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AGPF-Info 6/98
http://home.t-online.de/home/AGPF.Bonn/inf98-6.htm
Razzia bei Scientology
Am 10.2.98 wurden 5 Büros der
Scientology- Organisation in München von 130 Polizeibeamten und 4
Staatsanwälten durchsucht. Schon früher gab es zahlreiche Hausdurchsuchungen
bei der Scientology- Organisation, beispielsweise
USA (1963 FDA, 1977 FBI)
Frankreich
Italien (1986)
Spanien (1988)
Österreich (1994)
Griechenland (1996)
und mehrfach in Deutschland:
München (1976 und 1984)
Hamburg (1993)
Anlaß für die jetzige Durchsuchung
in München waren Ermittlungsverfahren wegen Brandstiftung, Beleidigung
und des Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz. Dabei geht es um
einen ungeklärten Todesfall. "Aufgrund einer Erkrankung", so die Polizei
in München, war der langjährige Scientologe "von Verantwortlichen
der Scientology-Organisation ... aufgefordert worden, größere
Mengen von Tabletten zu sich zu nehmen". Nach dreiwöchigem Koma starb
er. Die Scientology-Organisation am Tag nach der Razzia in einer Pressemitteilung:
"Die Scientology Kirche führt keinerlei Heilbehandlung durch". Die
Einnahme von Medikamenten falle allein in den Kompetenzbereich von Medizinern.
Nach dem Heilpraktikergesetz
ist die Ausübung von Heilbehandlung ohne Zulassung als Arzt oder Heilpraktiker
unter Strafandrohung verboten. Verstöße gegen das Gesetz wurden
der Scientology- Organisation seit vielen Jahren vorgeworfen (vgl. z.B.
Heinemann: Die Scientology-Sekte und ihre Tarnorganisationen, 1979, S.
68: "Die Gerichte werden sich damit befassen müssen").
Am 10.12.84 hat
die Stadt München eine Gewerbeuntersagung verfügt:
"Der Scientology Kirche Bayern e.V. wird die Ausübung des Gewerbes
'Durchführung von heilkundlichen Einzelgesprächen, Persönlichkeits-tests,
Kursen und Seminaren, Filmvorführungen sowie der Groß- und Einzelhandel
mit Verlagserzeugnissen'... im Bundesgebiet ... untersagt".
Aus der Begründung:
"Die Unzuverlässigkeit
der Gewerbetreibenden erweist sich insbesondere daraus, daß sie organisiert
und ohne Erlaubnis die Heilkunde ausübt, wobei erschwerend hinzukommt,
daß sie sich besonders dilettantischer Methoden bedient.....Entsprechend
den ... Ausführungen des Gutachtens sind durch die Methode der hier
vorliegenden dilettantischen Psychotherapie psychische Schäden zu
erwarten.Hubbards Dianetik intendiert eindeutig heilkundliche
Praktiken und verstößt
damit bei der Anwendung durch Laien gegen das Heilpraktikergesetz."
Diese Verfügung
dürfte wohl kaum rechtskräftig geworden sein. Der Zustand aber
dauert an.
Das Heilpraktikergesetz
dient in erster Linie dem gesundheitlichen Verbraucherschutz. Es ist belanglos,
ob eine religiöse Motivierung vorliegt. Auch Wunderheiler brauchen
eine Erlaubnis (vgl. AGPF-Info 4/98).
In dem erwähnten
Gutachten (Prof. Dr. Mende, Psychiatrische Klinik der Universität
München, Gutachten vom 21.12.84) wird eingehend dargelegt, daß
es sich bei den Scientology-Verfahren generell um Verfahren der Heilbehandlung
handelt: "Diese therapeutischen Verfahren, auch der sog. Kommunikationskurs
und das sog. Reinigungsrundown bergen Nebenwirkungen und Risiken ...
Die Bundestagsabgeordnete
Renate Rennebach hat darauf hingewiesen, daß der Todesfall in München
Ähnlichkeiten mit dem Tod der Lisa McPherson hat. Diese ist am 5.12.1995
in Clearwater/Florida gestorben, einem Hauptsitz der Scientology-Organisation.
Ihr Tod beschäftigt wegen der dramatischen Umstände Ermittlungsbehörden
und Öffentlichkeit bis heute. Ein US-Anwalt zum ZDF: "Die Scientologen
beobachteten sie im Koma für zwei oder drei Tage. Kein Essen, kein
Wasser. Sie saßen da und beobachteten sie, wie sie starb. Das ist
kriminell, das ist Mord".
Scientology bezeichnet
mißliebige Medikamente meist als Drogen. Empfohlene Medikamente werden
meist als Vitamine bezeichnet, so auch Niacin. Es kursieren Tips und Tricks
zur Beschaffung. Für den Reinigungs-Rundown wird geworben: "Ist ihr
Körper zu einer Lagerstätte für Umweltgifte geworden?" Angepriesen
wird der "Nebeneffekt, daß er die Folgen zukünftiger Strahleneinwirkung
vermindert", so daß "in Gebieten, die in einem Atomkrieg schwerem
radioaktivem Niederschlag ausgesetzt sind, nur Scientologen ihrer
Tätigkeit nachgehen werden".
Wichtigster Bestandteil
dieses Verfahrens ist das Medikament Niacin. Dazu die Kantonale Heilmittelkontrolle
Zürich in einer Stellungnahme vom 29.6.87: "Bei der Verabreichung
von hohen Dosen Nicotinsäure (= Niacin) sind Gesundheitsschädigungen
zu befürchten" und "schwerwiegende Nebenwirkungen zu erwarten: ab
Dosierungen von 750 Milligramm pro Tag ist z.B. eine Leberschädigung
möglich". Scientology-Empfehlung: 5000 Milligramm. Ergebnis: ein "Endphänomen".
Scientology-Gründer
Hubbard: "VORSICHT: Die Erscheinungen, die Niacin hervorbringt, können
ziemlich erschreckend sein."
Ingo Heinemann |