Prof. Dr. Hans Kind:
Auditing und andere Psychotechniken
aus wissenschaftlicher Sicht
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Anhörung der SPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg am 6.12.93
zum Thema Scientology
Erstveröffentlichung in "Anstösse - Beiträge zur Landespolitik"
Prof. Dr. Hans Kind:
Auditing und andere Psychotechniken
aus wissenschaftlicher Sicht
LRH hat immer bestritten, daß seine Technik mit Hypnose zu tun
habe. Nach 1950 hat LRH in den Technischen Bulletins den Ausdruck Reverie
nicht mehr verwendet, aber Techniken benützt, die das gleiche bewirken.
Mit dem E-Meter glaubte LRH die Löschung der Engramme nachweisen zu
können. Seiner Meinung nach reagiert das Instrument entgegen der früheren
Verwendung als Lügendetektor nicht auf die durch aktuelle Lügen
verursachte emotionale Spannung, sondern auf die Emotion, die das seinerzeitige
pathogene Engramm begleitet habe (so im Operator's Manual Electropsychometric
Auditing, Tech. Bull. Bd. 1, 1950-1953, S.222 ff). Engramme werden
nach der Meinung von LRH nicht durch das bewirkt, was ein Mensch tut oder
was er getan hat. "Die Dianetik beschäftigt sich in der Therapie ausschließlich
mit dem, was der Person angetan wurde. Was ein Patient getan hat, ist belanglos"
(Buch 1, S. 383). Schuld sind also immer die Eltern und die Verwandten.
"Diese Leute sind die Bösewichte in unserem Drama: die Leute, die
dem Preclear die Dinge angetan haben, die ihn zum Aberrierten machten"
(Buch 1, S. 474). Zu den Grundregeln der Therapie gehört, daß
man es dem Patienten nicht bequem machen, ihm jedenfalls kein Mitgefühl
zeigen darf (Buch 1, s.224). "Der Auditor soll ... dem Patienten niemals
irgendwelche Informationen geben, die dessen Fall betreffen, auch keine
Datenauswertungen und keine Korrekturen hinsichtlich der Behandlungsdauer"
(Buch 1, S. 225). "Stößt der Auditor auf Abwehr, Feindseligkeit
gegenüber der Dianetik, so hört er keine analytischen Daten"
(d. h. keine vernünftigen Argumente des Patienten) "sondern reaktive
Engramminhalte. Er sollte gelassen fortfahren, in dem sicheren Wissen,
daß die Dynamiken des Patienten ihm mit allem, was zur Verfügung
steht, helfen werden.."(Buch 1, S. 232). Das dynamische Prinzip des Daseins
ist Überleben (Buch 1, S. 561). Es wurde von LRH anfänglich in
vier, später in acht Teildynamiken aufgegliedert.
Von seiten der Scientologen wurde mir seinerzeit entgegengehalten, die in Buch 1 beschriebene Therapie sei überholt und werde so nicht mehr benützt, es gebe jetzt andere Verfahren. Sie haben auch ein Gegengutachten in Aussicht gestellt, das meines Wissens aber bisher nicht erschienen ist. Im übrigen handle es sich gar nicht um Therapie, sondern um geistliche Beratung. Dazu ist zu sagen, daß im Buch 1, das nach vorhin zitierten Worten LRH's immer noch zur Hauptsache gültig ist, Dianetik ausdrücklich eine Therapie genannt wird.
Ein erhebliches Risiko für den Patienten bedeutet
die Meinung von LRH, daß die Eltern und Verwandten die Bösewichter
seien, weil sie die Schuld an den Aberrationen, d.h. an den Störungen
und Beschwerden hätten. Jeder Widerstand von Eltern gegen diese Therapie
sei ein Ausdruck ihrer Schuldgefühle und Angst vor der Aufdeckung
von 'Mißhandlungen' des Patienten in seiner Jugend. Insbesondere
der Widerstand von Müttern gegen Auditing beruhe auf den seelischen
Schädigungen, die sie schon während der Schwangerschaft mit Abtreibungsversuchen
verursacht hätten (Buch 1, S. 246). Auf diese Weise können Patienten
von ihrer Familie getrennt und ganz an das System gebunden werden. Wenn
dann noch finanzielle Abhängigkeit dazukommt, kann der Weg zurück
in die Selbständigkeit enorm erschwert, leidvoll und nur mit großen
Einbussen möglich sein.
Seit 1950 hat LRH zahlreiche Bücher, dazu Vorträge und Kurse, die auf Toncassetten mit Transkripten erhältlich sind, sowie viele Technische Bulletins herausgegeben, die Anweisungen zu den Psychotechniken und zu organisatorischen Fragen geben. Es gibt jetzt eine große Zahl von Verfahren, um Neueinsteiger zu gewinnen und unter Kontrolle zu bekommen. Angelockt werden Neulinge oft mit dem bekannten Persönlichkeitstest, der 200 Fragen zu Meinungen und Einstellungen der Person enthält. In dem mir zugänglich gewesenen Schrifttum gibt es keine Angaben zur Validität, d. h. der Gültigkeit dieses Tests, der Oxford Capacity Analysis genannt wird, ja im Gegenteil, im HCO-Bulletin vom 19. 12.71 hat LRH eine Anweisung publiziert, die zeigt, daß mit dem Test gar keine ernsthafte Diagnostik beabsichtigt ist.
Alle Techniken und Kurse sind in einer Tabelle aufgezeichnet, welche
"Die Brücke" zeigt, d. h. die Stufenleiter zur Vollkommenheit und
Glückseligkeit. Dem Neuling werden zunächst Einführungskurse
geboten, z.B. Lektüre des Buches 1 oder andere Werke, oder auch ein
Probeauditing über ein aktuelles Problem des Neulings. Bei den einführenden
Kursen wie auch später gibt es 'Wortklären'. Das ist meines Erachtens
eine besondere Technik, mit der zwar die einzelnen Wörter eines Textes
verstanden, aber gleichzeitig Kritik am Sinn verhindert wird (z.B. HCO-Bull.
05.02.66, lssue II: "Unfähigkeit einen Text zu verstehen, kommt nur
von unverstandenen Wörtern", oder: Board Tech. Bull. 04. 09.71 R,
revised 20.07.74: "Es ist immer ein unverstandenes Wort (das einen Text
nicht verstehen läßt), nie ein Konzept oder eine Idee, die nicht
verstanden werden", oder: Buch 1, S. 6: "Der einzige Grund, warum jemand
ein Studium aufgibt oder lernunfähig wird, liegt darin, daß
er über ein nichtverstandenes Wort hinweggegangen ist"). Auch ein
Kommunikationskurs dient oft als Einführung, der Anleitung zum Umgang
mit Menschen gibt und nicht selten als informativ und hilfreich beurteilt
wurde.
Der Auditor hat die strikte Anweisung, sich nicht auf Erklärungen oder Diskussionen einzulassen, sondern auf der Ausführung der Befehle zu bestehen, wenn nötig auch mit gewissem Zwang. Diese Übungen sollen stundenlang fortgeführt werden, wozu es diverse Anweisungen von LRH gibt; z.B. in einem Vortrag mit Demonstration vom 07.05.67 25 Stunden, im Buch "The Creation of Human Ability" (S. 23) bis 100 Stunden, freilich in verschiedenen Sitzungen. Ziel ist das Kommunikationsintervall des Pc zu beseitigen, d. h. er soll die Befehle rasch und ohne Zögern ausführen. Es ist klar, daß der Pc auf diese Weise konditioniert wird, willig alles zu übernehmen, auch spätere Anweisungen kritiklos auszuführen. Der Auditor soll auch unter keinen Umständen den Pc von sich aus die Sitzung beenden lassen. Er allein muß sagen, wann abgebrochen wird.
Andere Übungen sollen zur sogenannten Exteriorisation führen, d. h. einem Zustand, in welchem sich der Geist vom Körper loslöst. Das beginnt z.B. mit der Aufforderung: "Sei 3 Fuß hinter Deinem Kopf", dann "Sei an anderen Orten", die der Auditor nennt, leicht gefährlichen, dann immer gefährlicheren, bis der Pc ruhig im Mittelpunkt der Sonne sitzen kann (so Schritt 1, Standard Operating Procedure 8 in Creation of Human Ability, S. 226).
Ein weiterer Schritt enthält die Aufforderung, ohne zu denken in
den oberen Ecken des Zimmers zu sitzen und nur an den Ecken interessiert
zu sein, bis der Pc ohne Anstrengungen exteriorisiert ist. Solche Übungen,
wenn sie lange genug durchgeführt werden, können ernsthafte Derealisations-
und Depersonalisationsgefühle auslösen, die die Realitätskontrolle
erheblich schwächen.
Breiten Raum nehmen die Techniken ein, die eingesetzt werden, um verschwiegene Ereignisse, besonders aggressive Akte an die Oberfläche zu bringen. Auch dazu gibt es umfangreiche Checklisten mit einer inquisitorischen Abfragetechnik. Besonders umfangreich sind die sogenannten Security-Checks, mit denen PTS (d.h. Potential Trouble Sources) aufgedeckt und SP (d.h. Suppressive Persons) entlarvt werden sollen. PTS ist schon, wer Kontakt zu Angehörigen hat, die Scientology kritisch bis ablehnend gegenüberstehen.
Es ist mir nicht möglich, an dieser Stelle ausführlicher die zahlreichen Techniken und die dahinterstehenden Ideen anschaulich zu machen. 1978 hat LRH Dianetic als New Era Dianetic gegenüber Buch 1 neu formuliert. Traumatisierungen aus der fötalen Periode oder aus früheren Leben werden jetzt kaum mehr erwähnt. Er sagt auch ausdrücklich, daß bei somatischen Leiden der Arzt zugezogen und daß dessen Therapie vorgehen muß. Parallel dazu soll der Auditor "Touch Assist" machen, d.h. ein Berührungsritual an den kranken Körperteilen, das die Heilung beschleunigen soll, z.B. einen Knochenbruch in 2 statt in 6 Wochen heilen. Auch Bewußtlose sollen mit dieser Technik aufgeweckt und klinisch Tote ins Leben zurückgeholt werden.
Nicht erwähnt habe ich jetzt die höheren Kurse der Scientology,
die dem Erreichen menschlicher Vollkommenheit, ja Unsterblichkeit dienen.
Sie enthalten eine höchst abstruse Kosmologie, gehen von zahlreichen
früheren Leben des Eingeweihten aus und führen ihn auf Zeitreisen
durch das ganze Universum. Hier knüpft LRH offensichtlich an seine
frühere erfolgreiche Laufbahn als Sciencefiction-Autor an.
Das einleitende konditionierende Prozedere macht den Patienten für spätere Suggestionen im Sinn der "Brücke zur Glückseligkeit" zugänglich. Die Unterwerfung unter die Autorität des Auditors schwächt seine Realitätskontrolle. So kann er zum Anhänger des Systems gemacht werden im Glauben, zu jenen Auserwählten zu gehören, die über sonst nicht erreichbare seelische Potenzen verfügen, einen Atomkrieg überleben und die Welt vom Elend erlösen können.
Die zahlreichen Befragungen über Overts und Withholds, d.h. kritische
und im weitesten Sinn aggressive Akte, aber auch sonstige Ereignisse, die
verschwiegen werden, weil sie peinlich sind, dazu die sogenannten Security-Checks,
die irgendwelche wirkliche oder nur mögliche Vergehen gegen Scientology
aufdecken sollen, bewirken. daß der Mensch seine Gedankenwelt völlig
offenlegen muß. Er soll zum gläsernen Menschen werden, der dem
System bedingungslos dient, wie mir kürzlich jemand gesagt hat. Jede
echte Psychotherapie hat demgegenüber das Ziel, die Autonomie des
Patienten zu stärken, ihm zu größerer innerer Selbständigkeit
und auch zur Ablösung vom Therapeuten zu verhelfen. In Scientology
und Dianetik wird ganz bewußt das Gegenteil angestrebt mit dem Ziel
der Machtausübung.
Kind:
Sie haben recht. Hubbard knüpfte an die frühe Psychoanalyse
an. Freud ging es darum, das Unbewußte bewußt zu machen, weil
Unbewußtes schuld ist an allen möglichen Störungen. Natürlich
hat man im Unterbewußtsein sehr viele Inhalte, darunter auch positive.
Hubbard geht es beim Auditing nur um die negativen Erinnerungen. Die Leute
kommen ja mit Problemen und diese werden nach Hubbards Auffassung verursacht
durch negative Engramme. Diese sollen beseitigt werden. Es geht nicht darum,
die positiven Erfahrungen hervorzuholen.
Diskussionsteilnehmer.
Dazu möchte ich kurz ergänzen: Hubbard sagte 1966 in einem
Interview, wer erfolgreich auditiert sei, dessen Unterbewußtes ist
weg. Das Hubbardsche Gedankengebäude beruht also tatsächlich
auf der Vorstellung, daß es nichts Positives auf dieser Ebene gibt.
Kind:
Das ist schon richtig Er sagt ja auch, wer clear sei, könne sich
nicht mehr irren, der wisse alles und habe eine hohe Intelligenz, weil
er keine unterbewußten Hintergründe mehr habe. Das ist natürlich
Unsinn.