
Als sie mich wie beim Beginn und am Ende
jeder vorhergehenden Sitzung nach meinen Gewinnen fragte, war ich leicht
irritiert. Diese Fragen suggerierten geradezu, daß ich Gewinne erzielt
hätte. Nun wurde mir also gesagt, was ich war - ein Release - durch
den Auditor und durch die Maschine. Ich hatte bares Geld bezahlt, um diesen
so erstrebenswerten Titel zu erhalten, aber das war ein Status, den ich
schon vorher besessen hatte. Ich hatte mich schon immer leicht mitteilen
können. Jetzt wurde mir unterstellt, daß ich nicht so kommunikativ
gewesen sei, wie ich geglaubt hatte. Das war schwer zu verstehen. Offensichtlich
war es für Felicia wichtig, daß ich Gewinne machte und befreit
wurde, ob ich wollte oder nicht; auch wenn - soviel mir bewußt war
- nichts passiert war. Einen Augenblick lang hatte ich den Verdacht, daß
ich für verborgene Zwecke ausgenutzt wurde, daß man mich für
ein unbekanntes Ziel präparieren wollte. Ich hatte keine Gewinne zu
melden.
Ich teilte Felicia mit, ich würde
ihr in einer Woche sagen, ob ich die Sitzungen fortsetzen wollte. Trotz
meines Unbehagens gab es doch Dinge, die mir am Auditieren gefielen; die
Sache hatte etwas für sich. Obwohl es mich manchmal langweilte, verwirrte,
ärgerte oder mich benommen machte, fühlte ich mich doch herausgefordert.
Auf seine Weise war der Prozeß faszinierend, und er hatte geheimnisvolle
Saiten in meiner Psyche angeschlagen. An erster Stelle, so glaube ich,
war es Felicias Werk: ich wollte mich ihrer Hoffnung würdig erweisen.
Während jeder Sitzung hatten ihre Augen die meinen nur losgelassen,
wenn sie schnell auf den E-Meter schaute, an seinen Knöpfen drehte
oder meine Antworten in ihren Bericht eintrug. Ihr Blick war munter und
wachsam, als ob sie meine Antworten aus mir herausholen wollte, die sie
jedesmal bestätigte. Ihr "Danke!" klang aufrichtig und wurde jedesmal
von einem direkten Blick begleitet und einem ermutigenden Lächeln,
als ob sie sagen wollte: "Schon gut, ich habe deinen Gedanken
27
erfaßt, und es ist gut, daß
du ihn hattest und ihn mir mitgeteilt hast." Diese konzentrierte Aufmerksamkeit
und das bemerkenswerte Tempo, mit dem wir intime Phänomene ausgelotet
hatten, brachten mich zu der Überzeugung, daß der Prozeß
des Auditierens mich vielleicht mehr berührte, als alles, was ich
vorher getan hatte. Dabei hatte ich immer noch keine Ahnung, wohin das
alles führte. Mir scheint, daß Felicia eine Menge Einfühlungsvermögen
hatte, aber in ganz anderer Weise, als mir je begegnet war. Es war ein
Hauch von Erotik dabei - wenn auch anders als üblich - oder machte
ich mir etwas vor? Ich wußte, daß Felicia eine Freundin war,
daß sie mich respektierte, ganz gleich, wie ich auf eine Auditionsfrage
antwortete; und daß sie etwas von mir wollte, das ich ihr nicht verweigern
mochte.
Eine Woche später bezahlte ich und
nahm die nächste Serie von Sitzungen auf: "Grad I: Probleme."
Umberto Lancia hielt die Scientology für
heilsam, meinte aber, daß man sich nicht von ihr beherrschen lassen
solle. Er freute sich auf unsere gemeinsamen musikalischen Abende und auf
unsere langen Spaziergänge im Park, weil er dadurch der dauernden
Fachsimpelei seiner Frau und ihres Kreises entgehen konnte. Vor allem Hildegard
Sonderstrom war es, die ihn mit ihrer Angewohnheit, Luftschlösser
auf Hubbards Ideen aufzubauen, in Wut versetzte. Sie lebte praktisch in
seiner Wohnung, wenn sie sich nicht in der Org aufhielt. Ein anderer häufiger
Besucher war Maurice Moussorgsky. Er war schon seit langem Scientologe
und einer von Felicias ersten Auditoren. Er war bekannt dafür, daß
er Preclears mit seinen anerkanntermaßen unorthodoxen Methoden schnell
zum Release brachte. Er war kräftig gebaut, blauäugig und pockennarbig,
mit einem groben, doch ebenmäßigen Gesicht und einem Vollbart.
Umberto fand ihn unerträglich.
An dem Abend, an dem ich Maurice kennenlernte,
führten Hildegard und ich ein Streitgespräch über die Frage,
wie man ein Musikstück einstudieren mußte. Immer wenn wir darüber
sprachen, ertappte ich mich zu meinem ärger dabei, daß ich mit
ihr wie ein Student im zweiten Semester sprach. So äußerte ich
mich über den "Schmerz, den manche Leute durch das Üben zu erleiden
fürchten". Maurice, der den Anschein erweckt hatte, in ein anderes
Gespräch verwickelt zu sein, brüllte mir durch das ganze Zimmer
zu:
"Und was bringt Sie auf die Idee, Sie
wüßten etwas von Schmerz oder Freude? Sie sollten diese Dinge
selbst erfahren, bevor Sie darüber reden!"
Hildegard und ich besprachen den Vorfall
später, als ich sie nach Hause brachte.
28
"Maurice hat immer einen guten Grund für
alles, was er tut, und er hat schon schrecklich vielen Leuten geholfen",
sagte sie. Sie konnte aber weder den "guten Grund" noch die Hilfe für
mich erklären. Der Zusammenprall mit Maurice, praktisch zwanzig Minuten,
nachdem wir uns zum erstenmal die Hand gegeben hatten, machte es mir schwer
zu verstehen, warum Hildegard und Felicia so große Stücke auf
ihn hielten.
An einem der nächsten Abende teilte
mir Felicia mit, sie werde in einigen Wochen nach England aufbrechen, um
sich dem Clear-Prozeß zu unterziehen. Wegen der ziemlich hohen Kosten
werde Umberto den Prozeß nur bis zu Grad V: "Power Release" (= Befreiung
der Energie) mitvollziehen. Maurice war in der gleichen Sache schon drüben
gewesen, durfte uns aber nicht viel darüber sagen. Alle Grade über
IV, also auch Stufe VII: Clear, waren geheim. Man konnte sie nur in England
machen, im sogenannten "Hill", Saint Hill Manor, in der Nähe der Stadt
East Grinstead in Sussex, wo die Scientology-Organisation ihr Hauptquartier
und eine Schule besaß. Damit war ein neues Element eingeführt:
Geheimhaltung.
Du als ein Theta-Wesen magst vielleicht Griechenland oder Rom gesehen haben - oder auch nicht."Dies ist der Prozeß. Sag mir ein ProblemeL. RON HUBBARD
29
"Gut. Was, meinst du, könnte das
sein?"
""Ich sehe mich in Afghanistan, in einem
Zelt. Draußen sind grüne Felder, Fahnen, Pferde."
"Fein. Wann ist das?"
"Mein erster Gedanke ist das fünfzehnte
Jahrhundert..."
"Gut. Ist das die Zeit?"
"Ja, das glaube ich."
"Gut, danke. Ist sonst noch etwas auf
diesem Bild?"
"Ja, ich war einmal auf einer Konzertreise
in Afghanistan. Das ist komisch: ich sah ähnliche Felder und Fahnen
letzten Sonntag bei einer Versammlung im Central Park."
"Danke. Noch etwas?"
"... aber jetzt ist es anders. Ich glaube,
Flammen zu sehen, oder Fackeln, Rauchwolken. Es ist seltsam, ich kann es
nicht glauben, aber mir ist, als ob ich schon vorher dort gewesen wäre."
"Danke. Was sind deine Überlegungen
zum Thema Realität?"
"Ich weiß einfach nicht, ob dies
wirklich passiert, oder ob es ein Traum oder ein Phantasie-Gebilde ist.
Ich sinke immer tiefer hinein. Es bereitet mir Unbehagen ...ja, ich glaube,
ich werde in dem Zelt gefangen gehalten."
"Danke. Noch etwas?"
"Ich möchte da heraus. Tatsächlich
bin ich drinnen und bilde mir ein, ich wäre draußen und sähe
die Pferde. Es gibt ein Rennen oder so."
"Danke. Wie würdest du es lösen?"
"Ich kann es nicht lösen. Ich stecke
fest, ich bin hilflos. Das ist es. Ich bin ein wenige Monate alter Säugling
und ich kann überhaupt nichts tun. Ich bin für das, was geschieht,
nicht verantwortlich."
"Verstanden! Was sind deine Überlegungen
zum Thema Verantwortlichkeit?"
"Das Wort hat eine unangenehme Nebenbedeutung
für mich. Ich verbinde damit Schuld, Scham, den Zwang, Dinge zu tun,
die man eigentlich nicht tun will - und wenn man sie unterläßt,
erntet man Tadel."
"Gut. Stell jetzt die Büchsen auf
den Tisch. Hier ist ein Webster Lexikon. Schlag das Wort 'Verantwortlichkeit'
auf. 0.K., was bedeutet es also?"
"Ich merke, worauf du hinaus willst, aber
ich mag das Wort einfach nicht. Es geht mir gegen den Strich."
"Ich möchte sicher gehen, daß
du weißt, was das Wort wirklich bedeutet. Denn es ist eins der Hauptziele
des Prozesses, das Verantwortungsgefühl zu stärken. Je mehr einer
bereit ist, Verantwortung für seine Vergangenheit zu übernehmen
..."
"War es ein früheres Leben, was ich
dir beschrieben habe?"
30
"Es ist deine Sache, das zu beurteilen."
"Oder meinst du, ich hätte versucht,
alle meine Probleme ins 15. Jahrhundert zurückzuschieben?"
"Auch das kann ich nicht für dich
beurteilen. Nimm bitte wieder die Büchsen. Ich möchte es mit
dem E-Meter überprüfen. Was bedeutet für dich Verantwortlichkeit?"
"Oh Gott, ich glaube ich habe immer Dinge
in das Wort hineingelesen - wahrscheinlich wegen etwas, das in meiner Kindheit
passierte."
"Gut. Und was denkst du heute über
Verantwortlichkeit?"
"Es passierte nichts. Niemand wollte etwas
von mir. Ich muß es irgendwo aufgelesen haben."
"Danke. Noch etwas dazu?"
"Es ist letzten Endes nur ein Wort. Ich
werde über die Assoziationen hinwegkommen."
"Gut. Nun überprüfe ich die
Frage: Wie würdest du es lösen?"
"Indem ich fähig bin es zu lösen."
"Danke. Sag mir ein Problem."
"Probleme haben ist ein Problem."
"Und wie würdest du es lösen?"
"Indem ich keine Probleme mehr habe."
"... und nun sehe ich ein Baby in blauen
Kleidern vor mir. Es ist dasselbe Blau, wie der Deckel des Fotoalbums,
in dem meine Mutter die ersten Schnappschüsse von mir aufbewahrte."
"Danke. Noch mehr darüber?"
"Es ist, als betrachte ich mich von außen."
"Gut. Welche Überlegungen hast
du dazu?"
"Da ist eine sehr schwache Erinnerung,
fast wie ein Traum. Ich wußte, daß nahe Verwandte ein Baby
hatten. Es starb kurz vor meiner Geburt. Nun bin ich ihm so nahe, das Baby
tut mir leid...ich beweine es...weißt du, ich glaube, das Baby war
ich selbst...in einem früheren Leben."
"Danke. Und wenn das ein Problem wäre,
wie würdest du es lösen?"
"Indem ich mich dafür verantwortlich
fühle."
"Verstanden. Ich möchte die Frage
mit dem E-Meter überprüfen: Sag mir ein Problem!"
"Es gibt keine Probleme."
Die hier beschriebenen Auditionssitzungen sind nicht wörtlich dargestellt. Sie haben den Charakter einer Rekonstruktion. Stundenlange Sitzungen sind teilweise in einem Satz zusammengefaßt. Aber der Bericht zeigt genau, was in den Sitzungen passiert, oder zumindest pas-
31
sieren kann.
Was die Fragen selbst betrifft, sie sind
selbstverständlich so angelegt, daß sie den Preclear anfangs
etwas unbehaglich machen. Das ist nötig, damit er später Erleichterung
spüren kann. In der Sprache der Scientologen: "Sein reaktiver Geist
wird absichtlich restimuliert (= wieder angeregt), damit er destimuliert
(= abgeregt, beruhigt) werden kann." (Abgekürzt: "Restim zum Zweck
des Destim".)
Eine sehr allgemeine Frage wird in dem
Prozeß ständig wiederholt. Zuerst sieht der Preclear keine Möglichkeit,
hieb- und stichfest zu antworten. Dennoch wird er versuchen, nach besten
Kräften zu antworten, wobei er die Antwort immer auch einschränkt.
Bis zu einem gewissen Maße fühlt er sich unter Druck, unter
Zwang und in eine Falle gelockt. Seine nächste Reaktion ist der verstärkte
Wunsch, die wiederholte Frage zu beantworten, denn jedesmal, wenn er seinen
Mund öffnet, erhält er eine kleine Belohnung in Form einer Bestätigung
(Fein! Gut! OK! usw.). Schließlich möchte er das Gefühl
haben, jede Frage beantworten zu können, so daß er möglichst
viele Belohnungen erhält. Und zu diesem Zweck ist er bereit, Antworten
zu erfinden. Wenn er zögernd antwortet (das wird "Comm-Unterbrechung",
Abkürzung für Kommunikationsunterbrechung, genannt), wird die
Frage automatisch wiederholt, damit er schneller antwortet. Nun ist er
brav.
Schließlich möchte er ja selbst
vorankommen. Nach einiger Zeit ist ihm ganz egal, was er sagt. Sein Verstand
wird wie ein Computer behandelt, und was er sagt, ist wie ein Rechenexempel,
das auf dem E-Meter registriert wird. Die ständigen Bestätigungen
und die Nichtbewertung seiner Antworten durch den Auditor prägen ihm
das deutlich ein. Während der Sitzungen wird ihm tatsächlich
nie gesagt, was er glauben soll. Aber wenn man ausspricht, was man nie
aussprechen wollte, ist es nur noch ein kleiner Schritt, auch zu glauben,
was man gesagt hat. Der Preclear möchte sowieso glauben, daß
alles, was geschieht, ihm hilft. Die Auditionssitzung ist präzis darauf
ausgerichtet, diese Haltung auszunutzen.
Felicia selbst hatte nichts dazu beigetragen,
um meine Visionen von einem früheren Leben zu fördern. Sehr gewandt
vermied sie jedes eigene Urteil, in genau gleicher Weise bestätigte
sie, was ich entweder für trivial oder für bedeutsam hielt. Anscheinend
gab sie auf diese Weise ihre Zustimmung zu meinen seelischen Wanderungen
-, aber es gab nichts Konkreteres als ihre bloße Bestätigung
von allem, was ich als Antwort auf ihre Fragen sagte. Von vornherein hatte
ich gewußt, daß ich in diesem Prozeß früher oder
später mit meiner früheren Existenz oder mit der Loslösung
meiner Seele vom Körper zu tun haben
32
würde. Und vielleicht hatte die Tatsache,
daß ich für einen weiteren Grad bezahlt hatte, mich dazu veranlaßt,
diese Vorstellungen in den Sitzungen auszuprobieren. Ich konnte nichts
Falsches in solchen Ideen sehen. Seit Urzeiten hatte sich die Menschheit
damit beschäftigt, sie gehörten zu den Grundüberzeugungen
vieler Religionen, sie waren anerkanntermaßen Gegenstand wissenschaftlicher
Forschung; es wäre vermessen gewesen, sie einfach als Unsinn einzustufen.
Allerdings hatte ich mir einen Hauptirrtum
zuschulden kommen lassen (wenn wir für einen Augenblick die Annahme
beiseite lassen, daß der Irrtum wahrscheinlich darin bestand, daß
ich mich überhaupt auditieren ließ). Der Irrtum bestand in der
Überzeugung, daß die scientologische Technik des Auditierens
irgendeine Bedeutung hinsichtlich dieser okkulten Dinge hätte.
Hubbard hatte ein Bild des menschlichen
Geistes gezeichnet: die Zeitspur. Sie lief durch die unzähligen früheren
Existenzen zurück, die durch traumatische Erlebnisse beeinträchtigt
waren. Er schenkte uns auch den E-Meter. Nirgends erklärte er genau,
was diese Maschine eigentlich registrierte. Man erinnere sich daran, daß
Felicia ihr ganzes Material - Antworten auf die Fragen, Träume, Phantasien,
eingebildete Erinnerungen und deren Daten - von mir selbst erhalten hatte!
Aber das System des Auditierens ließ es so erscheinen, als ob alles,
was ich sagte, sich auf dem E-Meter spiegelte. Ich hatte mich von Anfang
an selbst in die Irre geführt, indem ich die natürlichen - oder
auch die widernatürlichen - Regungen meiner Psyche mit der Atmosphäre
und den Wirkungen des Auditierens in einen Topf warf. Ich hatte mich auch
über die Länge des Seils getäuscht, das man mir ließ,
um mich daran selbst aufzuhängen. Hat man sich einmal auf das Auditieren
eingelassen, dann läuft alles seine vorgezeichnete Bahn. Ich war zu
sehr bereit, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Was mit mir geschah, war
mehr, als ich durchschauen konnte. Und bis jetzt war ja auch noch nicht
so viel passiert. Später, vielleicht in der nächsten Sitzung,
würde ich herausbekommen, worauf alles hinauslief.
Es dauerte gar nicht mehr lange, bis ich
mir einbildete, daß sich durch das Auditieren in meinem Leben etwas
änderte. Meistens war mir das Duell, daß zwischen Felicia und
mir, zwischen Auditor und Preclear, stattfand, nicht einmal bewußt.
Auch sie durchschaute nicht, daß die Kontrolle, die sie während
der Sitzungen über meine Seele erlangte, letzten Endes die Qualität
einer Falle hatte. Bald wurden Phantasien zu Tatsachen. Ich steckte schon
tief im Reich der Phantasie und hatte schon ein gutes Stück der verborgenen
Straße ins Land Nirgendwo zurückgelegt.
"Dies ist der Prozeß. Was hast
du getan?"
33
"Diese Frage beschwert mich sehr. Sie erweckt
alle schlechten Dinge, die ich getan habe, zum Leben."
"Ich wiederhole die Auditionsfrage:
Was hast du getan?"
"Ich habe manchmal auch Gutes getan. Doch
jetzt verbinde ich die Frage mit den bösen Taten, die ich begangen
habe. Ich höre die Frage, als ob sie lauten würde: ,Was hast
du Böses getan?'"
"Stell die Büchsen einen Moment ab.
In der Stufe II haben wir es mit dem 'Verborgenen' und mit dem 'Zurückgehaltenen'
zu tun. Ich möchte, daß du selbst diese Begriffe im Scientology-Lexikon
hier nachschlägst."
Das "Verborgene" (= "Overt") wird als
ein schädlicher oder gegen das Überleben gerichteter Akt definiert;
das "Zurückgehaltene" (= "Withhold") als ein verheimlichter Overt.
"In Ordnung. Was hast du getan?"
Ich teilte ihr meine verborgenen Akte
mit, soweit ich mich zurückerinnern konnte. Viele waren sexueller
Art.
"Danke. Was hast du getan?"
"Ich fühle mich noch immer schuldig
gegenüber meiner Mutter."
"Danke. Was sind deine Überlegungen
zum Thema Schuld?"
"Sie ist unbegründet. Ich habe nichts
Schreckliches getan."
"Fein. Andere Überlegungen?"
"Ich habe nie viel mit ihr gesprochen,
aber ich fühle mich vollkommen frei, ihr das jetzt zu sagen, falls
sie noch am Leben wäre - wie du es schon von mir verlangt hast."
"Danke. Was hast du nicht gesagt?"
"Das ist lächerlich. Ehrlich gesagt,
glaube ich nicht, daß ich mich wegen irgendwelcher Dinge, die ich
getan habe, schuldig fühle, es wäre auch sinnlos. Nichts davon
war sehr wichtig, und was ich auch getan habe, es entsprach meinem kindlichen
Alter. Kann es sein, daß ich diese verborgenen Akte beging, weil
ich mich von Anfang an schuldig fühlte? Ich glaube, jetzt sind wir
dabei, etwas herauszubekommen."
"Verstanden! Ich überprüfe
die Frage: Was hast du nicht gesagt?"
Während der nächsten Sekunden
dachte ich an unsere erste Sitzung zurück. Es war noch etwas übrig,
was ich noch nicht gesagt hatte, aber was war es? Es existierte nicht einmal
- ich jagte Einbildungen nach! Ich wußte schon besser Bescheid und
konnte schneller die Möglichkeiten erkennen, die während der
Sitzungen im Nu auftauchen konnten. Aber wenn ich auf die Dinge stieß,
die ich seit Jahren getan hatte, konnte ich das so schnell aufgeben?
Felicia, die intensiv den E-Meter beobachtete,
lächelte. Ich hatte mich so oft selbst gequält - und nun kündigte
Felicia schon mein Release, meine Befreiung, an.
34
Hildegard, die in der Küche gesessen
und gelesen hatte, kam herein und umarmte mich unter Glückwünschen.
Früher hätte ich mich darüber amüsiert. Ich hatte nichts
weiter getan, als Fragen zu beantworten und hin und wieder einen seelischen
Höhenflug anzutreten. Woran es gefehlt hatte, das war meine aktive
Teilnahme. Doch jetzt hatte ich mir ihren Beifall dadurch verdient, daß
ich die Dinge selbst in die Hand genommen hatte - gerade dadurch hatte
ich eine wirkliche Erkenntnis erzielt, einen Erfolg für Felicia und
für mich.
Das Auditieren kam mir nun wie selbstverständlich
vor. Bestätigungen waren in unserer Gesellschaft so selten zu erlangen,
daß ich einige Sitzungen gebraucht hatte, um mich daran zu gewöhnen.
Felicias freundlicher aber durchdringender Blick schüchterte mich
nicht länger ein. Eine Zeitlang hatte ich meine Augen immer von ihren
abgewandt; nun konnte ich mich der Wärme und den guten Absichten öffnen,
die ich in ihren Augen lesen konnte. Ich kostete es aus, daß ich
jetzt fähig war, einem anderen Menschen in die Augen zu sehen. Wie
ausweichend hatte ich mich während meines ganzen Lebens verhalten!
Wie sehr waren meine Beziehungen im Vergleich zu dieser eingeengt und flüchtig
gewesen! Es war sehr schade, daß Felicia nach England mußte,
bevor wir die nächsten beiden Grade erledigen konnten.
Ich fühlte mich nicht mehr unter
Druck oder Zwang, wenn ich ständig nach meinen Fortschritten gefragt
wurde. Ich versuchte, so zu antworten, daß ein Fortschritt dabei
herauskam. Anfangs machte mich das ein wenig verlegen, als ob man noch
einmal sprechen lernen müßte. Doch sobald sich mehr Fortschritte
einstellen würden, wollte ich mir selbst beibringen, sie noch besser
auszudrücken.
35
stand er trotz seiner Schmarotzerei in
dem Ruf, als Auditor ein As zu sein; ich war natürlich ein wenig neugierig,
den Grund zu erfahren. Eigentlich konnte es nicht schaden, die beiden Grade
bei ihm zu absolvieren, solange er sich nicht vollends zum Parasiten entwickelte.
Bei Grad III ging es um Störungen,
die durch fremde Personen verursacht worden waren. Unangenehme Begegnungen
mit den verschiedensten Leuten wurden bis in meine Kindheit zurück
verfolgt. Der Gedanke dabei war, sich von jenen Erlebnissen zu befreien
und eine Wiederholung in der Gegenwart auszuschließen. Störungen
durch
Personen hießen ARC-Brüche (A = Affinität; R = Realität;
C = Kommunikation. Zusammengenommen bedeutet ARC: Gegenseitiges Verständnis).
Maurice wirkte wie eine Karikatur mit
seinen kalten blauen Augen, seinen Pockennarben und seinen exzentrischen
Hemd-Krawatten-Kombinationen. Seine Bestätigungen bestanden aus einem
knappen "In Ordnung", danach verzog er seine Oberlippe, so daß ich
mich fragte, ob es wirklich "in Ordnung" war. Häufig unterbrach er
die Sitzung mit dem Kommando: "O.k., setzen Sie die Büchsen ab." Dann
gab er mir Erklärungen, die ich selten verstand. Eine dieser Erklärungen
hatte es mit "Ausweichen" zu tun, was Menschen mit einem reaktiven Geist
anscheinend dauernd tun (offenbar war auch ich ausgewichen). "Angenommen,
Sie sitzen am Klavier und versuchen zu üben, und dabei meinen Sie
dauernd, einen Alligator zu sehen. Da ist er wieder, er kommt durch den
Fußboden nach oben! Da, da! Manchmal fragen Sie sich dann, was, zum
Teufel, los ist. Wenn Sie es sich richtig überlegen, genau so gehen
die meisten Leute durch ihr ganzes Leben." Maurice wich so oft von der
Hauptlinie des Prozesses ab, daß es oft schien, er improvisiere nur.
Während der ersten Sitzung veranstaltete er einen S&D- (= Search
and Discovery: Suche und Entdeckung) Prozeß, um die Person aufzuspüren,
die mich unterdrückt hatte. Ich mußte jeden Erwachsenen nennen,
der mich zurechtgewiesen hatte, als ich noch ein Junge war. Mitten während
der zweiten Sitzung entschied er plötzlich, ich müsse "dianetisch"
auditiert werden. Gewisse Aspekte davon seien neu für mich, da Hubbard
sie erst nach seinem Buch entdeckt habe. Fälle von Verlusten, "Secundarien"
genannt, würden vor den Engrammen behandelt, da sie für den Preclear
einen bequemeren und leichteren Beginn darstellen. Es werde für unnötig
gehalten, ihn alle seine Engramme erneut durchleben zu lassen; die Behandlung
einer wichtigen Kette von Vorfällen oder sogar eines einzigen Ereignisses
reichten aus, um die "Dianetic Release" herbeizuführen.
Maurice dirigierte mich also durch eine
"Secundarie", die sich ereignet hatte, als ich sechs Jahre alt war: damals
hatte mich ein älterer Junge
36
mit dem Schlitten in einen Hohlweg gefahren.
Ferner behandelte er eine Kette von zwei Engrammen, ein verletztes Ohr
und eine Brustfellentzündung. Dann erklärte er mich zum "Dianetic
Release" und fügte hinzu, für das zusätzliche Auditieren
schulde ich ihm 150 Dollar. Ich weigerte mich mit der Begründung,
daß vorher von Extra-Kosten keine Rede gewesen sei.
Gegen Ende der Sitzung wurde Maurice wütend
auf mich, offensichtlich wegen der Art, in der ich eine seiner Fragen beantwortet
hatte.
"Ich werde Sie nicht weiter auditieren!"
brüllte er, und begann seinen Meter und die Niederschriften einzupacken.
Ich spürte, daß er nicht wirklich zornig war, sondern mir nur
etwas vorspielte. An der Tür zögerte er, die Aktentasche in der
Hand, und fing an, mir eine weitere Vorlesung zu halten. Ich wäre
auch bereit gewesen, auf Felicias Rückkehr im Herbst zu warten, aber
er mäßigte seinen Ton, holte seinen E-Meter wieder hervor und
nahm die Sitzung auf, als sei nichts geschehen.
Später hörte ich, daß
diese Szenen zu seiner Auditionstechnik gehörten. Er provozierte ähnliche
Auftritte mit den meisten seiner Schüler: vermutlich, um es zu einem
ARC-Bruch kommen zu lassen, den er auditieren konnte.
Grad III wurde ohne weiteres Theater abgeschlossen,
indem einige ARC-Brüche aufgespürt und behandelt wurden - den
eingeschlossen, den wir beide gerade hatten.
Ich hätte mich ohne weiteres weigern
können, Grad IV mit Maurice zu machen, aber es schien mir nicht wichtig.
Das Auditieren, so folgerte ich, hatte sein eigenes Gewicht, unabhängig
von der Person hinter dem Meter und ihrem Charakter.
Der Zweck von Grad IV ist es, das "Service
Facsimile" herauszubekommen. Dieser Begriff wird so definiert: Eine Behauptung,
die das Individuum erfindet, um sich selbst ins Recht und andere ins Unrecht
zu setzen, um zu herrschen oder sich nicht beherrschen zu lassen, sowie
das eigene Überleben zu fördern und der Überlebenschance
anderer zu schaden. Das "Service Facsimile" bringt das Individuum dazu,
bestimmte Teile seines reaktiven Geistes absichtlich restimuliert zu halten,
um damit Mißerfolge in seinem Leben zu erklären. Dieser neurotische
Schutzmechanismus kann - sobald er entdeckt ist - im allgemeinen in einem
einzigen Satz ausgedrückt werden.
Im Grad IV-Prozeß erhielt ich die
Einführung in die Technik des Listen-Aufstellens und Nullens. Sie
wurde angewendet, um den Gegenstand mit der größten Spannung
auf einer Liste festzustellen. Unter Spannung wird die Strom-Ladung verstanden,
die sich auf der Zeit-Spur (= dem imaginären Filmstreifen über
die Vergangenheit eines
37
Menschen) angesammelt hat; sie wird so
genannt, weil "Gedanken elektrischer Natur" seien. Engramme und Secundarien
haben die meiste Spannung, aber Probleme, verborgene und zurückgehaltene
Akte ("overts und withholds") sowie ARC-Brüche sind auch "geladen".
Ein großer Teil des Auditierens besteht darin, Spannung abzubauen.
Felicia hatte das mit ihren Listen erreicht, obwohl sie sich nicht damit
aufgehalten hatte, auch das Nullen vorzunehmen, das notwendig ist, um das
allerwichtigste Problem festzustellen. Das Nullen geht so vor sich, daß
der Auditor die Liste des Preclear laut vorliest und einen Strich (/) hinter
jeden Gegenstand einträgt, der auf dem E-Meter eine Nadel-Reaktion
verursacht und ein X, wenn der Meter nicht reagiert. Dann wird die Liste
erneut vorgelesen, diesmal ohne die mit einem X versehenen Punkte. Dabei
hören viele angestrichene Gegenstände auf, den Meter zu beeinflussen.
Sie erhalten nun auch ein X, weil auch sie nun "sauber" sind (= ohne Nadel-Reaktion).
Bei der dritten oder vierten Wiederholung werden weitere Punkte "sauber"
und es gibt mehr Xe. Schließlich sind alle Punkte bis auf einen ausgenullt,
und das ist dann der Punkt mit der größten Spannung. Schon das
Auffinden dieses Punktes, so heißt es, baut genügend Spannung
ab, um den Preclear hinsichtlich des fraglichen Gegenstandes zu erleichtern.
Maurice ließ mich, wiederum aus
unerfindlichen Gründen, eine Liste der Dinge anfertigen, die ich nach
der Sitzung tun möchte: ein Steak essen, einen Mädchenpopo streicheln,
ins Kino gehen - das waren einige der Punkte auf der Liste. Als mir nichts
mehr einfiel, las Maurice mir die Liste vor, seine Stimme klang monoton.
Ich konnte sehen, wie er die Xe und Striche notierte, während sein
Kugelschreiber die Liste entlang ging. Gewisse Punkte nullte er aus, andere
wiederholte er ebenso monoton:
Steak-Essen //X
Mädchenpo streicheln ///
ins Kino gehen ///
"Einen Mädchenpopo streicheln. Das
war unentschieden. Ich wiederhole":
Einen Mädchenpopo streicheln ///
X
im Kino gehen ////
Ich weiß nicht mehr, welcher Punkt
schließlich übrig blieb, und warum Maurice gerade diese Liste
nullen wollte. Nach der Sitzung gingen wir jedenfalls ein Steak essen.
Eine andere Liste bestand aus den "Mädchen,
die mir gefallen hatten". Sie begann mit einem Baby-Sitter, setzte sich
in chronologischer Reihenfolge bis zu gegenwärtigen Bekanntschaften
fort und umfaßte
38
schließlich mehrere Dutzend Eintragungen
- Filmstars, Romanheldinnen und Schulfreundinnen. Zu meinem Erstaunen war
die Eintragung mit der größten Spannung der Name von Betty Grable.
Der Sinn auch dieser Liste blieb mir verborgen.
Maurice kam schließlich zu der Prozeß-Frage:
"Welche
Methode haben Sie in Ihrem Leben gebraucht, um andere ins Unrecht zu setzen?"
Nach
einer Stunde des Listen-Aufstellens und Nullens kamen wir zu meinem "Service-Facsimile".
Es war der Satz: "Ich wurde ausgeschlossen und daran ist nichts zu ändern."
Das waren also die verborgenen Worte,
die mein ganzes Verhalten erklärten, Worte, die ich durchs Leben getragen
hatte, wie eine überflüssige Rüstung. Ich hatte sie gebraucht,
um meine Schwächen zu rechtfertigen und mein Versagen zu entschuldigen.
Als ich sie schließlich aussprach, kamen sie mir unangenehm bekannt
vor. Ich war sehr glücklich über diese Enthüllung und wartete
ungeduldig auf die Fortschritte, die mir Grad IV einbringen würde.
... ein Individuum in so gründliche Kommunikation mit dem physikalischen Universum zu bringen, daß es die Macht und die Fähigkeit der Selbstbestimmung wieder erlangen kann.Mit dem "Service Facsimile"-Konzept traf ich etwas neues in der Scientology an, etwas, das für mein Denken verstehbar war. Mindestens ein Zweig der modernen Psychotherapie behauptet, daß die Neurosen und viele physische Krankheiten in erster Linie durch Worte und Sätze verursacht sind, die sich in der Jugend unbewußt eingeprägt haben, und zwar auf der Basis fehlerhafter Beweise. Nach dieser Theorie besteht das Heilmittel darin, die falschen Schlüsse ans Licht zu bringen und gegen sie anzukämpfen. Daß zwischen Psychiatrie und Scientology eine solche Brücke bestand, kitzelte meinen Intellekt. Allerdings entging mir, daß es einen entscheidenden Unterschied gibt: In der Psychotherapie erfordert es heftige Anstrengungen, um diese Erkenntnisse zu erlangen, und dann muß man ein gutes Stück Arbeit leisten, damit sie wirksam werden...L. RON HUBBARD
39
davon, wie eine Release zustande kam. Ich
war sicher, daß der Auditionsprozeß Vorteile bot und daß
er von den ausübenden Personen nicht abhängig war. Mir war alles
egal, wenn nur eine Release erfolgte. Denn Inzwischen war ich fest überzeugt,
daß es eine Release gab, die von der Nadel des E-Meters auf der Skala
angezeigt wurde. Ich war entschlossen herauszufinden, warum der Scientology-Prozeß
funktionierte.
Die sogenannten "Considerationen" waren
der entscheidende Faktor; das waren die Vorurteile und selbstauferlegten
Beschränkungen, die man aufgeben mußte, bevor der Meter die
Release im Hinblick auf die jeweilige Prozeßfrage anzeigte. Die Considerationen
hielten die Spannung aufrecht. Der Preclear wurde häufig gefragt,
was seine Betrachtungsweisen, seine Considerationen waren; es ging nicht
darum, sie erneut zu durchleben, wie bei den Engrammen, noch viel weniger
sollten sie analysiert werden. Es war nichts weiter nötig, als sie
dem Auditor mitzuteilen. Wie Hildegard es einmal beschrieben hatte, zeigte
der Meter dann an, wie die Spannung sofort abfiel, während sich die
Considerationen in dünner Luft auflösten. Der Auditor mußte
vor allem den E-Meter richtig ablesen können. Dadurch funktionierte
der Prozeß. Selbst mit einem Tölpel wie Maurice an der Skala.
Es gab viele Considerationen, die man
loswerden mußte. Durch Erziehung oder Vererbung wuchs jeder Mensch
mit den verschiedensten trügerischen Ansichten auf, dafür war
das "Service Facsimile" ein sehr gutes Beispiel. Außerdem war es
möglich, daß man schon in früheren Existenzen zu den Considerationen
gekommen war. Aber die Considerationen, die das Auditieren am meisten aufhielten,
waren solche über Scientology selbst. Vermutlich jedermann hatte feste
Ansichten über den Wert von Zeit und Geld. Eine Zeitlang war ich darüber
verärgert, wie schnell man die einzelnen Prozesse absolvieren konnte.
Ich hatte versucht, jede Sitzung in die Länge zu ziehen, um den richtigen
Gegenwert für mein Geld zu bekommen. Eine weitere Consideration war,
daß jeder wirkliche Erfolg große Anstrengungen über einen
langen Zeitraum notwendig machte. Derartige vorschnelle Urteile, so glaubte
ich jetzt, hatten mich bisher daran gehindert, alle Möglichkeiten
in meinem Leben voll auszuschöpfen. Kein Wunder, daß ich immer
das Gefühl hatte, irgend etwas mit mir müsse nicht ganz in Ordnung
sein! Ich hatte den Druck des Auditiert-Werdens nötig, um meine Wahl
zu treffen: ob ich krank oder gesund sein wollte. Die ständig sich
wiederholenden Fragen hatten dieses Kernproblem von allem Beiwerk entkleidet.
Irgendwann war mir klar geworden, daß ich gesund werden wollte. Von
da an war ich willens, all diese falschen Meinungen aufzugeben, an denen
ich mich mein Leben lang festgeklammert hatte. Durch
40
diese änderung meiner Haltung war
ich nun fähig, die beim Auditieren erzielten Fortschritte auch zu
spüren. Ich wußte noch nicht ganz genau, worin sie bestanden,
aber ich hoffte, daß sie vor mir lagen, irgendwo in der nächsten
Zukunft.
Weiter wollte ich damals meine Überlegungen
nicht treiben. Noch mehr Rückfragen interessierten mich nicht. Etwa,
warum ich ein mystisches Erlebnis gleich bei meiner ersten Sitzung hatte.
Oder warum es Spannung, die ich allerdings nie bemerkt hatte, ausgerechnet
in bezug auf Betty Grable gab. Eine allzu genaue und kritische Natur konnte
leicht alle Fortschritte im Keim ersticken. Oder - man konnte es auch so
ausdrücken - der Glauben war das Maß für künftige
Fortschritte. Der Glaube war das wichtigste. Ich entschied mich ganz aus
freien Stücken. Ich mußte frei werden, zur wirklichen Selbstbestimmung
kommen, meine eigenen "Postulate" aufstellen. Postulate unterschieden sich
von Considerationen: Considerationen gehörten zum alten, Postulate
zum neuen Menschen; der neue war gut, der alte schlecht: am Ende war es
eine Frage der freien Entscheidung.
Indien mit seinem "Eingehen ins Nirwana" hat uns 'Techniken' gegeben, DIE UNTER GARANTIE EINEN THETAN SO ENG MIT EINEM KÖRPER VERBINDEN, ALS WäRE ER ANGENIETET ODER MIT EISEN-BäNDERN FESTGEBUNDEN.Maurice bereitete alles vor, damit ich zur Org gehen konnte, um meine Grade überprüfen zu lassen und ein Zertifikat zu bekommen, das mich als Grad IV Release auswies.L. RON HUBBARD
41
oder zwei Fragen zu jedem Auditions-Prozeß
stellte. Die Absicht war, daß ich jeweils den Moment der Release
erneut erlebte, wobei er mich mit dem E-Meter kontrollierte.
Die maschinengleiche und herablassende
Freundlichkeit des Auditors machte mich nervös. Er gebrauchte ständig
die gleiche Bestätigungsformel: ein zuckersüßes, öliges
"Danke", das er mit leicht nasaler Stimme anbrachte. Jedes "Danke" war
eine perfekte Wiederholung des vorhergehenden. Während ich ihm in
der engen Auditionszelle gegenüber saß, hatte ich Mühe,
mich an irgend etwas aus meinen früheren Sitzungen zu erinnern. Der
Meter reagierte nur stockend, dauernd unterbrach er die Überprüfung
und versuchte, in verschiedenen Nebenprozessen Spannung abzuleiten. Ich
hatte sowieso keine Lust gehabt, die Org aufzusuchen, und genau dies schien
der Meter anzuzeigen. Nach zwanzig unbehaglichen Minuten führte mich
der Auditor in ein kleines Zimmer, kaum größer als die Auditionszelle.
Auf dem Schild über der Tür stand: ETHIK. Ein Mädchen mit
Rattenschwänzen saß in würdevoller Haltung an einem Schreibtisch
und spielte an einem E-Meter herum. "Nehmen Sie die Büchsen", sagte
sie brüsk. Offenbar hatte ich etwas falsch gemacht.
"Stehen Sie mit einer suppressiven
(d. h. die Scientology ablehnenden) Person in Verbindung?"
"Nein", antwortete ich. Diesen Prozeß
hatte ich bereits mit Maurice absolviert.
"Danke. Ich überprüfe das mit
dem Meter. Jetzt brauchen Sie nicht zu antworten: 'Stehen Sie mit einer
suppressiven Person in Verbindung?' Das ist sauber.
.Stehen Sie
mit einer suppressiven Gruppe in Verbindung?"'
Ich verstand das als Frage nach einer
Gruppe, die meine Loyalität zur Scientology in Frage gestellt hätte.
Während der letzten Jahre hatte ich mit den verschiedensten Gruppen
zu tun, aber ich hielt sie nicht für suppressiv.
"Nein."
"Danke. Ich überprüfe das mit
dem Meter. 'Stehen Sie mit einer suppressiven Gruppe in Verbindung?'
Da ist eine Reaktion. Was meinen Sie, könnte das sein?"
Ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb
die Nadel ausschlug. Aber ich hatte nicht die Absicht, die "Ethik" einzuwickeln.
Ich zerbrach mir also den Kopf, um eine Antwort zu finden.
"Ich war zum Meditieren in einem Zen-Zentrum."
"Danke. Ist das die suppressive Gruppe?"
"Hin und wieder mache ich Yoga-Übungen."
"O.K.", sagte sie, "solange sie auditiert
werden, müssen Sie damit
42
aufhören."
"Warum? Ich mache es sowieso nicht oft.
Weshalb kann das schaden?"
"Wenn Sie hier fertig sind, können
Sie tun, was Sie wollen - Sie können sich auf den Kopf stellen, wenn
Sie Lust dazu haben. Aber nicht, während Sie auditiert werden. Ich
möchte nicht, daß Sie schließlich nicht mehr wissen, was
Ihnen die Fortschritte gegeben hat. Bei dieser Meditation versuchen Sie
doch, in Ihre Seele zu schauen, nicht wahr?" "Nicht in dem Stadium, in
dem ich bin. Meditation ist nur ein Name. Es ist eine Art von Konzentrationsübung."
"Jedenfalls müssen Sie versprechen,
alle Übungen aufzugeben, solange Sie auditiert werden."
"Einen Augenblick! Was verstehen Sie überhaupt
unter Übungen? Sie meinen doch alles, was die Leute tun, um sich zu
beruhigen oder besser nachdenken zu können, nicht wahr? Dann dürfte
ich nicht mehr Klavier spielen. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich
Ihnen folge, wo ich doch nächsten Monat ein Konzert habe. Wenn ich
Ihnen gehorchen wollte, müßte ich den ganzen Tag über,
von Minute zu Minute, überlegen, was man als Üben verstehen könnte.
Ich wette, da käme einiges zusammen. Ich bin gern bereit, darüber
mit Ihnen zu diskutieren. Wir werden sehr viel Zeit brauchen, um auszusortieren,
was ich tun darf, und was nicht."
"Sagen Sie nur, ob Sie es nun aufgeben
wollen oder nicht."
"Ich versuche nur ehrlich zu Ihnen zu
sein. Ohne einen guten Grund gebe ich gar nichts auf."
"Gut, dann müssen wir es eben fallen
lassen."
"Wunderbar", sagte ich. Ich stand auf,
um hinauszugehen.
"Zu schade, daß Sie auf die vollkommene
Freiheit verzichten wollen", sagte die Ethik-Auditorin, als ich zur Tür
ging.
Später rief Maurice mich an, um zu
erfahren, wie es gelaufen war. Als ich ihm von der Katastrophe berichtete,
bat er mich, alles aufzuschreiben, damit er eine Untersuchung gegen die
Ethik-Auditorin in die Wege leiten konnte. Ich sandte ihm einen vollständigen
Bericht. Darin stand unter anderem:
"Gewisse Leute innerhalb der Organisation
mißbrauchen die Scientology, und sie bedienen sich der Scientology,
um andere zu mißbrauchen."
Danach hörte ich nichts mehr von
meinem Besuch bei der New York Org.
43
44
aussehender kleiner Geist. Es gab keine
Andeutung, worin diese höheren Stufen tatsächlich bestanden.
Wenn der "Clear-Status" schon mehr als phantastische Fortschritte ermöglichte,
wie konnte das durch die OT-Stufen noch übertroffen werden?
Umberto hielt für möglich, daß
man, wenn man ein "Operating Thetan" geworden war, auf Scientology vielleicht
nur noch zurückblickte, wie auf ein Werkzeug, das dazu beigetragen
hatte, damit man sich seinen höchsten Zielen voll widmen könnte:
den schönen Künsten, der Philosophie, der ästhetik und ähnlichem.
Möglich. Umberto hatte im Saint Hill sogar einige Leute getroffen,
die freundschaftlich mit Nicht-Scientologen verkehrten, die unterschiedliche
Ansichten respektierten und die sich zuerst als Menschen und erst in zweiter
Linie als Scientologen fühlten. Unglücklicherweise waren diese
Leute in der Minderheit. Die meisten Scientologen waren in kulturellen
Dingen unbewandert und interessierten sich nur für Hubbards äußerungen.
Viele waren reaktionär, fast faschistisch in ihren politischen Ansichten.
Sie waren der Überzeugung, daß die Armen und Unterdrückten
auf der Welt, die Bewohner von Ghettos und Obdachlosensiedlungen selbst
für ihre Lage verantwortlich seien: sie ließen sich von ihrem
reaktiven Geist beherrschen und bekämen genau, was sie verdienten. Scientologen
aus Südafrika unterstützten fast einstimmig die Apartheidspolitik.
Ihre besessenen Anstrengungen, das Evangelium
von Hubbard zu verkünden, hatten dazu geführt, daß Umberto
einen Bogen um Saint Hill machte, sobald er Grad V absolviert hatte. "Sie
füttern dich damit", sagte er. "Im College sind sie so unvernünftig
in ihrem Eifer, für das Auditieren und für die verschiedenen
Kurse zu werben, daß es schon bedrohlich wirkt. Sie behaupten, Scientology
nütze jedem ohne Ausnahme, und gehen so weit zu sagen, daß sonst
nichts auf der Welt etwas tauge. Wenn du nicht mitmachst, erklären
sie dich für 'suppressiv'. Sie haben es fertig gebracht, sich völlig
von der benachbarten Stadt East Grinstead abzukapseln, indem sie verschiedene
Buchhändler, die Hubbards Schriften nicht verkaufen wollten, schlecht
machten. Wenn man nur das geringste Interesse an Scientology zeigt, dann
lassen sie einen nicht mehr in Ruhe, sie bombardieren einen geradezu. In
der New York Org hast du es ja selbst erlebt - sie sind ein Haufen von
Blutsaugern!"
Umberto war noch aus einem anderen Grund
verärgert. Sein Grad V, der ihn 1200 Dollar gekostet hatte, war innerhalb
von zwanzig Minuten vollständig absolviert. Danach hatte er einen
guten Teil des verbleibenden Abends damit verbracht, sich auf der Terrasse
von Fyfield Manor, in Sussex, England, zu übergeben.
45
Ein Preclear ist in besserem 'Zustand und läßt sich leichter auditieren, wenn er außer sich ist, und nicht "in seinem Kopf."Umbertos Beschreibung von Saint Hill und den Scientologen überraschte mich nicht mehr. Bei meinen beiden Besuchen in der New York Org hatte ich Vorahnungen, daß ich dabei war, mich von einer komplizierten Maschine einfangen zu lassen, die von Leuten bedient wurde, die kaum menschliche Züge aufwiesen. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, welch unterschiedliche Elemente zu der Gruppe gehörten. Einige von ihnen schätzte ich sehr, andere waren mir zuwider, eine dritte Gruppe betrachtete ich mit gemischten Gefühlen. Die Ziele der Org waren sicher nicht identisch mit denen von Felicia, oder selbst von Maurice, der - auch wenn er nicht gerade charmant zu mir war - mir nach meinem Krach mit der Ethik-Auditorin genügend moralische Unterstützung geliehen hatte, um mir zu beweisen, daß er letztlich auf meiner Seite stand. Aber manchmal war es schwer, die eine Gruppe von der anderen zu unterscheiden, in dem großen Gemälde Einzelheiten zu erkennen. Irgendwie kam ich über meine Verwirrung hinweg, zumindest ließ ich die Angelegenheit ruhen, bis ich mit Felicia darüber sprechen konnte. Immerhin hatte der Fanatismus innerhalb der Bewegung sie nicht davon abgehalten, im Saint Hill zu bleiben, um den "Clear-Prozeß" fortzusetzen. Vielleicht waren alle meine Einwände letzten Endes doch nur "Considerationen".L. RON HUBBARD
46
zweiten Titel zu klassifizieren, hatte
Gerald zwei Jahre lang als Interner im Saint Hill gearbeitet. Voller Stolz
bezeichnete er sich als den einzigen OT II der Klasse VII außerhalb
von England.
Im äußeren von Gerald gab es
nichts Ungewöhnliches, abgesehen davon, daß er eher rundlich
war; und da er immer vergnügt war, hatte er so tiefe Lachfalten, daß
er weniger einem Weisen als einem begeisterten Säugling glich.
Er neigte zu einem Sprechstil mit vielen
Wiederholungen und zu einer pedantischen Höflichkeit, die etwas steif
wirkte. Ich fand sein höfliches Wesen schmeichelhaft und angenehm.
Mit seinem freundlichen Spott schien er jeden im Raum wie einen Mitverschwörer
zu behandeln. Als er seine Erlebnisse bei der Rückreise zum Besten
gab, fiel mir auf, wie beherrscht er war, wie sehr er über den Dingen
stand. Selbst Schwierigkeiten beim Zoll hatten ihn nicht aus der Ruhe gebracht.
Gerald war nach Amerika gekommen, um hier
eine eigene Scientology-Niederlassung zu eröffnen. Felicia sollte
seine Partnerin werden. Das bestätigte, daß er in der Welt der
Scientologen zur Elite gehörte, wenn schon nicht als Scientologe,
so doch als Individualist. Jeder, der Grad V (Power Release) erreicht hatte,
einen Übungskurs absolvierte und eine schriftliche Erlaubnis vom Saint
Hill erhielt, konnte sich als Auditor etablieren, solange er die Regeln
beim Auditieren und in seinem Geschäftsgebaren einhielt und eine Lizenzabgabe
von zehn Prozent seiner Bruttoeinnahmen an Hubbard überwies. Das taten
allerdings nur wenige; nur die Unternehmungslustigsten wollten neben ihrem
geistigen Gewinn durch Scientology auch noch finanziellen Vorteil daraus
ziehen. Die meisten waren zufrieden, ihren Lebensunterhalt außerhalb
der Bewegung zu verdienen, oder sie arbeiteten gegen geringen Lohn in der
Org. Ohne es direkt auszusprechen vermittelte Gerald Tiber doch den Eindruck,
daß er die Org-Mitglieder für schlechte Geschäftsleute
mit leicht masochistischen Neigungen hielt.
Gerald sollte, während er eine passende
Wohnung für seine Agentur suchte, auf einem Sofa im Wohnzimmer der
Lancias schlafen. Mir kam das seltsam vor. Hatte sich Felicia mit dem Mann
eingelassen und ihn deshalb bei sich aufgenommen? Aber selbst wenn es so
war, zögerte ich, das Betragen von Clears und OTs in Frage zu stellen.
Ich war von Gerald enorm beeindruckt; seine unbekümmerte Art und sein
lautes, herzliches Lachen verrieten unerschütterliches Selbstvertrauen.
Er machte sich daran, in einem fremden Land ein neues Geschäft aufzuziehen,
als sei er nur mit kleinem Gepäck zu Besuch gekommen, und sei seiner
Sache so sicher wie ein Mann in weißer
47
Schürze, der sein Geld in ein Pizza-Restaurant
steckt.
Als ich die Lancias am nächsten Tag
besuchte, war Umberto nicht zuhause. Felicia teilte mir mit, daß
sie unmittelbar vor der Scheidung stünden. Ich antwortete, daß
ich mir schon so etwas gedacht hätte. Ich hatte meine Einstellung
dazu schon im voraus festgelegt: da sie ein Clear war, nicht mehr länger
im Besitz eines reaktiven Geistes, war sie jetzt sozusagen unfehlbar, völlig
frei, ihr Leben so zu gestalten, wie es vorher unmöglich war. Sie
war stark genug zu tun, was sie wirklich wollte.
Als ich später mit Umberto sprach,
zeigte sich, daß auch er für die Trennung war. Sie sei unvermeidlich,
sagte er. Ihre Beziehung war nach wie vor freundlich, vielleicht noch freundlicher
als vorher. Und für den Fall, daß nach fünf stürmischen
Ehejahren eine verborgene Verbitterung übrig geblieben war, hatte
Gerald Tiber mit ihm vereinbart, ihm kostenlos eine "Review-Sitzung" (=
Revisions-Sitzung: zusätzliche Hilfe) zu gewähren, um etwaige
Spannungsrückstände von seiner Zeit-Spur zu löschen. Auch
ich wollte ihn eine Review-Sitzung mit mir machen lassen. Es mußte
eine lohnende Erfahrung sein, sich von einem OT II der Klasse VII auditieren
zu lassen, und sicher waren bei den fragwürdigen Methoden von Maurice
noch Spannungen zurückgeblieben.
Gerald erklärte sich bereit, mir
für 25 Dollar pro Stunde "Review" zu erteilen.
Er war tatsächlich ein bemerkenswerter
Auditor: er kam rasch vorwärts, ohne etwas in der Schwebe zu lassen.
Seine Bestätigungen variierten und klangen ebenso natürlich und
höflich, wie außerhalb der Sitzungen. Er hielt sich an jedem
Punkt genau so lange auf, bis ich vollständig zufriedengestellt war.
Im Vergleich mit ihm hatte Felicia fast wie ein Amateur auditiert.
Unser erstes Thema war Maurice, der sich
in einem weiteren Aufspür- und Zerstörungs-Prozeß als für
mich suppressiv herausstellte. Nach meiner Grad IV Release hatte er mich
zu zwei improvisierten Sitzungen mit dem E-Meter verleitet. Solche überflüssigen
Sitzungen weichen radikal vom Standard ab und sind von Hubbard streng untersagt,
hörte ich später von Umberto.
Maurice hatte die erste Sitzung zum Abbau
der Spannung vorgeschlagen, die durch eins meiner Konzerte verursacht worden
war. Die Spannung war hauptsächlich dadurch entstanden, daß
in einer Zeitung am nächsten Tag eine sehr herablassende Kritik erschienen
war. An jenem Tag hatte ich außerdem erfahren, daß Maurice
herumging und den Leuten erzählte, für den Erfolg meines Konzertes
seien er und die Gruppe, zu der er gehöre, verantwortlich. Daraufhin
48
stellte ich ihn zur Rede. Die daraus resultierende
Auseinandersetzung ließ noch mehr Spannung entstehen, die Maurice
in einer weiteren Sitzung abbauen konnte. Er war wenigstens vernünftig
genug gewesen, dafür nicht auch noch kassieren zu wollen. Jetzt teilte
ich Gerald das alles mit.
Die Sitzung brachte einen weiteren suppressiven
Menschen ans Tageslicht, einen Arzt. Vermutlich war es der gleiche, der
mich zur Welt gebracht hatte. Während des S&D-Prozesses sah ich
Kontraste zwischen hell und dunkel. Dann erinnerte ich mich an eine Zeit,
als ich "außerhalb meines Körpers" war. Ich war in einen Raum
geschwebt und über einem Sofa stehen geblieben.
"Er drückt sie", sagte ich.
"Fein", sagte Gerald. "Gehen
Sie den Vorfall durch."
"Das ist alles. Ich sehe einen Mann und
eine Frau, die sich auf dem Sofa drücken."
"In Ordnung. Noch mehr davon?"
"Ich weiß nicht, wer sie sind, aber
der Vorfall wirkt auf mich suppressiv, ich fühle mich unterdrückt."
"Danke. Ich darf Ihnen sagen, daß
der E-Meter Ihre Erklärung bestätigt hat: der Vorfall ist wirklich
suppressiv."
Gerald wiederholte meine Grade. Er begann
mit den dianetischen Auditionen, die Maurice mir gegeben hatte, und ging
dann weiter zu den Graden 0, I, II, III und IV.
"Ich möchte bestätigen, daß
'Ich wurde ausgeschlossen und daran ist nichts zu ändern' tatsächlich
Ihr Service Facsimile ist", schloß er.
"In Ordnung, Sir, Sie haben eine wundervoll
saubere Nadel! Das wär's."
Wir hatten vier Stunden gebraucht. Und
wieder schien es nicht sehr viel auszumachen, ob ich wirklich "außerhalb
meines Körpers" gewesen war, und ob das meine häufigen Träume
von körperlosen Wanderungen zufriedenstellend erklärte. Inzwischen
war das alles schon Routine, und ich war völlig bereit, meine Fragen
zu unterdrücken, um das Tempo der Sitzung nicht zu behindern. Als
Gerald fragte: "Welche Fortschritte, Euer Ehren?" konnte ich ehrlichen
Herzens sagen, daß ich mich leichter und freier fühlte.
49
Damen und ich waren die ersten Schüler.
Die Stellung der Dianetic in der Hierarchie der Scientology war zu jener
Zeit unentschieden, aber sie wurde zu Trainingszwecken angewandt. Wir sollten
zwei- oder dreimal die Woche abends zusammenkommen, und der Kurs sollte
eher einige Monate dauern als die wenigen Wochen intensiver Arbeit wie
in der Org üblich. Gerald betonte die ungezwungene Atmosphäre
in seiner Zweigstelle, die der übermäßigen Aktivität
in der Org entgegengesetzt war. Wir wurden darüber informiert, daß
die Absolvierung des Dianetic-Kurses eine Vorbedingung für die Reise
zum Saint Hill in England war. Der Kurs kostete 500 Dollar. Gerald und
Felicia gingen davon aus, daß jeder Schüler anschließend
nach England gehen würde. Ich fand es ganz natürlich, mich einzuschreiben,
obwohl ich mich noch nicht bewußt entschieden hatte, auch den Status
eines Clear anzustreben.
Bevor ich allerdings die Zahlung für
den Kurs leistete, glaubte ich Gerald sagen zu müssen, daß der
gute Effekt der Review wieder vergangen war. Seine Auditionskünste
hatten nicht verhindert, daß ich mich ärgerte, weil ich ihm
weitere 100 Dollar dafür bezahlen mußte, damit er Maurices Behandlungsfehler
korrigierte.
"Sie haben sogar ein Geschäft gemacht,
lieber Freund", sagte Gerald. "Im Saint Hill hätte ein S&D (das
Aufspüren der suppressiven Personen) allein soviel gekostet. Wir sollten
das auf der Stelle in Ordnung bringen. Wir können in einen Nebenraum
gehen und eine weitere Review machen."
"Sie machen wohl Witze", sagte ich. "Wir
haben schon vier Stunden hinter uns. Was soll ich denn noch sagen?"
Drei Minuten später saß ich
am Auditier-Tisch, die Büchsen in der Hand.
"Etwas beschäftigt mich", sagte ich,
"ich bin noch immer an Frauenpopos fixiert."
"Danke. Was sind Ihre Considerationen
zum Thema Frauenpopos?"
"Jedesmal, wenn ich eine Frau sehe, ist
es das erste, das allererste, ihren Hintern anzugaffen."
"Danke. Wir beginnen jetzt einen Prozeß
zu diesem Thema: ,Was bedeutet Hintern jetzt für Sie?'"
"ärger."
"Danke. ,Was bedeutet Hintern jetzt
für Sie?'"
"ärger. ärger über Geld."
Wieder begann die Aufstellung einer Liste. Die Prozeß-Frage wurde
fast eine halbe Stunde lang wiederholt...
"Gut. Und was bedeutet Po jetzt für
Sie?"
"Ich denke an einen Burschen, den ich
kannte. Er war von South-Carolina. Er sagte immer: ,Heute habe ich ein
Mädchen gesehen,
50
Mann, das hätte dir Spaß gemacht,
ihren süßen Po zu tätscheln!"
"Danke. Wiederholen Sie den Satz!"
"Mann, du hättest den Po getätschelt!"
"Fein, Nochmal."
"Mann, du hättest den Po getätschelt!"
"In Ordnung, nochmal."
"Es hätte dir wirklich Spaß
gemacht, ihren süßen Po zu tätscheln."
"Gut. Und was bedeutet Po jetzt für
Sie?"
"...gestern abend habe ich eine Prostituierte
mit nach Hause genommen. Heute morgen fühlte ich mich seit Monaten
zum erstenmal schuldig."
"Danke. Welche Considerationen haben
Sie dazu?" "Ich fühle mich schuldig, nicht weil ich sie aufgelesen
habe, sondern weil es mir keinen Spaß machte. Sie hat mir nicht gefallen.
Aber ich habe die nicht gefunden, die ich suchte. Schon daß mir das
jetzt klar geworden ist, bringt mir große Erleichterung."
Es waren noch 45 Minuten von der vierten
Stunde übrig. Gerald begann deshalb gleich noch den "Geld-Prozeß",
er war dazu bestimmt, alle Considerationen (= falsche Meinungen) über
Geld aufzulösen. Manche Scientologen behaupteten laut Gerald, das
Geld fließe ihnen in die Taschen, nachdem sie diesen Prozeß
absolviert hatten. Die Prozeß-Frage lautete: "Wie könnte man
Geld verschwenden?" Ich gab viele Antworten und kam zu der Erkenntnis:
man verschwendete kein Geld, so etwas gibt es überhaupt nicht. Verschwenden
kann man nur sich selbst; hauptsächlich, indem man irgend etwas bereute.
Gerald teilte mir mit, jetzt habe ich eine "schwebende Nadel", das Zeichen
auf dem E-Meter für eine Release. Er dankte und die Review war vorüber.
Ich hatte eine Fülle neuer Erkenntnisse. Ich fühlte mich wohl,
die 200 Dollar waren gut angelegt. Wenn Gerald mich verließ, hatte
ich immer ein Hochgefühl.
Die Dianetic-Klasse wurde wirklich ungezwungen
geleitet. Es gab keinerlei Druck auf die Schüler. Wir konnten spät
kommen, früh gehen und sogar einfach fortbleiben.
Es war unsere erste Aufgabe, zwölf
Tonbänder über Dianetic und Scientology abzuhören. Allein
damit verbrachten wir mehrere Wochen, weil wir uns nur unregelmäßig
trafen. Die Abende verliefen so, daß Gerald ein anderthalbstündiges
Tonband startete, und sich dann in eins der Schlafzimmer zurückzog,
um einen Preclear zu auditieren. Felicia tat das gleiche im anderen Schlafzimmer.
Später kam Gerald zurück, um uns eine eigene Vorlesung zu halten
- sein besonderes Angebot in diesem Kurs. Die Akustik im Wohnzimmer war
fürchter-
51
lich, so daß man zeitweilig die Worte auf dem Tonband nicht verstehen konnte. Die Stimme, die aus dem Lautsprecher kam, war freundlich, volkstümlich, Vertrauen erweckend und schwungvoll. Sie gehörte L. Ron Hubbard, den die Scientologen einfach Ron nannten.
Die Fähigkeiten des Theta-Wesens können derzeit noch nicht mit allen Daten dargelegt werden...es wäre gegenüber der Zukunft unfair, wollte man sie in allen Einzelheiten schriftlich festlegen.Das Theta-Wesen, oder der Thetan, wird durch den griechischen Buchstaben Theta bezeichnet. Es ist reiner Geist und hat weder Masse, Energie, Zeit, Raum oder Wellenlänge, außer wenn es sie 'postuliert' (= sich entschließt, sie zu haben). So ist der Thetan nicht ein Ding, sondern ein Schöpfer von Dingen, ein 'Static' (= bewegungsloses Wesen), das durch seine eigenen 'Postulate' das physikalische Universum aus Materie (= Matter), Energie (= Energy), Raum (= Space) und Zeit (= Time)- also MEST erschafft.L. RON HUBBARD
52
Sie hat viele Quellen, denn sie ist ein Kompendium östlicher und westlicher Weisheit. Die Weisheit war im Westen lange Zeit kein beherrschendes Thema. Wenn du dir einen Augenblick lang klarmachst, daß es rund 50 000 Bücher über die Weisheit im Osten gibt, dann siehst du ein, warum es mit unserer Weisheit nicht weit her ist. Ist es weise, viele tausend Gegenstände zu bedenken, wenn uns nur einer wirklich not tut? Und man geht wegen jeder Krankheit zu einem anderen Spezialisten. Wie unnötig! Die 'Wissenschaftler', die sogenannten 'großen Autoritäten', haben nichts getan, um den beklagenswerten Zustand der Welt zu verändern. Im Gegenteil. Ihr Bestreben geht nur dahin, die Thetanen hypnotisiert zu halten. Dafür haben sie die verschiedensten Methoden, sie gebrauchen vor allem die Elektrizität, um die Thetanen folgsam zu machen. Damit dramatisieren sie, was sie auf ihren eigenen Zeit-Spuren nicht ertragen können. Im Augenblick halten sie die Bewohner der Erde in einem hypnotisierten Zustand. Darum können die ärzte weitermachen, wie in den Jahrhunderten zuvor; sie hacken und stochern, sie sägen den Schädel auf, sie lassen Elektrizität auf die Wahnsinnigen los, sie pumpen die Kranken mit Drogen voll. Es ist einfach Unwissenheit. Aber diese Unwissenheit hat die Menschheit in einen Wettlauf zwischen Vernichtung und Überleben geführt. Ich gebe euch das Werkzeug, euch und die Menschheit zu bessern, den Wettlauf zu gewinnen. Um Himmels willen, geht ans Werk und bessert die Welt!
Margo Zumbrich, eine der Schülerinnen,
hielt sich wahrend der Tonbandvorführungen oft in einem anderen Raum
auf und hatte dort Review-Sitzungen. Gerald hatte sie kürzlich zur
Grad IV Release auditiert. Aber dieser neue Status war schmerzhaft für
sie. Zum erstenmal konnte sie ihre Vergangenheit und ihr gegenwärtiges
Leben klar sehen, ebenso die Menschen in ihrem Leben, ihre Familie und
deren kranke, negative Seiten. Die zahlreichen Sitzungen mit Gerald gaben
ihr nur zeitweilig Erleichterung. Er hatte sie ohnehin nur ungern auditiert.
Nach schrecklichen Erlebnissen in Europa während des zweiten Weltkrieges
war sie mit Elektro-Schocks behandelt worden, und solche Fälle wurden
in der Regel als "nicht auditierbar" klassifiziert.
Auch Umberto Lancia nahm viele Review-Sitzungen.
Auch er machte rauhe Zeiten durch, nur selten nahm er an den Stunden in
der Klasse teil. Gerald sagte mir, er habe ihn sogar kostenlos behandelt,
aber jedesmal, wenn ihm eine Sitzung genutzt habe, sei er beim nächstenmal
nicht erschienen. Fast schien es, als ob Umberto absichtlich im Zustand
der Apathie verblieb.
Empress Green, eine große, gut gebaute
Frau, war außer mir der einzige Schüler, der regelmäßig
an den Klassenstunden teilnahm. Manchmal machten wir spitze Bemerkungen
und bekamen Lachanfälle, während wir die Bänder abhörten.
Unsere Witzeleien waren nicht unbegründet: wir fanden es einfach ärgerlich,
daß unsere Köpfe ständig mit Worten bombardiert wurden,
die wir nicht richtig verstehen konnten. Wir mußten uns als Individuen
behaupten, um nicht
53
wie Flugsand von dieser hämmernden
Stimme durch den halbdunklen Raum getrieben zu werden. Empress und ich
saßen nebeneinander auf dem Sofa. Wir mühten uns ab, Rons Botschaft
mitzubekommen. Wenn das Tonband besonders schwer zu verstehen war, nickten
wir zusammen ein. Einmal wachten wir erst auf, als Gerald eintrat, um seine
Vorlesung zu halten.
Gerald war immer überschwenglich
und auf dem Sprung, ob er nun vor zwei Menschen sprach oder vor zwanzig.
Zu Beginn der Klassenstunden trug er weder Schlips noch Jacke, doch wenn
das Tonband abgelaufen war, trug er einen Schlips und den blauen Blazer,
was Felicia liebevoll sein "Vorlesungskostüm" nannte.
"Ihr seht blendend aus, Königliche
Hoheiten", so pflegte er etwa zu beginnen, wobei er jeden Zuhörer
lächelnd anschaute. Er hatte eine wohlklingende Stimme. Beim Sprechen
ging er auf und ab.
Wenn man nicht genügend aufpaßte,
blieb er stehen und wandte sich mit vergnügtem Augenblinzeln an den
Missetäter: "Wo haben Sie denn Ihre Gedanken?" Geralds Vorlesungen
waren lebhaft und unterhaltsam. Er hatte eine plastische Art, den reaktiven
Geist, oder das "Unterbewußte", wie er es betonte, zu beschreiben.
Verschiedentlich bat ich ihn um Wiederholungen, wie ein Kind seine Mutter
um ein Kinderlied. Er verglich den reaktiven Geist mit einem Tiger, der
durch den Scientology-Prozeß systematisch vernichtet wurde. Auf der
Dianetic-Ebene wurde der Tiger in einen Käfig gesperrt, wo wir ihn
aus sicherer Entfernung beobachten konnten. Im Scientology-Grad 0 konnten
wir näher herangehen und seine linken Vorderkrallen ausreißen,
bei Grad I die rechten, und so fort bis zu Grad IV, wo die hinteren Krallen
ausgerissen wurden, und Grad V und VI nahmen dem Tier Zähne und Schwanz.
Nun waren wir für den Clear-Prozeß bereit, für die vollständige
Vernichtung des Tigers. Besonders begeisterte es mich, als Gerald gegen
Ende seiner Demonstration in großen Sprüngen durch das Zimmer
hetzte, mit schwabbelndem Bauch, wobei er mit einer imaginären Machete
auf das hilflose Tier einhackte.
Eine von Geralds Ansprachen fand ich besonders
unterhaltsam. Ihr Thema war ein Mechanismus des reaktiven Geistes, der
"missed withhold" (= übersehener zurückgehaltener Akt) hieß.
"Ein Withhold kommt nach einem Overt (=
verborgener Akt)", erklärte er, "es ist der Versuch, etwas zu verschleiern.
Wenn man etwas Verborgenes getan hat, versucht man natürlicherweise,
es nie gegenüber jemandem zu erwähnen. Das ist ein Withhold."
Der Missed Withhold ereignet sich, wenn
man denkt, jemand habe etwas über unseren Withhold, besser gesagt,
über den Overt er-
54
fahren. Irgendetwas in seinem Verhalten
veranlaßt uns zu der Befürchtung, er habe uns durchschaut. Aber
man weiß es nicht genau; und man wird schließlich fast verrückt,
weil man nicht sagen kann, ob er es nun wirklich weiß, oder nicht.
Zum Beispiel, du kommst spät am Abend nach Hause, du hast deine Frau
betrogen. Du gehst durch die Küche, und der Hund blickt dich seltsam
an. Er wedelt zwar mit dem Schwanz, aber er hat einen komischen Augenausdruck
- du trittst nach ihm. Das ist ein Missed Withhold. Solche Vorgänge
verursachen viel ärger.
"Und jetzt, versammelte Hoheiten", fügte
er mit einem Lächeln hinzu, "werde ich euch eins der innersten Geheimnisse
des menschlichen Wesens verraten. Wenn ihr das durchschaut habt, kennt
ihr die Menschen besser. Wenn jemand euch ein wenig zu heftig kritisiert,
ohne daß er einen offensichtlichen Grund hat, dann gibt es nur eine
Erklärung: Er hat euch etwas angetan. Er hat an euch einen Overt begangen,
etwas ganz Bestimmtes. Vielleicht trägt er gar keine Schuld, aber
er fühlt sich schuldig - er hat euch gegenüber einen Withhold,
sogar einen Missed Withhold; er weiß ja nicht, ob ihr ihn durchschaut.
Deshalb greift er euch an. Laßt euch das nicht entgehen: Laßt
ihn sich hinsetzen und euch ansehen, dann fragt ihn: ,Was hast du mir angetan?'"
"Einfach so?" fragte Empress.
"Einfach so. Ihr dürft ihn nicht
ausweichen lassen. Sagt ihm: ,Nun komm schon, sei ehrlich, sag mir, was
du mir getan hast!' Dabei müßt ihr ihm voll in die Augen sehen.
Laßt euch nicht abschütteln, bevor er es zugegeben hat. Dann
ist ihm wieder wohl und ihr seid wieder Freunde. Wahrscheinlich ist er
euch sein Leben lang dafür dankbar, was ihr für ihn getan habt."
"Wie wahr", dachte ich, "wie tiefsinnig.
Das erklärt so vieles."
Auch außerhalb des Unterrichts wandte
ich dieses Prinzip in meinem alltäglichen Denken an. Ich hatte das
Gefühl, daß ich damit viel von dem besser verstand, was um mich
vorging. Leider wollte mich in dieser Woche niemand kritisieren. Darum
konnte ich meine neue Erkenntnis nicht voll ausnutzen. Ich versuchte, eine
Begegnung mit einem Mädchen zu erzwingen, das seit einem Streit vor
mehreren Jahren nichts mehr von mir wissen wollte. Falls ich mich mit ihr
verabreden konnte, wollte ich sie in ein Café einladen; dabei wollte
ich ihr dann fest in die Augen blicken und sie fragen: "Also: Was hast
du mir vor ein paar Jahren getan?" Leider lehnte sie die Verabredung ab;
deshalb konnte ich nicht feststellen, ob Geralds Methode in jedem Fall
funktionierte.
An einem anderen Abend sprach Gerald über
abstraktere Themen:
55
"Der Thetan als ein Static, At Cause über
das MEST (= der Thetan als ein statisches, Materie, Energie, Raum und Zeit
erschaffendes Wesen)." Ich versuchte, mich in der Rolle des statischen
Wesens zu sehen, das MEST erschuf. Es war schwer, diese Vorstellungen zu
verstehen, und ich war keineswegs sicher, ob sie sich mit meinen eigenen,
vage mystischen Gedanken trafen. Ich hätte sehr gern einen Ausweg
gefunden, obwohl ich mich zu jener Zeit kaum noch daran erinnern konnte,
was ich früher für wahrscheinlich gehalten hatte.
"Gerald", sagte ich, bemüht ihm zu
glauben, obwohl es mir irgendwie widerstrebte, "willst du vielleicht ein
kosmisches Bewußtsein beschreiben, das alle Gegensätze als Teil
einer ineinanderfließenden Totalität umfaßt?"
"Ganz und gar nicht, euer Ehren...mit
einer ineinanderfließenden Totalität hat es nichts zu tun."
Gerald neigte dazu, sehr lyrische Vokabeln
(die Umberto jedesmal erschreckten) zu gebrauchen, um die hochfliegenden
Gedanken eines oberen Scientologen zu beschreiben.
"Vergeßt nie, daß ihr wundervolle
Wesen seid - Ihr seid wunderbar. Und sucht bei anderen immer nach dieser
Schönheit. Die Menschen sind im Grunde gut und wundervoll: seid immer
bereit, ihnen wahre Existenz zuzubilligen. Pflegt die Rosen und nicht die
Dornen...und ihr schreitet aus der schwarzen Nacht der Pein auf die grünen
Auen und in den blauen Himmel der Heiterkeit..."
Sonntagabends gab Gerald kostenlose Einführungsreferate,
um für seine Agentur zu werben. Es gab Erfrischungen, Fragen waren
zugelassen, die in der Regel zu Diskussionen führten. Ich schleppte
so viele meiner Freunde herbei, wie ich nur konnte. Bei diesen Gelegenheiten
begann Gerald mit Ausführungen über die Begründung der Scientology
in der östlichen Weisheit und kam dann zu seiner Standard-Ansprache:
über die Fortschritte, die man vom Auditieren erwarten durfte.
"Unser endgültiges Ziel ist es, dies
Ding, das wir reaktiven Geist nennen, völlig auszuradieren. Mit anderen
Worten, wir werden unser Unterbewußtsein los. Es gibt fünf wichtige
Schritte zu diesem Ziel: die unteren Grade, die Sie hier im Haus absolvieren
können. Zuerst erreichen Sie die Kommunikation-Release, wodurch Sie
mit jedermann über alles zu jeder Zeit reden können. Dann werden
Sie ein Problem-Release, fortan können Sie ein Problem sofort durchschauen.
Sie erkennen darin zwei widersprüchliche Behauptungen, wovon eine
eine Lüge ist. Nun können Sie die Lüge entdecken, und in
der Regel löst das das Problem. Die Overt-Release befreit Sie von
Schuld aus Ihrer Vergangenheit, und die nächste Stufe, ARC-Brüche,
56
beseitigt alle Störungen, die Ihnen
durch dritte Personen entstanden sind. Grad IV, der Ihr Service Facsimile
offenlegt, heißt Fähigkeiten-Release, denn es macht Sie so sehr
frei von Ihrem reaktiven Geist, daß Sie Ihr Talent voll entwickeln
können. Es ist kein Zufall, daß so viele Preclears einen künstlerischen
Beruf haben. Der Scientology-Prozeß kann Ihnen viel dabei nützen!
Sie werden in der Lage sein, zurückzuschauen und zu erkennen, warum
so viele Dinge in Ihrem Leben nicht erfolgreich waren. Falls Sie sich für
den Dianetic-Kurs einschreiben wollen, werden Sie Ihren Geist verstehen
lernen, und Sie werden wissen, wie Sie sich gegenüber dem reaktiven
Geist bei anderen verhalten müssen."
Den Gästen wurde dann ein großes
Schaubild gezeigt, das eine Übersicht der verschiedenen Klassifizierungen,
Stufen, Erkenntnisse, Ränge und Zeugnisse enthielt. Im wesentlichen
enthielt es eine mehr ins einzelne gehende Wiedergabe von Geralds Vorlesung
über die Stufen. Das Dokument war in zwei etwa gleich große
Hälften geteilt: "Scientology-Training" und "Scientology-Prozesse".
Es wirkte wie eine Bienenwabe aus Zahlenkolonnen, Kästchen, Linien,
Scientology-Ausdrücken - viele davon unverständlich - und nach
oben zeigenden Pfeilen. Das alles mußte auf Uneingeweihte wirken,
wie ein Computer-Programm, das in einer der neuen symbolischen Sprachen
geschrieben war. Mir schien das ein ziemlich unwirksamer Weg zu sein, neue
Mitglieder für die Bewegung zu werben, es sei denn, daß sich
manche Leute durch die komplizierte Darstellung beeindrucken ließen.
Gerald bat mich oft, noch mehr Gäste
zu diesen Sonntagsveranstaltungen mitzubringen. Er fragte außerdem
nach einer Liste mit den Telefonnummern meiner Freunde. Das störte
mich. Ich war nicht der Ansicht, daß er auf jeden einen guten Eindruck
machte: Seine historischen Kenntnisse waren fragwürdig, orientalische
Worte sprach er falsch aus, und er wiederholte sich ständig, um seine
Ansichten klar zu machen, als ob er Kretins oder Roboter vor sich hätte.
Nach einigen Sonntagabenden wußte ich schon im voraus, was er sagen
würde, und ging nicht mehr hin.
Trotzdem hatten die zusätzlichen
Vorlesungen ihre Wirkung erzielt. Ich hatte mich nie sehr um den spezifischen
Wert der einzelnen Grade gekümmert, Grad IV ausgenommen. Aber nachdem
ich alle Einzelheiten so oft angehört hatte, fing ich an, mich tatsächlich
als ein Kommunikation-Release, als ein Problem-Release und so weiter zu
fühlen. Das ging so weit, daß ich bei Geralds Referaten ins
Schwelgen kam. Er berichtete von
meinen Fortschritten, er beschrieb
mich
als Grad IV Release. Ich dachte an meinen Konzertabend vor
57
ein paar Monaten zurück: Die Initiative,
die Town Hall zu mieten, den ganzen Sommer zu üben und zum erstenmal
allein aufzutreten, wie ich es seit Jahren vorgehabt hatte, die Fähigkeit,
mit einem großen Publikum in Kommunikation zu kommen - jetzt war
mir völlig klar, daß alles, was mit dem Konzert zusammenhing,
letzten Endes doch ein Erfolg des Auditierens war. Ich verdankte es der
Scientology, auch wenn ich mich anfangs geärgert hatte, als Maurice
den Leuten genau das gesagt hatte. Ich war froh, daß ich den Kurs
genommen hatte, daß ich auch zu den Sonntagsvorlesungen gegangen
war. Erst nachdem Gerald die lange Reihe meiner Fortschritte aufgezählt
hatte, wurden sie für mich auch Wirklichkeit.
Als die meisten Tonbänder abgespielt
waren, erhielten wir einen Packen von Bulletins (= Hubbards Bekanntmachungen),
die wir zuhause studieren sollten, ferner ein Kontrollformular, in dem
wir die abgehörten Bänder anstreichen sollten, ebenso die Bücher
und Bulletins, die wir lasen, und später die praktischen Übungen.
Als Höhepunkt des ganzen Kurses sollten wir die Erfahrung machen,
Preclears mit Hilfe der Dianetic-Stufen zu auditieren. Im Dianetic-Paket
gab es etwa dreißig Bulletins, sie waren alle in rot oder grün
gedruckt, mit Ausnahme von zwei blauen, die nicht von Hubbard verfaßt
waren. Die Bulletins bestanden entweder aus einem einzigen Absatz oder
aus drei oder vier Seiten. Jedes Bulletin hatte einen besonderen Titel,
es enthielt ferner Anweisungen, wo es verteilt werden durfte. Sie datierten
alle aus den Jahren 1962 bis 1967. Das ganze Paket mit seinen zusammengehefteten
Vervielfältigungen wirkte, als ob Hubbard im Laufe der Jahre Dutzende
von Bulletins herausgegeben und dann einen Teil davon unorganisch zusammengestellt
hatte, als er es für notwendig hielt, diesen Kurs einzurichten. Die
für besonders wichtig gehaltenen Bulletins waren auf dem Kontrollformular
mit einem Stern versehen. Über sie mußten die Schüler bei
einem Instruktor Prüfungen ablegen. Es gab ferner eine Liste mit 174
Abkürzungen.
Die meisten Bulletins überflog ich
nur, nur die mit einem Stern ver-
58
sehenen mußte man auswendig lernen.
Das Bulletin zum Thema "Heilung, Wahnsinn und die Quellen von Beschwernissen"
ließ erkennen, daß die Position der Scientology in diesem Bereich
unter juristischen Gesichtspunkten dürftig war. Es betonte, daß
"Heilung" sich nur auf "die Auflösung von Schwierigkeiten, die aus
geistigen oder seelischen Gründen entstehen" beziehe. Ein Preclear,
der physisch krank sei, solle, so hieß es weiter, zu einem Arzt geschickt
werden. Wenn sich die Krankheit weder als rein physisch noch als vorhersagbar
heilbar erweise und der Arzt das bestätige, dann solle ein geistiger
oder seelischer Ursprung dieser Krankheit angenommen werden. In diesem
Falle könne ein Kranker auditiert werden. Das gab dem Auditor viel
Spielraum; denn viele Krankheiten können nicht als "ausschließlich
physisch" bedingt angesehen werden; andere wiederum, wie Krebs, können
nicht als "unbedingt heilbar" bezeichnet werden.
Eine ähnliche Klausel sorgte für
Preclears, die erwiesenermaßen geisteskrank sind. Sie dürften
auditiert werden, solange sie nicht in einer Heilanstalt waren.
Es folgt eine Liste von Eigenschaften,
die einen Menschen als "mögliche Quelle von Schwierigkeiten" vom Auditieren
strikt ausschließen:
Alle, die einem Menschen
nahestehen, der ein Gegner der Scientologie ist (Suppressive Personen);
alle, die gedroht haben,
die Scientology-Bewegung zu verklagen oder sie sonst zu behindern;
alle, die nur neugierig
sind, also nur sehen wollen, wie die Scientologie funktioniert;
alle, die Informationen
für die Presse sammeln;
alle, die sich ein Urteil
über Scientology verschaffen wollen;
alle Kriminellen.
Ich mußte über die Klausel lächeln,
die Neugierige betraf. Ich war also selbst eine "mögliche Quelle von
Schwierigkeiten", doch niemand hatte es bemerkt.
Ein anderes Bulletin enthält die
Eigenschaften des SP (der suppressiven Person), die auch als Anti-Scientologen
oder als "unsoziale Personen" bekannt sind. SP sind:
alle, die häufig Verallgemeinerungen
gebrauchen, z. B. "es wird behauptet";
alle, die ständig schlechte
Nachrichten verbreiten - ein SP läßt jede Nachricht schlechter
erscheinen, als sie ist;
alle, die nicht glauben,
daß man auf dieser Welt jemandem helfen kann;
alle, die immer die falschen
Ziele bekämpfen (wenn sein Wagen eine Panne hat, ohrfeigt er seine
Frau);
alle, die nicht auf das
Auditieren eingehen, nicht reagieren;
alle, die sich vor anderen
Menschen übertrieben fürchten. Ein SP kann völlig normal
erscheinen, trotzdem bewirkt er, daß jeder in seinem Umkreis krank,
erfolglos und unsicher wird. Ein Preclear, der in Verbindung zu einem SP
steht, macht beim Auditieren keinerlei Fortschritte. Dadurch wird er selbst
59
zur "möglichen Quelle von Schwierigkeiten". Es ist Sache des Auditors herauszubekommen, wer ihn zu Boden zieht, zuhause, an der Arbeitsstelle, oder von einem viele tausend Meilen entfernten Ort aus. Dies geschieht in einer S&D-Sitzung. Wenn der SP gefunden ist, schreibt ihm der Preclear einen Scheidebrief. Glücklicherweise sind nur zwanzig Prozent der Bevölkerung SP, und davon wiederum sind nur zweieinhalb Prozent wirklich gefährlich.
Ich nahm diese Bulletins nicht allzu ernst.
Gerald und Maurice hatten mit mir S&D-Sitzungen absolviert, aber sie
hatten keine Scheide-Briefe von mir verlangt. Obwohl in den Organisationen
und Agenturen die Anweisungen im Hinblick auf Heilungen und Geisteskrankheiten
befolgt werden mußten, um legale Schwierigkeiten zu vermeiden, war
doch ganz offensichtlich, daß alle, die dorthin kamen, in irgendeiner
Form Heilung suchten. Was sollte daran falsch sein? Ich neigte ohnehin
dazu, mit allem zu sympathisieren, was ärzte und Psychiater umging.
Wenn die Scientology Erfolg hatte, um so besser. Und wenn sie moralisch
bedenklich war, was war dann mit den ärzten, ihren Tranquillizern,
unnötigen Operationen und den Patienten, die ohne erkennbaren Grund
in Heilanstalten saßen?
Was die "Quellen von Schwierigkeiten"
und SP-Personen anging, war Hubbards Stil manchmal prägnant, häufiger
langweilig dozierend; vollends verrückt aber wurde es, wenn er sich
mit den Feinden der Scientology beschäftigte. Ich wußte, daß
die Org-Mitglieder die Bulletins buchstabengetreu befolgten, aber das hieß
nicht, daß ich das Gleiche tun mußte. Außerdem glaubte
ich, keine SPs zu kennen. Felicia und Gerald nahmen die Sache auch nicht
ernst. Sie behandelten das Ganze pragmatisch und beschäftigten sich
hauptsächlich damit, was für den Kurs wesentlich war: die Unterrichtung
in den Dingen, die man wissen mußte, um Preclears über die Dianetic-Grade
zu auditieren, was unser Ziel war. Sie überprüften mich oberflächlich
hinsichtlich der SPs und der "Quellen von Schwierigkeiten", wonach ich
sofort alles wieder vergaß, was ich gelernt hatte.
Am schwersten war es, das Bulletin zu
lernen, das über die Tone Scale (= Stimmungsskala) informierte, eine
Tabelle, auf der die verschiedenen Stadien des Befindens oder der Gefühle
in eine Reihenfolge gebracht waren, von den negativen zu den positiven.
Auf der Liste stand unter anderem: Apathie, verborgene Feindseligkeit,
Sorge, Furcht, Antagonismus, Langeweile, Enthusiasmus und Heiterkeit. Jeder
Punkt hatte eine Nummer, von 0 bis 20, dies höchste Stadium war die
"Heiterkeit des Seins". Eines der Ziele des Auditierens war selbstredend,
die Stimmungslage des Preclear zu heben.
Verschiedene Stadien unter 0, zum Beispiel
"Sich Verstecken" oder "Einen Körper Brauchen", hatten Minus-Nummern.
Ich bat Gerald,
60
das zu erklären, worauf er in seiner
nächsten Vorlesung auf die Stimmungsskala einging.
"Die Skala über 0 gibt die Tonleiter
der Gefühle wieder. Man kann sie in Sekunden durchmessen, wobei allerdings
nie auch nur ein Punkt ausgelassen wird. Man kann zum Beispiel so schnell
von Apathie zum Enthusiasmus aufsteigen, daß man die Zwischenstadien
nicht bemerkt - es gibt Hunderte, die nicht auf der Tabelle sind. Die Punkte,
die sich auf der Skala unter 0 befinden, betreffen die geistige Situation
des Thetan; ihr Umfang ist noch viel größer."
"Der Tod des physischen Körpers bedeutet
nicht die Vernichtung des Thetan. Andererseits sind viele Leute, die angeblich
lebendig sind, ziemlich im unteren Teil der Tabelle angesiedelt, wenn es
um das Wissen über ihr eigenes Wissen geht. Sie sind eigentlich schon
mehr als tot."
Ich würde euch diese Daten nicht geben, wenn sie nicht mit Leichtigkeit an jedem Preclear demonstriert werden könnten. Und ich würde sie euch nicht geben, wenn ihr sie nicht nötig hättet. Hier sind sie.Die Mitteilungen über die Dianetic waren der Kern des Bulletin-Pakets in unserem Kurs. Obwohl ein Teil des Materials eher technischer Natur war, konnte man doch erkennen, daß Dianetic-Auditieren heute einfacher war als 1950. Jetzt besaßen wir den E-Meter, um Spannungen sofort aufzuspüren und abzubauen. Statt jedes einzelne Engramm des Preclear zu behandeln, brauchte der Auditor einfach nur die Nadel auf der Skala des Meters zu beobachten. Es war ein Kinderspiel, den Augenblick der Dianetic-Release zu erkennen. Es genügte, wenn man eine "schwebende Nadel" erkennen konnte: wenn die Nadel auf der größeren der beiden Skalen träge hin und her schwankte, als ob sie durch nichts gestützt wurde, dann war der Preclear von den Engrammen befreit.L. RON HUBBARD
61
spiel: "Aha, mein Gedächtnis ist besser,
als ich glaubte!" Zur gleichen Zeit hob sich seine Gemütslage spürbar
bis zum Enthusiasmus, Punkt 4.0 auf der Stimmungsskala, was einen positiven
Effekt anzeigt: "Der PC ist fröhlich!" Beim ersten Anzeichen einer
schwebenden Nadel mußte der Auditor mit ruhiger Stimme sagen: "Erledigt",
und den PC veranlassen, die Konservenbüchsen abzustellen. Ein Aufseher
mußte dann das "Release" auf dem Meter nachprüfen.
"Secondarien" wurden jetzt als notwendige
Vorbereitung auf die Engramme (die ziemlich schrecklich verlaufen konnten)
angesehen. Der Auditor gab zunächst einen R-Faktor, indem er erklärte,
einige Verlust-Erlebnisse sollten festgestellt und dann mehrfach durchgenommen
werden. Es sei am besten, mit einem leichten Verlust zu beginnen, zum Beispiel
einem verlorenen Gegenstand. Sowie sich der PC an etwas Derartiges erinnerte,
wurde er vom Auditor gebeten, an den Anfang des Erlebnisses zurückzugehen
und dann alles der Reihe nach zu berichten. Der Auditor sollte dann "bestätigen",
d. h. dem PC danken und ihn danach auffordern, das ganze Erlebnis nochmals
durchzugehen. Nachdem der leichte Verlust ein, zweimal behandelt war, wurde
der PC aufgefordert, zu einem früheren Verlust zurückzugehen.
Früher oder später würde er so bei einem großen Verlust
ankommen, etwa bei dem Tod eines lieben Menschen. Die ganze Prozedur wurde
dann mehrfach wiederholt, bis es wieder zur schwebenden Nadel bei gleichzeitig
gutem Ergebnis auf der Stimmungsskala kam. Wiederum überprüfte
ein Aufseher die Release.
Bei den Engrammen wurde die gleiche Methode
angewandt: Augenblicke des Schmerzes, der Bewußtlosigkeit, des Schocks
oder extremen seelischen Unbehagens wurden von dem Preclear noch einmal
durchlebt. Auch hier begann man mit einem einfachen Vorgang, zum Beispiel
einem aufgeschnittenen Finger. Dann ging man zu früheren Vorfällen
zurück, bis das Ende der Kette erreicht war. Das konnte bis zu früheren
Existenzen des PC gehen. Vielleicht kam es jetzt zur schwebenden Nadel.
Falls nicht, wurde eine weitere Kette von Vorfällen behandelt, notfalls
noch eine und immer noch eine, bis die schwebende Nadel erreicht war, falls
auch die Stimmungslage ein gutes Ergebnis anzeigte, war damit die Sitzung
beendet. Nach der Überprüfung wurde der Preclear zum Dianetic
Release erklärt.
Beim Studium dieser Bulletins, dem theoretischen
Teil des Kurses, mußten die Teilnehmer "Demos" (Demonstrationsobjekte)
anfertigen. Mit Hilfe von Büroklammern, Bleistiften und anderen kleinen
Gegenständen illustrierten sie Begriffe der Scientology. Aus Radiergummis
ließen sich Engramme machen, und die Zeit-Spur ließ sich gut
durch einen Bleistift oder ein Stück Bindfaden darstellen...
62
Dies ist nützliches Wissen. Damit sehen die Blinden wieder, die Lahmen gehen, die Kranken werden gesund, die Unvernünftigen werden vernünftig und die Gesunden werden noch gesünder.ARC hat beim Auditieren sehr große Bedeutung. Das A bedeutet Affinität (= hier: enge Verbindung, Wahlverwandtschaft), das R Realität und das C Kommunikation. Zusammengenommen bedeutet ARC das aus einer starken und realen inneren Verbindung erwachsende "Verständnis". Ganz offensichtlich meint dieser Gedanke einfach die Qualität einer warmen persönlichen Beziehung. Aber für einen Scientologen ist ARC mit einem intensiven, geradezu mystischen Sinn ausgestattet. ARC steht in engem Zusammenhang mit der Auditionssitzung bis hin zum "Bestätigen" (= dem formellen 'Danke' nach jeder Antwort), wobei man dem Preclear tief in die Augen schaut. Ein Auditor tut alles Erdenkliche, um einen ARC-Bruch zu vermeiden, einen plötzlichen Verlust von Affinität, Realität oder Kommunikation. Die Schüler wenden viel Zeit auf, um gewisse Trainingsmethoden - "TRs" - zu erlernen, die beim Auditieren wesentlich sind: wie man dem Preclear entgegentritt, die Auditionskommandos erteilt und bestätigt, und bei alledem ARC aufrecht erhält. Die TRs werden für so bedeutsam gehalten, daß ihre Bezeichnungen - TR l, TR 2 usw. - zu Attributen der Schüler werden. Sie lernen die TRs nicht nur, sie haben sie; zum Beispiel: "Er hat einen wundervollen TR 3." Die TRs machen mehr Spaß als die Tonbänder und Bulletins, da sie den Schüler zunehmend in Situationen bringen, die dem Auditieren entsprechen.L. RON HUBBARD
63
uns todmüde. Das Gefühl, unbedingt
schlucken zu müssen, das es zu unterdrücken galt, ließ
unsere Gesichter starr werden, und der Versuch, das zu ändern, führte
erneut zum Kommando: "Fehler - Neu anfangen!"
Margo und ich brauchten lange, bis wir
TR 0 lernten. Gerald kam gelegentlich in das Zimmer und machte uns auf
besonders kritische Punkte aufmerksam.
"Sie hat einen Fehler gemacht, Bob. Sehen
Sie nicht, daß ihr Hals links steif wird?" sagte er zum Beispiel;
oder: "Margo, er macht einen Fehler. Er macht ein trauriges Gesicht. Er
hat höchstens noch 0,5 auf der Stimmungsskala!"
Wir brauchten einen ganzen Abend und den
größten Teil eines zweiten, um TR 0 zu lernen, bevor Gerald
mit uns zufrieden war. Am zweiten Abend fanden wir es schon angenehm, uns
ständig in die Augen zu schauen.
Als nächstes war der "Stierkampf"
an der Reihe. Um meinen schwachen Punkt zu finden, konzentrierte sich Margo
auf die Frage "Warum hat ein netter junger Mann wie du noch keine Frau
gefunden?" Sie spielte mir eine Nymphomanin vor, die mich verführen
wollte. Gerald kam herein und forderte uns auf, die Rollen zu tauschen.
Ich brachte Margo zum Lachen, indem ich auf der Bettvorlage herumhüpfte
wie ein Affe.
Gerald flüsterte mir ins Ohr: "Es
gibt noch viel mehr, als sie nur zum Lachen zu bringen. Versuchen Sie es
mal mit dem Schwächepunkt 'Nicht-Existenz,! Sie werden schon sehen.
Sagen Sie ihr: 'Du bist nicht da," Ich wiederholte den Satz immer wieder
und schmückte ihn aus: "Margo, du hältst es nicht aus! Heimlich
würdest du viel darum geben, wenn du verschwinden könntest! Du
bist nicht da!"
Sie machte ein ängstliches Gesicht.
Gerald fiel ein: "Gut. Weiter so. Sie vollführt Bocksprünge auf
der Stimmungsskala. Jetzt ist sie hellwach. Wenn man die TRs macht, verbessert
sich die Stimmungslage."
Allmählich arbeiteten wir uns zu
TR 4 vor. Das war eine Kombination aller vorhergehenden TRs und kam fast
dem richtigen Auditieren gleich. Der Schüler mußte versuchen,
auf seine Fragen Antworten zu bekommen, obgleich der Trainer versuchte,
ihn aus der Fassung zu bringen. Waren die äußerungen des Trainers
aber ernst gemeint, mußte der Schüler sie "bestätigen".
Auf diese Weise lernte der Schüler, sicher zu beurteilen, wie die
Reaktionen eines Preclear zu bewerten waren. Zum Beispiel:
"Können Vögel fliegen?"
"Welche Vögel?" (Der Trainer antwortet
ausweichend.)
"Ich wiederhole die Auditionsfrage: .'Können
Vögel fliegen?'"
64
Der Trainer bewegte seine Arme auf und
nieder. Er will den Schüler aus der Fassung bringen.
"Ich wiederhole die Auditionsfrage: .'Können
Vögel fliegen?'"
"Nein." (Immerhin eine Antwort.)
"Danke. Können Vögel fliegen?"
"Gestern abend hatte ich ein interessantes
Erlebnis ... usw., usw."
(Der Auditor hört ruhig zu.) Dann:
"Fein.
Können Vögel fliegen?"
Wenn Frau Honigkuchen zu uns kommt, um zu lernen, dann verwandle den unbestimmten Zweifel in ihrem Auge in eine feste Überzeugung. Dadurch wird sie Gewinn haben - wie wir alle. Aber wenn du ihren Zweifeln nachgibst, dann verlieren wir alle.Ron Hubbard behauptete, die Verbreitung der Scientology sei leicht. Alle, die es nicht schafften oder die Bemühungen anderer kritisierten, hatten etwas zu verbergen, vielleicht suppressive Tendenzen. Wenn man sich diesem Thema hinreichend widmete, konnte man sicher gehen, daß der Werber den nötigen Fleiß zeigte. Bei einer korrekten Werbung waren vier Punkte zu beachten:L. RON HUBBARD
Kontakt:
Um deutlich zu sein: Das Auditieren kann ohne einen Elektro-Psycho-Meter nicht optimal sein. Ein Auditor ohne seinen E-Meter erinnert mich an einen Jäger, der in stock-65
dunkler Nacht Enten jagen will, indem er blindlings um sich schießt.Eine dünne Glasscheibe bedeckt die Oberfläche des Meters. Am auffälligsten ist die leicht gebogene Nadel-Skala, die etwa zwei Drittel der Oberfläche einnimmt. Der elektrische Strom, den der Meter ständig in die Hände des Preclear schickt, bildet einen Stromkreis. Die Bewegungen der Nadel sind angeblich von der sich ändernden Energie und Masse der Gedanken des Preclear verursacht, die an der Grenze zwischen dem Unterbewußtsein und dem Bewußtsein entstehen und elektrische Ladung in den Meter zurückleiten.L. RON HUBBARD
66
Gewisse Methoden tragen zu raschen Fortschritten im Verlauf der Sitzung bei. Der "R-Faktor", der vor den einzelnen Prozessen vermittelt wird, indem man den nächsten Schritt erklärt, soll dem Preclear jede Nervosität nehmen. Diese Auskünfte verringern den Eindruck des Geheimnisvollen, der den Prozeß und den Meter umgibt, sie tragen auch zum Verständnis der jeweiligen Fachausdrücke bei. Hubbard legt besonderen Nachdruck auf den "Auditor-Kodex", die Maßregeln für das Verhalten des Auditors gegenüber dem Preclear innerhalb und außerhalb der Sitzungen. Ihr Zweck ist es, ARC aufrecht zu erhalten.
67
Posse nur zu meinem Vergnügen aufgezogen.
Es ist der größte Betrug des 20. Jahrhunderts.' Gleichzeitig
beobachtete ich die Nadel aus den Augenwinkeln. Das erste Anzeichen, daß
überhaupt etwas passierte, war, daß die Anzeige der Abstimm-Skala
um eineinhalb Punkte abfiel. Plötzlich änderte sich sein Verhalten.
'Ich wußte es', schrie er, 'ich wußte es die ganze Zeit. Deshalb
war ich so fanatisch - tief im Innern wußte ich es und ich hatte
nicht den Mut zuzugeben, daß alles Quatsch ist. Jetzt bin ich frei!'
Während dieser Worte bekam er eine schwebende Nadel, und ich hatte
einen weiteren unlösbaren Fall gelöst."
68
Das hat unsere Ehe zerstört. Wie konnte
sie Achtung vor einem Kerl wie Maurice haben? Er tut, was ihm gerade einfällt,
ganz egal, ob er andere damit beleidigt. Er ist in jeder Beziehung pervers.
Erst macht er dich fertig, dann mußt du noch mehr Geld anlegen, damit
er den Schaden repariert. Denk an die Sitzungen mit Gerald, die du brauchtest,
weil Maurice illegale Sitzungen mit dir gemacht hat. Es gibt nichts, was
er nicht tun würde. Habe ich dir erzählt, daß er mich eines
Tages sogar telefonisch auditiert hat? Eines Abends rief er mich an. Ich
beschwerte mich, weil ich Kopfschmerzen hatte. Er sagte: '0.k., fangen
wir gleich mit der Sitzung an'. Ich wollte widersprechen. Er brüllte:
'Mund halten. Tu, was ich dir sage! Was hast du schon zu verlieren. Sag
mir als Antwort, was dir als erstes einfällt. Welches Jahr ist es?'
- '1845', schätzte ich. 'In Ordnung. Und was passiert?' 'Eine Hinrichtung.
Ich bin es, - ich werde aufgehängt...' - Er ging das mehrfach mit
mir durch. Mitten drin hing er auf. Als ich am nächsten Morgen aufwachte,
meinte ich, mein Kopf würde zerspringen."
"Er meint es gut", sagte ich.
"Wirklich? Wie findest du aber das: Du
kennst Empress Green vom Kurs. Weißt du, wie sie mit ihm bekannt
wurde? Er beschaffte sich ihre Telefonnummer, rief sie aus heiterem Himmel
an und überredete sie, sich von ihm draußen in Queens auditieren
zu lassen. Als sie bei ihm ankam, machte er seine Tür in einem purpurroten
Bademantel auf. Ein unglaublicher Gestank stieg ihr in die Nase. Den Grund
dafür hörte sie von Maurice selbst. Er hatte sich die Unterhosen
schmutzig gemacht, als er eilig zur U-Bahn rannte, und hatte es nicht für
nötig befunden, sich zu säubern."
Umberto war entmutigt, was seinen eigenen
Fall anging: "Ich bin ziemlich sicher, daß sie mich im Saint Hill
nicht richtig auditiert haben. Ich wurde auffällig schnell zum Release
erklärt. Selbst nach den Scientology-Regeln war es zu schnell. Zusätzlich
zu den 1200 Dollar für Grad V Power mußte ich weitere Hunderter
hinblättern, um Review-Sitzungen zu absolvieren. Und nun muß
ich nach England zurück, wenn ich mich in Ordnung bringen lassen will.
Gerald sagt, er könnte es auch tun, aber nur im Saint Hill hätten
sie das Recht, die Power-Release zu wiederholen."
Ich sprach mit Gerald darüber und
er stimmte mir zu, daß Umbertos Power-Prozeß durch einen Rückfall
aufgehoben war.
"Aber ich glaube nicht, daß er schon
wieder nach England reisen kann", sagte ich.
"Gut, Euer Ehren. Ich werde ans Hill schreiben
und fragen, ob sie mir erlauben, daß ich ihm helfe. Ich habe ja selbst
dort zwei Jahre
69
lang zum Grad V auditiert. Inzwischen versuchen
Sie doch, ihn ein wenig aufzuheitern."
Später vertraute mir Umberto an,
was mit seiner Ehe los war. Seine ersten Review-Sitzungen mit Gerald waren
hilfreich gewesen. Aber er ärgerte sich, weil er zu immer neuen Kursen
in die Agentur kommen mußte. Den Ehebruch seiner Frau, der zweifellos
schon in England begonnen hatte, akzeptierte er. Ebenso war er mit der
Scheidung einverstanden. Aber es störte ihn, daß sie sich Gerald
zugewandt hatte. Der Besucher aus England hatte Umberto nie sehr imponiert.
Doch Gerald war da, und ständig bot er ihm an, ihn gratis zu auditieren.
Umberto wurde immer deutlicher, wie lächerlich die Situation war.
Er konnte seine Bitterkeit nicht mehr länger verheimlichen.
Umberto war groß und aristokratisch
schlank. Der rundliche Auditor Klasse VII war zwar auch nicht häßlich,
aber neben dem blendenden MEST-Körper von Felicia wirkte er irgendwie
unpassend.
Ich selbst nahm die kaum verhüllte
Affäre zwischen den beiden hin. Vermutlich war es unter Scientologen
ganz normal. Jedes andere Verhalten wäre eine Consideration gewesen.
Und ich hatte angenommen, daß Umberto ähnlich dachte.
Aber jetzt begann ich, Umberto nicht ohne
Mißtrauen anzusehen. Er war ein Grad V Power Release, und doch behauptete
er, die Scientologie habe ihm nicht geholfen. Er hatte sich selbst geschadet,
nur weil er sich über seine Frau und ihren Liebhaber ärgerte,
obwohl er die ganze Zeit so tat, als sei ihm egal, was sie taten. Und darüber
hinaus hatte er die Gratis-Sitzungen ausgeschlagen. Irgend etwas an ihm
mußte von Grund auf falsch sein.
Vielleicht waren Rons Bulletins doch mehr
als nur heiße Luft; vielleicht beschrieben sie die Tatsachen des
Lebens. Gerald hatte mit Umberto schon einen S&D-Prozeß absolviert
(= die Suche nach einer suppressiven Person in seiner Bekanntschaft); er
konnte also keine "mögliche Quelle von Schwierigkeiten" sein. Doch
wenn er selbst SP war? Umberto mochte wohl eine suppressive Person sein.
Ich wollte nicht dogmatisch sein, aber ich mußte aufpassen - oder
er würde mich verführen, ebenso negativ zu denken.
Aber Gerald hatte in seiner Vorlesung
doch gesagt, daß die Menschen im Grunde gut seien. Umberto hatte
nie versucht, mir auszureden, zum Saint Hill zu gehen, wie immer er selbst
darüber urteilte. Vielleicht hatte er doch noch einen Rest von Glauben
an die Scientology. Er hatte sich immer mit mir über meine Fortschritte
gefreut, und - seltsamerweise - hatte er mehr als andere dazu beigetragen,
daß ich mich der Bewegung angeschlossen hatte. Vor meiner ersten
Sit-
70
zung hatten seine vernünftigen und
zuweilen pointierten äußerungen über die Scientology meinen
ersten Eindruck korrigiert, alle Scientologen seien nur beschränkte
Anhänger eines verrückten Kultes. Nein, Umberto war im Grunde
gut. Er war mein Freund; und ich wollte seine augenblicklichen Schwierigkeiten
einem ausgeprägt melancholischen Zug seines Wesens zuschreiben. Es
gab immer noch Hoffnung für ihn, wenn er sich überreden ließ,
die Vergangenheit zu vergessen und seine Sitzungen mit Gerald wieder aufzunehmen.
- Allerdings: für eine vollkommene Heilung würde er wohl doch
nach England zurück müssen.
Der Dianetic Clear verhält sich zum gewöhnlichen normalen Individuum, wie der gewöhnliche Normale zum Geisteskranken.Mein erster Preclear war ein alter Freund, der in dem Ruf stand, eine glückliche Ehe zu führen. Während ich den E-Meter aufstellte und die Formulare für den Prozeß "Direkter Draht zum ARC" vorbereitete, beichtete er mir, daß er seit einem Jahr eine Geliebte habe. Gegenwärtig versuche er, unter mehreren komplizierten Plänen einen auszuwählen, um seine Frau zu einer Scheidung zu überreden. Gerald hatte erwähnt, es könne unter Umständen großer Überredungskünste bedürfen, um einen PC dazu zu bringen, über gewisse Dinge zu sprechen. Dieser hier hatte seine Information freiwillig gegeben. Offenbar versetzte schon die Atmosphäre der Sitzung manche Preclears in Beichtstimmung.L. RON HUBBARD
71
vor einer Sitzung keine Drogen einnehmen,
weil sich dadurch die Nadel festsetzt). Ein junger Mann, der innerhalb
von 90 Minuten ein wichtiges Engramm erreicht hatte, sagte mir später,
daß er vom vorhergehenden Abend noch völlig betrunken sei. Aber
da sich seine Nadel völlig frei auf der Skala bewegt hatte, wertete
ich ihn als Glücksfall und Dianetic Release. Ein anderer junger Mann
zerbrach eine Lampe in Geralds Wohnung, kurz bevor die Sitzung begann;
er hatte einen solchen ARC-Bruch entweder mit sich oder mit der Lampe,
daß ich ihn nicht auditieren konnte.
Von diesen Ausnahmen abgesehen, war mein
Auditieren erfolgreich, und ich genoß es sehr. Der letzte PC - eine
Frau - war mein Meisterstück. Gerald hatte sie schon stundenlang bearbeitet.
Aber ihre Stimmungslage war nicht gut, sie war deprimiert, sehr weit unten
auf der Stimmungsskala. Er übergab sie mir, was ich als großes
Kompliment empfand.
Sie war gerade dabei, ihren Mann zu verlassen.
Obwohl sie ihre persönlichen Probleme nicht verschwieg, hatte sie
erfolgreich vermieden, die wirkliche Quelle ihrer Sorgen anzugeben, ihre
mit starker Spannung aufgeladenen Secondarien und Engramme. Gerald hatte
vorausgesagt, sie würde eine schwer zu knackende Nuß sein. Ich
solle sie nicht vom Haken lassen, auch wenn sie sich eine ganze Woche lang
drehen und wenden würde. Sie hatte fast ständig eine nahezu schwebende
Nadel, die allerdings schneller schwankte als sie sollte. Die Abstimmskala
zeigte auf weniger als 2.0. Nach Geralds Worten bedeutete das, daß
sie an mangelndem Verantwortungsbewußtsein litt. Ich sollte mich
von der schwebenden Nadel nicht täuschen lassen und sie weiter auditieren,
bis der Abstimm-Knopf eine bessere Stimmungslage anzeigte.
Ich behandelte mit ihr eine Kette von
ehelichen Secondarien. Sie sprach über weiter zurückliegende
Vorfälle in ihrem Leben, um die gefährliche Spannung auf der
Zeit-Spur ihres gegenwärtigen Lebens nicht berühren zu müssen.
Ich brachte sie dazu, sich mit dem letzten heftigen Streit mit ihrem Mann
zu beschäftigen, und behandelte diesen Vorfall immer wieder von neuem.
Sie versicherte mir, sie habe kein wichtiges sexuelles Detail ausgelassen.
Während ich im Verlauf des Prozesses auf sie einhämmerte, verlief
ihre Stimmungskurve in weiten Abständen nach oben und nach unten.
Wenn sie im unteren Bereich der Skala war, weinte sie.
Endlich - ein großer Teil des dritten
Abends war schon vorbei - konnten wir ihren Widerstand brechen. Wir stießen
zu einem Grund-Engramm durch. Es handelte sich um ein Ereignis, als sie
noch ein Säugling war. In einer Klinik lag sie im Bett neben ihrer
72
Mutter, die vor Schmerzen schrie. Nach
mehrfachen Wiederholungen hatte sie eine gute Anzeige und ich eine weitere
Dianetic-Release. Gerald überprüfte sie. Innerhalb der letzten
Sitzung war ihre Ablese von unter zwei auf vier angestiegen und verweilte
jetzt zwischen zwei und drei. Er gratulierte mir und nannte mich einen
großen Auditor. Ich war stolz und froh.
Die Tonbänder, die Bulletins, Geralds
Vorlesungen, sogar selbst auditiert zu werden - das alles war nichts im
Vergleich zu der Erfahrung, selbst richtige PCs zu auditieren. Es hatte
mir ein Gefühl der Güte und der Macht gegeben, wenn ich einem
Preclear meine Fragen stellen durfte, wenn ich seine innersten Geheimnisse
anhörte und die Vorgänge auf dem Meter kontrollierte. Vor allem
mein letzter Fall. Das Mädchen hatte mir zugetraut, daß ich
sie über die Klippen ihrer Gefühle hinwegführen könnte.
Dabei hatte ich selbst doch kaum das Nötigste gelernt, um sie zu auditieren.
Die ganze Situation war einfach unwiderstehlich!
Gerald hatte gesagt, was wirkliches Wissen
betreffe, seien die meisten Leute mehr als tot. Wie wahr! Indem ich andere
Menschen auditierte, hatte ich das Leben aus einer neuen Perspektive kennengelernt.
Die Stimmung in der Agentur war fröhlich und pulsierend, die Welt
draußen voller Hoffnungslosigkeit: Was hatten die meisten Menschen
schon, das ihnen Hoffnung machen konnte?
73
wie man mir vorher gesagt hatte - von mir
erwartet, daß ich eine kurze Rede hielt, in der ich den Kurs und
meine Fortschritte preisen sollte. Es waren auch einige Leute von der New
York Org anwesend, und da gewisse Spannungen zwischen Org und Zweigstelle
bestanden, hatte ich das Gefühl, unter genauer Beobachtung zu stehen.
Die Scientologen von der Org trugen ihre
TRs überall mit sich herum wie Waffen. Das machte das Gespräch
mit ihnen mühsam: Ihre Augen wichen nie von denen ihres Gesprächspartners,
und sie "bestätigten" alles, was man ihnen sagte, mit einem abrupten
"Danke" oder "Fein", das sie einem ins Gesicht klatschten wie eine nasse
Makrele. Einer von ihnen, der eine Lederjacke trug, war mir besonders zuwider.
Geradezu strotzend vor TRs fragte er mich, wann ich nach England fahren
würde. Sobald ich das Geld hätte, antwortete ich. "Sie müssen
das Geld nur postulieren, und Sie reisen früher als Sie denken", sagte
er, womit er mir eine starke Dosis TR 0 verabreichte; denn nicht genug
Geld für das Auditieren zu haben, galt als besonders schwerwiegender
Fehler.
Von der Angewohnheit abgesehen, einem
dauernd in die Augen zu starren, fiel an den Org-Mitgliedern am meisten
auf, wie sie sprachen. Genau genommen hatten sie einen eigenen Dialekt,
der immer dann, wenn er für sie besonders bedeutsam klang, auf Nicht-Eingeweihte
wie purer Schwachsinn wirkte. Natürlich würzten sie ihre Sprache
großzügig mit Hubbards Terminologie, die mit der Ausnahme weniger
Begriffe aus Kunstwörtern bestand. Diese Wörter bezogen sich
dann auf das Auditieren, den reaktiven Geist usw. Andere, nicht technisch
gebrauchte Vokabeln waren mit mystischem Tiefsinn befrachtet: ganz alltägliche
Wörter wie "handhaben", "Absicht", "fließen". Verben wurden
zu Substantiven gemacht und umgekehrt, Adjektive in Verben oder Substantive
verwandelt, zum Beispiel "clear", das in jeder dieser drei Wortarten gebraucht
wurde. In diesem Idiom wurde auch den Präpositionen übel mitgespielt,
besonders "in" und "out": die Rangstufen, die Ethik, die Postulate eines
Scientologen waren entweder "in" oder "out" (= je nachdem, ob sie in Ordnung
waren oder nicht). Dieser Sprachgebrauch, zusammen mit Dutzenden von Abkürzungen
(ARC, TR, SP etc) führten zu einer Hubbardisierung der englischen
Sprache. Außerdem gab es gelegentlich Spuren der Jazz-Musiker-Sprache,
der Idiome von der Madison Avenue und aus Gebetsversammlungen, Armee-Slang
und Geschäftsjargon, je nachdem, welchen Hintergrund der Einzelne
hatte. Insgesamt klang Scientologisch wie ein eigener Dialekt. Wie die
Papageien plapperten die Org-Mitglieder nach, was sie von Hubbards Bulletins
und Tonbändern gelernt hatten.
74
Die Leute, die ich an jenem Abend in der
Agentur traf, waren nicht unbedingt humorlos, obwohl selbst ihre Scherze
einen Hintersinn hatten. Sie zogen sich ständig gegenseitig auf, vermutlich,
um die überspannte Atmosphäre in der Org auszugleichen. Zuweilen
war ihr Lachen geradezu hysterisch, vor allem bei Wortspielen mit Scientology-Begriffen.
Nachdem ich sie eine Weile beobachtet
hatte, suchte ich in Geralds Gesellschaft Zuflucht. Während die Party
weiterging, standen wir draußen auf der Terrasse und philosophierten.
"Weißt du, Euer Ehren" - er sagte
Du zu mir - "ein Clear und ein OT zu sein ist nicht immer leicht. Zuweilen
ist mir, als hätte ich kaum Freunde. Dann komme ich mir sehr einsam
vor. Bei meiner Erfahrung im Trainieren und Auditieren durchschaue ich
die Menschen sofort. Ich habe niemanden, mit dem ich die Sublimitäten
des wahren Seins oder die Schönheit ästhetischer Vibrationen
diskutieren könnte."
Ich bemitleidete ihn ein wenig. Auch fragte
ich mich, ob dies das Wissen und die Erleuchtung war, die ich suchte. "Sei
unbesorgt", antwortete ich, "wenn ich aus England zurückkomme, als
Clear oder als OT, dann sind wir schon zu zweit!"
Der Entschluß war gefallen.
75
Hubbards Ideen-Gebräu als eine unheimliche
Mischung aus unheilvollen und lächerlichen Bestandteilen erscheinen.
Doch eine Vielzahl äußerer Einflüsse führte dazu,
daß ich diese negativen Eindrücke unterdrückte und zu dem
Entschluß kam, Tausende von Dollar aufzuwenden - meine gesamten Ersparnisse
-, um den Hauptgewinn zu machen.
Kleinere Zweifelsfragen wurden von Gerald
Tiber schnell ausgeräumt. Zu Felicia oder Gerald konnte ich nie Nein
sagen. Wenn ich schon einmal Gegenargumente brachte, hatte Gerald meine
Ansichten bestätigt, so daß ich bald Auseinandersetzungen vermied;
sie waren doch nur Zeitverschwendung. Ich bewunderte Gerald, und in einem
wichtigen Punkt wollte ich sein wie er: er machte sich niemals Sorgen.
Er hatte mir suggeriert, durch den Clear-Prozeß könne ich werden
wie er. Abgesehen davon, daß er Rons Auditier-Methoden gut hieß,
war Gerald von der Scientology nicht sonderlich begeistert. Für einen
Eingeweihten war seine Haltung ziemlich unkonventionell. Nach seiner Meinung
konnte die Erleuchtung ohne große Mühe erreicht werden. Und
ihre Frucht bestand im wesentlichen darin, daß man die Freuden des
Lebens noch mehr genießen konnte. Außerdem hielt ich ihn für
einen mutigen und entschlußkräftigen Mann. Das mußte er
sein, wenn er Jahre im Saint Hill verbracht hatte, wenn er von der Scientology
bekommen hatte, was er wollte, und das alles unverletzt überstanden
hatte. Gerald hatte mich zweifellos am meisten beeinflußt. Seit seiner
Ankunft in New York hatten sich mir völlig neue Perspektiven eröffnet.
Doch wenn ich den entscheidenden Augenblick
nennen sollte, an dem ich den Entschluß faßte, ein Clear zu
werden, dann wäre das genaueste Datum irgendwann im Jahr 1950. Jeder,
der damals das Buch über Dianetic gelesen hatte und von der Idee des
Clearens genügend angetan war, um Engramme zu absolvieren - so wie
ich - der durfte als leichte Beute für Hubbards neuestes Scientology-Schema
gelten. Deshalb muß ich zugeben, daß ich bei allen äußeren
Einflüssen, bei aller Indoktrination durch Gerald, letzten Endes doch
meinen eigenen Entschluß gefaßt habe. Zu gegebener Zeit erstickte
ich selbst jeden mir verbliebenen Zweifel.
Seltsamerweise war es nicht ein unerschütterlicher
Glaube an die Scientology, der mich dazu befähigte. Irgendwie war
es mir gelungen, eine saubere Trennwand zwischen den Aspekten zu errichten,
die mich anzogen, und denen, die mich abstießen; zwischen den Auditionsmethoden
und den übrigen Dingen, die die Org hervorbrachte. Nicht ein Glaube
an den komplexen Gesamtzusammenhang der Scientology leitete mich, sondern
allein die Überzeugung vom
76
Wert des Auditierens und des Clear-Werdens.
Da ich von der Scientology als ganzem
nicht überzeugt war, muß meine Vision des Clear-Status außerordentlich
überzeugend gewesen sein. Sie bedeutete die Erfüllung aller Hoffnungen
und die Befreiung von allem, dem ich abgeneigt war. Der innere Fortschritt,
den ich der Scientology zu verdanken glaubte, beruhte völlig auf diesen
Zukunftshoffnungen. Die Abneigungen waren mir zumeist erst durch die Scientology
vermittelt worden, vor allem die Furcht, den gewonnenen Fortschritt wieder
zu verspielen und in das alte Leben der mich umgebenden Welt zurückzufallen:
in die Welt des reaktiven Geistes. So glich meine Vision des Clearens und
die Art und Weise, wie sie zustande gekommen war, dem Verhalten des Rauschgiftsüchtigen,
der - bewußt oder unbewußt - zuweilen daran zurückdenkt,
wie beklagenswert sein Leben war, bevor er Drogen nahm. Ich sah mein früheres
Leben völlig vom reaktiven Geist beherrscht. Meine Stimmungen waren
von allem möglichen beeinflußt worden: vom Wetter, von der Umgebung
und den Leuten. Ein Mensch mit einem reaktiven Geist war wie eine Feder
im Wind.
Wovon ich mich sonst an Störendem
zu befreien suchte, hing hauptsächlich mit der Scientology selbst
zusammen: mit dem, was mich an ihr zweifeln ließ. In einer verqueren
Logik wollte ich alles, was mir an ihr widerwärtig war, überwinden,
indem ich sie noch mehr praktizierte: Ich mußte ein Clear werden,
um meine Lebensprobleme zu lösen, um künftigen Entziehungssymptomen
zu entgehen und mich von der Scientology zu befreien. Wenn die unteren
Stufen einer Rauschgiftsucht vergleichbar waren, dann war der Clear-Prozeß
das endgültige Fixen!
77
anderen Aktien durchführen mußte,
von denen viele auf Darlehen gekauft waren. Der "Geld-Prozeß" hatte
mich zu einem wahren Finanzgenie gemacht. Schließlich ließ
ich meine Investitionen intakt, indem ich mir von meinem Vater Geld borgte.
Eine Musical-Produktion bot mir für Juli und August eine Japan-Reise
an, doch ich lehnte das Angebot ab und buchte für den 11. Mai 1968
einen Flug nach London.
In den letzten Wochen vor meiner Abreise
sprach ich viele Leute an, damit sie sich in der Agentur auditieren ließen.
Besonders war ich bemüht, diejenigen unter meinen Freunden zu bekehren,
die in psychiatrischer Behandlung waren. Viele ließen sich schon
seit Jahren analysieren, was mir als große Verschwendung an Zeit
und Geld erschien. Einige, die ich zur Dianetic-Release auditiert hatte,
waren interessiert, hatten aber kein Geld. Gerald war ständig hinter
mir her, damit ich sie zur Unterschrift überredete. Doch sie kamen
nicht - ebenso wie keiner meiner Freunde seinen Psychiater verließ.
Das war bedauerlich; denn ich hätte zehn Prozent Kommission auf alle
Zahlungen erhalten, die sie an die Agentur geleistet hätten.
Einer meiner Dianetic-Schüler hielt
die Scientology für nicht so bedeutend, wie die Philosophie des Fernen
Ostens. Ich las ihm Passagen aus Rons Schriften vor, in denen Yoga und
andere orientalische Praktiken verdammt wurden. Die Schwäche eines
anderen waren seine bisexuellen Neigungen; er hatte den Wunsch, sich dem
anderen Geschlecht zuzuwenden. Ich versuchte ihn davon zu überzeugen,
daß die Scientology ihm diesen Dienst erweisen könne. Gerald
hatte betont, daß solche Erfolge durchaus möglich seien. Tatsächlich
seien einige Personen nach dem Clear-Prozeß homosexuell geworden,
woran man sehen könne, wie sehr man als Clear zur freien Selbstbestimmung
komme.
"Deine Sexualität ist nur eine Erscheinungsform,
wenn du sie nicht als dein wahres Selbst postulierst", erklärte ich
meinem Freund. In seinem Buch "In Fundamentals of Thought" behandelt Ron
die Erscheinungsformen, Bedingungen, die real erscheinen, ohne es zu sein.
Zum Beispiel glauben die meisten Leute, daß ein Ding geschaffen wird,
einige Zeit besteht und schließlich wieder zerfällt. Das Gegenteil
ist wahr! Ron sagt, du erschaffst es, dann erschaffst, erschaffst du es
- das entspricht dem zeitweiligen Bestehen - und dann erschaffst du etwas
Entgegengesetztes. Das ist doch wirklich ein Gedanke, der sympathischer
ist als der Begriff der Zerstörung! "Zerstörung ist nichts als
eine Form des Erschaffens - das Wort, so wie es allgemein gebraucht wird,
ist nichts als eine Erscheinungsform!"
78
Das war einer der wenigen Gedankengänge
von Hubbard, die ich noch im Kopf hatte. Ich las nur selten in seinen Büchern.
Soweit sie empfohlen wurden, weil sie den Samen der Scientology ausbreiten
sollten, gingen sie so weit über meinen Horizont, daß sie mir
von einem ganz anderen Thema zu handeln schienen. Das Buch "Scientology
8-8088" enthielt eine Reihe von Fachausdrücken, die ich vorher nie
gehört hatte: Grate, Pressoren, Zug-Balken, Implosionen. An einer
Stelle wurde eine "Fünfte Invasionsstreitmacht" erwähnt. Ich
blätterte das ganze Buch durch, aber der Ausdruck kam nirgends mehr
vor.
Manche Leute wollten von der Scientology
nichts wissen. Trotzdem konnte ich mich nicht entschließen, sie als
suppressiv zu betrachten. Die Streitgespräche mit ihnen machten mir
eher Spaß, und ihr Widerstand diente lediglich dazu, meinen Glauben
zu stärken. Zu dieser Kategorie gehörte Vreymouth Manteag; er
war Mitglied im "Werk-Kreis", einer Gruppe, die in den Lehren von George
Gurdjieff, einem transkaukasischen Mystiker, geistige Erleuchtung suchte.
"Ich weiß einiges über die
Scientology", sagte er. "Letzten Winter sind einige aus unserem Kreis in
ein Haus gegangen, um sich zu informieren; es gehörte einem Mitglied,
und die Gastgeberin hatte vier Leute aus der Org eingeladen. Sie waren
ziemlich fanatisch. Wir haben ihnen einige direkte Fragen gestellt und
mußten feststellen, daß die Leute ständig ausweichen.
Sie prahlten mit ihren Fortschritten, konnten uns aber nicht erklären,
was sie davon hatten. Die Gastgeberin behauptete, durch das Auditieren
habe sie jede Streitsucht verloren, sie könne sich einfach nicht mehr
ärgern! Daraufhin ging mein Freund - der die Muskeln eines Kanalarbeiters
hat - schnell durch den Raum und schlug ihr zu ihrer Verblüffung fachmännisch
die Linke voll ins Gesicht. 'Sind Sie jetzt wütend?' rief er. Ihr
Auge tränte, ihr Gesicht war rot angelaufen. 'Ja, ich bin wütend.
Aber nur weil ich es sein will, da es der Situation entspricht. In anderen
Worten: ich postuliere Wut!'"
Allen Ottoman, einer meiner Freunde, der
schon das Dianetic-Training abgelehnt hatte, antwortete sehr direkt. Er
ließ sich gerade analysieren, weshalb er Vorurteile hatte. "Könntest
du mir bitte erklären, wie du diese Wunder vollbringst", sagte er,
"ehrlich gesagt, ich verstehe kein Wort."
"Es gibt Dinge, die du einfach erleben
mußt", antwortete ich. "Die Auditionsprozesse helfen dir, die überholten
Ansichten loszuwerden, die nicht das Produkt deines eigenen freien Willens
sind: Du hast sie infolge von schrecklichen Vorfällen in deinen früheren
Existenzen erworben."
79
"Frühere Existenzen? Hör mir
damit auf. An solchen Kram glaube ich nicht."
"Das macht mir ganz deutlich, daß
es in deiner grauen Vergangenheit Dinge gibt, mit denen du nicht konfrontiert
werden willst. Auf deiner Zeit-Spur sind mörderische Engramme und
selbst 20 Jahre Analyse durch Freud selbst könnten sie nicht ausradieren."
"Radieren? So was gibt es doch nicht!"
"Die Psychiater freuen sich, wenn du so
denkst. In Wirklichkeit kann das in wenigen Stunden passieren."
"Das ist der größte Witz, den
ich je gehört habe. Die spielen Fußball mit dem Verstand der
Leute."
"Siehst du Allen, du willst alles genau
wissen. Ron sagt, es sei ebenso wichtig, daß man die Fähigkeit
hat, nicht zu wissen. Du gehst zu deinem Psychiater und wälzt dich
auf der Couch herum. Dann sind die fünfzig Minuten vorbei und nichts
ist gelöst. Er läßt dich weiter am Angelhaken baumeln.
Du kannst nach Hause gehen und dich noch ein wenig mehr in deinen Problemen
suhlen, bis zum nächsten Besuch beim Psychiater. Der Kerl restimuliert
dich nur; er steckt die Drähte um - jetzt bist du ganz in sie eingewickelt."
Ich bewegte meine Arme, als sei eine gigantische Anakonda um mich gewickelt.
Es war nicht so, als ob ich Leute wie
Allen und Vreymouth nicht verstanden hätte. Auch ich selbst hatte
einmal die Scientology infrage gestellt.
Umberto Lancia kam nicht in die Agentur
zurück. Gerald hatte vom Saint Hill die Erlaubnis erhalten, den Power-Prozeß
zu wiederholen. Das war auch geschehen, wieder ohne Erfolg. Ich machte
einen letzten Rettungsversuch, genau nach Werbe-Vorschrift, und legte ihm
dar, daß die Scientology wie ein Spiel war. Ihre scheinbaren Schwächen
gehörten notwendigerweise dazu, und auf lange Sicht seien sie eine
Wohltat
für den Spieler - wie im Leben selbst. Seine Antwort bestand in einer
wütenden Kritik an seiner Frau: Felicias Clear-Status habe sie nicht
verändert, sie habe immer noch Probleme, sie hänge sich an Gerald,
wie an eine Vaterfigur, sie sei unfähig, allein mit der Welt fertig
zu werden, und verlasse kaum noch die Wohnung.
Dann stürzte er sich in einen neuen
Monolog über Gerald, was hinreichend erklärte, warum die Wiederholungssitzungen
ohne Ergebnis geblieben waren. Nach seinen Worten war Gerald ein unwissender
Scientologe. Er spreche Worte falsch aus, obwohl er den Anschein erwecken
wolle, daß er gebildet sei. Er spiele den Engländer aus guter
Familie, dabei sei er aus Dublin, seine Eltern stammten aus
80
Ost-Europa. Er esse zuviel und sei Kettenraucher.
Er rede über ästhetik und geistige Fragen, obwohl er von Kunst
und Philosophie nichts verstehe. Seine Manieren seien zwar ölig und
einschmeichelnd, aber damit verschleiere er nur seine wahren Absichten:
soviel Geld wie möglich in die Hände zu bekommen. Zu guter Letzt
setze Gerald gewöhnlich den Doktortitel vor seinen Namen. Wenn er
sich als Dr. Tiber vorstelle, nehme jeder an, er habe an einer richtigen
Universität promoviert. In Wirklichkeit sei er aber nur ein Doktor
der Scientology, und diesen Titel habe er mit einigen Quacksalber-Kursen
im Saint Hill erworben. Das war in Umbertos Augen der Gipfel der Lächerlichkeit.
Der richtige Titel für Gerald laute "Scharlatan". Zu jener Zeit war
ich mir der Rolle kaum bewußt, die Gerald in meinem Leben spielte.
Darum verteidigte ich ihn, wobei ich auf Umbertos besonderen Anklagepunkt
einging. Ich mußte zugeben, daß er im Prinzip Recht hatte,
aber - so hielt ich ihm entgegen - er übersehe die andere, die positivere
Seite. Er suche nach den "Dornen statt nach Rosenknospen", wie Gerald selbst
es genannt hätte. Ich betrachtete Geralds Maniriertheiten als amüsant
und kinderleicht zu durchschauen, deshalb ließ ich sie mir gefallen.
Gerald war, von Felicia abgesehen, isoliert. Er brauchte Freunde. Er mußte
den ganzen Tag über PCs auditieren, Vorlesungen halten, sich ständig
verausgaben. Dadurch hatte er sich eine automatische Etikette zugelegt,
ähnlich dem Verhalten eines Arztes gegenüber dem Patienten am
Krankenbett. Unter dieser Tünche war er großzügig, angenehm
und hilfsbereit. Er hatte viel für mich getan, vielleicht mehr als
sonst jemand vorher. Ich sagte zu Umberto, wenn Gerald ein Scharlatan sei,
dann nur im besten Sinne des Wortes.
Ich wollte Umberto zu der Einsicht bringen,
daß er diese Withholds um seiner selbst willen ausschwitzen müsse.
Er müsse die Wiederholungssitzungen wieder aufnehmen, solange wie
Gerald sie anordne. Außerdem müsse er wegen Felicia den Realitäten
Rechnung tragen. In den Dianetic-Vorlesungen hatte ich gelernt, daß
hinter seiner Feindseligkeit seine eigenen Overts lagen. Felicia war nicht
allein schuldig. Er mußte auch selbst einiges verschuldet haben.
Ich suchte nach den Overts, die er begangen hatte, und denen er sich nicht
stellen wollte. Indem er ihr alle Schuld zuschob, wollte er seinem eigenen
Versagen ausweichen. Ich fragte ihn geradeheraus nach seinen Overts ("Was
hast du getan?") und ließ nicht von ihm ab, weil ich sicher war,
auf der richtigen Spur zu sein. Aber er konnte sich nicht überwinden,
die Angelegenheit von beiden Seiten zu sehen. Letzten Endes schob er doch
Felicia alle Schuld zu.
81
Ich aß mit Fives Brooks zu Abend,
einem
Musiker, mit dem ich auf einer Konzertreise zusammen gewesen war. Er war
kürzlich der New York Org beigetreten und kratzte jetzt gerade alles
Geld zusammen, um irgendwann nach England zu fliegen. Fives hatte während
seiner Einführung in die Scientology starke Krisen durchgemacht, Auseinandersetzungen
mit der Ethik-Auditorin und tränenreichen Wanderungen durch den Central
Park um vier Uhr in der Nacht unter heftigen Selbstanklagen. Seine Fortschritte
hatten die Eigenschaft, so schnell wieder zu verschwinden, wie sie gekommen
waren, und es gab einen SP, von dem er sich trennen mußte. Irgendwie
hatte er seine unteren Grade geschafft, und er war nun davon überzeugt,
daß die Scientology die einzige Hoffnung der Menschheit sei.
Das Abendessen mit Fives war eine ziemlich
ungemütliche Affaire. Seine Augen ließen meine nicht aus dem
Blick. Ich hatte Schwierigkeiten, anständig zu essen, und spritzte
süßsaure Soße auf das Tischtuch. Fives bestätigte
jedes meiner Worte mit großem Nachdruck und erwartete von mir das
gleiche Verhalten. Wenn er von mir keine Bestätigung erhielt, sagte
er: "Ist das O.k.?" oder "Habe ich deine Zustimmung?" Die ganze Zeit starrte
er mir in die Augen, wobei er ständig lächelte, was ihn ein wenig
verängstigt aussehen ließ. Ich konnte es kaum erwarten, bis
wir uns endlich voneinander verabschieden und in entgegengesetzte Richtungen
verschwinden konnten.
Leute wie Fives bestätigten nur,
was ich ohnehin wußte: daß mich Welten von den Org-Mitgliedern
trennten. Sie mußten den Autoritäten folgen und vorgeben, auch
den ausgefallensten Unsinn zu glauben! Ich dagegen konnte das Spiel nach
meinen Regeln spielen, so wie Gerald. Ich hatte das Geld, das ich brauchte,
und notfalls konnte ich Aktien verkaufen, wenn ich mehr brauchte. Aber
die armen Trottel in der Org mußten sich immer weiter versklaven.
Ihnen blieb nur die Hoffnung, genug Geld zusammenzusparen, um den Clear-Prozeß
absolvieren zu können.
Wie verlief mein Leben vom April 1967
bis zum Mai 1968, also in der Zeit, als ich an den Sitzungen teilnahm,
den Kurs besuchte, auf Felicias Rückkehr von England wartete, und
in den Wochen vor meiner eigenen Abreise?
Offensichtlich war ich glücklich.
Glücklich genug, um mich wünschen zu lassen, meine Fortschritte
mit anderen zu teilen. In geistiger und physischer Hinsicht fühlte
ich mich besser als je zuvor. Ich machte mir nicht die Mühe nach Arbeit
zu suchen; denn ich hatte genug Vermögen. Nach meinem Konzertabend
übte ich kaum noch auf
82
dem Klavier. Die wenigen Konzertagenten,
die sich um mich gekümmert hatten, schrien nicht gerade nach weiteren
Konzerten mit mir. Später dachte ich mir, es wäre Unsinn und
ein Zeichen für reaktiven Geist, mich erneut ihren Launen zu unterwerfen,
bevor ich ein Clear war. Meine übrigen geistigen Interessen, wie Zen
und andere Meditationsübungen, hatte ich nach dem Anhören der
ersten Hubbard-Tonbänder als vorsintflutlich aufgegeben. Sport zu
treiben war ebenfalls nicht nötig, während man seine seelischen
Kräfte erweiterte. Das Schönste war, ich hatte auch nichts mehr
mit meinem früheren, ziemlich beschwerlichen Innenleben zu tun: mich
ständig zu analysieren und mein Denken zu überprüfen. Ich
war überzeugt, daß die Lektion, die ich so gut gelernt hatte
- der Trieb zu denken, zu durchdringen und zu verstehen sei nur ein Mechanismus
des reaktiven Geistes - daß diese Lektion mich frei machte und meine
wahren Fähigkeiten in wunderbarer Weise ans Tageslicht brachte. Ich
begann ein Buch über das Lehren und Lernen des Klavierspielens zu
schreiben. Einige meiner Vorschläge darin stammten von Ron - so ARG
und die Stimmungsskala. Unbewußt äffte ich seinen Stil nach,
wenn ich die altmodischen Methoden geißelte. Ich fühlte, daß
ich das Buch Ron verdanke, und hatte die Absicht, es ihm zu widmen.
Das ist klar: Ein Thetan kann alles, wie ein Zauberer, der auf der Bühne Gegenstände hin und her bewegt.Am Abend vor meiner Abreise unterhielten wir uns stundenlang. Gerald schlug vor, ich solle in seiner Agentur mitarbeiten, wenn ich von England zurückgekehrt sei. Dazu brauche ich nur den speziellen Kurs, in dem man lerne, "worum es in der Scientology insgesamt ging". Der Kurs dauerte sechs Monate und kostete 800 Dollar. Doch dieser Aufwand lohne sich, meinte Gerald, dadurch habe ich neben der Musik noch einen anderen Beruf, auf den ich zurückgreifen könne.L. RON HUBBARD
83
logy" erfinden.
Wie bei allen Agenturen würde man
auch von uns eine zehnprozentige Abgabe an den Saint Hill erwarten. Ich
fragte Gerald, was damit und mit den übrigen Einnahmen der Scientology-Bewegung
geschehe. Er antwortete, seiner Meinung nach würden mit dem Geld Forschungen
finanziert, ferner neue Orgs sowie das umfangreiche Werbe-Material. Alles
was dann übrig bleibe, gehe vermutlich an L. Ron Hubbard selbst.
Hubbard lebte auf einer großen Jacht,
deren Aufenthaltsort streng geheim war. Sie gehörte zu den beiden
Schiffen, die den Anfang einer Scientology-Flotte bildeten. Die Jacht war
das Hauptquartier der "See Org", dem Mittelpunkt der gesamten Scientology-Bewegung.
Der See Org-Stab sandte seine Mitglieder auf Inspektionsreisen zu den verschiedenen
nachgeordneten Organisationen überall auf der Welt. Abgeschirmt auf
seinem Schiff, und beschützt von den ihm ergebenen Mitgliedern seiner
Mannschaft war Hubbard zu jener Zeit damit beschäftigt, die OT-Stufen
VII und VIII zu entwickeln. Sie sollten der Gipfelpunkt der Scientology-Bewegung
werden. Die neuen Stufen wurden mit großer Ungeduld erwartet, da
sie ihre Inhaber zu totalen OTs machen sollten, denen nichts mehr unmöglich
sein würde, die Erschaffung von Materie eingeschlossen.
Wir spekulierten über die geistige
Bedeutung der oberen OT-Stufen, da wir über ihren Effekt ein wenig
im Zweifel waren. Macht hatte nie zu meinen geistigen Zielen gehört
und Gerald sagte, er denke genauso. Felicia warf die Frage auf, ob Ron
vielleicht in besonderer Weise machtbesessen wäre.
"Er ist ein Egozentriker, nicht wahr?"
fragte ich.
Gerald lächelte gut gelaunt. "Das
kann ich bezeugen. Aber im Hinblick auf das, was er für die ganze
Welt getan hat, kann er sich das auch erlauben. Übrigens, ich habe
schon ein paar Bier mit ihm getrunken, und er ist wirklich ein netter Kerl.
Wie auch immer, Hoheit, du wirst als erleuchteter Mann zu uns zurückkommen.
Wirst du auch deine alten Freunde nicht vergessen, Sir, wenn du ein Clear
bist? Du weißt ja: 'Ein Clear hat das Vermögen, sich an alles
zu erinnern!'"
"Werde ich mich auch daran erinnern, wie
ich in den gegenwärtigen Status des Nicht-Erleuchtet-Seins verfallen
bin?"
"Du wirst erleuchtet sein, was willst
du denn sonst noch wissen? Ehe ich zur Scientology kam, trug ich eine Brille
mit zentimeterdicken Gläsern (ein Flugzeugpilot hätte ihn jetzt
um seine Augen beneidet). Während des Grad V-Prozesses ließ
ich mir schwächere verschreiben und zum Schluß konnte ich das
blöde Ding weg-
84
schmeißen."
"Mir ging es ähnlich", fügte
Felicia hinzu. "Die Optiker in East Grinstead sind froh, das Hubbard-College
in ihrer Nachbarschaft zu haben; die Schüler brauchen ständig
schwächere Brillengläser."
Sie bereiteten mich genügend auf
Saint Hill in England vor. Wenn ich schon die New York Org für einen
Affenkäfig halte, solle ich erst einmal warten, bis ich den Hill sähe!
Er sei nicht nur die Brutstätte für Fanatiker, sondern zugleich
die Szene eines Machtkampfes innerhalb der Elite der Scientologen.
Gerald hatte einige bizarre Vorgänge
miterlebt. Seine Frau hatte ihn einmal zur suppressiven Person erklärt,
weil er zwei Tage lang Verstopfung gehabt hatte. Und eines Tages hatte
ihn ihr Liebhaber im Eingang des eigenen Hauses niedergeschlagen. Kurz
darauf und wenige Tage, bevor er Felicia kennenlernte, war er tagelang
im Keller des Schlosses eingesperrt worden. Es war eine Art Behelfsschloß,
das Hubbard hatte errichten lassen, weil die britischen Baugesetze zu jener
Zeit (in den fünfziger Jahren) Ausländern nur erlaubten, ein
Schloß zu bauen.
"Es geht dort drüben wirklich verrückt
zu", fuhr Gerald fort. "Nimm zum Beispiel diesen Brief hier, den ich heute
bekam. Er ist von einem meiner besten Freunde, mußt du wissen: 'Ich
ordne an, daß du diese Statistik sofort zusammenstellst (Statistiken
bedeuten ihnen alles); schick mir einen genauen Bericht über alles,
was in dieser Hinsicht unternommen wurde; fang sofort an; du weißt,
ich kann dich zu einer Strafe verurteilen.' - Sie haben tatsächlich
strenge Strafbestimmungen, Bob, und das gibt ihnen die Möglichkeit,
sich aufzuspielen."
Gerald beschwor mich, ich solle mich nicht
überreden lassen, Mitglied des Stabes vom Saint Hill zu werden. Die
Organisation sei letzten Endes nichts weiter als ein von Ron hastig eingerichtetes
Instrument, um möglichst schnell mit seinen Methoden arbeiten zu können.
Ich habe das Geld, um nach England zu gehen und das Goldene Vließ
zu erobern, ohne mich allzu sehr mit der verrückten Organisation einzulassen.
Ich solle dort drüben meine Zunge hüten; der Kampf werde hart
aber lohnend sein. Ich solle nichts weiter tun als ihr Spiel zeitweilig
mitmachen.
Das war Geralds Version der Fehler, Schwächen
und Absurditäten der Organisation im Saint Hill. Er legte mir nahe,
daß ich mich zum Schluß "aus der Sache herausreden" müsse.
Pflichtschuldig trug ich für September in meinen Terminkalender ein:
"Laß dich nicht einfangen."
Felicia erzählte uns eine Scientologen-Anekdote:
Es gab einmal einen
85
Mann, der als Schrecken aller Auditoren
galt. Er reiste durchs Land und ließ sich in den verschiedenen Orgs
auditieren. Er machte keinen einzigen Fortschritt. Er war wohlhabend und
verbrachte viel Zeit damit. Es machte ihm geradezu Spaß, jeden Versuch,
ihn zu heilen zu vereiteln. Schließlich tauchte er auch in der New
York Org auf, nachdem er anderswo entmutigte Auditoren reihenweise zurückgelassen
hatte. Er wurde sofort an den geschicktesten Auditor verwiesen, den sie
hatten. Nach drei mühseligen Tagen stand dieser Auditor auf, streckte
ihm die Hand entgegen und sagte: "Ich gratuliere! Sie sind nun ein Grad
0 Communication Release. Sie können jetzt mit jedermann zu jeder Zeit
über alles sprechen!"
Worauf der Mann ihn ruhig ansah und sagte:
"Leck mich am Arsch!"
DINGE sind, weil du denkst, daß sie sind.Ich verließ das Penthouse im Zustand der Euphorie. Im Dunst vor mir lag der Broadway wie ein großes freundliches Dampfbad. Die sanfte Schönheit der Gegend ließ mich daran zurückdenken, wie häßlich sie mir noch vor wenigen Monaten vorgekommen war. Jetzt konnte ich, meiner selbst sicher, Pläne schmieden und träumen; bei einem einsamen nächtlichen Spaziergang war die beste Gelegenheit dazu. Nachdem ich meine inneren Konflikte unterdrückt hatte, sah ich die Welt rosarot. Der Clear-Prozeß würde alles in Ordnung bringen, hoffte ich. Bis jetzt hatte das Auditieren mich noch nicht von meiner Brille, von kleineren Beschwerden und Schmerzen und meinem unverständlichen Hang zum ausschweifenden Leben befreit. Ich erwartete, daß diese weltlichen Schwächen bei Grad V oder VI, spätestens im Clear-Prozeß verschwinden würden.L. RON HUBBARD
86
hieß, würde ich nach New York
zurückkehren, vollkommen gesund, mit ungehemmter Willenskraft und
Lebensfreude ohne Neurosen, mit der geistigen Beweglichkeit um alle Schwierigkeiten
zu überwinden. Kurz: ich würde im Besitz aller Qualitäten
sein, deren Fehlen bisher die Ausführung meiner Pläne verhindert
hatte.
Pläne blubberten in meinem Kopf wie
Quellwasser. Ich würde eine Konzert-Karriere beginnen, reich werden,
meine Investitionen an der Börse würden mir bis zum nächsten
Winter so viele Mittel verschaffen, daß ich im Großen spekulieren
könnte. Das und ein System für das Pferdetoto sollten mein Vermögen
zu einer sechsstelligen Summe steigern.
Oder ich könnte Auditor werden. Wenn
ich den Spezialkurs belegte, konnte ich in einer Woche eine befreundete
Familie auditieren und sie zur Release der unteren Grade bringen. In die
Staaten zurückgekehrt, konnte ich mit Freunden in verschiedenen Städten
ebenso verfahren. Ich würde reisen. Die ganze Welt, all die nie auditierten
Seelen warteten nur darauf, meine Beute zu werden. Sie auditieren zu können,
würde die letzten offenen Fragen meines Lebens lösen. Dadurch
würde mein Wunsch, anderen Menschen zu helfen, sie zu belehren und
zur Wahrheit zu führen, befriedigt werden können. Für sie
würde ich bald die Autorität sein. Wenn ich bei der Scientology-Bewegung
bleiben würde, dann würde ich in einem Monat mehr Anerkennung
finden, als in zehn Jahren als Musiker. Ein Clear oder OT war fast gottgleich.
Allerdings würde ich in der Gefahr schweben, meine neue Macht auszunutzen,
um andere zu beherrschen. Deshalb wäre ich verpflichtet, einen mittleren
Kurs zu steuern, weder meinen hohen Rang auszuspielen noch ein falscher
Heiliger zu sein - eine angenehme Aufgabe.
In letzter Zeit hatte ich nicht selten
Geralds Schmeicheleien, seine ständigen Wiederholungen, seine einstudierte
Höflichkeit, nachgeahmt. Ich war mir dessen bewußt; aber es
bewirkte, daß sich meine Mitmenschen wohlfühlten, und die Absicht
war altruistisch. Außerdem half es mir. Ein Altruist oder ein Opportunist
zu sein, das lag ohnehin dicht beieinander. Irgendwie glaubte ich, beides
sein zu können. Mir ging es nur um die Möglichkeit, andere zu
clearen und zu auditieren, sonst hatte ich mit der Scientology nichts im
Sinn. Ich hatte mich für sie als Mittel der Selbstbefreiung nur entschieden,
weil das so schnell und leicht zu erreichen war. Ich wollte die Scientology
ausnützen, so gut es nur ging. Wie ich es von Gerald vermutete, wollte
ich sie meinen eigenen Zwecken dienstbar machen; andere Scientologen verhielten
sich nicht anders.
Ich nutzte Gerald und Felicia aus. So
schmeichelhaft es für mich war,
87
daß Gerald mich eingeladen hatte,
mit ihm in der Agentur zu arbeiten, sein Partner zu werden, so hatte ich
ihm doch nie verraten, daß ich dort nur auditieren wollte, wenn ich
damit genug Geld verdienen konnte und wenn mir Zeit genug für andere
Dinge blieb. Ebenso hatte ich verschwiegen, daß ich vielleicht eines
Tages beschließen würde, die Scientology ganz zu verlassen.
Selbstverständlich wollten auch sie
mich ausnutzen. Bei meinem großen Bekanntenkreis würde ich der
Agentur viele Patienten einbringen. Ich war ein Teil ihres eigenen Planes,
reich zu werden. Angestellte Auditoren mußten für Kuli-Löhne
arbeiten, für zehn Prozent der Einnahmen. Wer die eigentliche Arbeit
tat, war nur ein Werkzeug der Org oder der Agentur. Bei mir würden
es meine Freunde besser haben, aber um wieviel? Ich wollte zu ihnen nicht
unfair sein. "Leute ausnutzen", das war nur falsch, wenn nur eine Seite
den Nutzen davon hatte; aber nicht, wenn alle Beteiligten genau das taten,
was sie wollten, ohne Schuldgefühle und ohne anderen zu schaden. Es
mußte so etwas wie "erleuchteten Egoismus" geben; es war wie ein
Spiel.
Mit diesen Gedanken meinte ich, das innere
Wesen der Scientology erfaßt zu haben. Ich war zur Vision meiner
eigenen Wahrheit durchgestoßen; und in einer blitzartigen Erleuchtung,
einer sogenannten scientologischen Erkenntnis, sah ich ihre ganze Schönheit:
man erschuf seine eigene Wahrheit - mit ein wenig Hilfe von Ron.
Quälend dicht stand ich vor der äußersten
Möglichkeit: selbst ein Schöpfer zu sein. Fast war ich schon
soweit, nur wenig fehlte noch. Noch immer hielt mich etwas zurück,
so war es immer gewesen: Es war der reaktive Geist. Sobald er besiegt sein
würde, könnte ich zurückkommen und alle Dinge tun, die ich
mir schon immer gewünscht hatte.
88
Du brauchst eine solche Versklavung nicht zu befürchten; denn eben jetzt, auf diesen Seiten, erfährst du die Techniken, die das verhindern.L. RON HUBBARD
91
feuchter, als ich je gedacht hätte.
Mir war noch nicht klar, um wieviel seltsamer die Welt war, auf die ich
mich hier eingelassen hatte.
In der Vorhalle war neben dem Speisezimmer
ein schwarzes Brett angebracht. Unter anderem war darauf Edwards Clear-Ansprache
zu lesen, ein begeisterndes Zeugnis der Freude, Clear und OT I zu sein,
wie ich es während meines Aufenthaltes noch häufig lesen sollte.
Daneben hing Rons Bulletin, in dem Preclears aufgefordert wurden, täglich
Vitamin E einzunehmen. Dies sei nötig, um die Nebenwirkungen abzubauen,
die entstünden- wenn "aus dem Speicher (des reaktiven Geistes) Spannung
abgelassen" werde. Die Dosis sollte mit einer GUK genannten Mischung anderer
Vitamine ergänzt werden.
Das Essen im Schloß war im Gegensatz
zu meinen Erwartungen gut. Fünfzehn Menschen nahmen am Abendessen
teil; es bestand aus Suppe, Salat, Roast-Beef mit Kartoffeln, Obst und
einem fremdartigen Nachtisch. Für den Anfang war ich froh, daß
die Konversation sich nicht mit den Tagesnachrichten oder anderen unwichtigen
Dingen beschäftigte. Richie Blackburn, ein ziemlich ungehobelter junger
Mann aus Australien, sagte mir alles Wissenswerte über Sam Veach,
der nicht an der Mahlzeit teilnahm. Sam sei ein PTS 3, damit gehöre
er als "Quelle möglicher Schwierigkeiten" zu den schwierigsten und
zuweilen gewalttätigen Fällen. In den Staaten sei er mit Elektroschocks
behandelt worden, und während des Clear-Prozesses habe er plötzlich
einen schweren Rückfall erlitten. Wenn ich einen Tag früher angekommen
wäre, hätte ich das Drama miterleben können: Sam habe mitten
im Speisezimmer einen Anfall bekommen und mehrere Suppenteller in Scherben
geworfen. Jetzt sei er vierundzwanzig Stunden lang unter Bewachung und
solle dann zum Saint Hill gebracht werden, wo man durch einen Such- und
Entdeckungs-Prozeß herausbekommen wolle, wer seine Suppressive Person
sei.
Nach einer Tasse Kaffee gingen wir alle
ins Wohnzimmer, um zu singen, zu tanzen und Klavier zu spielen. Die Wogen
der Fröhlichkeit gingen ziemlich hoch, weil wir uns warm halten mußten.
Edward und eine Engländerin wirbelten
durch den Raum, die anderen schauten ihrem wilden Tanz kichernd zu. Der
Trubel in dem eiskalten alten Schloß dauerte bis spät in die
Nacht bis auf eine Pause von zehn Minuten, als der Strom ausfiel.
An jenem Abend gab es keine Spur einer
seltsamen anderen Welt. Glücklich und durch das Zusammensein mit den
anderen einigermaßen aufgewärmt, ging ich nach oben ins Bett.
Der Hausverwalter Ralph Wilkins hatte mich in ein Zimmer mit zwei Brüdern
aus Australien gesteckt. Es war so eng, daß ich kaum Platz für
meine Sachen fand. Ich zwängte meinen Koffer zwischen zwei Betten
und legte Mantel
92
und Bademantel darauf. Jacke, Hemd und
Hosen hing ich über einen Stuhl. Im Bett war es schrecklich kalt.
Nach wenigen Minuten sprang ich heraus und zog meine Sachen, Mantel eingeschlossen,
wieder an. Um ein wenig warm zu werden, mußte ich auf der Seite schlafen,
mit über der Brust gekreuzten Armen und fest aneinander gepreßten
Beinen, die ich wie einen Fötus an den Bauch zog.
Das schafft man allerdings nicht, indem man den Atem anhält, "richtige" Gedanken denkt, oder die Republikaner wählt...Am nächsten Morgen um acht kam Richie herein und rüttelte an unseren Betten. Es war Zeit, daß ich mich im Hill vorstellte.L. RON HUBBARD
93
Eine Auditorin führte mich in eine
Zelle mit zwei Stühlen, einem Tisch, einem E-Meter, einem Wörterbuch
und einem Scientology-Lexikon. Sie ließ mich die Büchsen in
die Hand nehmen und begann, mir die Fragen zu stellen, mit denen ich auf
die folgenden Power-Kommandos vorbereitet werden sollte.
Es ging nur langsam voran; das bedeutete,
daß einige Withholds aufzuklären waren. Gott weiß, daß
ich sie hatte! Die sturen Vorschriften für den Weg durch die einzelnen
Büros hatten mich aus der Ruhe gebracht. Alles in den College begann
und endete mit Schlange stehen. Jeder Schritt war genau vorgeschrieben,
die genaue Reihenfolge mußte peinlichst eingehalten werden. Seit
meinem ersten Schritt zum Empfang fühlte ich mich irritiert. Mein
Spott über die Organisation begann mir im Halse stecken zu bleiben.
Ich überlegte, ob ich der Auditorin von den Diskussionen berichten
mußte, die ich mit Felicia und Gerald erst vor zwei Tagen geführt
hatte.
"Gibt es einen ARC-Bruch mit der Umgebung?"
"Ja, ich bin nervös, weil ich mich
an einem fremden Ort befinde. Und letzte Nacht habe ich im Bett gefroren."
Das schien die Nadel für eine Zeit
"sauber" zu machen.
"Sind Sie mit heimlichen Wünschen
hierher gekommen?"
"Nein."
"Die Nadel reagiert. Was meinen Sie, könnte
das sein?"
"Ich kann meine Augen nicht von Frauen-Popos
lassen!"
"Danke. Hatten Sie in dieser Sache
Fortschritte?"
"Nichts hat sich geändert."
"In Ordnung, Noch mehr dazu?"
Ich fuhr zusammen. Die Nadel ließ
mir keine Ruhe. "Ich möchte mein Glied in den Po-Backen reiben und
sie mit meinem Sperma vollspritzen."
"Danke. Damit ist diese Frage sauber.
Was müßte passieren, damit Sie denken, daß die Scientology
funktioniert?"
"Aber sie funktioniert doch!"
Ich war mir zwar auch noch einer Verärgerung
wegen des gerade ausgegebenen Geldes bewußt, aber aus irgendeinem
Grund reagierte die Maschine darauf nicht, darum überstand ich auch
die übrigen Fragen, ohne es erwähnen zu müssen. Damit ging
die Sitzung zuende.
Auf meinen nächsten Auditor mußte
ich warten. Inzwischen erhielt ich den Auftrag, in einer kleinen Kantine
neben dem Empfang Briefe in Umschläge zu stecken, die mit Reklame
für die Scientology an Adressaten in der ganzen Welt gingen. Die Frau,
die uns beaufsichtigte, befahl mir, meine Postulate mit jedem Brief mitzuschicken.
94
Der Grad V Power-Prozeß besteht aus
drei Teilen; hinzu kommt ein aus zwei Teilen bestehender Anhang, der V
A genannt wird. Sowohl V als auch V A enthalten im Wesentlichen Auditier-Kommandos.
Sie gelten als geheim. Im ersten Teil von V wiederholt der Auditor zwei
Fragen abwechselnd, bis der Preclear eine schwebende Nadel hat. Vorher
leitete mich meine Auditorin durch eine Prozedur, die "Abklärung der
Kommandos" heißt. Dabei mußte ich die einzelnen Worte beider
Kommandos definieren und im Wörterbuch nachschlagen, sobald ich im
geringsten über ihre Bedeutung unsicher war. Dann mußte ich
angeben, was jedes Kommando im ganzen bedeutete. Erst jetzt war die Auditorin
davon überzeugt, daß ich sie verstand.
"Das ist der Prozeß", sagte
sie. "Nennen Sie mir eine Quelle."
"Der Himmel."
"Danke. Reden Sie darüber"
"Aus ihm regnet es."
"Fein. Nennen Sie mir eine Nicht-Quelle."
"Nichts ist eine Nicht-Quelle."
"Danke. Reden Sie darüber."
"Alles ist eine Quelle."
Obwohl ich die Kommandos abgeklärt
hatte, war mir der Begriff "Nicht-Quelle" nicht ganz klar und ich mußte
bluffen, indem ich eine Antwort erfand.
"Nennen Sie mir ein Quelle"
"Eine Kuh."
"Danke. Sprechen Sie darüber"
"Sie gibt Milch."
Offensichtlich wurde man im ersten Teil
des Power-Prozesses von allen Considerationen über "Quellen" befreit.
Kurz bevor die schwebende Nadel kam, fühlte ich mich mächtig
und fähig, meine Postulate zu erschaffen. Darum gab ich ihr auf das
Kommando "Nennen Sie mir eine Quelle" die Antwort: "Ich selbst."
Die Kommandos für den nächsten
Teil wurden abgeklärt. Dann begann der Auditionsprozeß von neuem.
"Nennen Sie mir einen existierenden
Zustand."
"Glück."
"Danke. Wie haben Sie darauf reagiert?"
"Ich habe es genossen."
"Gut. Nennen Sie mir einen existierenden
Zustand!"
"Schwierigkeiten."
"Fein. Wie haben Sie darauf reagiert?"
"Ich versuchte, sie zu vermeiden."
Ich hatte bei mehreren Wiederholungen
dieses Prozesses eine schwe-
95
bende Nadel. Ich war aufgeregt. Beim nächsten
Teil würde ich ein Grad V Power Release werden.
"Wo sind Sie gewesen?"
Während ich die Namen aufzählte,
machte die Auditorin ein Liste: "New York, Sussex, San Francisco, Afghanistan,
die 85. Straße, Rochester, Seneca Parkway..."
Die Auditorin sah, daß die Nadel
schwebte und teilte mir mit, ich sei nun ein Grad V Power Release. Ich
mußte warten, bis ihr Bericht von einem Prüfer für in Ordnung
befunden wurde. Dann kam sie zurück.
"Wen haben Sie gekannt?"
"Joe, George, Roy Thompson, Ray Robertson,
Mary, Jackie, Marie, Betty, Barbara" (ich ertappte mich dabei, daß
ich ihr eine Reihe von Prostituierten nannte, die ich gekannt hatte) "Alma,
Marie II, Irene, Barbara II."
"Danke. Ist das ein Titel: römisch
II?"
"Nein, es sind Straßenmädchen
ich habe ihre Nachnamen nie erfahren Diane, Connie, Mary II, Barbara
III..."
Die Auditorin zögerte keinen Augenblick.
Sie hatte ihre TRs gut gelernt. Die schwebende Nadel kam, als sie zwei
Seiten mit Namen bedeckt hatte.
"Worüber möchten Sie mehr
wissen?"
"Mathematik, Schach, Dame, Scientology,
Geschichte, Filme, Wein, Malerei, Sex, Menschen, Archäologie ..."
"Das wär's. Sie haben eine Release
auch in V A. Bitte, warten Sie fünf Minuten, während ich meinen
Abschlußbericht schreibe. Dann müssen Sie zum Empfang gehen."
Ich hatte weniger als eineinhalb Stunden
gebraucht, das Abklären der Kommandos eingeschlossen, ohne Aufenthalt,
ohne daß eine Review-Sitzung nötig wurde!
Triumphierend ging ich zu den Warteschlangen
zurück, um die nächste Stufe vorzubereiten. Sorgfältig ging
ich dabei dem Vitamin E-Wagen aus dem Wege, der täglich von East Grinstead
geschickt wurde und der neben dem Schloß parkte. Obwohl ich Rons
Bulletin darüber gelesen hatte, war ich nicht interessiert. Es schien
mir nur ein Mittel mehr, die Schüler von ihrem Geld zu trennen.
Die Dame am Empfang forderte mich auf,
zum Erfolgs-Büro zu gehen. Dort fragte mich ein junger Mann mit überwältigenden
TRs, welche inneren Fortschritte ich durch den Power-Prozeß erzielt
hätte. Ich mochte ihm nicht sagen, daß ich bis jetzt noch keine
spürte ich war nur allgemein mit dem Prozeß-Verlauf zufrieden.
96
"Ich habe das wunderbare Gefühl, daß
ich viele Fortschritte machen werde, und das ist in sich ein großer
Fortschritt", sagte ich.
Der junge Mann war mehr als zufrieden.
"Großartig", rief er aus. Gleichzeitig schrieb er meine Worte in
einem dicken Buch auf. Dann schickte er mich zum nächsten Schreibtisch,
wo mich ein junger Mann als FSM (Feld-Stabsmitglied) werben wollte. Ich
mochte ihn nicht. Er erinnerte mich an die Empfangsdame in der New York
Org. Ich war fest entschlossen, alle Extra-Pflichten und -Arbeiten im Hill
zu meiden. Ich war davor gewarnt worden, und außerdem hatte ich keine
Ahnung, was ich als FSM tun müßte. Der junge Mann erklärte
mir, ich solle Leute für die Scientology werben, wofür ich eine
Prämie erhalten würde. Ich war noch immer mißtrauisch und
antwortete, ich wolle die Entscheidung aufschieben, bis ich darüber
etwas gelesen hätte. Er gab mir eine dicke Broschüre, war aber
ziemlich unzufrieden mit mir und wollte mich erst gehen lassen, als ich
ihm versprochen hatte, daß ich am nächsten Tag noch einmal vorbeikommen
werde.
Innerlich war ich wütend; er hatte
mir einen ARC-Bruch verschafft, gerade als meine Freude über die Power-Release
am größten war. Ich hatte bei ihm auch Furcht entdeckt, die
Furcht, nicht zu erreichen, was man von ihm verlangte. Die Furcht war ansteckend.
Ich spürte, daß ich selber nicht auf die falsche Seite wovon
eigentlich? geraten wollte. Fürchtete er verborgene Mächte?
Wovor hatte er Angst? Ich wußte, daß das Personal im Hill Tag
und Nacht für einen Hungerlohn arbeitete, um genug Lohn oder Prämien
zu verdienen, damit sie die unteren Grade nach und nach absolvieren konnten.
Vielleicht hatte meine Standhaftigkeit seine Chancen vermindert. So verärgert
ich auch war, wollte ich darüber doch nicht weiter nachdenken.
Ich mußte die FSM-Geschichte möglichst
schnell vergessen, denn als nächstes stand eine Sicherheitsüberprüfung
auf der Tagesordnung. Das war etwas Neues, aber nachdem ich Power so reibungslos
absolviert hatte, machte ich mir keine zu großen Sorgen. Eine Frau,
die sich geschäftsmäßig mit ihrem E-Meter beschäftigte,
stellte mir heikle Fragen, wie "Sind Sie hier, um vertrauliches Material
zu verraten?" Ich war mit der Überprüfung früh genug fertig,
rechtzeitig für das Mittagessen im Schloß.
Sam Veach nahm vergnügt am Essen
teil. Sein S&D war erfolgreich verlaufen, und nun war er sicher, ein
Clear zu sein. Er weinte fast vor Freude, als er mir sagte, nun werde er
in die Staaten zurückkehren, um dem Mädchen, das er seit Jahren
liebte, einen Heiratsantrag zu machen. Sein Sieg über seine schwere
Vergangenheit und seine Liebe für alles und jeden rührten mich
sehr.
Nach dem Essen schickte ich einen kurzen
Brief an Felicia und Gerald
97
ab, in dem ich sie fragte, ob ich ein FSM
werden müsse und ob ich mich gegenüber dem Werber richtig verhalten
habe. Am späten Abend war diese Episode schon vergessen. Als ich in
meinem Schlaf-Iglu lag, fühlte ich die Anwesenheit von etwas neuem
die mir durch Grad V verliehene Macht, die durch meinen Körper pulsierte
und mich mit größeren Mächten am nächtlichen Himmel
und in den dunklen Wäldern weit draußen in Sussex in Verbindung
brachte.
98
davon machte deutlich, daß die Ethik-Richtlinien
im Hill nach wie vor streng gehandhabt wurden. Ich registrierte ein Dutzend
"Ethik-Zustände" (= eine Skala negativer und positiver ethischer Werte,
denen entsprechend Lob und Strafen gegenüberstehen). Schon bald erfuhr
ich, daß sie als einer der größten Beiträge Rons
zum Wohl der Menschheit galten.
Die Ethik-Zustände sind der Versuch,
jederzeit alles und jedes im Universum zu klassifizieren. Man kann sie
auf sich selbst anwenden, auf eine Organisation, einen Haushalt, eine Nation,
eine Katze oder einen Füller. Jeder Zustand wird durch eine bestimmte
"Formel" definiert, ein Anzahl von Schritten, die getan werden müssen,
um den nächsthöheren Zustand zu erreichen. Der augenblickliche
Zustand einer Person kann festgestellt werden, indem man sich vergewissert,
welche Formel er gerade befolgt, ob bewußt oder unbewußt. Zum
Beispiel ereignet sich der Zustand des Nicht-Existierens, wenn man einen
neuen Posten antritt, als Chef oder als Diener. Die entsprechende Formel
lautet:
99
Schülern oft als willkommene Erholung
von der passiven Haltung beim Abhören der Tonbänder und dem stundenlangen
Lesen von Bulletins begrüßt, ein wenig mit dem feuchten Ton
herumspielen zu können.
Die Arbeit mit dem Demo zeigt wie es
in dem Bulletin ferner hieß "dem nur zungenfertigen Schüler,
was ihm fehlt: er kann sehr gut abstrakt reden, aber in Wirklichkeit hat
er nichts verstanden."
Ein solcher Schüler gerate in Panik,
wenn man ihm ein Stück Ton in die Hand gebe.
Der Ton-Demo soll selbst darstellen, was
er symbolisiert. Jeder Teil der Figur erhält außerdem ein kleines
Papierschild. Abschließend wird der ganze Demo mit dem Etikett des
Wortes oder der Prozedur versehen, die er illustrieren soll. Diese Aufschrift
wird aber verdeckt. Wenn der Instrukteur trotzdem erraten kann, worum es
sich handelt, dann hat der Schüler seine Aufgabe erfüllt.
Unser Instrukteur war zu jener Zeit ein
kurzgewachsener Engländer, der zumindest ein OT I sein sollte. Um
eine Kaffeepause anzukündigen, pflegte er zu brüllen: "Das wär's!"
und wenn sie um war: "In Ordnung. Aaanfangen!"
Sein trockener Humor, den ich für
typisch britisch hielt, äußerte sich besonders scharf, wenn
er unsere Demos überprüfte. War ihre Bedeutung nicht sofort zu
erkennen, dann brachte er uns mit ironischen Fragen in Verlegenheit. Ein
Demo über die Ethik-Zustände hatte jeden Schritt der einzelnen
Formeln darzustellen. Da es bis zu acht Schritte per Formel gab, verbrauchte
man entweder den Ton pfundweise oder man machte die Figuren so klein, daß
sie kaum erkennbar waren. Ich mußte meinen Erfindungsreichtum sehr
strapazieren, um einen Gedanken wie: "Ändere nichts" zu visualisieren.
Ich brauchte zwei Tage, bis ich mit den Demos fertig war.
Ein anderes Problem war die Beförderung
zum Saint Hill. Selten gab es genügend Wagen für alle, die zum
College fahren wollten. Der beste Tip war, sich mit Max Dinmont, einem
OT VI, gut zu stellen. Jeden Morgen fuhr er nach dem Frühstück
zu genau der gleichen Zeit los, immer nahm er einige von uns mit. Allerdings
kannte Max kein Mitleid, wenn man nicht pünktlich war. Zwei ältere
Frauen aus der Solo-Klasse klagten darüber, daß er oft ohne
sie abführe. Ralph Wilkins, der Hausmeister, fuhr eine andere Gruppe
in einem kleinen Transporter hinüber, aber dann mußte man sich
mit sechs anderen Leuten in den Wagen quetschen.
Sobald wir in Hill angekommen waren, stürzten
wir uns auf die Tonbandgeräte. Dreißig oder mehr Schüler
hatten nur fünfzehn Geräte zur Verfügung. Viele standen
schon um 8.45 Uhr vor der Klasse
100
Schlange, um ein gut funktionierendes Gerät
zu erwischen. Um 9.15 Uhr wurde die Tür geöffnet; dann kam es
sofort zu einem wilden Drängen und Schieben. Wenn ich Glück hatte,
hörte ich mir den ganzen Morgen Tonbänder an, schlang dann in
der Kantine ein Sandwich hinunter und raste sofort wieder in die Klasse
zurück, um noch ein paar Tonbänder zu schaffen.
Rons Gegenwart im Solo Klassenzimmer war
ständig zu spüren: In seinen Büchern und Bulletins auf den
Tischen, seinen Slogans am Schwarzen Brett und durch sein großes
Porträt neben dem Pult des Instrukteurs. Seine Gegenwart durchdrang
alles; vor allem aber war Ron für uns die Stimme auf den Tonbändern.
Die Tonbänder mit den vierzig Hubbard-Vorlesungen
wurden in einem Aktenschrank aufbewahrt. Aus dem Kontrollformular ging
hervor, daß zunächst acht Bänder über "Studieren"
anzuhören waren.
Hubbards vereinfachende Lehren schlugen
mich in ihren Bann: "Etwas zu studieren bedeutet, es anzuschauen, es zu
beobachten und alles zu entdecken." Warum war ich darauf nie gekommen?
Es war so einfach, so direkt. Ron schlug vor, wenn man etwas lernen wollte,
zum Beispiel über einen Traktor, dann "sollte man einen Traktor vor
sich haben." Er machte die üblichen Schulen herunter, weil sie keine
Ahnung vom wirklichen Zweck der Erziehung hätten: "Den Schüler
die Anwendung des Wissens zu lehren."
Es stimmte: alle meine Jahre in der Schule
waren vergeudet, weil mir diese elementaren Tatsachen entgangen waren
aber jetzt hatte ich die Chance, die Dinge zurechtzurücken. Ron machte
auch die Kompliziertheit der meisten Lehrbücher lächerlich. Was
sollte an der WAHRHEIT unklar sein? Selbst seine Methoden, die in den exakten
Gesetzmäßigkeiten der Physik und der Technik begründet
seien, liefen letzten Endes auf einfache Gesetze hinaus wie: "Wenn wir
einen Ziegelstein nehmen und einen anderen Ziegelstein darauf legen, dann
haben wir einen Ziegelstein auf dem anderen." Man konnte Rons Zuhörer
auf dem Tonband laut lachen hören, während er ihre bisherigen
Vorbilder vom Sockel stürzte.
Spott war nur eins von Rons Ausdrucksmitteln.
Er konnte launisch sein und ernst, weitschweifig und präzise. Oft
plauderte er neunzig Minuten lang, zitierte weither geholte Einzelheiten,
und dann, auf den letzten Zentimetern des Tonbandes, brachte er doch noch
alles unter einen Hut. Ich bewunderte die Bandbreite seines Wissens; er
sprach über so weit von einander entfernte Themen wie die Navigation
von kleinen Schiffen und die städtische Leichenhalle. Die Tonbänder
waren Unterricht, Predigt und Zirkus alles in einem.
Zu Beginn seiner Vorlesung nannte Ron
gewöhnlich das Datum. Falls
101
es sich um 1963 handelte, nannte er es:
AD 13 (Anno Dianetico 13).
Das hatte immer einen eigenartigen Effekt
bei mir, so daß ich mich nur schlecht konzentrieren konnte. Doch
dann weckte Ron mit seinem besonderen Sinn für Humor wieder mein Interesse.
Auf jedem Tonband gab es mindestens einen
Abschnitt, der mich beim aufmerksamen Zuhören störte. Ausgerechnet
diese Teile prägten sich mir ein. Aber wenn ich mich vor Lachen bog,
konnte ich mich unmöglich darauf konzentrieren, was er vorher gesagt
hatte. Zuweilen brach die ganze Reihe der Schüler an den Tonbandgeräten
gleichzeitig in Gelächter aus, wenn sie in verschiedenen Bändern
im gleichen Augenblick lustige Stellen anhörten. In einem Abschnitt
über die Unfähigkeit der großen Masse unterstrich Ron sein
Argument, indem er das Wort wie das Blöken eines Schafes klingen ließ:
"Ma-a-a-asse". Bei anderer Gelegenheit sprach er von einem Mann in New
York, dessen größte Furcht es war, in der Öffentlichkeit
nackt erwischt zu werden. Als Ron ihn wieder sah, rannte er gerade zum
Times Square und riß sich dabei die Kleider vom Leibe. Die Pointe
dieser Geschichte galt zugleich als eins der wesentlichen Gesetze des Universums:
"Man
bekommt immer, was man vermeiden will"
Während der Stunden, die wir in der
Klasse verbrachten, gab es häufig Unterbrechungen. Einmal in der Woche
wurde der Raum verdunkelt, um Rons Film über den reaktiven Geist vorzuführen.
Wir mußten dann unsere Tonbänder und Bulletins zusammenpacken
und in andere Räume umziehen, oder nach draußen, auf den Rasen
neben der Straße gehen. Jeden Freitagnachmittag wurden in der Kapelle
die Diplome überreicht. Schüler, die obere Grade oder den Spezial-Kurs
absolviert hatten, hielten dabei Reden über ihre Fortschritte.
Mindestens einmal am Tag kam ein Schüler,
der seine Solo-Audition beendet hatte, in den Klassenraum, um unsere gemeinsame
"Bestätigung" zu empfangen. Der Instrukteur sagte: "Das wär's",
und wir ließen unsere Arbeit einen Moment ruhen, während der
neue Release seine Rede hielt. Sofort nach unserem Applaus kam dann wieder
"Anfangen!" und wir machten uns wieder an die Arbeit.
Einmal wurden wir durch eine Frau unterbrochen,
die uns eine besondere Mitteilung machte: die Organisation erwarte ab sofort
die strikte Beachtung der Anordnung über das Tragen der Namensschilder;
im College-Bereich müsse jeder sein Schild tragen, Besucher und Taxifahrer,
die Fahrgäste abholen wollten, eingeschlossen. Ein Schüler ohne
das Namensschild werde in den Zustand der Schuld eingestuft. Die Schüler
seien außerdem verpflichtet, jeden zu melden, der sein Schild nicht
trage. Falls er das unterlasse, werde er selbst mit einer Ethik-Strafe
belegt.
102
Ich beschloß, mein Namensschild ständig
zu tragen. Das war zwar unbequem, besonders außerhalb des Hill, würde
mir aber das ständige Anstecken und Abnehmen ersparen.
Ursprünglich hatte ich geplant, den
Solo-Kurs in vier Wochen abzuschließen. Da es aber nicht genug Tonbandgeräte
gab und wir dauernd unterbrochen wurden, war es unmöglich, diesen
Zeitplan einzuhalten. Die Tonbandgeräte waren schlecht, man mußte
sie dauernd reinigen, auch die Tonbänder waren abgenutzt: selbst wenn
man sie mehrmals abhörte, konnte man einzelne Sätze nicht genau
hören. Viele Kopfhörer waren zerbrochen, man mußte sie
mit der Hand gegen das Ohr halten. Diese ständige Anstrengung, Rons
Botschaft zu erfassen, machte mich häufig schläfrig. Zum Ausgleich
dachte ich an mein Abschlußreferat über meine Fortschritte oder
blickte im Zimmer auf und ab, um zu prüfen, ob ich schon besser sehen
konnte. Manchmal nickte ich ein; das Geräusch des auf den Tisch fallenden
Kopfhörers weckte mich dann wieder. Selbst im Halbschlaf hörte
ich weiter Rons Stimme, einen vollen Bariton, rauchig, doch wohlklingend,
einschmeichelnd und beherrschend zugleich.
Ein Körper ist ein Gemüse...und wie jedes Gemüse wird er auf die eine oder andere Art von anderen verbraucht.Die Sitten, wie sie in sexueller oder anderer Beziehung von manchen OTs an den Tag gelegt wurden, verwirrten mich. Man war sich einig, daß eine Person nur so lange OT (Operating Thetan = voll kreatives Theta-Wesen) genannt werden konnte, bis Ron der Welt der Scientology die Stufen VII und VIII geschenkt haben würde. Bis dahin, so forderte Ron in einem Bulletin, dürfe man Clears und OTs nicht nach den gleichen Maßstäben messen, wie gewöhnliche Menschen. Trotzdem war es mir unmöglich, nicht zu bemerken, daß es OTs gab, die Eigenschaften vorwiesen, wie sie gewöhnlich nicht mit dem Übermenschlichen assoziiert wurden.L. RON HUBBARD
103
einkommen mit einem Sea Org-Rekruten, der
hier auf Nachricht von der Jacht wartete. Die Tochter konnte den Liebhaber
nicht ausstehen und die drei diskutierten während der Mahlzeiten darüber.
Die Tochter war häufig Zeuge dieser Affären mit Fremden ihre
Mutter war außerdem oft im Bett von Richie Blackburn. Nachdem der
Jacht-Rekrut abgereist war, wurde Mike Glassman, ein OT VI, sein Nachfolger
bei Olga. Mike war ein vierschrötiger und abstoßender Mann ohne
die geringste geistige Ausstrahlung. Rons Regeln entsprechend versuchte
ich, ihn nicht zu streng zu kritisieren. Olgas Benehmen schien anzudeuten,
daß sie das Kind verletzen wollte es wirkte fast, als wolle sie
sich an ihrer Tochter irgendwie rächen. Trotzdem nahm ich an, es werde
schon seine Richtigkeit haben, als ich sie im Wohnzimmer in leidenschaftlicher
Umarmung mit Juanita Wilkins' Liebhaber antraf. Die OT I-Fähigkeiten
ihres Mannes Ralph Wilkins reichten offensichtlich nicht aus, um sie zu
befriedigen. Juanitas Moral versetzte mich ebenso in Erstaunen, wie die
von Olga, allerdings war Juanita nur eine Grad IV Release.
Vor einigen Jahren hatte Ron derartige
Aktivitäten unter den Schülern des College offiziell verboten.
Später hat er diese Anordnung widerrufen. Die Schüler taten sowieso,
was sie wollten, und da es kaum Möglichkeit gab, sie davon abzuhalten,
wurde der Geschlechtsverkehr wieder zugelassen.
Der Hausmeister des Fyfield Manor war
hochgewachsen, schlank, und etwa dreißig Jahre alt; auch er benahm
sich nicht wie ein OT. Ralph war darauf versessen, durch leichte Profite,
die er aus Fyfield Manor schlug, seine nächste Stufe zu finanzieren.
Die Hausbewohner verachteten ihn deshalb. Er war freundlich, zu Scherzen
aufgelegt und schrecklich unordentlich. Das Haus war in einem jämmerlichen
Zustand, vor allem die Installation; es war noch mehr in Unordnung, als
es wegen der fehlenden Mittel für eine Renovierung hätte sein
müssen. Ralph war es auch völlig gleichgültig, wie die Gäste
unterkamen. Es gab zahlende Gäste, die im Keller oder auf dem Fußboden
des Wohnzimmers schliefen. Bekannt war auch, daß er sich sozusagen
stellvertretend an den losen Bettsitten des Manor vergnügte, selbst
an denen seiner eigenen Frau. Mit einem Wort, seine Ethik war "out", wie
die Scientologen sagen. Doch was uns betraf, waren wir bereit, ihm alles
zu verzeihen, weil er wenigstens auf eine gute Küche hielt. Man konnte
Ralph nichts übelnehmen, solange er uns mit gutem Essen bestach. Eines
Tages bemerkte ich während des Essens einen kleinen Jungen, der an
einem Nebentisch saß. Zuerst glaubte ich, er sei allein. Dann fiel
mir ein, daß er zu den Kindern eines amerikanischen Ehepaares gehörte,
das am Spezial-Kurs teilnahm, und das die Angewohnheit
104
hatte, was immer man sagte, in der vorgeschriebenen
Weise mit sonorem "O.k." und "Danke" zu bestätigen. Seine Mutter hatte
in einem S&D entdeckt, daß der Junge für sie suppressiv
war. Vielleicht hatte sie das Kind von Anfang an nicht haben wollen; natürlich
mußte sie sich nun von ihm trennen. Deshalb aßen sie an verschiedenen
Tischen. Hin und wieder lief sie zu ihm und drückte ihn an sich; sie
sagte, sie könne sich nur halb von ihm trennen. Er war der traurigste
kleine Kerl, den ich je gesehen habe; sein bedrücktes und ratloses
Gesicht war der vollkommene Gegensatz zu dem seiner kleinen strahlenden
Schwester, die immer bei den Eltern saß.
Es gab dort außerdem ein achtzehnjähriges
Mädchen, das in einer Dachstube wohnte und nur selten zu den Mahlzeiten
kam, wobei es leise vor sich hin summte. Richie erklärte uns, daß
sie das "erste Dianetic-Kind" sei, das Resultat von Rons Erforschung der
Engrammlosen Geburt. "Ich bin allerdings nicht sicher", fügte er hinzu,
"ob es ein Erfolg war. Sie ist nämlich ein wenig komisch."
Die HCOBs waren in einem kleinen Büro neben dem Solo-Klassenzimmer unter Verschluß. Die Schüler mußten den Empfang quittieren und durften sie nur in verschlossenen Aktentaschen mit sich führen. Nicht alle der elf Pakete waren geheim und daher "möglicherweise gefährlich für jeden, der auf das Material noch nicht vorbereitet ist". Die Pakete A bis D behandelten das Auditieren und verwendeten Begriffe, die ich schon kannte. Sie unterschieden sich aber in zweierlei Hinsicht von den Dianetic-Paketen. Erstens: im Solo-Kurs mußte ich mich selbst auditieren und damit war ich mein eigener Preclear. Alle Vorschriften in den Bulletins bezogen sich also auf mich; ich war Auditor und PC in einer Person. Zweitens: die Einzelheiten wurden sehr viel mehr im Detail dargestellt. Dutzende von Seiten beschäftigen
105
sich mit den Regeln des Auditierens und
deren Übertretungen. Korrektes Auditieren beruhte auf einem strengen
Ritual: l) Fragen stellen, 2) Antwort bekommen, 3) Antwort bestätigen.
Das mußte streng eingehalten werden. Als schädlicher Zusatz
galt alles, was der Auditor hinzufügte: überflüssige Worte,
Veränderungen der Tonlage beim Sprechen oder spontane Gesten. Als
Störung des Prozesses galt es auch, wenn der Auditor bestätigte,
ohne die Antwort des PC abzuwarten ("seine Kommunikation abschneiden").
Das vermittelte dem Preclear das Gefühl, der Auditor höre ihm
nicht wirklich zu, und als Kompensation versuche er dann, mehr als notwendig
zu reden, was den Prozeß verzögere. Ein noch viel schwerwiegender
Fehler sei es, wenn sich der Auditor mit dem PC in ein Frage- und Antworte-Spiel
einließe.
An einem warmen Sonntagmorgen nahm ich
meine Bulletin-Pakete zum Lernen mit auf die Terrasse hinter dem Schloß.
David, einer meiner Zimmergenossen, war schon dort, er las sein Sonderkurs-Material.
Ich setzte mich zu ihm. Nachdem ich eine Zeitlang Notizen gemacht hatte,
mußte ich zum WC im Haus. Als ich zurückkam, ging Richie auf
der Terrasse auf und ab. Er kam zu mir und baute sich drohend vor mir auf.
"Weißt du, was du gerade getan hast,
Freundchen? Du hast dein vertrauliches Material hier rumliegen lassen.
Ich hätte dir mehr Vernunft zugetraut!" Er schlug mit der Faust gegen
seinen Oberschenkel. "Wenn ich du wäre, ginge ich sofort zur Ethik-Abteilung,
um es zu melden."
Ich starrte ihn an. "Aber Richie, David
ist doch hier und ich war nur eine Sekunde fort."
"Du hast gehört, was ich gesagt habe.
David ist im Sonderkurs. Wie willst du wissen, ob er deinen Status schon
erreicht hat? Wenn er dein Zeug nun gelesen hat? Ich würde etwas tun
an deiner Stelle, aber das mußt du selber entscheiden. Bring es morgen
gleich in Ordnung. Bei deiner nächsten Sicherheitsüberprüfung
kommt es sowieso heraus!" Als Richie ins Haus stolzierte, hatte ich ein
komisches Gefühl in der Magengrube.
"Mach dir keine Sorgen", sagte David,
"manchmal spinnt er."
"Aber habe ich nicht wirklich etwas falsch
gemacht?"
"Das hängt von dir ab. Es ist so,
wie du darüber denkst. Wenn du meinst, es war o.k., deine Sachen bei
mir zu lassen, um ins Klo zu gehen, dann ist es in Ordnung. Du mußt
dir nur selbst sicher sein."
Fast täglich sah ich Fanatiker wie
Richie in Aktion. Trotzdem gab es vieles, was mir das Leben im Saint Hill
angenehm erscheinen ließ. Man brachte mir bei, mich zu unterwerfen.
Es war eine Last mehr, die von einem genommen war, wenn man nicht mehr
zu rebellieren brauchte
106
und nur gehorsam zu sein hatte. Sie vermittelten
mir die Disziplin, die mir mein Leben lang gefehlt hatte. Auf lange Sicht
war das genau so nützlich, wie der Clear-Prozeß selbst. In der
Tat begann ich zu denken, daß das Clearen nicht notwendigerweise
die größte Wohltat der Scientology war. Fast unmerklich war
eine Veränderung in mir vor sich gegangen. Ich hatte nicht mehr die
Absicht, die Scientology für meine eigenen Zwecke auszunutzen. Mir
gefiel dieses Gefühl; es war so sauber. Meine alten Ansichten erschienen
mir jetzt so unrein. Vielleicht beeinflußten mich die Regeln, die
strikten Anordnungen, die Augen und Stimmen, die mich bei jeder neuen Aufgabe
leiteten. Wenn es so war, dann wußte ich den Wert dessen, was ich
bekam, zu schätzen. Ich war froh, mich nicht mehr länger als
eigenwilligen Eindringling zu sehen, sondern als Mitglied der Gruppe im
Saint Hill.
Ihre Hingabe beeindruckte mich. Die Schüler
und Stabsmitglieder kamen aus aller Welt, viele aus den angelsächsischen
und skandinavischen Ländern und den Vereinigten Staaten. Sie hatten
die verschiedensten Lebenswege hinter sich, gehörten allen gesellschaftlichen
Stufen und Altersgruppen an, und hatten jeden erdenklichen religiösen
und sozialen Hintergrund. In einem Kurs war ein Paar, das schon hoch in
den Siebzigern war, sowie ein zwölfjähriges Mädchen. Die
Anzahl gut aussehender Menschen war unter den Schülern überdurchschnittlich
groß: viele der Mädchen waren ausgesprochen schön, viele
Männer hatten wache und kluge Gesichter. Ihr direkter Blick stieß
mich nicht mehr ab, wie in der New York Org.
Etwas besonderes kam hinzu: als einzelner
brachte man durch seine persönlichen Anstrengungen und Erfolge die
ganze Gruppe voran. Ich kam darauf während des täglichen Gerangels
um die Tonbandgeräte. Die Schüler verbargen ihre fiebrige Hast
nicht im geringsten; der Druck, möglichst schnell weiter zu kommen,
ließ ihnen keine Ruhe. Alle wußten es: Der Scientology-Bewegung
konnte etwas zustoßen, bevor wir den Status eines Clear erreichten
und uns aus der Falle befreiten, in der wir seit Millionen Jahren steckten.
Denn die Scientology wird von den Behörden mehrerer Kontinente verfolgt,
und das verlieh Rons Organisation ein wenig den Charakter des Illegalen.
Vielleicht ging es den ersten Christen in ihren Katakomben genauso. Vielleicht
war es diese Unsicherheit, die die Leute zusammenbrachte, sie zugleich
auch von einander trennte und in ihre gegenseitigen Beziehungen eine schwer
erklärbare Mischung von Zuneigung und Fast-Feindschaft brachte.
Und doch war mein Leben niemals zuvor
ähnlich bewußt verlaufen; hier konnten sich die Menschen geben,
wie sie waren. Niemand mußte heucheln, seinen Egoismus verschleiern.
Theta-Menschen wurden nicht
107
durch den Gefühlsleim des reaktiven
Geistes zusammengehalten. Sie konnten sich ihren wirklichen Gefühlen
stellen. Hier war Realität, hier gab es Überzeugung, einen Zweck,
ein Ziel. Im College mit seinen Bestimmungen, Regeln, seinen Strafen, mit
den Hunderten von Seelen, die alle den gleichen, eng umgrenzten Pfad entlang
stürmten, wurde einem "der feste Wille, sein eigenes Ziel zu erreichen",
abverlangt. An diesem Punkt angelangt, war ich schon dicht daran, für
immer einer von ihnen zu werden.
108
rückkehren zu können, besser
befähigt, mit ihrer unglücklichen Ehe fertig zu werden. Sie weinte
vor Enttäuschung, als ihr bewußt wurde, daß ihr dieses
Ziel immer mehr entglitt.
Dexter, ein langhaariger Gitarrenspieler
aus Nordengland, arbeitete von früh bis spät beim Stab, um sich
die Mittel für Grad 0 zu verdienen. Immer wieder war er wegen kleiner
Vergehen in Schuld geraten. Deshalb mußte er sich jetzt einem "Joburg"
unterziehen, einer komplizierten Sicherheitsüberprüfung, die
gründlicher als üblich war und von Ron ausgearbeitet worden war,
als Mitglieder der Org in Johannesburg, Südafrika, vor Jahren gegen
ihn rebelliert hatten. Diese Überprüfung dauerte drei Stunden,
falls nicht vorher die schwebende Nadel kam, und der E-Meter mußte
jede Frage mehrfach als sauber erweisen, darunter solche wie: "Sind Sie
pervers?"
Es tat mir leid, meine neuen Freunde gestraft
zu sehen, aber ich ermutigte sie nach Kräften, damit sie ihren minderen
Status ertrugen, bis sie auditiert werden konnten. Ich entging nur deshalb
der gleichen Pein, weil ich über das notwendige Geld verfügte.
Gerald hatte mich besonders vor der See Org gewarnt; ihre Mitglieder wollten
"den ganzen Planeten clearen." Ich aber dachte nur daran, weshalb ich hergekommen
war: selbst ein Clear zu werden und dann zu verschwinden.
... wie wir alle wissen, hat der Thetan bei seinem Sturz in die Erniedrigung schweren Schaden gelitten. Nachdem er zugelassen hatte, daß er weich wurde, erledigten korrupte Wesen aus dem Universum das Geschäft, indem sie ihn mit Vorfällen und Faksimiles elektrisch aufluden. Solche gewaltigen Eintragungen auf der "Ganz-
109
Spur" das ist die gesamte
Zeit-Spur über Milliarden von Jahren werden Einprägungen genannt.
Ein Teil dieses zerstörerischen Materials wurde von Invasionstruppen
einer alten innergalaktischen Konförderation, die auf dem Planeten
Helotrobus basierte, auf die Erde gebracht. Sie hatten das Ziel, hypnotisierte
Sklaven und Kolonisten herzustellen, indem sie es ihnen fast unmöglich
machten, sich daran zu erinnern, daß ihnen ihre scheinbaren Ziele
vorher eingepflanzt waren. Die meisten dieser eingeprägten Ziele sind
jetzt durch Forschungsarbeiten mit dem E-Meter aufgespürt worden.
Die Einprägungen sind übrigens sehr unterschiedlich ...
Helatrobus-Einprägungen:
Vor 38,2 bis 52 Billionen Jahren
Flugzeug-Tür-Einprägungen:
Vor 216 bis 315 Billionen Jahren
Die Gorilla-Ziele: Vor 319
bis 83 Billionen Jahren
Die Bären-Ziele: Vor
83 Sextillionen Jahren, bis vor etwa 40,7 Oktillionen Jahren
Die Lichtungs-Einprägungen
(Früher: Schwarze Thetan-Einprägungen) Vor 40,7 Oktillionen bis
vor 5,9 Dezillionen Jahren
Die unsichtbaren Bildziele:
Vor 5,9 Dezillionen Jahren bis zu einem nicht mehr klar erkennbaren Datum
Die Günstlings-Einprägungen:
Noch nicht bestimmt
Die Schöpfungsgeschichte-Einprägungen:
Vor 70 Dezillionen Jahren
Das "Flugzeug-Ziel" ist
in einem vorgetäuschten Flugzeugrumpf eingeprägt worden, wobei
der Thetan vor einer Flugzeugtür angebunden war. Die "Gorilla-Ziele"
wurden in einem Rummelplatz mit einem einzigen Tunnel, einer Rollschuh-Bahn
und einem Riesenrad eingeprägt. Das Symbol eines Gorilla war immer
dort vorhanden, wo das entsprechende Ziel eingeprägt wurde. Manchmal
wurde ein schwarzer Gorilla außerhalb des Rummelplatzes gesehen.
Ein mechanischer oder ein lebendiger Gorilla wurde immer innerhalb des
Rummelplatzes gesehen. Diese Aktivitäten wurden von den Hoipolloi
ausgeführt, einer Gruppe, die sich in Gesellschaften mit Körpern
aus Fleisch aufhielten. Es waren typische Fleischfresser. Sie gaben Konzessionen
für diese angeblichen Rummelplätze aus. Ein rotgestreiftes weißes
Hemd mit Ärmelhaltern war die Uniform der Hoipolloi. Solche Figuren
fuhren oft auf den Auto-Scootern. Bei den Wagen wurden auch Affen verwendet.
Manchmal gehörten auch Elefanten dazu. Die Hoipolloi- oder Gorilla-Ziele
wurden in phantastischem Tempo eingeprägt. Dabei wurden sowohl reine
Stromstöße als auch Explosionen verwendet. Die "Schwarzer Thetan-Ziele"
wurden auf einer Lichtung eingeprägt, die von steinernen Köpfen
Schwarzer Thetanen umgeben war, die wiederum weiße Energie auf den
gefangenen Thetan spien. Der Gefangene Thetan war ohne Bewegung.
110
Bruce Perkins war ein kurzwüchsiger
Engländer mit schweren, hängenden Schultern, einem sensiblen
Schmollgesicht und dicken Brillengläsern. Zugunsten der Scientology
hatte er seine Ehe aufgegeben, nachdem er sich das Geld dafür auf
Baustellen unter der heißen Sonne Afrikas und des Nahen Ostens verdient
hatte. Bis jetzt aber hatte er den Power-Prozeß nicht einmal begonnen.
Er hatte eine Review-Sitzung nach der anderen absolviert und ständig
ARC-Brüche erlebt. Wie er mir sagte, wurde er von der Organisation
an der Nase herumgeführt. Wenn sich die Dinge gerade ein wenig einzuspielen
begännen, bekomme er einen gemeinen Brief von seiner ehemaligen Frau,
was seine Nadel auf der Skala festrasten lasse; das wiederum mache weitere
Review-Sitzungen erforderlich, wodurch es zu neuerlichen ARC-Brüchen
komme, usw. usw. Bei alledem quäle ihn sehr, daß immer dann,
wenn er mit einem Auditor ein erträgliches Verhältnis erreicht
habe, ihm bei nächster Gelegenheit ein neuer aufgezwungen werde. Seine
Mittel seien nahezu erschöpft und er denke daran, seinen Wagen zu
verkaufen. Er glaubte noch immer, daß die Scientology seine letzte
Hoffnung auf der Welt sei, so groß seine Zweifel und sein Groll auch
waren. Ich gab mich als verständnisvoller Kamerad und sagte ihm, er
solle durchhalten und seinen Power-Prozeß zu Ende bringen. Ich hatte
Angst, Bruce könnte über seinen Fall reden. Jedesmal wenn er
Einzelheiten von den Review-Sitzungen erwähnen wollte, mußte
ich ihn zum Schweigen bringen; er verriet ohnehin schon viel zu viel. Das
Abzeichen, das er Tag und Nacht tragen mußte, machte mich nervös.
Ich hatte Mitleid mit ihm, befürchtete aber, ich könnte das Verbot
vergessen und ihm eine Frage stellen. Manchmal blieb mir fast das Herz
stehen, wenn mir aufging, daß ich wieder das Verbot übertreten
hatte. Beim Frühstück hatte ich ihn zum Beispiel gefragt: "Möchtest
du noch Kaffee?" Gewiß war diese Frage nicht schädlich, aber
immerhin verbot das Abzeichen jede Frage. Sicher gab es einen Grund dafür.
Ich war ungehorsam gewesen und mußte künftig noch vorsichtiger
sein.
Als ich am gleichen Abend zum Schlafen
nach oben kam, saß Bruce auf seinem Bett und spielte unentschlossen
auf seiner Gitarre. Er sagte mir, er fühle sich ständig frustriert,
weil er weder Musik machen noch sich sonst irgendwie ausdrücken könne.
Dann unterhielt er mich länger als eine Stunde lang mit Geschichten
über sein Leben in Afrika. Er war durchaus ein Mann, der sich ausdrücken
konnte, auch wenn er es selbst nicht wußte.
111
Dieses Werk beruht auf ehrlicher Forschung, die mit beachtlicher Sorgfalt ausgeführt worden ist.Schließlich war ich so weit, L. Ron in voller Aktion zu sehen, und zwar in seinem Film über den reaktiven Geist. Da war das vertraute Gesicht mit den Hamsterbacken leibhaftig auf der Leinwand. Am Ende jedes Satzes kam ein schnelles Lächeln, als erlaube sich Hubbard einen Scherz über die Barbaren-Welt, wenn er uns seine Geheimnisse verriet. Er stand hinter einem Töpfertisch, auf dem ein Modell stand, das einer ganzen Kette von Booten glich; jedes von ihnen trug etwa zwölf Tonkugeln, die jeweils in zwei Reihen in dem Boot lagen. Er erklärte die Einzelheiten seines Modells, wobei er zuweilen auf Details hinwies, die ich aber nur unvollkommen mitbekam ...L. RON HUBBARD
Wir werden euch jetzt die
Innen-Struktur des reaktiven Geistes vorführen. Sein Kern ist die
R6 Bank. Sie ist von Engrammen und Secondarien umgeben, die ausgelöscht
werden müssen, um an den Kern heranzukommen. Und woraus besteht die
R6 Bank? Ihr werdet erstaunt sein, wenn ihr hört, daß es eine
Gruppe von Worten ist, die GPMs (Goals, Problems, Mass = Ziele, Probleme,
Masse) heißen. Ihr Zweck ist es, einen Thetan zu verwirren. Sie sind
die Ursache seines Irrweges. Der Inhalt der R6 Bank sind also verfälschte
stabile Daten.
Bei diesem Demo (= Modell)
ist jedes dieser schiffsähnlichen Objekte ein GPM, und die Tonkugeln
darauf sind seine verbalen Inhalte. Diese Phrasen basieren auf dem elektromagnetischen
Prinzip der Plus- und Minus-Spannung. Auf der einen Seite des GPM sind
die positiven Phrasen, auf der anderen die negativen; beide gehören
paarweise zusammen. Mehr darüber später. Hier seht ihr ein erstaunliches
Phänomen: Der reaktive Geist ist nicht ein chaotischer Flickwerk-Dschungel
von Worten und Emotionen, sondern eher eine exakte Ordnung von Begriffen,
die bei jedem Menschen gleich sind. Ganz ähnlich ist es mit der Zeit-Spur.
Die Präzision, mit der der reaktive Geist zusammengesetzt wurde, ist
unglaublich.
Glaubt nicht, es sei leicht
gewesen, das alles zu erforschen. Wir mußten die genaue Zahl der
GPMs feststellen; natürlich auch die genaue Zahl der RIs oder Reliable
Items (= verläßliche Einzelheiten), das sind die verschiedenen
Begriffe, die zu einem GPM gehören. Die RIs blieben lange unentdeckt.
Ebenso die Tatsache, daß die GPMs Masse und Bedeutung enthalten,
ferner, daß die Bank Masse und Gewicht hat und einen Raum etwa fünfzehn
Fuß vor dem Preclear ausfüllt. Wenn man sich einen Moment überlegt,
daß dies alles den Psychiatern entgangen ist, dann wundert man sich
... und wundert sich ...
In seinem Film hatte Hubbard nicht erwähnt,
wieviele GPMs es in der Bank gab. Auch die Bulletins gaben keine einzelne
Zahl an, die verschiedenen Ziffern gingen von eins bis dreihundert. Die
Anzahl der RIs in einem GPM lag ebenfalls im Verborgenen. Hinzu kam, daß
die
112
Prozesse R2 und R3 ohne jede Erklärung
erwähnt wurden. Ferner begannen Diagramme aufzutauchen, die sich aus
ungewöhnlichen Verbformen zusammensetzten, aus nie gehörten Worten
mit der Endung NESS (=-heit). Diese NESS-Worte bedeuteten die Ziele. Davon
gab es Hunderte, die durch Kreuz- und Quer-Linien verbunden waren, mit
Kreuzungen, wo die Plus-Ziele zu Minus wurden. An beiden Enden jedes Diagramms
war etwas, was sich Opposition Terminal (= etwa: Gegensätzliches Endstück)
nannte, gesetzt.
Ich las Seite nach Seite voll dieser Verben,
die in diese seltsamen Nomen verwandelt waren. Es war ein alptraumhaftes
Wortspiel. Ron hatte uns gesagt, daß die Struktur der Bank in jedem
Menschen gleichförmig sei; sie sei ein Teil unseres eigenen Geistes,
den wir ausradieren sollten. Ich verbrachte viele Abende damit, hinter
das Ganze zu kommen. Aber es war hoffnungslos, meine Mühen brachten
mir außer heftigen Kopfschmerzen nichts ein.
Zwei Damen aus Dänemark, die den
Solo-Kurs eben begonnen hatten, baten mich, sie über ihre Kenntnisse
der Tonbänder abzuhören. Sie holten mich eines Abends in ihrem
Wagen im Fyfield Manor ab und brachten mich zu ihrem Hotel in der Stadt,
wo sie mich zu einem Abendessen mit Steaks und Wein einluden. Wir kamen
in Stimmung und waren bald ein wenig angeheitert. Schließlich gingen
wir nach oben in ihr Zimmer, damit ich sie abfragen konnte. Die Hübschere
von beiden war auch die Intelligentere; mit ihr kam ich schnell zu Rande.
Die andere sprach nur wenig Englisch und reagierte langsam. Sie konnte
Rons Definitionen nicht genau wiedergeben, sie wußte auch nicht mehr,
welche sich in welchem Tonband fand. Ich machte es ihr so leicht wie möglich,
praktisch sagte ich ihr die richtigen Worte vor. Trotzdem kam sie nicht
mit.
Ich wurde ungeduldig. Meine Stimme begann
erregt zu klingen, während ich versuchte, sie auf die richtigen Antworten
zu stoßen. Doch während ich auf sie einhämmerte, bemerkte
ich, wie sehr sie sich aufregte und durch meine Fragen durcheinander gebracht
wurde. Ihre Augen wurden glasig, ihre rosigen Wangen blaß, mir ging
auf, was ich ihr antat. "Machen wir eine Pause", sagte ich. Wir drei schauten
uns verlegen an. "Ich hätte Sie liebend gern bestehen lassen", sagte
ich grausam, "aber ich wäre kein guter Trainer, wenn ich Sie mit den
falschen Antworten durchkommen ließe!"
Das R6 EW Material
R6 EW ist der Prozeß,
durch den man ein Grad VI Release wird. Er bereitet einen darauf vor, den
unter hoher Spannung stehenden Kern der Bank während des Clear-Kurses
anzugehen, ohne sich selbst zu gefährden.
R6 EW nimmt die meiste Spannung
von den EWs fort. Nun enthält jede Phrase
113
oder Jedes RI in einem GPM
einen Infinitiv oder ein Verb und ein Nomen. Dies Nomen oder das Objekt
des Infinitivs heißt End-Wort oder EW. Das EW ist der weniger hoch
geladene Teil des RI, da es nur ein EW pro GPM gibt. Aber das Verb kann
in mehreren oder in allen GPMs vorkommen. Damit ist es stärker geladen
und würde ganze Teile der Zeit-Spur in Unordnung bringen, wenn es
restimuliert (= wieder in Kraft gesetzt) würde. Daher haben wir uns
mit den Solo-Kurs-Materialien große Mühe gegeben, um jedes Restim
von stark geladenen Worten in der R6 Bank zu vermeiden, was euch hinsichtlich
eurer GPMs durcheinander bringen würde.
Wenn du deinen E-Meter aufgestellt
hast und deine Formulare zurecht gelegt sind, nimm die Einzel-Büchse
in eine Hand, den Kugelschreiber in die andere. Dann stelle dir selbst
die Frage: "Was dramatisiere ich gerade?" Die Antwort muß in einem
Nomen, dem EW bestehen. Falls es kein Nomen ist, füge -heit hinzu.
Falls dir zum Beispiel einfällt, daß du "ein Junge sein" dramatisierst,
dann konstruiere das Wort "Jungenheit" oder "Jungenhaftigkeit" oder so
ähnlich. Falls das eins deiner EWs ist, zeigt die Nadel eine Reaktion,
wenn du es laut aussprichst.
Wenn du ein EW gefunden
hast, trag es auf eine kleine Karteikarte ein, ebenso, wie die Nadel reagiert
hat. Dann mußt du das entgegengesetze Wort finden. Alle EWs kommen
paarweise vor, plus und minus, es sind Dichotomien wie Langheit und Kurzheit.
Notfalls darf das Wort 'un' vorgestellt werden, um den gegensätzlichen
Begriff zu finden: 'Un-Jungen-heit'. Wenn der Gegenbegriff durch Nadelreaktion
gefunden und ein Paar zusammengestellt ist, wird es links von dem ersten
Wort auf die Karte geschrieben. Darauf wird es noch einmal auf einer zweiten
Karte registriert, komplett mit Datum, Nadelreaktion und dem ersten EW.
Die zweite Karte wird dann auf die erste gelegt und beide werden mit einer
Büroklammer zusammengeheftet. Das ganze Verfahren ist ohne jeden doppelten
Boden. Man muß nur ein EW und sein Gegenteil nach dem anderen suchen,
wobei man ein Wörterbuch oder ein Synonymlexikon benutzen kann, falls
das notwendig ist. Anschließend registriert man sie auf Karteikarten
und legt jedes zusammengeheftete Paar auf den wachsenden Stoß von
Karten. Das ist der ganze Prozeß: EW-Paare suchen. Es können
hunderte werden.
Grübelt nicht über
R6 EW, bevor ihr soweit seid. Wenn ihr bemerkt, daß euch Dramatisierungen
einfallen, sagt: "Das wär's" und beschäftigt euch damit weiter,
woran ihr gerade gearbeitet habt. R6 EW wird allem körperlichem Leiden,
dem ihr noch unterworfen sein mögt, ein Ende setzen. Es ist ein leichter
Prozeß. Korrekt ausgeführt, ist es ein Spaziergang.
114
de Dokument im ganzen verstanden habe.
Die Klasse arbeitete auf Ehrenwort. Nach einer Prüfung schrieb der
Prüfer das Datum und seine Initialen auf dem Prüfungsformular
direkt neben das Tonband oder das Bulletin, um das es ging, und attestierte
so, daß er seinen Zwilling examiniert hatte und daß er bei
ihm hinreichendes Verständnis festgestellt habe.
Die Methode für die Durchführung
der Prüfungen war genau vorgeschrieben, ähnlich den Vorschriften
beim Auditieren selbst. Die TRs mußten "in" sein, und der Prüfer
sagte "Stop!", wenn er aus irgendeinem Grund unterbrechen oder die Prüfung
beenden wollte. Innerlich fand ich dieses Ritual unerträglich. Mit
dem falschen Partner konnten die Prüfungen auf diese Weise zu einem
Verhör dritten Grades werden. Der Prüfer konnte eine gründliche,
sogar wortgetreue Kenntnis eines Bulletins verlangen, bis zur letzten mikroskopisch
kleinen Fußnote. Bei den Schülern bestanden immer Zweifel, wieviel
sie wissen sollten. Die meisten behielten ihre Unsicherheit für sich,
aber einmal hörte ich eine Diskussion mit, ob man die Abschnitte in
Großbuchstaben oder nur die numerierten Sätze auswendig können
mußte. Man war sich wirklich nie sicher. An der Wand des Solo-Klassenzimmers
hing ein Schild mit der Aufschrift: EINES TAGES KÖNNTE DIR RON BEGEGNEN
UND DIR EINE FRAGE STELLEN!
Meine Verwirrung über dieses Labyrinth
unzusammenhängenden Materials war so groß, daß ich mich
damit abquälte, bis ich fast krank war. Die Sorgen wuchsen mir über
den Kopf. Ich ertappte mich dabei, daß ich den Fortschritt im Kurs
mit meiner Selbstachtung verknüpfte genau wie die anderen Schüler
als ob mein innerer Wert davon abhinge, daß ich schnell durchkommen
würde. Das war der Grund, weshalb mich die Bulletins so sehr quälten.
Ich glaubte, es sei allein meine Schuld, daß ich meine Zeit nicht
besser ausgenutzt hatte.
Ich vertiefte mich noch mehr als bisher
in das Kontroll-Formular. Auch am Wochenende ging ich nirgends mehr hin.
Weder nach London, um meine Freunde zu besuchen, noch nach Brighton, um
den Ozean zu sehen. Ich hielt Fyfield Manor und seine Umgebung, die wundervolle
Landschaft, die sich schachbrettartig zum Horizont erstreckte, für
ein mir verschlossenes Paradies. Seit meiner Ankunft in England vor mehr
als einem Monat hatte ich keine sexuelle Regung mehr verspürt, ich
kam nicht einmal auf die Idee, mich mit einem der hübschen Scientology-Mädchen
einzulassen; schon der Gedanke war mir zuwider. "Wenn das anhält,
wenn ich wieder in New York bin, muß ich mir Sorgen machen", dachte
ich mir.
Schließlich beschloß ich eines
Sonntags, daß ich Abwechslung brauchte. Ich gönnte mir einen
Spaziergang, um mir die Bäume um Fyfield
115
Manor und die dahinter liegenden Felder anzuschauen. Ich erneuerte meine Bekanntschaft mit dem Flü gel im Wohnzimmer und entdeckte zu meiner Freude, daß ich immer noch spielen konnte. Richie begeisterte sich an meinem Arrangement eines Strauß-Walzers und war wieder freundlich zu mir. Er erzählte mir von seiner Heimat in Australien, wo Mädchen "Sheilas" hießen und die Ureinwohner "Boongs".
Die sommerliche Invasion neuer Schüler war inzwischen in vollem Gang. Vom Kontinent kamen viele Anfänger, um die von Schülern des Sonder-Kurses umsonst angebotenen Unteren Grade zu absolvieren. Fyfield Manor war bald überfüllt. Dort waren nicht nur viele Leute des Solo-Kurses untergebracht; es war auch ein Sammelplatz für Rekruten auf dem Wege zur Org-Jacht irgendwo im Mittelmeer. Eines Abends lagen nicht weniger als dreißig Menschen in Schlafsäcken oder auf Matratzen auf dem Boden des Wohnzimmers. Einige der regulären Bewohner waren über diese Zustände verärgert und beschwerten sich bei Ralph Wilkins. Die Ethik-Abteilung ließ einen Bericht über die Bedingungen in Fyfield Manor anfertigen und das Gesundheitsamt in East Grinstead stattete uns einen Besuch ab.
In Edinburgh war vor kurzem die "Advanced Org United Kingdom" (= Fortgeschrittene Organisation für das Vereinigte Königreich) etabliert worden, eine Entwicklung, die die gewohnte Spannung im Hill auf einen fast unerträglichen Gipfel trieb. Die AOUK wurde allein von See Org-Mitgliedern geleitet. Zwei ihrer weiß gekleideten weiblichen Angestellten gingen eines Tages durch das College, um Anzahlungen auf den Clear-Prozeß und die OT-Stufen einzutreiben. Die meisten Schüler schrieben sich bedenkenlos für das Clearen und für alle acht OT-Stufen ein, und leisteten auf der Stelle beträchtliche Anzahlungen. Auch ich unterschrieb für das ganze Paket, obwohl ich nur ein Clear und OT I werden wollte. (Es hieß nämlich, OT I sei ein unbedingtes Muß, um den Clear-Status zu stabilisieren). Während ich das Formular unterschrieb, versuchte ich, die See Org-Mitglieder möglichst gewinnend anzulächeln; seit neuestem war es mir ungeheuer wichtig, bei diesen Leuten gut angeschrieben zu sein.
Die See Org-Vertreterinnen machten uns auch mit der Vorschrift bekannt, daß jeder von uns pro Woche mehrere Werbebriefe abschicken müsse. Die blauen Luftpost-Umschläge dafür bekam man beim Instrukteur. Wir mußten die Briefe unverschlossen in einem Korb auf seinem Schreibtisch lassen. Ich fragte mich, ob die See Org-Leute sie lasen, um sich zu vergewissern, daß wir gebührenden Enthusiasmus zeigten. Ich hatte keine Schwierigkeiten, Leute zu finden, denen ich schreiben konnte. Ich hoffte, Umberto überreden zu können; ich schlug
116
ihm vor, nach England zu kommen, noch bevor sein Urlaub zu Ende ging. Einem Freund, der an Yoga interessiert war, schrieb ich: "Mann! Du findest keine Erleuchtung, wenn du in der Lotus-Stellung auf einem Berggipfel sitzt. Komm nach Saint Hill. ES IST ALLES HIER!"
Auch an meine anderen New Yorker Freunde gingen solche Briefe. Ich beschwor sie, in der Agentur ihr Grad IV Release zu machen, damit sie ebenso wie ich Zeugen der vollkommenen Entschleierung aller Geheimnisse des Menschlichen Geistes werden könnten. In einem besonderen, in Fyfield Manor abgeschickten Brief beauftragte ich meinen Börsenmakler, die Hälfte meiner Aktien zu verkaufen, die Dollar in Pfund Sterling zu wechseln und sie nach Barclay's Bank in Edinburgh zu schicken, für den Fall, daß sich die Notwendigkeit ergab, über den Status des Clear hinaus weitere Stufen zu absolvieren.
Mein Prüfungszwilling war ein amerikanisches Mädchen, das ebenfalls in Fyfield Manor wohnte. Wir nahmen uns ein ganzes Wochenende für die Prüfung und absolvierten sie außerhalb des College im Schatten eines riesigen alten Baumes. Am ersten Tag gingen wir den größten Teil des Materials durch, das ich im Dianetic-Kurs gelernt hatte, unter anderem "Die Eigenschaften des Suppressiven". Ich hatte nichts mehr davon im Kopf und am späten Nachmittag hatten wir beide schreckliche Kopfschmerzen.
Am nächsten Tag kamen wir zum geheimen Material des R6 Pakets. Und während wir uns langsam durch die einzelnen Punkte hindurcharbeiteten, begannen wir, uns immer selbstbewußter und lebendiger zu fühlen. Als wir es geschafft hatten, ergriff uns ein Gefühl der Freiheit und Sicherheit, ein Wohlbefinden, das fast schon Ekstase war, weil wir den schwierigen Stoff schließlich doch gemeistert hatten. Wir standen auf, nahmen unsere Aktentaschen und gingen den Pfad durch die prächtigen Wiesen zurück. So hatte ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt: Mein Körper war ein Instrument, das ich völlig kontrollierte, mit dem ich voranschritt, wie es mir gefiel. Ich nahm die Brille ab und freute mich an den kleinen bunten Blumen zu unseren Füßen, meine Augen schienen bei jedem Schritt schärfer zu sehen, und ich sprach mit meiner Begleiterin mit einer Stimme, die eine Oktave tiefer als gewöhnlich klang. Damals wußte ich: DAS WAR ES! Und diese Worte durchstömten mein ganzes Wesen: Gott, ein Clear muß sich genauso fühlen ... für immer!
117
Ein völlig irrer Thetan ist weit mehr bei Sinnen, als ein normaler Mensch. Aber das werdet ihr beim Auditieren selbst feststellen.Ein finster wirkender Mann von etwa fünfzig Jahren saß eines Abends mit uns am Eßtisch. Er war ein PTS 3 (= eine mögliche Quelle von Schwierigkeiten des dritten Gefahren-Grades). Albert Albert hatte beim Clear-Kurs durchgedreht und war jetzt für 24 Stunden unter Beobachtung. Richie und zwei Mitglieder des Hill-Stabes paßten abwechselnd auf ihn auf. Im Gegensatz zu Sam Veach konnte man Albert nicht einen kooperationswilligen PTS 3 nennen. Er saß still am Tisch, ohne jemanden anzureden oder anzuschauen. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von geradezu transzendentaler Selbstzufriedenheit, als ob er der Welt um ihn herum voller Trotz erklären wollte: "Ich war von Anfang an im Recht."L. RON HUBBARD
Es hieß, Albert Albert wolle nach Amerika zurück reisen, könne sich aber nicht entschließen, Fyfield Manor zu verlassen. Ralph hatte verzweifelt versucht, ihn zum Umzug in ein Hotel in der Stadt zu über- reden. Ralph war es leid, daß die Organisation ihm Leute auf zwang, mit denen sie nichts anfangen konnte. Auch die Bewohner des Manor hatten es satt, daß ihre Unterkunft ein Sammelplatz für PTS 3 Leute wurde.
Nach dem Essen saß ich mit einigen OT VI Leuten in der Küche, während sich Richie auf dem Korridor aufhielt, um Alberts Türe im Auge zu haben.
Erstmals hörte ich von der "Feuerwand"
reden. Diesen Beinamen hatte man dem OT III Prozeß gegeben. Olga
O'Brian und Mike Glassmann waren gut und schnell durch diese Gefahr hindurch
gekommen, als sie den Prozeß auf der See Org-Jacht absolvierten.
"Es war wie ein Drahtseilakt über einem Feuerschlund", sagte Olga.
"Ein Ausrutscher und man verbrennt darin."
"Der Prozeß, den wir absolvieren
mußten, war schon eine harmlosere Version", sagte Mike. "Ron hat
den ursprünglichen überarbeitet, weil dabei zu viele Leute ausgeflippt
sind. Vielleicht ist Albert Albert in so etwas aus Stufe III hineingeraten
..."
Schließlich hatte Ralph den Wagen
vorgefahren, um Albert in die Stadt zu fahren. Aber es gelang ihm nicht,
den kranken Mann dazu zu überreden, sein Zimmer zu verlassen. Selbstbewußt
marschierte Mike durch den Flur und gab Albert Kommandos im sogenannten
118
"Ton 40", wie sie Auditoren gebrauchen,
wenn sie ihre äußerste Entschlossenheit ausdrücken wollen.
Doch das machte keinen Eindruck. Olga versuchte es auf die sanfte weibliche
Tour. Aber nichts auf der Welt konnte Albert in den Wagen bringen. Keiner
von uns wollte Gewalt gegen einen Irren anwenden, obwohl Richie für
den Notfall einen dicken Knüppel bei sich trug. Richie hatte rotgeränderte
Augen. Er war nach zwei durchwachten Nächten ziemlich nervös.
Er glaubte, Albert und die ganze Organisation hätten es auf ihn abgesehen.
Am nächsten Morgen sagte man mir, Albert habe Fyfield Manor freiwillig
in einem Taxi verlassen. Ich hörte nie wieder von ihm.
Als ich gerade beim Modellieren war, fiel mir etwas aus Hubbards Bulletins ein. Es ließ mir keine Ruhe. War es eine Bär- oder eine Gorilla-Einprägung, gar eine Spinne?
Ich verließ den Töpfertisch und blätterte die Pakete E bis H nochmals durch. Falls ich das richtige Bulletin fände und den Text einige Male läse, würde es mich nicht mehr beschweren. Doch ich fand es nicht. Einigermaßen nervös kehrte ich zu den Tonfiguren zurück. Um EWs darzustellen, rollte ich zwei männliche Figuren aus, eine stehende mit dem Schild "Stehend-heit", und eine liegende, "Liegend-heit". Ich gab dem Instrukteur ein Zeichen, daß ich ein Demo zur Inspektion fertig hätte. Nach einem Blick auf die Schildchen brauste er auf: "Mann Gottes, das sind stark geladene restimulierende Worte! Gebrauchen Sie doch mal Ihren Verstand. Lassen Sie ja nicht noch einmal gefährliches Material wie dieses herumliegen!" An jenem Nachmittag wurde ich krank. Der Töpfertisch stand im Zug. Ich fühlte mich heiß und fiebrig, und um sechs Uhr hatte Ich nur noch den Wunsch, ins Bett zu kommen.
119
Ich erwachte früh am nächsten Morgen und konnte nicht mehr ein schlafen. Ein böser Geist hielt mich wach und zwang mich, über die bevorstehende Solo-Audition zu grübeln. Ich lag zitternd unter der Decke und dachte an all die Wörter, die ich dramatisieren mußte. Einige der Worte endeten auf -heit. Zum Beispiel "Unzufrieden-heit". Schon seit Monaten saß ich nun in Sussex fest, weitere Monate des Lernens würden vermutlich noch folgen, in denen ich mich von den Straßen der Städte und von meinen alten Freunden fern halten mußte, erheblichen Unbequemlichkeiten unterworfen, außerdem einer strengen Disziplin, die mir keine Zeit für mich selbst übrig ließ. Während meines Aufenthaltes hatte ich mir alles versagt, was für mich zum Leben gehörte, sozusagen als Test meiner Entschlossenheit. Während ich jetzt im kalten Morgenlicht darüber nachdachte, wurde mir bewußt, wie einsam mein Leben hier war. Allmählich erhellte die aufgehende Sonne das Zimmer, in den Baumwipfeln lärmten die Vögel. In diesem Moment durchlief ein Zittern wie ein Stromstoß meinen Leib: es war pure Angst. Der Schock hüllte mich ein, das Gefühl der naßgeschwitzten Decke an meinen Beinen war mir zuwider. Der scharfe antiseptische Geruch der englischen Seife auf dem Fensterbrett stieg mir in die Nase. Das schrille Geräusch eines elektrischen Rasierapparates im Raum unter mir störte mich. Zusammengenommen paßten alle diese Widerwärtigkeiten zu der primitiven Furcht, die aus der Bank meines reaktiven Geistes auf mich hernieder stürzte.
Ich wollte rauchen, im Aschenbecher stöberte ich nach einer Zigarettenkippe. Dann versuchte ich noch einmal zu schlafen. Schließlich ging ich nach unten, in der Hoffnung, im Wohnzimmer ungeleerte Aschenbecher zu finden. Um sechs zog ich mich an und machte mir eine Tasse Tee. Nachdem ich jetzt völlig aufgewacht war, wurde mir der Grund für meine Sorgen deutlich. Ich war dem reaktiven Geist dicht auf der Spur, fast berührte ich schon seinen Kern, und die gefährliche Kluft lag direkt unter mir. Schon mehrfach hatte ich den Ausdruck: "Den Tiger bekämpfen" gehört. Jetzt ging mir auf, was dieser Ausdruck bedeutete: ich bekämpfte den Tiger des reaktiven Geistes. Ron vertrat die Ansicht, ein Thetan sei im Prinzip stärker als die Bank. Vielleicht würde es sehr anstrengend sein, während des Solo Auditierens mit wenig Schlaf auszukommen, aber schließlich würde ich die Krallen des Biestes ausreißen und meine Angst besiegen.
120
Edward Douglas, der australische OT I, der in Fyfield Manor wohnte, war berühmt wegen seines TR 0. Ich überredete ihn, mir eine Nachhilfe-Stunde gleich nach dem Abendessen zu geben. Er nahm mich mit in sein Zimmer und verschloß die Tür. Wir plazierten Bücher, Lampen und Koffer so, daß wir einen Tisch und zwei Stühle in der richtigen Auditionsposition aufstellen konnten. Ich schaute genau zu, als Edward feierlich durch das Zimmer lief und alles vorbereitete. Als nächstes stellte er den E-Meter überpräzis auf, eine Angewohnheit, die er während seines jahrelangen Trainings angenommen hatte. Dabei wurde der Meter nicht einmal gebraucht, aber er gab der Übung die Atmosphäre einer Auditionssitzung.
Edwards TR 0 beeindruckte mich. Er verzichtete auf den "Stierkampf" und er konzentrierte sich darauf, mich in schweigender Kommunikation mit sich zu halten.
"Falsch, Sie haben mich mit Ihrem linken Ohr konfrontiert", sagte er etwa, oder: "Falsch, Sie haben Ihr Wesen aus dem Zimmer verschwinden lassen."
Ich fragte ihn, was diese Korrekturen bedeuteten. Er erklärte mir, daß er wann immer er bemerke, daß sich meine Aufmerksamkeit einem Teil meines Körpers oder einem anderen Gegenstand zuwende verpflichtet sei, mich darauf aufmerksam zu machen. "Die fehlende Konzentration beruht nicht auf mangelnder Aufmerksamkeit des Thetan, sondern auf dem Verhalten des reaktiven Geistes", fügte er hinzu. "Mein Ziel beim TR 0 ist es, Sie in die Gegenwart zu holen. Sie müssen mich nur mit sich selbst und mit sonst nichts konfrontieren." Mein Partner im Kurs war ein Mann, der gut zu mir paßte. Eigentlich
121
kam er aus Ost-Texas, jetzt war er Mitglied der Org an der Westküste. Er hatte Heimweh nach seiner Familie in den Staaten und fand wie ich nicht genügend Schlaf. Da wir beide an nichts anderes dachten, als den Kurs abzuschließen, einigten wir uns, jeden Abend und an den Wochenenden zusammenzukommen; wir wollten uns bemühen, die dazu erforderlichen Mitfahrgelegenheiten zum College gemeinsam zu erkunden. Ich konnte von Glück sagen, daß mein Partner mich die ersten E-Meter-Übungen nicht unzählige Male wiederholen ließ, bevor er sie mir quittierte. Es versetzte mich ohnehin in Ärger, daß ich Übung Nr. l überhaupt durchführen mußte. "Berühre den E-Meter und lasse ihn wieder los", so lautete die Instruktion. Übung Nr. 2, "Sich mit dem E-Meter vertraut machen", bestand aus einer nicht enden wollenden Serie von Kommandos zum Bedienen der Knöpfe, die wiederholt, werden mußten, bis der Schüler sie völlig fehlerlos ausführen konnte. Eine ganze Stunde verbrachten wir mit einer Übung, bei der der Trainer den Auftrag hatte "zu stöhnen, zu gähnen, tief zu atmen, zu husten, zu lachen, die Hände zu bewegen, sich zu krümmen, sich auf dem Stuhl herumzuwerfen, sich zu entspannen, oder die Elektroden fest anzufassen, die Füße zu bewegen oder sonst die Körperhaltung zu verändern". Der Zweck dieser Übung war, uns beizubringen, daß wir zwischen E-Meter Reaktionen, die durch Körperbewegungen und solchen, die durch die Bank des Preclear verursacht wurden, unterscheiden konnten. Die Nervosität des Schülers steigerte sich noch erheblich, wenn er bei Nr. 12 anlangte, einer Übung, in der er die verschiedenen Arten von Nadel-Reaktionen unterscheiden lernen mußte. Jede Veränderung im Verhalten der Nadel gilt als Nadel-Reaktion. Das kann eine stehende Nadel sein, die sich plötzlich zu bewegen beginnt, eine sich bewegende Nadel, die stehen bleibt, oder eine Veränderung in der Richtung oder im Tempo einer sich bewegenden Nadel. Es ist nicht einfach, Schlüsse aus solchen Nadel-Reaktionen zu ziehen Während einer Auditions-Sitzung ergeben sich die Reaktionen infolge von Auditions-Fragen oder durch die Punkte auf den Listen. Um authentisch zu sein, muß die Reaktion genau am Ende der letzten Silbe erfolgen. Jede Reaktion davor gilt als verfrüht und jede danach als verspätet. Außerdem muß man sich immer bemühen, die schon erwähnten Körperreaktionen zu vermeiden. Da die leichteste Abweichung im Verhalten der Nadel ein echte Reaktion andeuten kann, etwa wenn die Nadel während einer Frage oder eines Satzes schon wild tickt, ist es oft unmöglich, genau festzustellen, ob sich die Reaktion direkt nach der letzten Silbe ereignet hat. Darüberhinaus gibt es
122
18 Arten von Nadelreaktionen, mit denen man vertraut sein muß, und von denen einige sich mit anderen zu überlappen oder überflüssig zu sein scheinen: "Steckenbleiben, Null, Fallen, Veränderung der Charakteristik, Steigen, Thetasprung, Schaukel-Ende, freie Nadel, Position vier, Raketen-Reaktion, Saubere Nadel, Schmutzige Nadel, Ticken, Schnelles Steigen, Schnelles Fallen, Langsames Steigen, Langsames Fallen, Stoppen."
1. Fallen: Verluste; Lügen;
gegenwärtige Probleme; Festgefahrenes; fehlende Übereinstimmung
mit einer Realität.
2. Steigen: Ausweichen;
ein ARC-Bruch; Restimulation (= Wiederaufrühren eines Engramms); Unwirklichkeit;
Furcht, die außerhalb der Sitzung entstanden ist; Ver-antwortungslosigkeit;
Identifizierung; Abwesenheit; Zerstreuung und Verwirrung.
3. Steckenbleibende Nadel:
Betrug; Ärger, gestoppt oder stoppend; Haß; fixierte Aufmerksamkeit;
versagte Hilfe; verweigerte Hilfe; Entsetzen und Versagen.
4. Thetasprung: Aus dem
Körper sein; Wirkungen; Wunsch, etwas zu verlassen; heftige Verletzungen
und Schocks.
5. Schaukel-Ende: Die Bereitschaft,
ein Overt zu begehen (= falsche Meinung, einen verborgenen Akt zu begehen).
6. Keine Reaktion: Alles,
was destimuliert (= beruhigt); oder entladen wurde; oder was inaktiv ist.
7. Änderung der Charakteristik:
Jeder der obengenannten Punkte.
8. Ein freie Nadel: Sie
wird im Wege des Eliminierens demonstriert. Wenn der angehende Auditor
in der Lage war, alle obengenannten Nadelreaktionen zu bewirken, dann war
die Nadel keine "freie Nadel".
Um diese Reaktionen zu erzielen, benutzen die Schüler eine Liste von Scientology-Fachausdrücken und die Namen oder Abkürzungen von Abteilungen der Scientology-Organisation. Hubbards Name ist dabei eingeschlossen und der seiner Frau, Mary Sue, die an Bedeutung gleich nach ihm kommt. Jede Spannung bei diesen Reizworten können ein Zusammenfließen der Reaktionen bewirken. Das wird eine schmutzige Nadel genannt und stellt sich als ein Netz kleiner Nadelausschläge dar. Eine schmutzige Nadel kann auch alles Mögliche sonst bedeuten, angefangen bei einem massiven ARC-Bruch bis zu einer Fliege, die um das Gesicht des Preclear herumsummt, oder wenn er sich ärgert, weil der Toast beim Frühstück ein wenig angebrannt war. Wenn eine schmutzige Nadel nicht saubergemacht wird, indem man aufdeckt, was sie verursacht hat, dann steigt sie langsam auf die linke Seite der Skala. Das wiederum erfordert ein Nachstellen des Tonknopfes nach rechts, um die Nadel zu zentrieren. Dadurch werden auf der Stimmungsskala die Punkte vier und fünf überschritten. Dann setzt sich die Nadel, das heißt, sie bleibt stehen oder zittert in millimetergroßen Ausschlägen wie das Klopfen eines bloßgelegten Nervenendes. Wenn andererseits die Nadel extrem nach rechts ausschlägt und dort stehen-
123
bleibt, als ob sie aus der Skala fallen wollte, dann bedeutet das, daß viel Spannung aus der reaktiven Bank abgelassen worden ist. Ein kräftiges Nachstellen des Tonknopfes nach links wird dann erforderlich, um die Nadel wiederum zu zentrieren. Das wird als "blowdown" bezeichnet. Preclears haben oft Erkenntnisse und schwebende Nadeln im Anschluß an ein solches Blowdown, vor allem dann, wenn es stark genug war, um auf der Stimmungsskala die Anzeige von vier oder mehr in die Gegend zwischen zwei und drei zu senken. Diese Ziffern auf der Skala für die Stimmungsanzeige heißen TA. Man hat einen hohen oder niedrigen TA, je nachdem, wieviel Restimulation vorhanden ist. Schlechte TRs schlechte Manieren des Auditors lassen den TA bis zur Ziffer fünf oder noch weiter steigen. Ein Lächeln oder die richtige Frage drückt es auf zweieinhalb zurück, den Punkt der Release. Während einer Auditionssitzung werden die TA-Reaktionen in den Formularen periodisch als Nachweis des Fortschritts notiert. Die Schüler, die ich beobachtete, neigten dazu, ihre TA-Reaktionen noch persönlicher aufzufassen, als eine schmutzige Nadel oder eine andere E-Meter-Reaktion. Sie assoziierten das mit ihrem augenblicklichen geistigen oder seelischen Zustand (vor allem, wie gut sie in der Scientology vorankamen). Hubbard betonte, es sei der Zweck eines bestimmten E-Meter-Drills, den Schülern beizubringen, daß "der E" Meter auf Gedanken und Ablehnung reagiert". Natürlich wollte niemand sich einer ablehnenden Haltung schuldig machen. Zusätzliche Spannung entstand durch das Wissen, daß wir beim Solo-Auditieren die Daten über Nadel- und Ton-Knopf-Reaktionen an uns selbst anwenden würden.
Jeden Morgen von drei Uhr an lag ich in absoluter Panik wach. Ein neues Symptom hatte sich bemerkbar gemacht: ein Schmerz, der durch meinen Kopf schoß und sich in einem Punkt hinter dem rechten Auge sammelte, wie Stiche mit einem Eispickel. Es erinnerte mich an Rons Beschreibungen von Engrammen, die vor der Geburt entstanden waren. Mein Grübeln über die Dramatisierungen wurde immer weitschweifiger: es paßt zu diesen Symptomen, zum Beispiel "Stechen-heit, Gespannt-heit". Ich versuchte, diesen Wahnsinn mit dem Trainingskommando "Das wär's" zu stoppen. Ich muß dieses Kommando dutzende Male jede Stunde wiederholt haben. Gelegentlich verließ ich das Bett, um nach Zigaretten zu suchen. Ich sehnte mich, daß es sieben Uhr wurde, weil um diese Zeit die Köchin Marilyn unten mit der Vorbereitung des Frühstücks begann. Sie arbeitete, um ihren Mann zu unterstützen, während er den Spezial-Kurs absolvierte. Sie war eine warmherzige und freundliche Frau, die einzige, mit der ich Lust hatte,
124
über die eher unvernünftigen Handlungen der See Org-Besatzung zu reden, wobei ich meine Bemerkungen allerdings möglichst diskret und unbestimmt anbrachte. Ich sprach nicht vom Kampf gegen den Tiger, obgleich sie wußte, daß ich nicht gut schlief.
Beim Frühstück schluckte Edward Douglas jeden Morgen Vitamin E und eine große Pille, die GUK-Bombe genannt wurde. Vielleicht war es mein Fehler, daß ich diese Pillen nicht gleich genommen hatte. Ich entschloß mich, Edward über meine Schlaflosigkeit zu informieren und ihn um seinen Rat zu bitten. Er schien zu wissen, was ich durchzumachen hatte. "Das ist eine Falle", sagte er, dabei schaute er mir direkt in die Augen. "Die Bank liefert dir ein hartes Gefecht, damit sie nicht zerstört wird. Du bist schon nahe dran, mein Freund. Ich möchte zu gern dabei sein, wenn du clear wirst." Er lächelte und schlug mir auf die Schultern. "Man wird dich bis London Klavier spielen hören."
Ich fing an, mich immer stärker an Edward anzulehnen. Wenn wir uns trafen, tauschten wir bedeutungsvolle Blicke aus, lächelten und klopften uns auf die Schultern. Ich fühlte, daß mein Kampf ihm irgendwie half, mein endgültiger Erfolg würde auch für ihn ein Gewinn sein. Es machte mich traurig, daß ich das Geld für die oberen Stufen hatte, während er schwitzte und auf den Erlös aus dem Verkauf seines Hauses in Australien wartete. Hinzu kam, daß er allmählich taub wurde. Zwar war ich erstaunt, daß ein OT I in dieser Weise benachteiligt war, doch ich glaubte, daß er sein Gehör wiedererlangen würde, wenn er es sich leisten könnte, die Stufen OT II oder III zu absolvieren.
Auch von Max Dinmont ließ ich mir Trost spenden, dem OT VI, der mich morgens gewöhnlich zum College fuhr. Ihm sagte ich, wie schlecht es mir jeden Morgen ginge. Er lächelte und antwortete: "In Ordnung, Sie können also morgens nicht mehr schlafen." Das Lächeln war nicht restimulierend. Es schien auszudrücken: "Ich bin nicht befugt, dir zu sagen, was ich durchgemacht habe, bis ich meinen Weg zum Gipfel gegangen bin. Aber du darfst sicher sein, daß ich deine Situation verstehe. Ich lächle nur aufgrund meines Wissens über den Zustand, dem du dich jetzt näherst." Sein Lächeln wischte meine Sorgen sofort fast völlig fort. Arm in Arm gingen wir zum Wagen.
Als OT VI war Max ganz anders als Mike Glassman und Olga O'Brian. Eines Abends hörte ich nach dem Abendbrot zufällig einen Wortwechsel zwischen Mike und Max. "Könnten Sie nicht manchmal morgens warten, wenn Olga sich ein paar Sekunden verspätet, und sie zum Hill mitnehmen?" dröhnte Mike mit befehlsgewohnter Stimme.
"Ich fahre jeden Morgen genau um 8.40 Uhr los", sagte Max in einem
125
ruhigeren, aber ebenfalls eindrucksvollen Ton. "Wenn sie unten ist, nehme ich sie gern mit. Wenn nicht, muß sie sich eine andere Fahrgelegenheit suchen."
"Kapiert!" bestätigte Mike. Jeder Satz der beiden war klar, genau umrissen und schneidend wie ein Torschuß. Ich konnte den Druck der "Energie und Masse", die durch das Eßzimmer geschleudert wurden förmlich spüren. Die Luft vibrierte von der Kraft dieser OT VII-1 Titanen, die auch wenn sie alle Regeln einhielten, alle TRs und Bestätigungen einander offen haßten. Ein anderer Vorfall in der gleichen Woche steigerte meine Bewunderung für Max noch mehr. Er mußte scharf bremsen, um in der Nähe des Saint Hill einen Zusammenstoß mit einem anderen Wagen zu vermeiden. Im gleichen Augenblick fuhr ihm ein dritter Wagen ins Heck. Ein kräftiger junger Mann steckte seinen zornroten Kopf durch Max" Fenster. "Ein bißchen unvorsichtig gebremst, was Chef?" Max wartete einige Sekunden, ließ die in den Worten mitschwingende Drohung verebben, und sagte dann sehr gelassen: "Das glaube ich nicht." Diese Bemerkung war so klar umrissen, so ohne jedes Drumherum, daß der junge Mann, mit einem Ausdruck wie eine vom Schlagbolzen getroffene Kuh, sich abwandte und zu seinem Wagen ging. Max war sehr menschlich, trotz seiner außerordentlichen OT-Qualitäten. Er liebte es, von seiner Tochter in Kalifornien zu erzählen, dem guten ARC, den er mit seinem Wagen hatte und von seinen früheren Experimenten mit Diäten und Fastenkuren.
Die meisten Schüler, die im Fyfield Manor wohnten, näherten sich, dem Solo Auditieren. Allgemein war man nervös beim Näherrücken dieses Kulminationspunktes von fleißigem Studium, Training und Seelen-Erforschung. Je näher der Zeitpunkt heranrückte, umso gespannter und nervöser wurden alle. Die letzte Strecke war fast mehr : als man ertragen konnte. Die äußeren Hüllen des gefährlichen Kerns der Bank waren gefallen es war, als ob wir in Kollektiv-Wehen lägen, sagte ich mir. Viele waren krank. Keiner sprach viel darüber, aber aus zufälligen Bemerkungen konnte man sich viel zusammenreimen. Für die Krankheiten mußte es Gründe geben. Irgendwer war dafür verantwortlich: Rons Anweisungen waren nicht bis zum letzten ausgeführt worden und wir alle mußten darunter leiden. Vielleicht war es die schlechte Ethik von Ralph Wilkins. Fyfield Manor war von den PTS 3-Leuten angesteckt, vor allem von Albert Albert. Das Haus schien verwünscht. Viele grübelten mehr als früher über ihre Geldsorgen, da sie nun über OT III aufgeklärt waren. Vor uns lagen Dinge, zu schrecklich, um darüber zu reden, und viele, die nur nach England gekommen waren, um den Clear-Prozeß zu absolvieren, brauchten
126
jetzt noch mehr Geld, um die Feuerwand zu riskieren und durch ihre Krankheit hindurchzubrechen.
Das Buch der E-Meter-Übungen" enthält eine Check-Liste. Ein Schüler geht die Liste durch, indem er die einzelnen Punkte seinem Partner vorliest, bis einer eine Nadel-Reaktion auslöst. Das ist der Punkt mit der stärksten Spannung. Es gibt Listen von Ländern, Bäumen, Früchten, Gemüse, Blumen, Kräutern, Tieren, Musikinstrumenten, ferner unangenehme Tiere wie Taranteln, Asseln, Tintenfischen, Hakenwürmern, Elefantenrüssel-Würmern. Der letzte Punkt machte mir Kummer; obgleich ich nie von einem solchen Wurm gehört hatte und bezweifelte, ob er im Lexikon stand, erzielte ich eine starke Nadel-Reaktion dabei.
Die letzte Übung heißt "Spur-Datieren."
Die dabei angewandte Methode ist die Einklammerungstechnik. Der eine Schüler
sagt zu dem, der die Büchsen in der Hand hat: "Ich werde das Jahr
(...) einklammern. Ist das von Ihnen gewählte Datum größer
oder kleiner als (...)?" Wenn er eine Nadel-Reaktion feststellt, weiß
er, was von beidem gilt und kreist das gedachte Jahr immer mehr ein, wobei
er immer kleinere Abstände wählt, bis er schließlich beim
exakten Datum, der Stunde, der Minute und der Sekunde ankommt. Der Schüler,
der den Auditor spielt, muß äußerst gewandt sein, wenn
er die ein geklammerten Ziffern notiert, Nadel-Reaktionen feststellt, die
korrekten Punkte markiert und das nächste Einklammern vorbereitet;
bei alledem muß er seine TRs beibehalten. Zweck der Übung ist
es, Daten früherer Existenzen erkennen zu lernen. Die Jahreszahlen
in den Klammern gehen in die Billionen und Trillionen.
MEST-Wesen unfähig einen Theta Status in Abwesenheit von Dianetikern wieder zu erlangen, hassen Theta-Wesen.Die Nachbarschaft von East Grinstead könnte die Ursache der Krankheit sein. Bei einem Spaziergang durch die Stadt an meinem ersten Wochenende in Sussex beobachtete ich Scientologen auf der Hauptstraße, die den Einwohnern Bücher und Pamphlete entgegen hielten. Die meisten Bürger hielten die Scientologen für leicht gestört mit ihren verschlossenen Aktentaschen, ihren Abzeichen ("Bitte stellt mirL. RON HUBBARD
127
keine Fragen...") und ihren lästigen Werbemethoden. Die Scientologen ihrerseits waren ihnen auch nicht freundlich gesonnen. Sie verachteten die Bürger, nannten sie hinter ihrem Rücken Barbaren und etikettierten die ganze Stadt als suppressiv. Für einen Scientologen hatten solche Leute etwas korruptes und ansteckendes. Das Wort "suppressiv" hatte den Beigeschmack einer bösen Macht. Ich neigte dazu, solche Ansichten beiseite zu wischen. Die schlechten Wellen kamen nicht aus der Ferne, auch nicht von Leuten, die eins unter uns lebten. Die Quelle der Schwierigkeiten befand sich innerhalb der Mauern von Fyfield Manor selbst. Ich beobachtete die anderen. Es war einfach genug: Sie waren übernervös, hatten ihre Stimmungsskala sinken lassen und damit ihre Widerstandsfähigkeit gegen Krankheilen. Bis zur Lösung ihres Problems durch den Solo-Auditionskurs ließen sie sich von ihrem reaktiven Geist überwältigen und schoben äußeren Kräften die Schuld für ihre Schwierigkeiten zu. Sie hatten wie Ron es nennen würde, eine Bank-Abmachung. Aber ich? Mir war. das ja bewußt, das konnte es also nicht sein, was mich krank machte. Vielleicht war es Edward.
Ein Freund und Bewunderer konnte einen weit tiefer in den Staub ziehen als der übelwollendste Feind. Etwas in unserer Beziehung war ungeklärt. Er wollte etwas von mir, und ich wußte nicht, was es war. Und jetzt, als ich mir erlaubte, darüber nachzudenken, erkannte ich daß sein Lächeln und sein bedeutungsvolles Starren in meine Augen hintersinnig waren. Er beschäftigte sich zu verbissen und zu ernst mit der Scientology, und das war etwas, das Ron auf gar keinen Fall wollte ... der fröhliche Ron, der sich gemütlich durch seine Tonbänder lachte. Es konnte gut sein, daß Edward etwas zu verbergen hatte. In Verbergen seiner suppressiven Tendenzen war er sehr geschickt, sein freundliches Gesicht war die Maske eines Teufels ...
Nach den praktischen Übungen waren wir auf uns selbst gestellt. Ich ließ mir die Übungen attestieren und begann mit der letzten Vorbereitung für das Solo-Auditieren: dem Anfertigen von Formularen für Auditor-Berichte. Der Auditor-Bericht enthält den Rahmen der Sitzung: die Namen des Preclear und des Auditors, das Datum, den jeweiligen Prozeß, den Zustand des Preclear, die Abstimmungs-Knopf-Anzeige zu Beginn der Sitzung und die in der letzten Sitzung erzielten Fortschritte. Nach dem Auditor-Kommando "Die Sitzung beginnt" geht man von dem Auditor-Bericht zu einem Arbeitsblatt über das eine detaillierte Übersicht über den Gehalt der Sitzung wiedergibt. Dort werden Blowdowns, schwebende Nadeln und Erkenntnisse festgehalten, ebenso alles, was der Preclear sagt, wobei man in diese
128
Fall ja selbst der Preclear ist. Nach dem Ende der eigentlichen Sitzung nimmt man sich den Auditor-Bericht noch einmal vor. Die wichtigsten Vorgänge auf dem Arbeitsblatt werden auf dieses Formular übertragen, eingeschlossen eine Kennzeichnung des Zustandes des Preclears. Schließlich muß der Auditor noch einen zusammenfassenden Bericht schreiben, aus dem der Instrukteur mit einm Blick ersehen kann, was auf der Sitzung vor sich ging.
Der Instrukteur erklärte meine Formulare für in Ordnung und ließ mich Solo-Vorbereitungen machen. Sie umfaßten die Aufgabe, die eigene unsaubere Nadel rein zu machen, ferner das Bewältigen von Gegenwart-Problemen und von ARC-Brüchen. Damit hatte ich keine Schwierigkeiten. Um die Stimmungsskala-Anzeige, den TA, auf einen annehmbaren Punkt zu bringen, sagte ich: "Runter mit dir, du Miststück!" Sofort reagierte die Nadel mit einem langen Fallen nach rechts, wodurch der TA sofort von vier auf zweieinhalb absank, ein "Blowdown."
Während der Mittagspause sah ich einen Mann ohne Namensabzeichen in der Nähe des Schlosses. Ich erinnerte ihn an die entsprechende Anordnung. Er sagte: "Ich gehöre nicht hierher. Ich warte nur auf meine Mutter." Ich sagte nichts weiter. Ich hatte nicht gezögert, ihn anzusprechen, obwohl uns niemand beobachtete. Fürchtete ich Strafe oder war es Pflichtgefühl? Ich war nicht sicher. Ich berührte mein eigenes Namensschild. Seit mehreren Wochen hatte ich es ständig getragen. Ich hatte mich schon völlig angepaßt, aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich würde sowieso bald abreisen.
Um sechs Uhr an dem Morgen, an dem meine Solo-Audition begann, ging ich die Auffahrt zum Fyfield Manor hinunter. Das war besser als im Bett zu liegen und gegen die Panik anzukämpfen, die unbekannte Mächte in mir entstehen ließen. Auf beiden Seiten der Straße waren die riesigen Bäume, ruhig und friedlich, mit den Farbtupfen der Blüten, die sich in der Morgenluft wiegten. Autos und Lastwagen fuhren auf der Fernstraße nach London vorbei. Ich sah ihnen zu, wie sie über einem Hügel verschwanden. Einen Moment lang dachte ich an Flucht. Ich konnte meine Koffer packen und in zwanzig Minuten dort drüben sein, um nach London zu trampen. Niemand würde mich aufhalten. Statt dessen kehrte ich um und ging langsam zum Manor zurück.
129
Was ist das Gegenteil? "Unfurcht?" Darauf gab es keine Reaktion. Die Nadel war träge und unstabil. Ich nahm das Synonym-Lexikon und schaute unter "Zuversicht" nach. Dann nannte ich einige der aufgeführten Wörter. Keine Reaktion. Ich sagte nochmals "Unfurcht" und diesmal gab es eine leicht fallende Nadel. Die Karte Nr. 2 wurde ausgefüllt und an die erste geheftet.
Als mein nächstes EW fiel mir "Bangen" ein, was eine Reaktion erbrachte. Wieder hatte ich Schwierigkeiten mit dem Gegensatz. Die Nadel wurde schmutzig, jetzt war eine Check-Liste an der Reihe. Ich arbeitete mich durch ein Blatt mit Fragen wie "Haben Sie ein korrektes EW unbeachtet gelassen?" Sich selbst zu checken war nervtötend. Mir wurde heiß, und ein unangenehmer Druck machte sich hinter meiner Stirn bemerkbar. Ich hatte während der letzten Wochen zu viele HCOBs durchgeackert und konnte mich nun nicht mehr erinnern, welche Daten wichtig waren. Ich erkannte, daß ich die Nadel-Reaktionen nur schlecht beurteilen konnte.
Schließlich kam ich auf ein weiteres Gegensatzpaar: "Unglück" und "Frieden". Beide Begriffe schienen kaum ein Gegensatzpaar darzustellen, aber sie brachten eine Nadel-Reaktion. Ebenso "Spannung" und "Entspannung". Als ich das zweite Wort ausgerufen hatte, ergab sich keine Reaktion. So verfaßte ich den zusammenfassenden Bericht, packte meine Sachen zusammen und trampte zum Saint HilL.
Der Instrukteur sah meine Berichte durch und meinte: "Sehen Sie, Mann, Sie haben verschiedene EWs. Fahren Sie zurück und vervollständigen Sie die übrigen Paare!"
Nachdem ich das Auditieren wieder aufgenommen hatte, ergab "Un-Bangen" eine wunderbare Reaktion. Das vervollständigte ein weiteres
130
Paar, und ich machte mich daran, den Gegensatz von "Spannung" zu finden. Plötzlich kam ich auf die Assoziation "Abgeschlossen". "Öffnen!" rief ich daraufhin aus und die Nadel stieg nach rechts, sie fiel fast aus der Skala. Ich bewegte vorsichtig den Stimmungsskala-Knopf, um sie zu zentrieren, darauf begann die Nadel mit einer Serie von aufsteigenden Bewegungen, in denen ich eine schwebende Nadel zu erkennen glaubte.
Es war spät am Nachmittag, als ich wieder am Schreibtisch des Instrukteurs stand. Ich teilte ihm mit, ich mache mir wegen "öffnen" Sorgen, da das ein Nomen und ein Verbum zugleich sei. Das widerspreche meiner Idee von einem EW ich hätte lieber "OffenHElT" gesagt. Er antwortete: "Was wollen Sie denn noch, Mann? Ergab das Wort eine Reaktion? Dann ist es ein EW! Lassen Sie es sich attestieren und fangen Sie mit dem Ausmustern an!" Die Kopfschmerzen waren noch immer da. Im Empfang bekam ich ein Formular ausgehändigt, das mir die genaue Reihenfolge der aufzusuchenden Büros vorschrieb. Das orangefarbene Papier sollte mit mir nach Schottland reisen, wo es eine direkte Verbindung zwischen dem Ausstoß an Schülern aus Saint Hill und der Aufnahme in der AOUK gab. Als ich das Attest und ein Zeugnis erhalten hatte, ging ich zum Erfolgsbüro, wo ich meine Fortschritte darzulegen hatte. Als wichtigsten Fortschritt empfand ich es, daß ich den Saint Hill verlassen durfte. Aber statt dessen gab ich an, ich empfände "vollständige Zufriedenheit über den Solo Kurs". Der Angestellte bat mich, ihm mehr über meine Fortschritte mitzuteilen, wenn ich die AO erreicht habe. Er zeigte mir den Weg nach draußen zur Müllkippe, wo ich alle Notizen, die ich mir während des Kurses gemacht hatte, verbrennen sollte.
Am gleichen Abend sah ich Edward in der
Küche. Als ich ihm von meiner Grad VI Release berichtete, umarmte
er mich und tanzte mit mir um den Küchentisch herum. Ich hatte das
Gefühl, daß meine Release ihm mehr bedeutete, als mir selbst.
... er ist schuldig, mehr Overts begangen zu haben, als er dem Auditor gegenüber zugibt... .Die zum Ausmustern erforderliche Sicherheitsüberprüfung wurde von dem jungen Danny Glassman, Mikes Sohn, vorgenommen. Danny glittL. RON HUBBARD
131
in seinen Stuhl und stellte den E-Meter auf, wobei er sich wie ein Flieger-As im Cockpit bewegte. Er war betont ernst und schielte in einer Weise, die mich nervös machte. Die Fragen waren denen bei der Ankunft ziemlich ähnlich, aber diesmal war mit der Nadel etwas nicht in Ordnung.
"Da ist etwas", sagte Danny. "Ich werde
jede Frage doppelt überprüfen. Haben Sie irgendetwas von dem
Geheimmaterial kopiert? Ich habe eine Reaktion. Hier stimmt etwas nicht,
und ich werde herausbekommen, was es ist."
Damit rutschte mir das Herz in die Hosen.
"Los, los, was ist es?" hämmerte
Danny auf mich ein. Verzweifelt fragte ich mich, welche Fehler ich begangen
haben könnte.
"Ich habe herumgealbert und Witze über
die See Org gemacht", jammerte ich.
"In Ordnung. Noch mehr dazu?"
"Auch über Aufträge, Bücher
zu verkaufen."
"Recht so. Mit wem haben Sie darüber
gespottet? Mit wem, will ich wissen!"
"Mit Marilyn, der Köchin im Fyfield
Manor. Aber sie sagte kein Wort. Sie hörte mir nur zu."
"O.k.", er schrieb alles auf. "Ich werde
das auf dem Meter überprüfen: 'Haben Sie vertrauliches Material
kopiert?' Das ist sauber. 'Sind Sie aus einem falschen Grund hier?'
Ich habe eine Reaktion. Passen Sie auf, da ist etwas dahinter und ich erfahre
es, und wenn es den ganzen Tag kostet. Raus mit der Sprache! Es ist besser,
Sie spucken es aus oder muß ich Sie erst einem Joburg unterziehen?"
Ich wußte nicht, was die Reaktionen
herbeiführte. Alles, was ich im Saint Hill getan hatte, war offen
und ehrlich gewesen, dachte ich. Ich war reisefertig angezogen, hatte gepackt
und war bereit nach London zu fahren. Meine Freunde erwarteten mich. Und
dieser kleine Bastard mußte alles durcheinander bringen. Er war es,
durch den die Nadel unsauber wurde.
"Ich weiß jetzt den Grund. Ich hatte
ein seltsames Gefühl wegen meines Solo-Auditierens."
"O. k., was war damit los?"
"Ich war mit einem meiner EWs nicht ganz
zufrieden."
"Fein. Warum nicht?"
"Eins von ihnen konnte sowohl ein Nomen
als auch ein Verb sein."
"Danke. Setzen Sie die Büchsen ab.
Jetzt haben Sie sich selbst geschädigt, indem Sie Ihre Solo Release
infrage gestellt haben. Sie sind ein Solo Release, verstanden? Wenn Sie
jemals wieder sich selbst herabsetzen, dann sende ich Sie sofort zur Ethik-Abteilung.
Ist das klar?
132
Falls noch etwas ist, heraus damit, oder auf lange Sicht wird es nur schlimmer für Sie."
Es gab noch etwas. Die Frage der Kompetenz des Instrukteurs. Hatte er gelegentlich nicht auch die Regeln durchbrochen, indem er eine Meinung geäußert hatte, oder indem er mehr über ein offizielles Bulletin aussagte, als er durfte? Ich brachte es fertig, diesen Gedanken so tief in meinem Inneren zu vergraben, daß er nicht wieder nach oben kam. Offensichtlich hatte ich genug durchgemacht, um die Nadel locker zu machen und durch die übrigen Fragen zu kommen.
"Gut, damit sind wir fertig, aber Sie werden eine Review-Sitzung brauchen und dann, denke ich, werden Sie auch zur Ethik-Abteilung gehen müssen, mit einer Nachricht von mir, daß Sie sich selbst herabgesetzt haben."
Ich war nahezu betäubt, nur ein übles Gefühl in der Magengrube erinnerte mich daran, daß ich Marilyn verraten hatte. Ich stellte mich bei Review an, zahlte 20 Dollar und begann das lange Warten auf einen Auditor.
Ich saß in der Sonne, auf einer Bank vor dem Auditionsbüro. Auf einer anderen Bank saßen ein Mann und eine Frau, mit dem Rücken zum College. Sie hatten große Schilder auf den Rücken gebunden. "ICH BIN IM ZWEIFEL SIE DÜRFEN NICHT MIT MIR SPRECHEN", stand darauf. Sie saßen traurig da, mit unbeweglichen Gesichtern, gedemütigt, vor Gram fast vergehend. Von Zeit zu Zeit murmelten sie sich etwas zu. Ich versuchte zu erkennen, ob sie mit Ketten an die Bank gefesselt waren.
Freundliche Schüler brachten mir Kaffee, Sandwiches und Zigaretten, Bruce schlenderte herbei, um einen Moment mit mir zu plaudern, er war so etwas wie ein ständiger Bewohner dort, immer wartete er auf seine nie endenden Review-Sitzungen, saß dabei auf dem Rasen oder auf einer Bank oder ging auf dem Weg vor den Trainingsbaracken auf und ab.
Die Review-Sitzung bestand nur aus der Einschätzung meines ARC-Bruches mit Danny. Dann mußte ich nochmals lange warten, um den Ethik-Beamten sprechen zu können. Es war ein freundlicher und vertrauenerweckender Mann, der mit mir plauderte, als ich an seinem Pult Platz nahm. Er blickte auf Dannys Bericht und lächelte. "Sie haben wohl kein Material kopiert, nicht wahr? Nein? Gut, gut . .. Selbstherabsetzung? ... Ach so ... EWs, schön, schön ... O.k., Amigo, gute Reise nach Schottland!"
Es war schon zu spät, um die Routine des Ausmusterns noch fortzusetzen, darum kehrte ich zum Fyfield Manor zurück. Von der Überprüfung noch immer überdreht, vertraute ich Edward an, daß ich
133
durch die jüngsten Ereignisse verunsichert sei. Ich wollte von ihm wissen, ob ich im Saint Hill bleiben und die Probleme ausbügeln oder direkt nach Schottland gehen solle. Rein gefühlsmäßig lag mir daran, so bald als möglich abzureisen. Edward stimmte mir zu. "Geh zur AO, es gibt nichts besseres auf der Welt. Die See Org-Mannschaft wird alles zusammenflicken, was zusammengeflickt werden muß."
Am Sonntag gab es keine offiziellen Aktivitäten
im Hill. Selbst der Mitarbeiterstab dort mußte einmal ausruhen. Deshalb
war ich um sieben Uhr morgens auf der Straße, um nach London zu trampen.
Ich konnte über Nacht bei meinen Freunden bleiben und früh am
nächsten Morgen nach Saint Hill zurückfahren.
Die Absicht anderer Wesen war es, diesen Preclear, ob er wollte oder nicht, zumindest zu einem gehorsamen Sklaven zu machen.Mein erster Wunsch war, für ein paar Stunden in ein warmes Bett zu kommen. Ann und Nicholas Dalmas fühlten, daß es mir nicht so gut ging und gaben mir eine Wärmflasche. Nach meinem Mittagsschlaf spielten wir mit den Kindern und aßen zu Abend.L. RON HUBBARD
Es war ein seltsames Gefühl, mit Nicht-Scientologen zusammen zu sein. Ich war ganz durcheinander. Ich versuchte verzweifelt, ein fröhliches Lächeln zu zeigen. Als die Kinder im Bett waren, saßen Ann, Nicholas und ich im Wohnzimmer, um zu reden. Ann war sehr besorgt.
"Ich habe über diese Leute in der Zeitung gelesen. Sie haben ein Schiff, und ein Mädchen, das an Bord gegangen war, ist verschwunden."
"Hör zu, Ann, die Scientology hatte in England schon immer eine schlechte Presse. Diese Geschichten sind doch nur Gerüchte. Ich kann vermutlich rekonstruieren, was tatsächlich passiert ist, und dir eine sehr einfache Erklärung dafür geben. Also, das Mädchen hat wahrscheinlich seine Eltern verlassen, um zur See Org auf die Jacht zu gehen. Sicher kam heraus, daß ihre Eltern für sie suppressiv sind das heißt, sie wollten sie zurückhalten und sie mußte sich von ihnen trennen. Deshalb haben sie nie wieder von ihr gehört. Ziemlich einleuchtend, oder?"
134
"Ich weiß nicht so recht", erwiderte Ann. " Ich finde es schrecklich, Kinder von ihren Eltern fortzulocken. Das ist alles seltsam und bedrohlich. Die ganze Scientology klingt nach Gehirnwäsche. Bob, ich fürchte, sie versuchen dir den Verstand zu rauben. Ich habe schreckliche Angst um dich."
"Aber Ann", warf Nicholas ein, "Bob weiß doch selbst, was er tut, und es scheint genau das zu sein, was er tun möchte."
"Warte. Ich möchte euch eine Geschichte vorlesen, die ich geschrieben habe." Ann holte ihr Notizbuch und las uns eine erschreckende Geschichte vor. Sie handelte von Wesen einer fremden Galaxe, die zur Erde kamen und uns versklavten, wobei wir voll mitarbeiteten. Gewisse Einzelheiten waren bestimmten Abschnitten der Pakete E bis H erstaunlich ähnlich. Wie konnte sie darüber Bescheid wissen?
Wie unter Zwang spuckte ich Informationen über die unteren Grade aus, wie sehr sie mir in New York geholfen hatten. Ann wartete ungeduldig, bis ich damit fertig war. "Um Himmels willen, Bob, mach damit nicht weiter, hör jetzt auf, solange du noch in Sicherheit bist! Du kannst hier bei uns bleiben, das Musikleben in dieser Stadt ist fabelhaft und ich bin sicher, daß Nick mit seinen Beziehungen dir auf der Stelle Arbeit verschaffen kann."
Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte. Sicher, die Organisation hatte ihre Fehler. Aber bisher kannte ich nur das College, wo die meisten Mitarbeiter notwendigerweise nur am äußeren Rand der Gruppe lebten. Schon bald würde ich mit den Mitgliedern des inneren Zirkels der See Org zusammensein. Sie würden mir die Hilfe geben, die ich für meinen Kampf gegen den reaktiven Geist brauchte.
Ann sah mich an, als suche sie nach den Worten und Gesten, die mich umstimmen könnten. Ich hatte sie sehr gern, und doch fühlte ich, daß sie immer mehr die Eigenschaften eines suppressiven Wesens annahm.
Wir gingen ins Musikzimmer und ich spielte ein wenig. Auch das hellte die Atmosphäre nicht auf. Ich spürte Anns Augen auf mir. Sie fürchtete, daß ich immer tiefer in eine Falle geriet, aus der ich nie mehr würde entkommen können. Und doch, nach allem, was ich im Saint Hill gelernt hatte, saß sie selbst in der Falle. Sie versuchte, andere zu sich hinunter zu ziehen, in die Tiefen geistiger Erniedrigung.
Nicholas war ruhig. Er wollte fair und unparteiisch sein. Aber seine Stimmung war durch den Kummer seiner Frau verständlicherweise gedrückt.
Um Mitternacht gingen wir schlafen. Als ich aufwachte, dämmerte es noch kaum. Es war 5.45 Uhr. Ich rauchte und hörte auf dem Bürgersteig unter meinem Fenster die Schritte von Leuten, die zur Früh-
135
schicht gingen.
Ich hatte nur noch einen Punkt in der Routine des Ausmusterns zu erledigen, einen kurzen Sicherheitstest im "Weltweiten Büro". Ich stand Schlange, während die Ethik-Beamtin andere Schüler an ihrem Pult überprüfte. Ihr Gesicht war von Trauer gezeichnet. Ich fürchtete, daß sie vielleicht Gerald Tibers Ex-Ehefrau war, die ihm soviel Böses zugefügt hatte, als er als Interner im Saint Hill gearbeitet hatte. Sie blickte von ihren Berichten zu mir auf. Vielleicht erinnerte sie meine Nervosität an ihre eigenen früheren Erfahrungen in ähnlichen Situationen.
"Bitte, nehmen Sie die Büchsen." Sie
schaute mir in die Augen und ein freundliches Lächeln umspielte ihre
Mundwinkel.
"Sind Sie hier, um vertrauliches Material
zu verkaufen?"
"Nein."
"Danke. Das ist sauber", sagte sie leise.
Wieder lächelte sie ganz zart; ein freudiger Schauer lief durch meinen
Körper.
"Sind Sie Mitglied einer suppressiven
Gruppe?"
"Nein."
"Gut. Das ist sauber. Das wär's."
Sie hatte die schwebende Nadel festgestellt.
Der Sicherheitstest war vorbei und ich war auf dem Wege zur AOUK.
Ich verbrachte den Abend mit meinen Freunden in London. Ann war immer noch unglücklich. Aber sie hatte jeden Versuch aufgegeben, mich von der Reise nach Schottland abzuhalten. Es war offensichtlich, daß ich entschlossen war, das Abenteuer zu wagen. "Ich nehme an, ihr habt bemerkt, daß ich gestern Probleme hatte", erklärte ich ihnen. "Aber jetzt ist alles in Ordnung."
"Komm zu uns zurück, wenn du damit fertig bist", bat mich Ann. Endlich konnte ich etwas trinken. Das war mir untersagt gewesen, während ich mich selbst auditiert hatte oder von anderen auditiert worden war. Ein wenig verkatert wachte ich am nächsten Morgen auf, wie üblich sehr früh. Mit dem Zehn-Uhr-Zug fuhr ich nach Edinburgh. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Ganges, saß ein Mädchen. Fast während der ganzen, fünf Stunden langen Reise starrte ich ihre Beine an. Sie war aber nur ein Barbaren-Mädchen mit einem dumpfen Gesichtsausdruck. Ganz bestimmt eine suppressive Person.
136
Dies ist eine kaltblütig verfaßte Tatsachen-Reportage von deinen letzten 60 Billionen Jahren.L. RON HUBBARD
Auf der Straße zeigte er mir die ungefähre Lage der AOUK. Sie lag am anderen Ende einer Brücke in der Nähe von einigen alten Häusern. Was ich sah, ähnelte altertümlichen Türmen. Über dem Brückendamm waren ihre Silhouetten gegen den Abendhimmel auszumachen. Als er meine Nervosität bemerkte, meinte er: "Kommen Sie rüber je eher Sie anfangen, desto eher sind Sie OT."
Das Haus hatte eine einzige weiße Türe mit einem blauen Rand um den Türrahmen, darüber ein Schild mit der Aufschrift: "Hubbard College für die Förderung der persönlichen Entwicklung."
Wir mußten eine hohe Treppe hinaufsteigen. Mein Bekannter verließ mich am Empfangsschalter, einer Öffnung in der Wand des Foyers gleich neben der Treppe. Früher war das der Empfang eines schäbigen Hotels namens "Suttie's". Die Räumlichkeiten lagen zwei Stockwerke hoch über einer Anzahl kleiner Läden. Vom Empfangsschalter konnte man nichts weiter sehen, als eine kleine Vorhalle, einige verschlossene Türen und einen langen Gang zu den geheimnisumwitterten inneren Büros. Einem defekten Gasofen entströmte ein strenger Geruch. Von den Wänden blätterte weiße Farbe ab.
Es war neun Uhr abends und die AOUK war schon ziemlich ruhig. Nur wenige Leute waren noch in der Vorhalle. Einige, die eben eine Release gehabt hatten, saßen still da, bewegungslos, wie in der Sauna. Einer von ihnen, den ich ebenfalls vom Solo-Kurs her kannte, stand auf und teilte mir mit, daß er den OT II geschafft hatte. Er schien erschöpft, seine Augen blickten ins Leere. Ein anderer Mann, ein OT IV schien ziemlich erledigt zu sein, als sei eine größere Ladung aus der Bank geblasen worden, als er erwartet hatte. Ich sah mir die anderen an, die in den Sesseln ausruhten. Ihre Augen waren glasig, ihre Gesichter starr; sie schienen sich außerhalb ihrer Körper zu befinden.
Man brachte mich zum Empfang. Wie gewöhnlich begann die Aufnahme-Routine hier. Die Mobilität der See Org versetzte mich erneut in Erstaunen. Die AOUK war erst seit wenigen Wochen in Betrieb, und doch war der ganze Scientology-Apparat schon vorhanden: Buchläden, Büros und Warteschlangen. Beim Registrator unterschrieb ich für den Clear-Kurs und bezahlte an der Kasse 760 Dollar in Pfund-
139
noten. Dann meldete ich mich bei der Wohnungsabteilung an, wo sie meinen Paß als Pfand einbehielten ein Symbol der Unterwerfung unter die See Org.
AO-Studenten durften nur in Unterkünften wohnen, die von der Wohnungsabteilung als "ungefährliches und sicheres Milieu" klassifiziert worden waren. Darunter war vor allem zu verstehen, daß in einem solchen Haus schon andere Scientologen wohnten, außerdem mußte im Zimmer ein verschließbarer Schrank sein, um die Vertraulichkeit des geheimen Materials sicherzustellen.
Ich war der erste Scientologe, der ein Zimmer bei Mrs. Balke gemietet hatte. Aber beim Auspacken hatte ich in der Tür des Wandschranks einen Schlüssel gesehen. Deshalb entschied die Wohnungsabteilung, ich könne, wenigstens vorläufig, dort bleiben.
Der Mann, der mit mir die Sicherheitsüberprüfung für Neuankömmlinge vornahm, war ein typischer See Org-Angestellter. Abgesehen von den schwarzen Schuhen und seinem dicken schwarzen Gürtel war er von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet. Er nahm die Arbeit sehr ernst, fast wie eine religiöse Pflicht. Für ihn war der E-Meter ein heiliges Gerät, das fehlerlos arbeitete, wenn man es richtig bediente. Er überprüfte die Skalen und Knöpfe wie ein Chirurg, der dabei ist, lebenswichtige Organe eines Patienten mit einem überaus zerbrechlichen Skalpell zu sondieren. Zu dem Ritual gehörte das Klären der Kommandos. Er tat es, indem er jede einzelne Frage ganz langsam aussprach und hinzufügte: "Was verstehen Sie unter dieser Frage?" Ich mußte dann ein Beispiel nennen, um zu zeigen, daß ich verstanden hatte, worum es ging. Die Fragen waren von der gleichen Art wie bei vorhergehenden Sicherheitsüberprüfungen. Ich zitterte innerlich, als die umständliche Prüfung begann. Auf verschiedene Fragen erfolgten Nadel-Reaktionen ohne erkennbaren Grund. Ich war entschlossen, rückhaltlos alles zu gestehen, was einer Reinigung bedurfte. Als er mich fragte, ob irgendjemand mich am Hierherkommen zu hindern versucht habe, antwortete ich laut: "Ja, Ann ... Ann Dalmas in London."
Bevor die Preclears die Instruktionen des Clear-Kurses erhalten, müssen sie sechs kurze Schulungsfilme studieren. In einem von ihnen demonstrierte Ron eine Sitzung mit E-Meter und Arbeitsblättern. Er zeigte uns, wie man Nadelausschläge registriert. Auf der Leinwand sahen wir die Skala eines E-Meters nebst Arbeitsblatt und eine fleischige Hand, die mit dem Kugelschreiber auf das Papier zielte. Da Ron nicht vorhatte, die geheimen Punkte schon jetzt zu enthüllen, erzielte er die Nadel-Reaktionen für diese Demonstration, indem er sich lediglich an die einzelnen Punkte erinnerte. Selbstverständlich hatte er
140
sich schon längst über das betreffende Material clear gemacht. Doch er war, wie er sagte, bereit, "die Nadel-Reaktionen zu gewissen Punkten erneut zu erschaffen", allein durch die Kraft seines Geistes, um uns ein anschauliches Beispiel geben zu können.
"Auf das ganze Material werdet ihr starke Reaktionen bekommen", warnte er uns. "Es ist stark geladen. Gebt euch mit nichts weniger als einer fallenden Nadel zufrieden. Da ist sie schon", fügte er hinzu, als die Nadel um zwei Zoll nach rechts schoß. Die Hand mit dem Kugelschreiber notierte ein "F" neben der Ziffer für die betreffende Frage. "Es ist ein langer Fall", und die Hand notierte neben dem F ein "LF". Ein schwaches Fallen hieß "SF" und ein sehr langer Fall, der fast über zwei Drittel der Skala ging, "LLF". Nachdem einige Reaktionen auf diese Weise "wiedererschaffen" waren, sah die Seite etwa so aus:
(1) FLFFSFSFSF ("Dazu bekomme
ich jetzt keine vernünftigen Reaktionen mehr... ich gehe weiter zum
nächsten Punkt")
(2) SFSF ("Dieser Punkt
ergibt noch keine guten Reaktionen ... das zeigt an, daß von vorhergehenden
Punkten noch Spannung zurückgeblieben ist. In solchen Fällen
geht man um einen Punkt zurück und notiert einen Querstrich neben
der letzten Nadelreaktion für diesen Punkt")
(1-Fortsetzung) /SFFFSF
("Nun kann ich den zweiten Punkt wieder aufnehmen")
(2-Fortsetzung) FFLFFLF
("Nun ist die Reaktion da")
Ron ging die ganze Liste durch und notierte für jeden Punkt mehrere Reaktionen. Von Zeit zu Zeit ging er zurück, um weitere Reaktionen auf solche Punkte abzulesen, die um eine oder zwei Ziffern zurücklagen. Jede Nadelreaktion bedeutete, daß aus der Bank Spannung abgelassen worden war. Anders als bei einer Check-Liste sollten wir nicht nach dem unter der stärksten Spannung stehenden Punkt suchen: jeder Punkt auf dieser Liste stehe unter Hochspannung. Wir sollten uns nur mit jedem Punkt in der richtigen Reihenfolge beschäftigen, falls notwendig zurückgehen, um alle Ergebnisse zu bekommen, und die ganze Spannung, Punkt für Punkt abzulassen, bis sie völlig ausradiert war und es keinen reaktiven Geist mehr gab. Der ganze Prozeß war vor allem eine Frage harter Arbeit, eine methodische Routine, die Ron mit "Ausschachten tiefer Gräben" verglich. Sein Gesicht erschien auf der Leinwand, um uns eine letzte Ermahnung zu geben er sah krötenähnlicher aus, als ich in Erinnerung hatte. "Der Auditor würde gut daran tun, seine Sitzungen nicht zu lang werden zu lassen, warnte er uns. "Eineinhalb Stunden sind mehr als genug."
Das also war der Clear-Prozeß. Schon bald würden wir es mit dem unter hoher Spannung stehenden Material im Kern der Bank zu tun haben den "gewissen Punkten". Im Film wurde angedeutet, daß sie
141
nicht von uns selbst gefunden werden konnten, wie die Dramatisierungen, die EWs. Stattdessen wurden die Nadel-Reaktionen mit dem Material erzielt, das von Ron selbst bereit gestellt worden war. Der Selbst-Auditor mußte also lediglich Rons Listen durcharbeiten. Es sollte kein innerer Kampf entstehen, etwa indem man seinen eigenen Plan machte, seine eigenen Ziele fand oder die ihnen entgegenstehenden Mächte. Ron hatte den Weg gefunden, um alle Hindernisse auszuräumen. Wie sich herausstellte, waren sie für jedermann die gleichen. Er würde uns nicht nur die Punkte nennen, sondern ihre genaue Reihenfolge in der Bank. Wie es schien, waren die Struktur wie der Inhalt des reaktiven Geistes für jedermann identisch. Letzten Endes würde Ron uns genau sagen, was wir dachten; wir und alle übrigen Menschen auf der Welt, die noch nicht Clear geworden waren. Mühelos würden wir unsere überholten Ziele ausradieren. Die volle Bedeutung daß er dann diese Ziele durch etwas ganz anderes ersetzen könnte entging mir damals.
Die AOUK arbeitete im Fließband-System, um schnelle Release-Erfolge zu produzieren. Auf besonderen Formularen wurden von den Schülern Atteste über die einzelnen Schritte ihres Weges niedergelegt, die Prüfungen ersetzten. Filme wurden angesehen und attestiert, ebenso die Instruktionen für die oberen Stufen, die man sogar nach Hause mitnehmen konnte. Auch die endgültige Release in jedem Prozeß wurde attestiert. Die eigene Gewißheit war die einzige Sicherheit, ob man die Instruktionen verstanden und eine Release in einer oberen Stufe erzielt hatte.
In der Abgeschlossenheit meines Zimmers stellte ich fest, daß der Umschlag mit den Instruktionen für den Clearkurs ein Paket HCOBs (= Bulletins) und ein schmales Buch mit dem Titel "Instruktionen für den Clear-Kurs" enthielt.
Das Verhalten von Clears
und OTs
Wer eine der oberen Stufen
erreicht hat, muß auf die ungeheure Verantwortung, die er trägt,
eingeschworen werden. Er hat weit mehr Macht als ein normaler Mensch. Er
soll lernen, diese Macht zu kontrollieren, damit er sie nicht für
selbstsüchtige Zwecke gebraucht, sondern nur zur Verbesserung dieses
Planeten.
Ich starrte auf das nächste Bulletin:
Strafen für die niedrigen
Ethik-Zustände
Eine Person im Zustand der
Schuld muß 24 Stunden ohne Unterbrechung für die Organisation
arbeiten, zuzüglich weitere acht Stunden, um den Zustand der Nicht-Existenz
zu überwinden.
Wer im Zustand des Zweifels
ist, muß 48 Stunden ohne Unterbrechung arbeiten, dann weitere 24
Stunden, um den Zustand der Schuld und weitere acht, um den der Nicht-Existenz
zu überwinden.
142
Während der Strafe darf er weder schlafen, baden oder das College verlassen.
Immer wieder las ich die nächste Klausel; und an jenem Abend griff ich noch oft danach, um sie anzustarren.
Eine Person, die in den Ethik-Zustand
des Feindes zurückgestuft worden ist, gilt als vogelfrei: man darf
ihm Eigentum abnehmen, ihn in jeder Weise verletzen, ohne daß man
von einem Scientologen bestraft wird. MAN DARF IHM STREICHE SPIELEN, IHN
VERKLAGEN, IHN BELÜGEN ODER IHN VERNICHTEN.
Ein Theta-Wesen clear zu machen, ist so leicht und einfach, wie einen Schuhriemen zu reparieren.Das Material des Clear-Kurses besteht aus fünf Teilen:L. RON HUBBARD
143
Mitte der Grund-EWs und bei
verschiedenen anderen Stellen des Materials. Ursprünglich wurde das
Licht gebraucht, um den Thetan zu blenden. Man erkennt es, indem man nach
vorn und leicht nach links blickt. Es ist weniger ein Sehen des Lichtes,
als die FESTSTELLUNG, DASS ES DA IST. Damit werden viele Nadelreaktionen
erzielt. Das Licht sollte wie ein anderer Punkt behandelt werden. Man kann
bestraft werden, wenn man ein Licht nicht beachtet.
Wenn Sie während des
Kurses krank werden, dann haben Sie einen Fehler gemacht.
Wenn Ihre Augen wässrig
werden, haben Sie sich selbst herabgesetzt. Wenn Sie eine Sitzung beendet
haben, sollten Sie die Sache vergessen und sich auf das Geschäft des
Lebens konzentrieren. Denken Sie daran: "ES IST ALLES IN IHREM GEIST!"
Neben meinem Fenster stand eine Kommode mit einem großen Spiegel. Ich wollte mich nicht sehen, während ich den Thetan erkannte. Deshalb bedeckte ich den Spiegel mit dem Fenstervorhang. Ich fürchtete mich auch, vorzeitig einen Punkt zur Kenntnis zu nehmen, deshalb öffnete ich den Umschlag, holte die Listen mit den Auditionspunkten heraus, und bedeckte sie mit dem Umschlag, so daß ich nichts lesen konnte.
"PC ..... Auditor ....." war oben am Auditor-Bericht-Formular aufgedruckt. Ich schrieb meine Initialen neben beide Begriffe, dann das Datum, die Bezeichnung des Kurses, die Ziffer des Teils und den Einzelpunkt, mit dem ich anfangen mußte. Ich stellte den E-Meter an, rückte ihn zurecht, notierte die Zeit, nahm die Büchse in die Hand und las meine erste Anzeige auf der Stimmungsskala ab. Diese Notizen wurden dann auf das Oberteil des Arbeitsblattes übertragen. Nun konnte ich einen Blick auf den ersten Punkt werfen. Vorsichtig bewegte ich den Umschlag auf der Platte einige Millimeter nach unten:
Teil I. Die 7: Haben
Noch ein wenig weiter unten:
1a. Masse haben
Ich las den Punkt leise vor. Meine Augen
hingen an der Nadel. Nichts passierte. Ich wiederholte den Punkt. Die Nadel
zitterte. Ich sprach ihn lauter aus und versuchte, mich im frühesten
Moment der Zeit zu sehen, ich schaute auf der Skala nach und erkannte einen
kurzen Nadel-Ausschlag nach rechts. Neben l a notierte ich SF.
Allmählich wurde die Nadel warm.
Reaktionen kamen, wenn ich einen Punkt laut aussprach, aber auch zwischendurch.
Die Nadel-Reaktionen wurden ausgeprägter und häufiger. Nach wenigen
Minuten bedeckten sie mehrere Zeilen auf der Seite. Als die Nadelausschläge
kürzer wurden (SF), ging ich mit dem Umschlag ein Zeile weiter nach
unten:
Ib. Keine Masse haben
144
Eine Reihe von SF hintereinander, verbunden mit einer tickenden Nadelbewegung, veranlaßten mich, zu l a zurückzugehen und dort einen Querstrich anzubringen. Beim ersten Aufrufen wurde ich von einem F begrüßt, es war also noch Spannung bei diesem Punkt übrig gewesen!
Als die Reaktionen wieder schrumpften, nahm ich 1b wieder auf, nun kam eine Reaktion, genau wie Ron angekündigt hatte. Ich erzielte mehrfach LF, LLF und kleinere Blowdowns. Jedesmal, wenn es langsamer ging, ging ich zu l a zurück, wobei ich neue Reaktionen herauspreßte. Innerhalb einer Stunde bedeckten die Nadel-Reaktionen von dem einen Gegensatzpaar fast eine halbe Seite des Arbeitsblattes. Ich begann 2a, einer anderen Fügung mit "Haben" und beendete die Sitzung, indem ich wieder das Bericht-Formular zur Hand nahm. Ich trug die Stelle ein, bis zu der ich gekommen war, die Zeit und den TA. Unter der gedruckten Überschrift "Ziele und Fortschritte" notierte ich:
Die 7 beendet. Dann gab ich mir das Kommando: "Das wär's!"
Darauf stellte ich den Meter ab. Nun hatte ich nur noch zwei Aufgaben zu erfüllen: den Wertungsbericht zu verfassen (ich schrieb hinein: "Der PC kommt gut voran") und den grünen Termin-Zettel auszufüllen. Die Berichte und das Material wurden in den Umschlag gesteckt, der zugeklebt und in der Aktentasche verschlossen wurde. Das ganze wurde im Wandschrank eingesperrt. Ich lief nach unten, um Richie aufzusuchen. Er hatte seine erste Sitzung ebenfalls abgeschlossen und saß im Aufenthaltsraum vor dem Fernsehgerät.
Am nächsten Morgen wachte ich um sechs Uhr auf, nicht elend, wie noch vor kurzem, sondern glücklich und voller Vorfreude auf eine Sitzung noch vor dem Frühstück. Wieder dauerte es etwas, bis der E-Meter richtig warm wurde. Aber ich ging auf der Platte nach vorne und nach hinten, bis Reaktionen zu den betreffenden Punkten kamen. Nach dem Frühstück gingen Richie und ich in unsere Zimmer zurück, um weiter zu auditieren. Wir hatten vereinbart, um elf eine Pause zu machen. An diesem Tag absolvierten wir beide mehrere Sitzungen, unterbrochen von kurzen Spaziergängen, dem Mittagessen und nachmittags, um uns in der Nachbarschaft an Kaffee und Kuchen zu stärken. Nach dem Abendessen schafften wir noch eine weitere Sitzung, und gingen dann zu Fuß zur AOUK, um die grünen Terminzettel abzugeben, bevor die Büros schlossen. Richie schritt kräftig aus und gab den Ton an, während wir unzählige Male den Refrain von "Lay down your head, Tom Doo-o-o-ly" sangen.
Während dieser ganzen Woche hüpfte ich jeden Morgen fröhlich aus dem Bett und fing um sechs Uhr damit an, "den tiefen Graben auszuschachten". Richie und ich brauchten häufig kleine Essenspausen. Wir
145
waren unersättlich, "weil" wie Richie sagte "aus der Bank so viel Masse fortgeblasen wird."
Richie glaubte nicht, sehr lange in Edinburgh bleiben zu müssen. Wir durften zwar unsere Fälle nicht miteinander diskutieren, aber er ließ mich wissen, daß er nahe dran war, den Clear-Status zu erreichen, wobei er allerdings in einem Punkt unsicher war: wie würde er erkennen, daß er clear wäre? Das sei wirklich ein Punkt, den Ron in den Instruktionen nicht geklärt habe: wie sollte ein Preclear wissen, wann er ein Clear geworden war? Vielleicht war das endgültige Phänomen die übliche schwebende Nadel. Das war aber nur eine Annahme, denn nichts dergleichen wurde in den Instruktionen erwähnt. Außerdem: bei dem Fließband-System hatte man keine Möglichkeit zu testen, ob die Release gültig war. Mußte man damit rechnen, daß Clears in Edinburgh herumliefen, DIE IN WIRKLICHKEIT ÜBERHAUPT KEINE CLEARS WAREN?
Ich konnte Richies Sorgen gut verstehen, aber ich wollte nichts davon hören. Ich zog es vor, die Angelegenheit ruhen zu lassen und abzuwarten, bis ich selbst sicher war, daß der richtige Augenblick gekommen war. Zu meinem Mißvergnügen merkte ich, daß Richie sein Problem auf unseren Spaziergängen sozusagen mitnahm. Ich bat ihn, den Mund zu halten. Der Graben, den Ron erwähnt hatte, mußte tausend Meilen lang sein; man konnte es sich nicht leisten, von den Sorgen eines anderen mit Beschlag belegt zu werden. Ich selbst war erstaunt über die Anzahl von Nadel-Reaktionen, die ich erzielte. Mein Stapel Berichte war so angeschwollen, daß an den Seiten des großen Umschlags Risse sichtbar wurden. Eine ungeheure Menge Ladung wurde ständig aus der Bank abgelassen; ich hatte Heißhunger.
Richie, der doch schon fast ein Clear war, begann den Überblick über den Prozeß zu verlieren. Er wollte mit mir auf offener Straße darüber diskutieren, während wir zur AOUK und zurück gingen. Wir wußten beide, daß das strikt verboten war. Aber er ließ sich von seiner jungenhaften Erregung überwältigen. Er fragte mich nach dem Licht. Pflichtschuldig verwies ich ihn auf das Instruktionsbuch. Ich konnte ihm sogar die genaue Seite nennen, auf der er nachlesen mußte. Nachdem ich ihm tagelang daraus zitiert hatte, überredete er mich, mit in sein Zimmer zu kommen und ihm die genaue Stelle in dem Buch zu zeigen, auf der diese Einzelheit stand.
Richie hatte es geschafft, mich in eine verbotene Diskussion zu ziehen. Tatsächlich war es eine einseitige Diskussion gewesen ich hatte ihn lediglich an die rechtmäßige Autorität und zwar in der korrektesten Weise, verwiesen aber ein wenig hatte er mich doch mit seiner Unsicherheit angesteckt! Dahinter verbarg sich mehr als nur unser Kurs.
146
Richie vertraute mir an, er befürchte,
daß die Organisation immer militanter werde, mit ihrer von oben nach
unten abgestuften Kommandogewalt, mit den See Org-Uniformen und mit ihrer
Ethik-Abteilung. Er hatte ein erschreckendes Gerücht über die
Strafen an Bord des Schiffes vernommen. Ein Mitglied der Schiffsmannschaft,
das im Zustand des Verrats gewesen sei, habe man drei Tage lang im Ankerraum
gefangen gehalten; die Ankerkette sei nur wenige Zentimeter von seinem
Gesicht entfernt vorbeigezischt, im Tempo von 90 Stundenkilometern!
Von unzugänglichen Personen und Neurotikern im allgemeinen abgesehen, sollten die meisten Fälle vom MEST gecleart sein, sobald sie einige Wochen harten Auditierens hinter sich haben.Immer ungeduldiger erwartete ich das Ende des Kurses. Leute, die mit mir die Filme angesehen hatten, ließen sich bereits den Clear-Status attestieren, und ich hatte die 7 noch immer nicht geschafft. Nachdem die Anfangsbegeisterung verflogen war, bedeutete mir der Clear-Kurs nur noch eine Menge harter Arbeit. Ständige Anstrengung war erforderlich, um den Thetan zu erkennen. Für jeden einzelnen Schritt waren neue geistige Impulse erforderlich. Unzählige Male las ich laut die einzelnen Punkte; viele Nadel-Reaktionen waren latent, das heißt sie kamen zwischendurch, ohne daß ich einen Punkt angesprochen hatte. Ich mußte häufig zurückgehen; meine Arbeitsblätter bedeckten sich mit Querstrichen neben erneut behandelten Punkten. Vielleicht beging ich technische Fehler. Wiederum las ich die Instruktionen, um zu sehen, ob ich etwas falsch gemacht hatte.L. RON HUBBARD
Richie hatte mich mit seinen Zweifeln angesteckt. Er hatte mir zum Bewußtsein gebracht, daß ich nicht so sicher war, daß ich auch Fragen hatte, und ich nahm ihm das übel. Da gab es zum Beispiel das Licht. Es verschaffte mir nicht so viele Reaktionen, wie die anderen Punkte. Das Erkennen des Lichtes war unangenehm, es strengte meine Augen an. Entschlossen, mit dem nächsten Licht richtig zu verfahren, bemühte ich mich zwanzig Minuten, es zu erkennen. Dabei spürte ich, wie sich die Masse hinter meiner Stirn aufbaute, während ich einen Punkt wenige Fuß von mir und etwas zur Linken anstarrte. Plötzlich
147
hatte ich die Vision eines Blitzlichtes
im gleichen Moment ging die Nadel stark nach rechts. Dann mußte
ich sofort aufhören, weil ich schreckliche Kopfschmerzen bekam. An
diesem Abend gelang es mir, die 7 zu beenden: Haben, tun, sein; jeweils
sieben Gegensatzpaare für alle drei Verben, zum Beispiel: "Masse sein".
Schnell ging ich den nächsten Teil durch, die achtzehn EWs, wiederum
Nomina:
1. Masse
2. Energie
3. Raum
4. Zeit
5. Geschichte ...
Richie wußte, daß ich bis
weit in die Nacht hinein auditierte und erklärte, ich verletze den
Auditor-Codex: "Du sollst den Prozeß mit einem Preclear nicht nach
22.00 Uhr ausdehnen." Er sagte: "Schließlich bist du selbst der Preclear."
Ich argumentierte, daß der grüne Terminzettel, den man jeden Tag abgeben mußte, durch den DT (Direktor des Trainings) jeweils in die Auditionsstatistik übertragen werde. Oder wisse er, Richie, etwa nicht, daß acht Stunden Auditieren pro Tag als "Zustand des normalen Vorgehens" galt, sechs Stunden als "Mindestmaß" und weniger als sechs Stunden als "Gefahr"? Wie solle man seine Statistik in Ordnung halten, wenn man nur kurze Sitzungen mache, wie Ron rate, und nachts nicht auditiere? Ausschlaggebend sei, daß Ron in einem der Filme eine Bemerkung über einen hohen TA gemacht habe, die beweise, daß es legal sei, beim Clear-Kurs vierundzwanzig Stunden pro Tag zu auditieren: für die meisten Leute, hatte Ron gesagt, gebe es eine spezifische Zeit, zu der ihr Meter hängen bleibe. Das sei für den einen 22.00 Uhr, für den anderen 4.00 Uhr morgens. "Das ist ganz in Ordnung", hatte er gesagt, "das bedeutet nur, jetzt ist es Zeit, es sein zu lassen und sich zu entspannen..."
Richie bestritt meine Auslegung der Regeln. Er schlug vor, von 6.00 bis 8.00 Uhr, von 9.00 bis 11.00, von 13.00 bis 15.00, von 16.00 bis 18.00 und von 20.00 bis 22.00 Uhr zu auditieren. "Das reicht! Wenn du deine Essenspausen verkürzt, dann schwächst du dich selber!" Teil III des Clear-Kurses kombinierte die Grund-EWs und die Verben "schaffen" und "zerstören" zu besonderen Gegensatzpaaren, die Verwirrungs-GPMs hießen (= Goal, Mass, Power = Ziel, Masse, Macht):
1a. erschaffend Masse zerstörenDiese Punkte ergaben so magere Nadel-Reaktionen, daß ich häufig zu
2b. zerstörend Masse erschaffen
148
Teil II zurückkehren mußte, wobei ich meine Spur mit einem Gewirr von Querstrichen markierte. Die Grund-EWs hatten aber aufgehört, Reaktionen zu bringen. Minutenlang hämmerte ich auf einzelnen Punkten herum, erzielte aber nur kümmerliche SFs oder noch weniger. Ich ging weiter und weiter zurück; schließlich entschloß ich mich, Teil II ganz und gar zu wiederholen. Auch danach ergab Teil III keine Reaktionen. Dabei war das Material durchaus unter Spannung: der TA (= Stimmungsskala) ging bei jeder Sitzung noch weiter nach oben, während sich die Nadel immer weniger bewegen wollte, vor allem früh morgens. Verzweifelt studierte ich die Instruktionen, um einen Hinweis zu finden.
Als überhaupt nichts mehr Reaktionen hervorrief, beschloß ich, nicht weiter zu auditieren, bis ich herausgefunden hatte, wo der Fehler lag. Ich suchte in dem großen Stapel von Arbeitsblättern nach der Stelle, wo ich zum letzten Mal gute Reaktionen hatte. Die Vielzahl der Möglichkeiten machte mich ratlos. Wegen der zahlreichen Wiederholungen bei den einzelnen Durchgängen hunderte von Querstrichen verunzierten meine Arbeitsblätter konnte ich die ursprüngliche Abfolge kaum noch erkennen. Um den ganzen Weg durch das Material noch einmal abschreiten zu können, mochte es nötig sein, noch weiter hinten zu beginnen, vielleicht ganz am Anfang, und dann jede Reaktion zu jedem einzelnen Punkt zu verfolgen, und zwar in der auf den Listen angegebenen Reihenfolge. Aber die Menge der Reaktionen und Querstriche, der Bewegungen nach vorn und nach hinten zu wiederholen, sämtliche Fäden erneut aufzunehmen, war völlig unmöglich. Obgleich ich meinte, die Instruktionen genau eingehalten zu haben, waren die Arbeitsblätter so schwer zu übersehen, wie ein durcheinander geratenes Knäuel Zwirn. Meine eigene Schrift verschwamm mir vor den Augen. Ich fing wieder an zu auditieren, wobei ich einen mehr oder weniger zufälligen Einsatzpunkt wählte.
Nebensächlichkeiten begannen mir Sorgen zu machen. Ich hatte Angst, ich könne ohne Schreibzeug dasitzen und lief los, um mir vier Kugelschreiber zu kaufen. Ich geriet in Panik, ob der E-Meter noch genügend aufgeladen war, und steckte das Kabel alle paar Stunden in die Steckdose, egal, ob das nötig war oder nicht. Die Zink-Büchsen waren rostig geworden; davon hatten meine Hände Flecken, die sich nicht abwaschen ließen. Ich verbrachte viel Zeit damit, die Büchsen zu putzen, um sie in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen. Der Kurs machte mir ständig Sorgen, grübelnd lag ich auf meinem Bett oder lief durch die Straßen und rätselte, an welcher Stelle des Materials ich eigentlich war.
Vielleicht hatte ich alles falsch gemacht? Am liebsten hätte ich noch
149
einmal beim ersten Punkt des ersten Teils angefangen, traute mich aber nicht, den DT um dieses Privileg zu bitten. Wahrscheinlich war die einzige Lösung, das ganze Bündel Arbeitsblätter noch einmal zu schreiben. Vielleicht konnte man mit Buntstiften den Nadel-Reaktionen auf der Spur bleiben. Das würde mich mehrere Tage kosten und meine magere Auditions-Statistik würde mich in den Zustand von Schuld bringen. Ich brütete bis spät in der Nacht über den Arbeitsblättern, um den verlorenen Faden wieder zu entdecken.
Ich suchte eine andere Stelle der Listen aus und fing wieder mit der Sitzung an. Die Anstrengung, den Thetan zu beschwören, der Akt des Auditierens selbst, erfüllten mich mit Widerwillen. Schließlich war ich wie betäubt und völlig aus dem Lot. Ich befürchtete, ernsthaft: meinen Verstand zu verlieren, wenn ich mit dem Auditieren weiter machte. Immerhin war ja der Geist in einer präzisen Reihenfolge zusammengesetzt, genau wie auf den Listen angegeben. Jeder Fehler konnte schreckliche Folgen haben.
Ich wollte jetzt auch die oberen Stufen absolvieren. Das kostete 3200 Dollar. Die Stufen VII und VIII waren noch nicht erhältlich. Deshalb machte die Organisation ein Pauschalangebot zum Preis von 2800 Dollar, wenn man für alle acht Stufen im voraus bezahlte. Ich rief meinen Makler jenseits des Atlantik an und beauftragte ihn, meine letzten Aktien zu verkaufen.
Richie hatte mich in den Aufenthaltsraum geholt, um im Fernsehen ein Science-Fiction-Spiel anzuschauen. Die Bilder auf der Mattscheibe ängstigten mich. Sie paßten auf etwas in der Bank, das mich unwiderstehlich auf der Zeitspur entlang nach unter zog, zurück zu einem unliebsamen Vorfall. Mir wurde schwindelig und ich verließ den Raum. Richie rief hinter mir her: "Hallo Kamerad, ich glaube, heute abend werde ich hingehen und attestieren!"
Später traf ich Richie in der Nähe des Empfangsschalters. "Es ist passiert", zischte er mir ins Ohr. "Sie haben mich in den Zustand von Schuld versetzt. Sie haben meine Arbeitsblätter überprüft und festgestellt, daß ich ein Licht übergangen habe jetzt bin ich dran."
Der Gedanke, mir eine langwierige Strafe einzuhandeln, während ich mich in den Materialien verloren hatte, erschreckte mich. Ich rannte nach Hause, um mich von neuem auf die Arbeitsblätter zu stürzen. Ich mußte einfach die Fehler finden, die in meinen Notizen verborgen waren, und mich ihnen stellen wenn nicht um der Organisation, dann doch um meiner selbst willen. Ich nahm ein leeres Blatt Papier und schrieb als Überschrift "Mögliche Fehler". Hastig zählte ich sie
150
auf: "Zu häufiges Zurückgehen, zu schnelles Vorwärtsgehen, zu viele latente Reaktion (oder verfrühte), nicht genug Reaktionen auf das Licht, zu viele SF und andere ungenügenden Nadel-Reaktionen, die Möglichkeit, in einen falschen Durchgang geraten zu sein." Die weitere Überprüfung ergab, daß ich bei einer Wiederholung ganz zu Anfang ein Licht völlig übersehen hatte, derselbe alberne Fehler, der Richie den Hals gebrochen hatte. Dann entdeckte ich einen schweren Fehler: verschiedentlich war ich, wenn ein Punkt keine Reaktion ergab, einfach zum nächsten weiter gegangen, um die Nadel locker zu machen: ich hatte Punkte ohne Nadelreaktionen übersprungen. Während ich durch das alte Stadtviertel in der Nähe von Mrs. Blake's Pension spazierte, dachte ich an meine Scientology-Freunde in New York. Plötzlich kam ich darauf: ihre Schuld war es, daß ich in diesen Zustand der Verwirrung geraten war! Ich fürchtete mich, in die Review-Sitzung zu gehen, die ich brauchte, wegen der Withholds (= heimliche Vorbehalte) gegenüber der Organisation, die ich in Geralds Agentur erworben hatte: Unsere Diskussionen am späten Abend, unsere Witze auf Kosten anderer Scientologen! Ich hatte Felicia und Gerald decken wollen. Ich konnte nie dem Trieb widerstehen, dem Auditor genau das zu sagen, was ich verbergen wollte. Eine innere Stimme hatte mir gesagt, daß ich die beiden genauso verraten würde, wie Ann und Marilyn.
In einem gewissen Sinne verdienten sie es ja. Felicia und Gerald hatten mich mit ihren ungenauen Instruktionen verwöhnt, sie hatten in der Agentur die Ethik-Bestimmungen nur lasch gehandhabt. Sie hatten mich entwaffnet. Seitdem hatte ich für ihre Laxheit zahlen müssen. Sie hatten mein Vertrauen nicht verdient. Vielleicht waren sie gar nicht wirklich meine Freunde. Trotzdem wollte ich sie nicht hintergehen. Ich wollte mich der Review-Sitzung unterziehen aber erst, nachdem ich sie gewarnt hatte.
Ich legte meinen Anruf so, daß er um 7.00 Uhr New Yorker Zeit ankam. "Gerald", rief ich dem Auditor zu, der offensichtlich noch schläfrig war, "ich bin in der Klemme ich melde mit zur Review." Es gab eine Pause, dann antwortete er: "Du gehst also zur Review." "Da steckt noch mehr dahinter. Ich habe Angst um dich ich möchte deine Vorbehalte gegenüber der Organisation nicht angeben." "Ich habe keine Vorbehalte. Du kannst, verdammt nochmal, sagen, was du Lust hast." "Bist du sicher?"
"Wirklich. Ich habe nichts dagegen, ich habe nichts zu verbergen." Die Empfangsdame füllte ein Formular aus und schickte mich zum Qual (= Qualifikationsbüro), wo die Review-Auditoren ihre Auf-
151
träge erhielten.
An jenem Tag war mein Prüfer ein kurzgewachsener, haselnußäugiger junger Mann, der die ganze Zeit wie ein Buddha dasaß und Miniaturzigarren rauchte. Er schaute meine Arbeitsblätter an. "Sie haben ja ganz schön gearbeitet", meinte er. "Ich will Ihnen was sagen: ich werde Ihnen eine Liste, L VII geben, die arbeiten Sie selbst durch, um so die ganze übergangene Spannung loszuwerden." Bei dieser Aussicht hob sich meine Stimmung sofort.
Die Liste L VII enthielt drei Seiten und achtzig Fragen. Die Fragen handelten von ARC-Brüchen, Withholds und den technischen Aspekten des Clear-Kurses, wobei die Dutzende von Dingen, die bei dem Prozeß schiefgehen konnten, bis ins Einzelne erläutert waren. Als ich diese Fragen in kräftiger Druckschrift vor mir sah, fühlte ich mich doppelt schuldig. Ich arbeitete die Liste hastig durch, schrieb eine Zusammenfassung und brachte sie dem Prüfer zurück.
"Sehen Sie, das ist eine übergangene Spannung", sagte er. "Wenn Sie eine Reaktion auf eine Frage bekommen, dann müssen Sie Ihre Considerationen loswerden. Wo sind überhaupt Ihre Considerationen? Ich sehe sie nicht auf Ihren Arbeitsblättern. Es heißt zum Beispiel hier:
'Haben Sie einen ARC-Bruch mit dem Auditieren?' Sie haben dazu eine Reaktion bekommen, aber Sie haben nichts getan, um die übergangene Spannung loszuwerden. Gehen Sie nach Hause und arbeiten Sie die Liste noch einmal durch. Aber diesmal müssen Sie alle Considerationen loswerden einfach, indem Sie sie in Ihr Arbeitsblatt eintragen."
Nun mußten also allen meinen Withholds die Zähne gezogen werden. Durch mich allein. Ich sah im Geist ganze Ketten verbotener Gedanken. Es war zermürbend, das alles in Langschrift aufzuschreiben. Auf dem Arbeitsblatt sahen meine Considerationen schrecklich unbedarft aus. Meine Stimme klang schwach und weinerlich, als ich sie laut wiederholte. Selbst die nebensächlichste Frage rief selbstklägerische Antworten hervor. Meine Hände begannen zu zittern; ich konnte kaum noch schreiben. Ich hörte auf, nach E-Meter-Reaktionen zu schauen und spuckte alles aus, was ich über Felicia und Gerald wußte.
Der Prüfer warf einen Blick auf meine L VII-Arbeitsblätter, sah mein vertrauliches Material nach, und schickte mich zum Empfang. An der Kasse zahlte ich zwanzig Dollar. Dann ließ ich mich im Review-Wartezimmer nieder, das bei den Mahlzeiten als Schiffsmesse diente. Der Raum war voller Leute, so daß ich an jenem Abend nicht mehr an die Reihe kam.
Um elf Uhr kam ich nach Hause. Richies Tür war offen. Er lag auf dem Bett, die Füße berührten den Boden. Sein Anzug war ver-
152
schmutzt. "Richie!" brüllte ich. Keine Antwort. Ich schlug ihm ins Gesicht, zog ihm die Schuhe aus, zerrte ihn unter die Decken und schloß das Fenster, durch das ein kalter Wind hereingeweht kam. Ich steckte eine Münze in den elektrischen Ofen. "Richie, du Bastard, sag etwas sag nur Hallo!"
Seine Augen öffneten sich halb. "Hallo", sagte er. Am späten Nachmittag des nächsten Tages deutete ein Mädchen mit dem Finger auf mich. Sie führte mich in ein Auditionszimmer. Dort zeigte sie soviel Herzlichkeit, daß sich meine Sorgen in Luft aufzulösen schienen. Das Formular, dem sie ihre Fragen entnahm, war ähnlich wie L VII. Hin und wieder machte mir eine Frage Herzklopfen. Aber es kamen nicht allzu viele Nadel-Reaktionen, die peinlich waren. Als wir die Liste halb durchgearbeitet hatten, sagte sie: "Sie haben eine schwebende Nadel das wär's!" Sie fügte hinzu: "War die Review vollständig?"
"O ja!" antwortete ich dankbar. Ich machte mich auf den Weg, um mir das Ergebnis im Büro für Zeugnisse und Belohnungen attestieren zu lassen. Meine Stimmung war sehr viel besser. Meine Auditorin rannte an mir vorbei, um mich im nächsten Büro zu erwarten. Denn sie war für beide Jobs zuständig.
Am gleichen Abend sagte mir Richie, daß er clear war. Er hatte sich ausgeschlafen, gewaschen und saubere Sachen angezogen; der Schaden, den er sich im Kurs zugezogen hatte, war behoben. Er erzählte mir, wie man ihn wegen der falschen Technik, die er angewandt hatte, bestraft hatte: "Die verstehen keinen Spaß. In meinem ganzen Leben habe ich nie so hart gearbeitet. Ich habe Büros angestrichen und die verdammte Eingangstreppe geschrubbt. Als ich fertig war, war ich so erledigt, daß ich glaubte, ich würde den Rückweg hierher nicht schaffen. Vielen Dank, daß du mich ins Bett gebracht hast, Kumpel."
Richie hatte immer noch Zweifel. "Ich kann es nicht glauben bin ich wirklich clear, Bob? Ist es wahr? Sehe ich jetzt anders aus?"
Mich stieß das ab. Ich quälte mich durch die L VII-Listen und mußte zusätzlich für die Review-Sitzung bezahlen und dieser junge Faulpelz war einfach ins Ziel gestolpert. Ich unterdrückte den Impuls, ihm von meinen Anstrengungen zu berichten. Selbst wenn es nicht verboten gewesen wäre, hätte ich ihm diesen glücklichen Augenblick nicht verderben mögen. Er war nur ein junger Kerl, der es nicht besser wußte, und er sah wirklich anders aus: sein sonst so verdrießlicher Gesichtsausdruck hatte sich aufgehellt und wirkte jetzt froh wie der Blick eines schiffbrüchigen Seemanns, der an Land gespült worden ist. Er brauchte jetzt Sicherheit, und ich gab sie ihm.
"Natürlich bist du clear, mein Lieber, setz dich hin und genieße den
153
Augenblick."
"Ich kann es nicht glauben, daß ich es schließlich doch geschafft habe. Jetzt kann ich ohne reaktiven Geist nach Australien zurückkehren." "Genau! Jetzt bist du ein gemachter Mann. Hol alles heraus. Du hast es verdient!"
Ich hatte ein zwiespältiges Gefühl bei diesem Wortwechsel. Unsere Freundschaft hatte sich vertieft. Er schaute mich vertrauensvoll an wie ein junger Hund. Aber ich fragte mich, warum er seinen Erfolg nicht akzeptieren konnte, ohne daß ein anderer ihn bestätigte. Während ich auf ihn einredete, hatte ich den Verdacht, daß ich ihn in Wirklichkeit sadistisch behandelte, seine Lage ausnutzte. Einerseits verwöhnte ich ihn mit Lobsprüchen, andererseits wollte ich ihn im stillen für die Nervosität büßen lassen, mit der er mich früher angesteckt hatte. In einem Cafe trafen wir Radcliff Jones. Er hatte seinen Solokurs genau nach Plan abgeschlossen und war vom Hill aus kurz vorher in Edinburgh angekommen. Wir gingen durch die Stadt. Richie ließ immer noch Trauma aus dem Clear-Kurs ab. Wiederholt versicherten ihm Rad und ich, er sähe wundervoll aus. Alle paar Meter klopften wir ihm auf die Schulter und riefen: "Du bist clear, mein Junge, WIRKLICH CLEAR!"
Die Objekte waren einfache geometrische Figuren, zum Beispiel Kreise und Dreiecke. Sie erschienen zuerst hohl und dann massiv, sie flogen auf einen zu oder von einem fort, beides in ganz verschiedenen Richtungen. Ich probierte einige davon aus und erreichte nur mehrfach SF auf der Skala. Der Versuch, mir Objekte um mich herum vorzustellen, die sich zur gleichen Zeit in verschiedenen Richtungen nach vorn und nach hinten bewegten, führte zu einem seltsamen Ergebnis: Es war, als ob in meinem Kopf etwas abwechselnd auseinander gezogen und zusammengepreßt würde. An diesem Punkt war mir klar, daß sich in meinem Kopf Masse aufbaute. Ich war wieder krank. Die Aussicht auf eine weitere Review-Sitzung war erniedrigend, aber es gab keinen Ausweg.
Die Besetzung der Stellen in der See Org hatte gewechselt. Als Prüfer fungierte nun ein vollbusiger Rotschopf. "Mal sehen ... Sie hatten schon eine Review-Sitzung." Sie sah meine Arbeitsblätter durch. Meine Fehler müssen leicht durchschaubar gewesen sein. Aber gleich am Anfang wollte sie nicht zu hart mit mir umspringen. "Robert, ich möchte nicht, daß Sie dauernd Review-Sitzungen nehmen. Das wäre nicht gut, weder für Sie noch für uns. Also, was wollen wir tun?" Ich hoffte, daß sie mich nicht für einen Fall für die Ethik-Abteilung
154
erklärte. "Ich weiß nicht ... nach der letzten Review-Sitzung war alles für eine Weile in Ordnung."
Sie überlegte: "Das klingt ernst. Sie brauchen einen S&D (Search & Discovery: Test zum Suchen und Entdecken einer suppressiven Person oder Sache). Wir müssen die Angelegenheit auf der Stelle klären."
Ich stand auf, um zum Empfang zu gehen. "Machen Sie sich keine Sorgen", fügte sie hinzu, "diese S&D-Sitzungen gehen nicht nach dem alten Schema: 'Haben Sie Verbindung zu einer suppressiven Person? Sie werden es mit hochgeladenem Stoff zu tun haben, der Sie auf der Zeit-Spur weit nach hinten tragen kann." An der Kasse zahlte ich hundert Dollar für den S&D. Eine pummelige brünette Frau holte mich im Wartezimmer ab; es war der Dritte Maat; sie hatte Richie in den Zustand der Schuld versetzt.
Der Dritte Maat war ein Star-Auditor. Sie ging mit ihrem E-Meter und den Bericht-Formularen um, als spiele sie Mah-Jong. "Was versuchen sie, Ihnen anzutun?" fragte sie, während ihre braunen Augen vergnügt funkelten.
"Mich in Furcht versetzen", schlug ich vor, während sie begann, eine Liste aufzustellen, "mich krank machen . .. schlaflos . . . mir Kopfschmerzen zufügen, mir den Spaß am Auditieren nehmen, mir die Freude an der Scientology nehmen." Sie nullte die Liste, damit der entscheidende Punkt übrigblieb. "Gut", bestätigte sie, nachdem sie minutenlang die Fragen wiederholt und einzelne Antworten ausgestrichen hatte. 'Mir die Freude an der Scientology nehmen' ist der Punkt, der bei Ihnen übrigbleibt. Ich gehe zu einer weiteren Prozeß-Frage über: 'Wer oder was versucht, Ihnen die Freude an der Scientology zu nehmen?'cc Es konnte sich herausstellen, daß der Schurke ein böswilliger Beamter eines alten außer-galaktischen Reiches war, oder es konnte jemand aus meiner Familie oder von meinen Freunden sein. Ich stöhnte bei dem Gedanken, vielleicht die Verbindung zu jemandem abbrechen zu müssen, den ich liebhatte, aber schon stieß ich Namen hervor: "Mein Vater . .. meine Schwester ... Anita ... Allen ... Lynn ..." "Gut!" Der Dritte Maat war begeistert. "Noch mehr dazu?" "Radcliff, Richie, Morton, Bruce, Ann, Gerald, Felicia, Danny ..." Ohne Unterschied nannte ich Namen von Preclears und von Scientologen der oberen Stufen.
"Fein. Noch mehr zu der Frage 'Wer oder was versucht, Ihnen die Freude an der Scientology zu nehmen?' cc Ich erinnerte mich an ein Gefühl, das ich einmal in meiner Brust ver-
155
spürt hatte, vor vielen Jahren in einem spannungsreichen Augenblick. "Ein schwarzer Klumpen", sagte ich. "Danke. Ist die Liste komplett?"
In meinem Innern stieg ein Bild empor: "Ich sehe einen Mann. An einem schönen Frühlingstag geht er eine Straße entlang." "Fein. Was ist das Datum?" "Es ist... 1870."
"Danke. Erzählen Sie mir jetzt alles, was passiert.<e "Ich weiß nur, daß er die Straße entlang geht die Bäume blühen er ist dabei, ein Haus zu betreten und die Treppe hochzusteigen ..." "O.k. Noch mehr dazu?" "Ja ... er hat etwas Sympathisches an sich." "Danke. Erzählen Sie mir davon."
"Das ist alles, was ich darüber sagen kann. Ich habe ein herzliches Gefühl für diesen Burschen auf der Straße. Wissen Sie, an wen er mich erinnert? An Poppa Jenks im Comic-Strip , Gasoline Alley.' " "Fein. Nennen wir diesen Punkt 'Mann in dem Bild', 0. k.? Ist die Liste komplett?" "Ja, ich glaube."
"Gut. Dann werde ich es auf dem E-Meter nachprüfen." Sie ging die Seite durch und machte hinter den einzelnen Punkten ihre X= und /Zeichen. Mein Herz klopfte, wenn die Namen von Verwandten oder Freunden wiederholt wurden. Beim zweiten oder dritten Durchgang wurden sie alle mit einem X versehen, genullt. Nur zwei Punkte blieben übrig: 'Der Mann im Bild' und 'Der schwarze Klumpen.' Ich vermutete, daß wir uns um den 'Mann im Bild' kümmern müßten. Hinter diesem Vorfall schien mehr zu stecken, als ich mich erinnern konnte. Sie las diesen Punkt laut vor, und ich sah, daß ein X neben die Reihe von Querstrichen gesetzt wurde: 'Der Mann im Bild' war genullt!
"Da haben wir den Punkt!" rief der Dritte Maat triumphierend. "Es war der schwarze Klumpen!"
Wie betäubt starrte ich sie an: Ein schwarzer Klumpen hatte hinter allem gestanden, kein Mensch. "Aber was ist es?" gelang mir schließlich zu fragen. "Ich weiß nicht... das heißt, ich darf nichts sagen." "Wollen Sie sagen, daß Sie eine Idee haben, was es sein könnte?" "Ich kann dazu weder ja noch nein sagen", sagte sie. Ich war völlig im dunkeln, aber irgendwie doch zufrieden mit dem Resultat des S&D. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, daß wir den richtigen Punkt gefunden hatten; niemand war mir gegenüber suppressiv; ich brauchte keine Verbindungen abzubrechen. Die ganze
156
Zeit über war es nur ein schwarzer Klumpen gewesen. Ich war erleichtert.
Der Dritte Maat schaute zufrieden zu, wie die Spannung von mir wich. Sie lächelte mich über den Tisch hinweg an. "Gott, es ist phantastisch", meinte sie. "Rons Technik ist so unglaublich gut!" Der Glanz ihrer Augen wärmte mich, meine eigenen schwammen in Tränen. "Sie sind großartig", sagte ich voller Enthusiasmus. Dann ging ich durch die Halle, um der Prüferin Bescheid zu sagen. "Wissen Sie, was es die ganze Zeit über war? Ein schwarzer Klumpen!" Die Prüferin lächelte mich wissend an. Ich vermutete, daß ein schwarzer Klumpen für einen Scientologen eine besondere Bedeutung hatte; sie wußten durchaus Bescheid, aber ich würde warten müssen, bis ich die richtige Stufe erreicht hatte, um dahinter zu kommen. An diesem und am nächsten Tag sagte ich jedem, den ich traf, daß die Auditoren der See Org sensationell seien. Man könne sich auf sie verlassen; man solle sich nie davon abhalten lassen, die Hilfe der Qualifikations-Abteilung zu suchen, wenn man sie brauchte. Ich sagte niemanden, wie der Punkt, den man gefunden hatte, genau aussah, nur daß es keine Person war. Richie informierte mich. "Es ist nichts Ungewöhnliches, bei einem S&D auf eine Sache zu stoßen. Letztes Jahr brauchte meine Mutter auch einen S&D; es stellte sich heraus, daß ihr Problem ein gigantischer Eukalyptus war."
Der E-Meter stand wieder still. Ich kam einfach nicht durch den Clear-Kurs. Mit meinem Ethik-Zustand war irgendetwas von Grund auf in Unordnung. Es schien vom Schicksal vorherbestimmt, daß ich mich durch eine Strafe für den Zustand der Schuld hindurcharbeiten mußte, ehe die Maschine wieder funktionieren würde. Eigentlich brauchte ich gar nicht mehr darauf zu warten, bis die Ethik-Abteilung in Aktion trat. Ich war schon in Schuld, ich hatte mich selbst in diesen Zustand versetzt. Erst durch die eigenen Fehler verstand man Rons Ethik richtig: Man versetzte sich selbst in einen Zustand, entweder in einen höheren oder in einen niedrigeren. Das geschieht dauernd, ob nun die Organisation und man selbst das weiß, oder nicht. Viele in der AOUK waren sich dessen völlig bewußt und immer wenn sie bemerkten, daß sie in einem niedrigeren Zustand geraten waren, meldeten sie sich beim Ethik-Beamten. Warum in Rons Namen machte ich es nicht ebenso und nahm die verdiente Strafe auf mich? War es ein anhaltendes törichtes Begehren, mich zu unterscheiden die letzten Zuckungen des selbstsüchtigen Ich, das darum kämpfte, besser als die anderen zu sein das mich davon abhielt? Oder war es einfach nur Furcht? Letzteres glaubte ich eigentlich nicht. Richie war letzten Endes
157
unbeschädigt aus der Prozedur hervorgegangen. Wie auch immer, irgendetwas in mir widerstrebte dem Gedanken, mich ihrem Schuldspruch zu unterwerfen. Ich hatte mein Bestes getan, die Instruktionen zu befolgen, und nahm jede Mühe auf mich, um allein klarzukommen. Es mußte ein Unterschied sein zwischen ihrer Definition meines Zustandes und meiner eigenen. Ich beschloß, noch einmal zum Qualifikationsbüro zu gehen. Sie sollten über mein Schicksal entscheiden. Ich traf den Dritten Maat auf dem Flur. "Wie läuft es?" fragte sie zweifellos spielte sie auf unsere wundervolle Sitzung an. "Ich weiß nicht mehr, was geschieht. Ich stecke fest. Ich bin gerade auf dem Weg zum Prüfer."
"Ich weiß, was zu tun ist. Kommen Sie mit mir und ich bringe es in Ordnung."
Sie überschüttete mich mit Fragen aus dem grünen Formular, wie es gewöhnlich für eine Review-Sitzung verwendet wurde. Da sie sehr schnell auditierte, kam sie schon bald bei einer Frage an, die ich bisher noch nie gehört hatte. "Hatten Sie schon eine Release?"
Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und beobachtete mich. "Eben gab es eine sehr starke Reaktion auf der Skala", sagte sie. Ich verstand nicht. Ihr fragender Gesichtsausdruck verwandelte sich langsam in ein glückliches Lächeln. Nur zögernd dämmerte mir, was diese Frage und die Nadelreaktion bedeuteten. "Schon eine Release bedeutet das ... ich bin CLEAR?" Sie blickte mich nur an. Sie durfte ja nicht an meiner Stelle ein Urteil über die Nadelreaktion abgeben. Ich mußte diese Sache selbst begreifen. Es war meine eigene Aufgabe, augenblicklich mein Sorgen fallenzulassen und die Tatsache zu akzeptieren, daß ich schon clear war.
Ich zögerte lange. Ich wollte nichts denken, nichts zu der einfachen Alternative hinzufügen. "Gut, ich werde nicht dagegen ankämpfen", sagte ich mit zittriger Stimme. Und dies alles, meine Hinnahme, die Gefühlsströme, die zwischen mir und dem Dritten Maat pulsierten, erfüllten mich mit solcher Wärme, daß ich mich ganz schwach fühlte. Wir standen zur gleichen Zeit auf und ich warf mich in ihre Arme. "Sie sind wunderbar", murmelte ich.
"Sie sind wunderbar", erwiderte sie. Wir standen mitten in dem Auditionsraum und hielten uns fest in den Armen, meine Beine trugen mich kaum.
"Einen Moment noch", sagte sie und unterbrach den herrlichen Augenblick. "Ich möchte noch einen Punkt überprüfen. Nehmen Sie bitte die Büchsen. Also wann ereignete sich die Release?" Ein Datum schoß in mein Bewußtsein: es war jene Sitzung vor einer
158
guten Woche, als die Nadel auf der Skala nach oben geschossen war und als ich mich so gut gefühlt hatte. Danach waren Richie und ich durch eine Straße einem herrlichen Sonnenuntergang entgegengelaufen, sorglos hatten wir nach einem Cafe gesucht, der TA war gegen Ende der Sitzung etwas hoch gewesen, aber hatte Ron in seinen Instruktionen überhaupt etwas davon erwähnt? Es war auch möglich, daß mein E-Meter nicht mehr ganz zentriert gewesen war, der TA hätte vielleicht nachgestellt werden müssen. Beim Ende der Sitzung war ich clear gewesen. Tatsächlich war ich schon seit einer ganzen Woche im Status eines Clear!
"O.k., das wär's!" sagte sie. "Gehen wir zum Qualifikationsbüro dann können Sie attestieren!"
"Die Review-Sitzung ist beendet", rief der Dritte Maat aus. "Hurra!"
"Ich hatte das Gefühl, daß dort
drinnen etwas vorging", sagte die Prüferin. Ganz zart legte ich meine
Arme um sie, als ob sie und nicht ich selbst der neugeborene Clear sei.
Eine Welt der Zärtlichkeit: Seltsam, diese Umarmungen hatten eine
neue, eine vollständigere, eine zufriedenere Qualität. Mein Kopf,
mein Körper fühlten sich wie neu an, alles war wie neu. Die Prüferin
begleitete mich zum Büro für Zeugnisse und Belohnungen. Dort
unterzeichnete ich das Attest-Formular und erhielt ein Zertifikat. Feierlich
führte sie mich dann ins Foyer und rief jubelnd aus: "ACHTUNG! . ..
HERHÖREN: ROBERT KAUFMAN ... CLEAR! ! !" Von allen Seiten gab es Applaus.
Verschiedene Schüler der Akademie erschienen an den Türen, um
zu sehen, wer es war, der von der Bank befreit war. Ich hatte mich noch
nicht erholt, es war alles so schnell geschehen. Schon war ich im DT-Büro
und schrieb in großen Buchstaben meinen Namen auf die immer länger
werdende Liste der neuen Absolventen der oberen Stufen.
159
für den Verlauf der letzten Woche. Durch die enorme Zahl von Nadelreaktionen, die ich eine Zeitlang erzielt hatte, mußte ich genügend Spannung abgelassen haben, um innerhalb weniger Tage clear zu werden. Dann hatte ich wegen der alten Unsicherheit wegen meines entscheidenden Charakterfehlers, mich selbst herabzusetzen den Moment des Release glatt verpaßt, trotz der schwebenden Nadel und der Stimmungsanzeige unter drei. Kein Wunder, daß alles danach eine reine Katastrophe war. Daß die Nadelreaktionen ausblieben: es gab nichts mehr, worauf der E-Meter hätte reagieren können. Ich hatte den Prozeß verdoppelt: "das Saubere erneut gesäubert", wie Ron es nannte. Ich hatte buchstäblich die Spannung wieder erzeugt, die gerade gelöscht worden war. Dadurch war ein Bumerang-Effekt entstanden, was Widerwillen gegen das Auditieren und körperliche oder geistige Erkrankungen des Preclear auslösen kann.
Ich war einigermaßen erstaunt, das vertraute Instruktionsbuch des Clear-Kurses im OT I-Paket zu entdecken. Ich beschloß, es nochmals durchzublättern, anständig zu essen und dann zur AOUK zurückzukehren, um die OT I-Materialien abzuholen. Jetzt fürchtete ich mich nicht mehr vor dem Auditieren. OT I wird ein Vergnügen sein, dachte ich immer wieder, die Worte waren wie ein Lied. Mir tat nur leid, daß Richie schon nach Australien abgereist war, so daß ich ihm nicht über die tragikomischen Ereignisse mit anschließendem Happy End berichten konnte.
Jetzt endlich begann sich mir das ganze Glück meines Clear-Status zu erschließen. Es gab viele Restaurants, und es war wundervoll, eins auszuwählen. Ich nahm meine Brille ab und die Einzelheiten um mich herum formten sich zu einem Bild: Der Bürgersteig vorher war es mir nicht aufgefallen hatte scharfe Umrisse, eine Körnung. Es war wunderbar und ich sah es zum erstenmal.
Zur Feier des Tages brauchte ich ein Steak. Ich betrat ein Restaurant, in dem ich vorher noch nicht gewesen war, mit gedeckten Tischen, Teppichen und einem Kamin. Ich vollzog den Akt des Hinsetzens langsam, wohlüberlegt, jede einzelne Bewegung war eine Einheit für sich. Vorbei waren die nervösen, nur halb bewußten Ticks. Wann immer ich einen Teil meines Körpers bewegen wollte, wurde der Gedanke über geheimnisvolle Kanäle in die erwünschte Handlung umgesetzt:
EIN CLEAR IST VERURSACHER DES MEST: MATERIE, ENERGIE, RAUM, ZEIT SEIN EIGENES PHYSIKALISCHES UNIVERSUM. Ich bat die Kellnerin um eine Zeitung. Der Überschriften-Wirrwarr auf der Titelseite kam mir leicht lächerlich vor, wie ein schlechtgespieltes Spiel. Jeder Bissen meines Essens hatte seine besondere Qualität; jeder Schnitt mit dem Messer unterschied
160
sich von den anderen. Die Fleischstücke auf dem Teller ergaben ein Mosaik.
Schon immer hatte ich so sein wollen. Nun war es soweit. Ohne Anstrengung, ohne Gedanken, ohne weiteren Wunsch. Mein Clear-Referat begann Formen anzunehmen. Beim nächsten Erfolgsabend in der AOÜK würde ich dem aufmerksamen Publikum im Wartezimmer über die Steine auf dem Bürgersteig erzählen, über die Hilfe von der hingebungsvollen See Org und vor allem über die erstaunliche, die himmelerstürmende Technik von L. Ron Hubbard.
Die OT I-Materialien bestanden aus den Listen des Clear-Kurses. Mein letztes Bündel Arbeitsblätter steckte ebenfalls in dem Umschlag. Eine unnötige Korrektur die Wiederholung von Teil I war mit Bleistift eingekreist. Jetzt war mir klar, warum es hieß, OT I sei eine notwendige Ergänzung des Clear-Kurses. Es war die Möglichkeit, durch eine Gegenprobe festzustellen, ob alle Ladung beseitigt war. Man ging alles noch einmal durch, begann an der richtigen Stelle und eliminierte dadurch jeden Zweifel, ob alle Punkte gelöscht waren. Phantastisch: das war genau das, was ich sowieso tun wollte. Wie wenig diese Prozedur und die allzu bekannte Gefahr, einen Prozeß zu verdoppeln, zusammenpaßten, das entging mir völlig.
Die Verwirrungs-GPMs starrten mir ins Gesicht. Ich arbeitete mich schnell durch verschiedene Punkte hindurch, ohne mich um die wenigen Reaktionen zu kümmern. Dann ging ich ins Bett und schlief den süßen, gesegneten Schlaf eines Clear.
Um sieben Uhr morgens ging ich hinunter, um den ersten Clear-Blick auf meinen ersten Clear-Morgen zu werfen. Doch als ich die Badezimmertür hinter mir schloß, war mein Hochgefühl plötzlich verschwunden. Ich stand über der Klosettschüssel und schaute verzweifelt die Wände und Installationen an, aber es war nicht mehr so wie am vorhergehenden Abend: ich mußte mich anstrengen, deutlich zu sehen.
Ich frühstückte mit Radcliff Jones zusammen, der das Zimmer von Richie genommen hatte. Ich versuchte, so lustig zu sein, wie es mir möglich war: "Sehe ich heute anders aus, Rad?"
Die Objekte ergaben keine Nadel-Reaktionen. Nach zwei Sitzungen wertete ich die Nicht-Reaktionen als das endgültige Phänomen des Prozesses und ging zum Attestieren in die AOUK, obwohl ich OT I mit einem hohen TA liegengelassen hatte. Jetzt war es mir aus der Hand genommen. Zitternd stand ich im Qualifikationsbüro. Mein Clear-Status war wie ein Traum vergangen und ich war dazu verdammt, nun auch die oberen Stufen zu absolvieren. Der Prüfer
161
schickte mich zum Büro für Zeugnisse und Belohnungen ohne mir eine Frage zu stellen, und ich durfte die OT II-Instruktionen mit nach Hause nehmen. Das Instruktionspaket war mit den vorhergehenden identisch, abgesehen davon, daß zwei neue Bulletins beigefügt waren. Eins hieß "Ganz-Spur-Einprägungen". Es erklärte die ersten zehn Teile der OT II-Materialien. Unter den phantasievollen Überschriften las ich "Die elektrischen GPMs" und "Das elektrische Klavier". Das andere Bulletin enthielt eine Warnung an den Auditor, sich nicht mit irgendwelchen "Bomben-Vorfällen" oder mit der Frage "seiner eigenen Identität" während des Auditierens zu befassen. Eine durch Außerachtlassen dieses Befehls selbst zugefügte Verletzung könne "durch die Organisation nur nach Zahlung einer Strafe von zweitausend Dollar" wieder geheilt werden.
Was ist nötig, um einen Thetan vom Wege abirren zu lassen? Tausende und abertausende Volt...in zerstörerischen Wellenlängen, die man ihm direkt ins Gesicht schießt. Was ist nötig, um ihn in eine Position zu bringen, in der er vom Wege abirren kann? Hinterhältigkeit, Verrat, Lügen.Die OT II-Materialien waren so dick wie das Telefonbuch von Edinburgh. Als ich sie aus dem Umschlag nahm, sah ich zufällig die Worte "Flüsse, Seen und Inseln"; das mußten Punkte sein. Eine einzelne Seite vor den elektrischen GPMs brachte eine weitere Instruktion:L. RON HUBBARD
Wenn bei einem Punkt das Wort SCHOCK erschien, dann mußte man SCHOCK DENKEN ODER FÜHLEN. Ich legte die erste Liste auf, wobei ich die einzelnen Punkte sorgfältig mit dem Umschlag zudeckte. Dann bewegte ich den Umschlag ein wenig nach unten:
I a. Schaffend zerstören (Schock)Es war unheimlich: ein ungeheurer Schock zuckte durch meinen Oberkörper. Die Nadel fiel fast von der Achse, so schnell wurde sie über die Skala nach rechts gerissen.
Neunzig Minuten später bekam ich keine weiteren Schocks und Nadelreaktionen mehr. Die Stimmungsanzeige war weit oben. Mein Körper prickelte durch die ständige Berührung mit der elektrischen Spannung. Ich konnte mit dem Prozeß nicht weitermachen. Was soll sein, dachte ich, und ging zur AOUK, um OT II, meine dritte obere Stufe in ebenso vielen Tagen zu attestieren. Ein wenig war ich enttäuscht, daß ich so schnell fertig war, noch bevor ich den Rest des neuen Materials
162
durchgearbeitet hatte: die Seen, die Flüsse,
die Inseln und das elektrische Klavier, das durch die Lichtjahre einer
Ganz-Spur-Einprägung hindurch vor sich hin hämmerte. Nun war
ich bereit für die kritische Stufe OT III, die "Feuerwand."
Hiermit unterzeichne ich diese Verzichterklärung des Inhalts, daß die Scientology-Organisation, ihre Zweige und Mitglieder und L. Ron Hubbard nicht verantwortlich sind für alles, was meinem Körper oder meinem Geist bei OT III geschehen mag.Ich unterschrieb das Formular. Mit einem feierlichen und mystischen Lächeln legte mir der Direktor des Trainings dann das Paket mit den Instruktionen in meine geöffneten Hände.
Unfälle bei OT III
Solche Fälle werden
behandelt, indem man Sie gut ausruhen läßt, Ihnen dann eine
vollständige Review Ihres Falles und eine Wiederholung Ihrer sämtlichen
früheren Stufen gewährt. Das wird vervollständigt durch
ein grünes Formular und einem Tag oder zwei im Repetitorium, der Abteilung
für solche Schüler, die einen Prozeß nicht verstanden haben.
OT III-Instruktionen
Hier trifft man Körper-Thetanen
(Körper 0), das sind Seelen, die sich an den Körper geheftet
haben. Auch wenn sie nicht offen gefährlich sind, neigen sie doch
dazu, eine Person unter Druck zu halten; es ist daher besser, sie los zu
sein. Man befreit sich von Körper-Thetanen, indem man sie durch zwei
Engramme auditiert, die vor Billionen und Trillionen von Jahren eingeprägt
wurden. Zuerst wird das Vorhandensein eines Körper-Thetans festgestellt
und durch das Engramm I auditiert. Es kann sein, daß er dabei verschwindet.
Wenn der betreffende Vorfall zu Ende auditiert und der Körper-Thetan
noch nicht befreit ist, dann wird Engramm II auditiert.
Die Release in OT III ist
vollzogen, wenn alle Körper-Thetanen vertrieben sind ... Es können
hunderte sein.
Man muß absolut sichergehen,
immer denselben Körper-Thetan zu auditieren, solange er noch nicht
befreit ist. Ein Fehler wäre es auch, nicht zu bemerken, daß
der Körper-Thetan schon beim Engramm I verschwunden ist und ihn auch
noch durch das Engramm II zu auditieren. Dadurch würde man einen anderen
Körper-Thetan herbeizitieren. Wenn ein Körper-Thetan suppressiv
wird, soll er im Power-Prozeß auditiert werden.
Es ist gefährlich,
OT III falsch zu auditieren. Fehler ziehen schwere Folgen nach sich: von
Schlaflosigkeit über Lungenentzündung bis zum Tod.
Mir schwammen die Augen. Die Instruktionen waren in kräftiger aber
163
unbeholfener Langschrift verfaßt. Manche wichtige Worte waren unleserlich. Ich verschloß die Instruktionen in meiner Aktentasche und ging dann zur AOUK.
Ich hatte beschlossen, so lange im Repetitorium zu bleiben, bis ich ganz klar verstanden hatte, was mit den Körper-Thetanen zu tun war. Die ganze Angelegenheit war für mich ein einziges Fragezeichen. Es wäre geradezu ein Treppenwitz gewesen, wenn ich damit nicht auch wieder in Schwierigkeiten geraten würde.
Das Repetitorium war ein kleiner Raum mit einigen Stühlen, einer Sammlung von Scientology-Büchern und einigen mit Wachstuch bespannten Tischen, auf denen Ton-Demos geformt werden konnten. Jeder Tag im Repetitorium kostete 8 Dollar. Es galt allgemein als ein Ort, den man nach Möglichkeit vermeiden mußte. Es hieß, man könne dort einen ganzen Tag verbringen, ohne seine Fragen beantwortet zu bekommen.
Ich setzte mich in eine Ecke und wartete
auf den Repetenten. Ich studierte erneut die OT III-Instruktionen, wobei
ich mich sorgfältig darum bemühte, die Seiten so abzudecken,
daß niemand auch nur ein Wort erkennen konnte. An diesem Tag war
der Repetent das Mädchen, mit dem ich meine erste Review-Sitzung in
der AOUK absolviert hatte. Sie hatte kaum Zeit für uns, denn sie mußte
auch noch auditieren und in der Buchhaltung arbeiten. Erst nach dem Mittagessen
kam ich an die Reihe. Da kein Büro frei war, gingen wir in ein Badezimmer.
Die Repetentin setzte sich auf den Rand der Badewanne, ich nahm auf dem
Thron Platz.
"Was verstehen Sie bei dieser Stufe nicht?"
fragte sie.
"Ich weiß nicht, wo ich anfangen
soll. Zum Beispiel heißt es, 'zuerst stellt man den Körper-Thetan
fest'. Aber wie zum Teufel macht man das?'"
Sie schlug mir vor, Ton-Demos zu machen. Damit verbrachte ich dann den Nachmittag. Ich schützte die Demos mit meinem Körper vor den Blicken der anderen. Ich machte die Figur eines Auditors, als Körper-Thetan heftete ich ihm einen Klumpen Ton auf den Rücken. Kommunikationslinien und Etiketten zeigten an, daß ein Engramm behandelt wurde.
Am nächsten Morgen holte mich die Repetentin wieder in das Badezimmer. Ich beantwortete ihre einfältigen Fragen, wie "Woher wissen Sie, daß Sie den gleichen Körper-Thetan auditieren?" Die Demos hatten mir nicht die geringste Idee gegeben, wie man diesen Prozeß führen muß oder was man zu den Kreaturen zu sagen hatte. Schließlich meinte sie: "So schwer ist es gar nicht. Gehen Sie nach Hause und machen Sie sich an die Arbeit." Sie sprach darüber, als wäre es ein
164
Spiel. Vielleicht war es das wirklich? Jedenfalls brachten unsere Diskussionen nichts zuwege. Nur das eine hatte ich erfahren: man sollte die Körper-Thetanen mit dem E-Meter feststellen. Man dachte an verschiedene Teile des eigenen Körpers, bis man eine Nadel-Reaktion erzielte, genau dort war dann eine marodierende Seele ...
... es gibt nur wenige Preclears, deren Körper auf den Hinweis, daß solche Vorfälle existieren können, nicht kräftig reagieren. So gewaltig ist die Ladung.Beide Vorfälle waren in Langschrift niedergelegt. Vorfall II war der "Bomben-Vorfall". Ich stellte mir mein Gesicht vor; jede Einzelheit ließ ich vor meinem inneren Auge passieren. Gleichzeitig kontrollierte ich, ob sich auf dem E-Meter eine Reaktion ergab. Als ich bei der Haut neben meiner rechten Augenbraue anlangte, erhielt ich ein SF. Ich notierte im Arbeitsblatt "Körper-Thetan über dem rechten Auge", und dirigierte ihn an den Anfang von Vorfall I.L. RON HUBBARD
Vorfall I ereignet sich am
Anfang der Zeit-Spur, vor 405 Billionen Jahren:
Man hört einen Knall
eine Kutsche fährt vorbei wendet sich nach rechts, dann nach links
und verschwindet ein Cherub mit einer Trompete erscheint er setzt sie
an seinen Mund bläst er kommt näher und immer näher
plötzlich wirbelt er herum und geht fort dann eine Serie von Explosionen
schließlich Dunkelheit über der Szene.
Ich auditierte den Körper-Thetan mehrfach durch die ganze Szene. Jedesmal war das Bild vor meinem geistigen Auge anders. Einmal schwankte die Kutsche über einen staubigen Acker, dann über eine saftige Wiese mit bunten Blumen, dann wieder raste das Pferd, wie Pegasus, durch einen Wolkenhimmel, mitten in der Nacht oder in hellem Sonnenlicht. Auch die Trompete des Cherubs hörte sich verschieden an.
Ich trug alles in meine Arbeitsblätter ein. Plötzlich kam mir der Gedanke, daß ich alles durcheinander brachte: eine Erkenntnis! Der Körper-Thetan war frei er war schon verschwunden. Ich notierte das.
Einen weiteren Thetan stellte ich links zwischen den Rippen fest. Nach wenigen Durchgängen mit Vorfall I gab es keine Reaktionen mehr. Ich suchte nach dem nächsten Körper-Thetan, aber ich war nervös. Angenommen, der letzte war doch noch da. Ich hatte keine Gewißheit, ob er wirklich verschwunden war. Versteckte er sich vor mir?
Der nächste Körper-Thetan war dicht über meinem linken Auge. Ich machte mehrere Durchgänge mit Vorfall I. Ich war keineswegs über-
165
zeugt, daß die Kreatur verschwunden war, und arbeitet immer weiter. Die Nadel-Reaktionen schrumpften.
Eine Liste mit Vulkanen gehörte zu dem Material. Sie bestand aus zwei Kolonnen, eine für die westliche, eine für die östliche Hemisphäre. Ich erzielte eine Reaktion, als ich "östliche Hemisphäre" ausrief, diese Kolonne anging und "Java" nannte. Ich sprach den Körper-Thetan über meinem linken Auge an: "Bist du derselbe Thetan, den ich über den Vorfall I auditiert habe?" und erzielte eine Reaktion. Ich ging zu Vorfall II weiter ...
Vor 35 Billionen Jahren löste ein böser Fürst namens Xenn das Problem der Übervölkerung auf einem anderen Planeten, indem er 2 Billionen Thetanen zur Erde brachte, die zu jener Zeit als Teegeack bekannt war er stopfte sie in Wasserstoffbomben, die er in einem Vulkankrater explodieren ließ durch die Explosion wurden die Thetanen, an elektrische Kabel angeschlossen, bis hoch in den Himmel geschleudert dann wurde ihnen die gesamte R6 Bank eingeprägt, sie wurden in ein Flugzeug geladen und wieder auf die Erde geworfen schreckliches Unheil ereilte jeden, der diesen Komplott aufzudecken versuchte, bis uns die Aufklärung gelang Ron wäre fast selbst elend zugrunde gegangen; doch irgendwie überlebte er, allerdings völlig zerschlagen Xenn wurde für sein Verbrechen bestraft, indem er in einer elektrisch geladenen Kiste eingesperrt wurde, die in einem Berg im Westen des nordamerikanischen Kontinentes versteckt worden ist, dort befindet er sich noch heute der Körper-Thetan wird befreit, wenn man die Vorstellung eines grinsenden Flugzeug-Piloten hat, der sagt: "Er ist nur ein Blendwerk". Wenn der Körper-Thetan dann noch immer nicht verschwunden ist, dann folgen tagelang Bilder von Göttern, Teufeln und der ganzen R6 Bank.
Ich sagte zu dem Körper-Thetan: "Geh zum Anfang dieses Vorfalls." Auf dem E-Meter überprüfte ich, ob eine Reaktion kam, um sicherzustellen, daß er dort war. "Geh nun den Vorfall bis zum Ende durch und sag mir alles, was passiert, während du unterwegs bist."
Das Engramm lief nicht gut. Ich konnte mich nicht an alle Details über den Zustand der Thetanen erinnern. Und da dieser mir überhaupt nichts zu sagen schien, überlegte ich, ob es zulässig war, wenn ich nochmals in dem handgeschriebenen Text nachlas. Ich fragte mich ständig, ob ich vielleicht zu schnell zu Vorfall II übergegangen war. Nach wenigen Durchgängen ging ich zu Vorfall I zurück, um nachzuprüfen, ob er wirklich eingeebnet war. Es war schwieriger als je. Ich versuchte, eine Liste mit Einwänden zu nullen, die Ron dem Material für den Fall beigefügt hatte, daß sich die Vorfälle nicht gut auditieren ließen.
"Besteht der Wunsch aufzuhören?" las ich aus der Liste laut vor. "Besteht der Wunsch, den Vorfall zu meiden?" Inzwischen hatte ich den Vorfall I mindestens dreißigmal auditiert. Der TA ging immer mehr nach oben, ich hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Jedesmal wenn die
166
Kutsche vorbeiraste, sah ich einen Moment lang den Mann auf dem Kutschbock; während er die Pferde wie rasend voranpeitschte, drehte er mir sein Gesicht mit einem teuflischen Kannibalengrinsen zu. Meine Furcht wuchs noch. Was war mit dem Körper-Thetan? Vielleicht war er schon einmal verschwunden und ich hatte ihn zurückgerufen. Ich ging die Liste mit den Einwänden immer weiter durch schließlich hörte ich seltsame Töne. Ich kämpfte mich durch einen Durchgang nach dem anderen, bis die Nadel völlig festsaß.
Ich hatte 63 Durchgänge gemacht. Das war unmöglich: so viele brauchte kein Engramm. Das Auditieren ekelte mich an, ich fühlte mich völlig krank. Darum hörte ich auf.
Als ich früh am nächsten Morgen aufwachte, überfiel mich panische Angst. Der Gedanke, weiter zu auditieren, war unerträglich. Vielleicht erging es mir jetzt wieder genauso wie im Clear-Prozeß. Vielleicht war der Körper-Thetan, der in der ersten Sitzung befreit worden war, der einzige, der je vorhanden war und befreit werden mußte. Ich durfte nicht wieder den Fehler machen, nach einer Release tagelang weiterzumachen und den Prozeß so zu übertreiben, daß ich todkrank wurde.
In der Barbaren-Welt draußen kann man bestraft werden, weil man sich gegen die Autoritäten gestellt hat, gegen die äußeren und gegen die inneren. Man straft sich selbst, weil man der inneren Stimme nicht gehorcht, die einen lehrt, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. In Rons Welt gehen die Strafen über jedes vernünftige Maß hinaus: dort droht der Wahnsinn.
Wenn mich zu jener Zeit jemand gefragt
hätte: "Glaubst du wirklich, daß es Gorilla-Einprägungen
gibt, elektrische GPMs, und Körper-Thetanen?", dann wäre ich
vermutlich in Ohnmacht gefallen, weil ein Außenstehender von diesen
Dingen gewußt hätte. Hätte ich trotzdem antworten können,
hätte ich vermutlich gesagt: "Ich habe keine Zeit darüber zu
diskutieren, ich stecke mitten drin."
Der Prüfer legte seine Zigarre hin, ging zu einem Aktenschrank und holte alle meine Arbeitsblätter aus den Prozessen OT I und OT II hervor. "Hm... Sie wissen, daß Sie I und II mit einem ziemlich ho-
167
hen TA abgeschlossen haben. Was zeigt der TA an?" "Das Ausmaß der Spannung, die auf die Nadel drückt." "Gut. Und was bedeutet es, eine Stufe mit einem hohen TA abzuschließen?"
"Daß ich ihn mit hoher Spannung abgeschlossen habe." "Fein. Ich werde Ihre Stufen I und II nicht anzweifeln Sie haben sie definitiv abgeschlossen aber hier, gegen Ende von OT II, haben Sie mehrere Punkte übergangen, obwohl sie keine Nadelreaktion erbracht hatten. Genau so bei OT I. Wie kommt das?" "Ich fürchte, ich war einfach dumm." "O.k. Aber Sie wissen, Dummheit ist kein guter Grund, um Rons Instruktionen falsch anzuwenden es ist keine Entschuldigung. Sie sind jetzt Mitglied einer Gruppe und Sie müssen sich klar sein, daß alles, was Sie einem PC antun, die ganze Gruppe in Mitleidenschaft zieht. Wir halten uns hier alle an den Ethik-Codex. Ich werde Sie in den Zustand der Schuld versetzen müssen, weil Sie Out-Technik praktiziert haben."
Es war eine Erleichterung, die seit langem befürchtete Strafe endlich zugeteilt zu bekommen. Ich hatte geahnt, daß es so kommen würde. Deshalb war ich schon seit einigen Tagen in Jeans und alten Hemden zur AOUK gegangen. Der Prüfer füllte ein Formular aus und schickte mich ins Ethik-Büro. Dort band mir eine aufregende Blondine einen schmutzigen grauen Lappen um den Arm und schickte mich in die Aufwaschküche. Der Steward, ein ehemaliger britischer Marineoffizier gab mir ein Heft mit einer minutiösen Beschreibung meines Postens. Zu den darin aufgeführten Pflichten gehörte das Geschirrspülen und das Kohleholen für den Ofen der Aufwaschküche. Das Heft enthielt sogar einen Grundriß der Küche und eine Anweisung, welches Spülmittel zu benutzen war.
Die AOUK als ganzes war an jenem Tag im "Zustand des normalen Arbeitens", weshalb meine Schicht nur zwölf Stunden dauerte. Ich spülte, deckte den Tisch in der See Org-Messe, schrubbte Töpfe und Pfannen, schleppte Kohlen und einen Abfalleimer mit Schweinefutter zu einem Seiteneingang. Nicht einen Augenblick dachte ich daran, daß ich ihnen dafür auch noch Geld bezahlte. Der Steward war eine Seele von einem Mann. Er erfüllte seine Pflichten ruhig und demütig, als ob er etwas gut machen wollte, vielleicht Sünden, die er in der Marine begangen hatte. Anfangs war ich auf der Hut vor ihm, aber da ich meine Arbeit sorgfältig machte, merkte ich, daß er immer freundlicher wurde; und gegen Ende meiner Schicht traktierte er mich mit Kaffee, Süßigkeiten und Zigaretten. Er selbst rauchte nicht, hatte aber immer Zigaretten für seine Sträflinge.
168
Ich brauchte nicht zu hungern. Auf der hinteren Treppe, die zu den Mülltonnen führte, bekam ich einen Teller mit Essen. Abends säuberte ich alle Badezimmer und legte Teppichböden in die neuen Qualifikationsbüros im oberen Stock. Meine letzte Aufgabe war es, dem Steward beim Servieren des Abendtees zu helfen.
Wenn man wieder in den korrekten Zustand zurückversetzt wurde, versprach man sich davon einen besseren TA. Nach der Strafe sollte man "schöner" als vorher sein, umso mehr, je härter die Strafe gewesen war. Einer von Rons Adjutanten war dafür berühmt, daß er alle Zustände, von "Feind" bis "Power" im Geiste durchmachte, und zwar jeden Tag noch vor dem Frühstück. Ferner hieß es, wenn man eine Strafe abarbeitete, neige man zu plötzlichen Erkenntnissen über den Ethik-Codex, die Organisation und die Stelle, die man selbst in Rons Kosmos einnahm. Mir wurden solche Offenbarungen nicht zuteil; ich war nur erleichtert, zur Abwechslung einmal körperlich arbeiten zu müssen.
Meine Strafschicht endete um l .00 Uhr früh. Ich verbrachte die Nacht auf dem Boden des vorderen Wartezimmers, da die Regeln ein Verlassen der AOUK verboten, bevor man völlig aus dem Zustand der Schuld heraus war; und letzteres geschah erst durch das Ausschreiben einer Petition und der Genehmigung durch das Ethik-Büro. Die Mitglieder der See Org kamen gegen sieben Uhr aus ihren Zimmern im oberen Stock. Ich hatte meine Petition für die Unterschrift vorbereitet. Da ich selbst schon viele derartige Papiere unterzeichnet hatte, wußte ich genau, wie eine solche Petition aussehen mußte:
Ich, Robert Kaufman, wegen
Out-Technik während der oberen Stufen in den Zustand von Schuld versetzt,
habe die Schuld-Formel wie folgt angewandt:
1. Ich habe erkannt, daß
die Scientologen meine Freunde sind.
2. Ich habe dem Feind einen
vernichtenden Schlag versetzt, in diesem Fall meiner eigenen Dummheit und
Unfähigkeit, den Instruktionen zu folgen.
3. Gegenüber der Gruppe
habe ich Wiedergutmachung geleistet, indem ich zwölf Stunden in der
Aufwaschküche, den Badezimmern und im Qualifikationsbüro gearbeitet
habe.
4. Ich bitte die Mitglieder
der AOUK daher jetzt um die Erlaubnis, mich wieder der Gruppe anschließen
zu dürfen.
Unter den ersten, die ich um eine Unterschrift anging, war die Ethik-Beamtin. "Sie lassen den Leuten ja keine Wahl", monierte sie. "Sie müssen auf dem Blatt einen Strich ziehen, damit auf der einen die Ja- auf der anderen die Nein-Stimmen eingetragen werden können."
Mit der Petition in der Hand lungerte ich im Foyer herum, zusammen mit einem Jungen, der gerade eine Drei-Tage-Schicht im Zustand des Zweifels durchgemacht hatte und im Stehen schlief. An der Treppe
169
sprachen wir die Schüler an mit unserer Bitte: "Würden Sie mir gestatten, mich wieder der Gruppe anschließen zu dürfen?" Manche unterschrieben, ohne auch nur einen Blick auf die Petition zu werfen. Andere lasen die Formel sorgfältig durch wie ich annahm, um sie besser zu kennen, wenn sie selbst in die gleiche Lage gerieten. Vielleicht auch nur, um nicht bei einer Nachlässigkeit erwischt zu werden. Keiner schrieb seinen Namen auf die Seite für "Nein".
Ich betrat das Büro des AOUK-Kommandanten, um mir seine Unterschrift zu holen. Er zeigte auf meine Liste und brüllte mich an: "Was soll das?"
"Die Ethik-Beamtin wollte, daß ich auch Platz für 'Nein' lasse." "Ach, tatsächlich? Sie fordert Sie ja geradezu auf, sich selbst herabzusetzen. Streichen Sie die Seite auf Ihrem Blatt sofort durch. Wollen Sie das Nein postulieren?"
Theoretisch mußte man die Unterschrift jedes Gruppenmitgliedes einholen in dieser Woche wären das 180 gewesen aber die Ethik-Beamtin akzeptierte meine Liste, nachdem sie 60 Namen enthielt. Sie ging zur Zustandstafel und steckte mein Namensschild höher, zum Zustand des Nicht-Existierens. Dann schickte sie mich zum Zentral-Büro, wo ich vier Stunden lang arbeiten mußte, um den Zustand der Gefahr zu erreichen. Vor einem der Büros sah ich den Steward stehen, an eins seiner Handgelenke war ein Vorhängeschloß gekettet. Das war eine neue Strafverschärfung für See Org-Mitglieder im Zustand des Zweifels. Ich fragte mich, was er getan haben könnte.
Nach einer Bestrafung war man verpflichtet, eine Stunde Review zu nehmen. An der Kasse zahlte ich dafür 20 Dollar, zuzüglich 8 Dollar für einen weiteren Tag im Repetitorium, dann ging ich zum Wartezimmer. Dort war ich schon fast zum Mobiliar geworden, da ich schon eine Woche lang ständig in Review war.
Es war deprimierend. Unglückliche PCs, Clears und OTs saßen da, rauchten oder brüteten über Zustandsformeln, um sich klar zu werden, zu welcher Kategorie sie gehörten. Die meisten waren zu sehr mit ihren Oberstufen-Problemen beschäftigt, als daß sie miteinander gesprochen hätten. Gelegentlich kam eine geschäftige junge Frau herein und schüttete uns einen Packen Briefumschläge in den Schoß, die wir zukleben und adressieren mußten. Ich übernahm diese Aufgabe gern, weil ich dadurch von weiterem Grübeln über die Oberstufen befreit wurde. Der Einzige, der an jenem Tag im Wartezimmer ein glückliches Gesicht machte, war der Junge, der seine Strafe für den Zustand der Schuld hinter sich hatte.
Manchmal lächelte ich ihm zu. Ich kannte ihn vom Saint Hill. Er hatte seinen Solo-Kurs in wenigen Minuten geschafft und war in das Klassenzimmer
gekommen, um uns in seiner Erfolgsansprache zu sagen, wie lächerlich einfach alles gewesen sei. Damals hielt ich ihn für einen Wissenden. Aber hier hatte ich zufällig gehört, wie der Prüfer mit ihm sprach und andeutete, daß er sein Clear-Release vorzeitig erklärt hatte er hatte ausbleibende Nadel-Reaktionen fälschlich als Anzeichen für eine Release gedeutet. Das war ein klarer Fall eines falschen Attestes. Nachdem in der Sicherheitsüberprüfung sein Fehler festgestellt worden war und er seine Strafe hinter sich hatte, lächelte er selbstzufrieden. "Ich fühlte mich in meinem ganzen Leben nie besser", vertraute er mir an.
Die Scientology lehrt zu akzeptieren, um zu befreien. Was ein Mensch nicht akzeptieren kann, legt ihn in Ketten. 'Laß sie widerstehen', das könnte das Motto eines Herrschers sein. Widerstand und Zurückhaltung sind der Stacheldraht seines Konzentrationslagers. Man akzeptiere den Stacheldraht, und es gibt kein Konzentrationslager mehr.Verschiedene Mitglieder der Mannschaft machten mich nervös und erweckten meinen Widerstand. Einer davon war der Kommandant, ein großer Mann mit breiten Schultern und kurzgeschnittenen Haaren; er warf mit Befehlen um sich, wie ein Offizier. Dann gab es einen schrecklichen Auditor, der in jener Woche die Sicherheitsüberprüfungen machte. Auf seinem Rattengesicht trug er einen riesigen Schnurrbart. Er war der letzte, von dem ich mich mit einem E-Meter hätte befragen lassen wollen. Ein anderer, den ich noch weniger leiden konnte, war ein OT VI, der "Master-of-Arms" (= Dienstgrad bei der Marine-Polizei). Er war noch größer als der Kommandant und schwerer, etwa 250 Pfund, mit einem kleinen Schnurrbart auf der schmalen Oberlippe, einer aufgeworfenen Unterlippe und den böswilligsten kleinen braunen Augen, die ich je gesehen hatte. Er verbreitete um sich herum ein Gefühl tödlicher Bedrohung, das nach körperlicher Gefahr roch.L. RON HUBBARD
Während dieser Woche in der AOUK lernte ich diese Männer und die übrigen Mitglieder der See Org-Mannschaft besser kennen. Alle waren den gleichen harten Regeln unterworfen. Keiner war vor Strafe gefeit. Auch die höheren Ränge waren gelegentlich mit dem schmutziggrauen Lappen um den Arm zu sehen. Selbst Ron, so ging das Gerücht, hatte sich einmal selbst bestraft, als er glaubte, es verdient zu haben. Diese gemeinsame Gefahr hielt keinen davon ab, den anderen gegenüber den Herrn zu spielen wie in jeder Bürokratie. Dies geschah auf der Basis des Ranges oder der stärkeren Persönlichkeit, wie
171
in der Barbaren-Welt draußen.
An der Wand neben dem Wartezimmer war das Organisationsschema angebracht. Es war eine gigantische Karte, auf der die Hierarchie der AOUK dargestellt war. Ganz oben stand L. Ron Hubbard als "Stifter und Commodore", direkt unter ihm seine Frau, Mary Sue, als "weltweite Wächterin", wiederum darunter der Kommandant der AOUK. Von ihm ging ein ganzes Netz von Linien aus, das zu den einzelnen Jobs und Posten der Mitglieder der See Org-Mannschaft führte. Es gab Erste, Zweite und Dritte Maate, den Hochbootsmann, den Steward, den Proviantmeister, den Zahlmeister usw. Die einzelnen Posten wurden periodisch ausgetauscht, eine Prozedur, die "Rotation" genannt wurde. Da in der AOUK häufig ziemliches Durcheinander herrschte, kam es häufig vor, daß eine Person zwei oder drei Posten gleichzeitig ausfüllen mußte. Auch in solchen Fällen war es strikt verboten, daß einer die Pflichten eines anderen übernahm, auch wenn sie noch so klein waren. Eine Übertretung dieser Regel wurde "Unnötiger Verkehr" oder UV genannt. UV in der einen oder anderen Form war nach Rons Worten die Ursache für den Verfall der großen Zivilisationen in der Geschichte. Die Administrationen der verschiedenen Orgs in aller Welt sollten diese Gefahr vermeiden.
Das Org-Schema war nicht nur das Modell für jede Org, nach dem Willen von Ron sollte es auf die ganze Weltbevölkerung angewandt werden. Ganze Bände von Bulletins beschrieben Struktur und Funktion dieses weitmaschigen und komplizierten Organisationsnetzes. Es ähnelte verblüffend einem riesigen Ameisenhaufen (eine Beobachtung, der ich mich zu jener Zeit verschloß).
Die Mannschaft lebte direkt in der AOUK. Es gab aber nur wenig Platz zum Wohnen. Ich sah ihre Zimmer, als der Steward mich nach oben schickte, um ihm etwas aus seiner Kommode zu holen. Die Zimmer waren kaum groß genug, um eine obere und eine untere Koje aufzunehmen, ferner ein paar Sachen zum Anziehen.
Jeden Morgen, wenn ich in der AO ankam, verließen See Org-Mitglieder in ihren weißen Uniformen die Akademie. Sie waren verpflichtet, dort zwischen dem ersten Frühstück und dem Beginn der Bürostunden um 9.30 Uhr zu studieren. Die Mannschaft blieb die halbe Nacht auf; sie renovierten das alte Hotel, erledigten Papierkram, und auditierten auch, falls Not am Mann war, gegebenenfalls einer den anderen. Sie schienen sehr abgehärtet, ich erlebte nie, daß einer von ihnen krank wurde. Sie waren es gewohnt, nur wenig Schlaf zu bekommen, obwohl der eine oder andere nach dem Abendessen verstohlen gähnte. Ich hielt es für ihre Auffassung von innerer Freiheit, was sie fähig machte, eine so rigorose Disziplin durchzustehen. Keine Macht
172
der Welt hätte sie zu diesem Leben zwingen können; sie selbst wollten es nicht anders haben.
In gewisser Hinsicht machte Ron der See Org-Mannschaft das Leben leicht: Sie hatten keine Probleme, weder wie sie ihre Zeit ausfüllen, noch wo sie Freunde finden sollten, oder was sie lernen wollten: Ron hatte für alles vorgesorgt. Sie brauchten selten Entscheidungen zu treffen. Die ständige Rotation verhinderte, daß sie zu ehrgeizig wurden. Sie hatten kein Privatleben, das sie hätte ablenken können. Sie hatten ihre Entscheidung ein für allemal gefällt nicht nur für dieses Leben, sondern auch für alle künftigen. Die Mühe des Denkens war ihnen abgenommen, deshalb fühlten sie sich frei.
Trotz meiner Bedenken und Widerstände empfand ich das Leben in der AOUK in gewisser Weise doch als anziehend. Irgendwie muß mir aufgegangen sein und vielleicht fürchtete ich mich davor am meisten daß ich in mir selbst alle Kräfte hatte, die auch die See Org antrieben; Tendenzen, die in der einen oder anderen Form allen Menschen zu eigen waren. Ich weiß noch genau, wie ich dachte: "Es ist nie langweilig hier das Leben ist so intensiv vollgepackt mit Freude, Spannung, Erleichterung, Furcht, Hoffnung, Trauer jeder Tag ein ganzes Leben." Alle diese Gefühle schienen mehr zu bedeuten als früher im gewöhnlichen Leben. Hier gab es eine Richtung, einen Zweck, ein Ziel. Man wußte, hier ging es um die eigene Seele, selbst wenn man seine Rechnung bezahlte.
In der AOUK gefielen mir die Review-Sitzungen am allerbesten. Dabei hatte man immer die Chance, daß der Auditor zum Kern des eigenen Falles vorstieß. Review bot eine Art von Kommunikation, die sonst nirgends zu finden war: Frage, Antwort, Bestätigung, der liebevolle, aber immer kontrollierte Blick, das alles ging einem ins Blut wie ein zuckersüßes Narkotikum. Ganz gleich, wie einsam und fremd man war, während des Gesprächs mit dem Auditor gehörte man dazu. Die Oberstufen-Leute waren bereit, auf das alles geduldig zu warten. Und außerdem: die Barbaren-Welt dort draußen war unvorstellbar. Je länger man in der AO blieb, desto fester angebunden war man. Manche Mannschaftsmitglieder verließen das Haus nur, wenn sie Sonderurlaub hatten oder wenn sie zur Jacht fuhren.
Für die Schüler war diese Atmosphäre keineswegs deprimierend. Eher das Gegenteil: Brot und Butter, himmlisches Manna. Eine Ausnahme war höchstens das Review-Wartezimmer an manchen schlechten Tagen. Während sie sich durch die oberen Stufen arbeiteten, waren sie von dem Gefühl besessen, der totalen Freiheit schon ganz nahe zu sein. Durch ihre Nähe zur Jacht, der Quelle alles Heils, und zu ihrem Führer waren die Mitglieder der See Org sehr friedfertige Menschen. Sie
173
glaubten sich der Himmelstür nahe. Trotzdem entging mir nicht das Menschlich-Allzumenschliche an dieser seltsamen Umgebung. Ich erinnere mich an eine besondere Szene, die Ankunft eines fetten, aalglatten OTs aus den Staaten. Er wirkte wie ein Berufsringer, der Manager geworden war. Ich stand gerade an der Kasse, um meine nächste Review-Sitzung zu bezahlen. Er kam herein, blickte sich um und redete sofort alle Anwesenden an: "Ich habe einen guten Witz für euch: Warum scheißt man immer Würstchen?" Die anwesenden Scientologen bemühten sich, gute TRs zu zeigen erfolglos, der dicke Mann schaffte sie. Erinnerungen an ihr früheres Barbaren-Leben stiegen auf, wie an ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen war. Der Mann schaute in aller Ruhe einen nach dem anderen an. "Warum?" flüsterten einige. "Damit eure Arschlöcher nicht zuwachsen!" Die Gesichter der See Org-Mannschaft wurden verschlossen. Peinliche Stille entstand, dann wandten sich alle wieder ihrer Arbeit zu.
Ich mußte noch mehrere Tage warten, bis mich ein Auditor durch das grüne Formular brachte und das Qualifikationsbüro mich zum Repetitor schickte. Noch immer wartete die Aufgabe, die Körper-Thetanen auszusortieren.
"Sehen Sie, es ist nicht so schwierig, wie Sie es machen", sagte der Repetitor. Es war spät am nächsten Nachmittag und wir hatten nicht einmal die Oberfläche meiner Verwirrung aufgeritzt. Am meisten unklar war mir die Sache mit den Einwänden. Sollte man bewerkstelligen, daß die Engramme liefen, indem man jeweils einen Einwand ausräumte, oder war es In-Technik, immer alle zehn Einwände zu nennen, bis der Vorfall ins Rollen kam und sich Nadel-Reaktionen einstellten? Wie konnte außerdem die Nennung eines Einwandes ihn schon ausräumen? Die Instruktionen sagten nicht, wie man einen Körper-Thetan anreden mußte oder wie man erkannte, mit wem man redete. Diese Geräusche und Visionen, waren sie real? Vielleicht hatte ich sie nur erfunden. Ron selbst hatte angedeutet, daß alles Blendwerk sei. Sollte man so tun, als ob sie real wären, bis man es leid war und vor sich selber zugab, daß man Hubbards Drehbuch nur abschrieb, so wie es befohlen worden war? Oder war der Bomben-Vorfall doch Realität...?
Ich stellte der Repetitorin alle diese Fragen nicht. Und die Fragen, die ich stellte, konnte sie nicht klar beantworten, ohne ihre Meinung hinzuzufügen, was illegal war. Die Aufschlüsse, die ich brauchte, gab es nicht. Die Repetitorin konnte mir nicht helfen, genausowenig die Instruktionen. OT III war gefährlich, ob real oder Blendwerk. Ich schaute sie bittend an. Sie hatte ihr Bestes getan, ihre Augen waren
174
vor Erschöpfung fast zugefallen.
"Wissen Sie, was Sie tun?" fragte sie. "Sie versuchen, die Gewißheit, die Ihnen fehlt, von mir zu bekommen. Ich weiß nicht, was ich für Sie tun könnte. Ich kann sie Ihnen nicht geben. Wir müssen mit der Prüferin sprechen."
Die Prüferin starrte mich an. "Wollen Sie sagen, Sie verstehen den Prozeß noch immer nicht?"
"Vielleicht muß ich noch einen Tag ins Repetitorium." Sie schaute mich vielsagend an. "Robert, du bist nun zwei volle Tage dort gewesen. Wir können die oberen Stufen nicht für dich absolvieren. OTs haben etwas, das dir endlich klar werden sollte: sie sind die tapfersten Leute in der Welt. Es ist gewiß nicht leicht, ein OT zu werden. Wir müssen dir mehr Härte beibringen, solange du hier bist. Sonst wirst du nie ein OT. Sicher denkst du jetzt, ich sei brutal zu dir. Aber später wirst du mir dankbar sein. Also, NACH HAUSE UND AUDITIEREN!"
Müden Schrittes verließ ich das Qualifikationsbüro und ging hinunter zur Straße. Draußen in der frischen Luft hob sich meine Stimmung wieder. Wie hatte ich mich nur von den Leuten, die mir doch helfen wollten, so blamieren können? Ich mußte mich jetzt endlich entscheiden. Ich wollte mich nicht noch einmal von der Prüferin bloßstellen lassen, selbst wenn ich mich beim Prozeß selbst zerstören sollte. Wild entschlossen, ohne einen klaren Gedanken, stürzte ich in mein Zimmer, um von neuem in den Morast von OT III zu springen.
Während ich E-Meter und Berichtsformulare vorbereitete, tat ich alles, um meine Entschlossenheit zu bewahren komme was da wolle. Doch sofort tauchte ein neuer Zweifel auf, der mich voll traf: Es war nicht nur unklar, welche Körper-Thetanen verschwunden und welche noch zu auditieren waren, außerdem war ich mir nicht mehr sicher, wer der PC war WAR ICH DER PC ODER WAR ES EIN KÖRPER-THETAN? In das Berichtsformular mußte ich schreiben: "PC: Robert Kaufman". Aber wieso galt ich immer noch als PC, obgleich ich doch clear war. Wenn nun ein Körper-Thetan der PC war, dann hatte ich zu leiden, weil ich einen PC mitten in einem Prozeß im Stich gelassen hatte, zum anderen standen mir akute körperliche Schmerzen bevor. Falls sogar mehr als ein Preclear im Spiel war, wurde meine körperliche und geistige Situation noch verworrener. Der Körper-Thetan über meinem linken Auge zum Beispiel. Ich rief ihn, auf dem E-Meter gab es eine kleine Reaktion. Er war also noch da. Ich fühlte Mitleid mit der Kreatur er hatte mir nichts antun wollen. Litt er genauso wie ich? "Geh zum Anfang von Vorfall I, geh durch bis zum Ende und erzähl mir alles, was passiert!" befahl ich ihm. Nichts ge-
175
schah. Ich sprach einen Punkt nach dem anderen an. Wieder bewegte sich nichts auf der Skala. Die Nadel war wie eingefroren. Der TA steckte bei 4.5 fest. Nichts rührte sich mehr. Ich drehte ihn ab und schrieb einen zusammenfassenden Bericht. Die Sitzung hatte zehn Minuten gedauert.
Meine Gedanken rasten: ich mußte fliehen, vielleicht spazieren gehen oder ins Kino. Aber von selbstzerstörerischen Kräften angezogen nahm ich nach kaum einer Stunde die Sitzung wieder auf.
Die Nadel bewegte sich mühsam nach links; der TA stieg fast bis 5.0 und der Druck in meinem Kopf wurde immer unerträglicher. Schon nach wenigen Minuten mußte ich aufhören. Ich ging im Zimmer auf und ab.
Dunkelheit: es war spät am Abend. Ich zündete eine Zigarette an. Warum sollte ich eigentlich während einer Sitzung nicht rauchen? Egal was passierte, es beruhigte mich wenigstens. Entschlossen begann ich wieder mit der Sitzung, die Zigarette zwischen den Lippen.
Ich war also unsicher über die Körper-Thetanen: Gut, dann mußte ich eben einen finden, dessen ich sicher sein konnte. Ich wollte meinen Körper abklopfen, bis ich eine Nadel-Reaktion erhielt, die keinen Zweifel offenließ. Zwanzig Minuten lang saß ich am E-Meter wie in Trance. Ich rauchte und prüfte meinen Körper durch, der sich immer mehr mit elektrischer Spannung auflud. Der Druck in meinem Kopf schwoll an. Jetzt waren die Körper-Thetanen da. In den früheren Sitzungen hatte ich mehrere von ihnen restimuliert zurückgelassen; es war nur fair, daß sie nun revoltierten. Es war nicht ihre Schuld, daß ich sie überall aufstörte, so daß sie in meinem Körper und auf meiner Haut umherkrochen. Ich schaute nicht mehr auf die Skala, ich saß nur noch da, umklammerte die Büchse, hielt den Kugelschreiber in der anderen Hand. Ich zerstörte mich mit Methode. Ganze Schwärme von Körper-Thetanen suchten mich heim.
Ich haßte den E-Meter. Er ließ mich die Fehler spüren, die ich begangen hatte. Natürlich... das zerstörerische Material war im E-Meter selbst! Seitdem ich ihn benutzte, war es durch meine Hände und von dort in mein Hirn geströmt. Nun war es in mir. Der E-Meter war der widerliche Behälter für allen Abfall der Galaxe. Schon die Einprägungen waren niemals auf der Zeit-Spur gewesen, sie waren in die elektrische Maschine eingeschlossen, dort warteten sie auf das Ergebnis der Prozeduren, die darauf angelegt waren, den Wert des Thetanen zu testen. Durch das vergiftete Material wurde nur der infiziert, der von Ron über die Einprägungen unterrichtet worden war. Nur wer reinen Herzens Ron verehrte, konnte der Zerstörung entgehen. Das erklärte die nicht mehr zu beseitigenden Rostflecken an meinen Händen. Während
176
der Sitzungen wurde ich langsam gebrandmarkt. Und irgendwo in meinem Hinterkopf hatte ich das Echo einer gewaltigen H-Bomben-Explosion, tief in einem vulkanischen Krater, vor Milliarden Jahren ...
Ich war ein OT III Unfallopfer, wie im Bulletin beschrieben, mir stand eine komplette Review meines gesamten Falles bevor. Die See Org mußte herausbekommen, was mit mir los war, und mich wieder zusammenflicken.
Der junge Mann mit den haselnußbraunen Augen und der kleinen
Zigarre schaute mich liebevoll an: "Wie lange haben Sie letzte Nacht geschlafen?"
"Etwa drei oder vier Stunden."
"Das reicht bei weitem nicht. Vor der Review-Sitzung müssen Sie nachhause gehen und wenigstens noch vier Stunden schlafen."
Ich verzog mein Gesicht. "Das ist unmöglich, ich kann jetzt doch nicht schlafen!"
"Im Auditoren-Codex heißt es, daß eine Person, die unausgeschlafen ist, nicht auditiert werden darf. Jetzt ist es 10.00 Uhr. Gehen Sie nach Hause. Wenn Sie nicht schlafen können, ruhen Sie sich wenigstens aus und essen Sie etwas. Das wird im Codex auch verlangt. Essen Sie anständig. Sie können gegen 14.30 Uhr zurückkommen. Dann sehen wir uns wieder."
Ich ging zurück und verkroch mich in mein Bett, den Wecker stellte ich so, daß ich die Zeiger sehen konnte. Gegen 14.00 Uhr rannte ich wieder aus dem Haus.
Der Dritte Maat nahm das grüne Formular. Ich bekam Reaktionen auf harmlose Fragen. Mir war egal, was ich sagte, was sie entdeckten.
Wir quälten uns durch das Formular.
"Wurde ein Withhold übergangen? Das ergab eine Reaktion. Was, meinen Sie, könnte das sein?"
"Ich weiß nicht."
"Die Nadel bewegt sich!"
"Ich habe Angst vor dem Sterben."
"Danke!" flötete der Dritte Maat. "Ich möchte Ihnen mitteilen, daß Sie dabei eine schwebende Nadel hatten. Ist die Review vollständig?"
"Ich weiß nicht, ich fühle mich so seltsam."
"O.k., sitzen Sie einen Moment still ich möchte mit Ihnen reden.
Wissen Sie, Ihr Fehler von Anfang an war es, daß Sie nicht genug Training hatten. Sie können nicht auditieren. Wußten Sie, daß der SBC (= Spezial Briefing Course: Spezieller Instruktionskurs) früher Vorbedingung für das Absolvieren der Oberen Stufen war? Ron hat
177
diese Anordnung aufgehoben, um schneller zu mehr Schülern zu kommen. Er glaubte, die Schüler würden in der Lage sein, seinen Instruktionen auch so nachzukommen und den Gipfel zu erreichen. Aber das funktioniert offenbar nicht immer. Sie wollen doch ein guter Auditor werden, nicht wahr? Sie wollen In-Technik haben und sich durch die oberen Stufen auditieren, oder etwa nicht? Dann wissen Sie genau, was zu tun ist! Gehen Sie sofort hin und unterschreiben Sie für den SBC!"
Das bedeuteten wenigstens sechs Monate! "Es gibt überhaupt keine Frage. Sie müssen das Auditieren richtig lernen, um durch die oberen Stufen zu kommen", sagte sie abschließend. Mit einem triumphierenden Lächeln fügte sie hinzu: "Kommen Sie mit, wir gehen zum Prüfer."
"Es ist wirklich das Gegebene für Sie", sagte der Prüfer, der sich innerhalb weniger Stunden in den vollbusigen Rotschopf zurückverwandelt hatte. Ich konnte nichts sagen. Ich wollte mir die Konsequenzen überlegen, aber mein Kopf funktionierte nicht. Ich stand vor ihrem Tisch und starrte sie stumm an. Sie lächelte gewinnend: "Kommen Sie, wir gehen zum Buchhalter!" Sie sprang auf, hakte sich bei mir ein und zog mich den Gang entlang.
Ich stand in der früheren Hotelhalle, in der je