Als Kind hielt ich die Bibel für ein Buch, das irgendwann einmal geschrieben worden war, so wie jedes andere Buch auch: von einem Autor, an einem Ort, in einem bestimmten Jahr. Erst viel später habe ich verstanden, wie falsch dieses Bild ist. Wer fragt, wann wurde das Alte Testament geschrieben, bekommt keine Jahreszahl zur Antwort, sondern eine Geschichte – die Geschichte einer Sammlung, an der Generationen über fast ein Jahrtausend hinweg erzählt, geschrieben, abgeschrieben und weitergedacht haben.
Wann wurde das Alte Testament geschrieben? Ein jahrhundertelanger Prozess
Die ehrlichste Antwort lautet: nicht auf einmal. Nach heutigem Stand der Forschung entstanden die ältesten schriftlichen Teile des Alten Testaments etwa im 9. und 8. Jahrhundert vor Christus, die jüngsten im 2. Jahrhundert vor Christus. Das Buch Daniel etwa, so nimmt die Mehrheit der Fachleute an, erhielt seine heutige Gestalt erst um 164 vor Christus, in der Zeit der Makkabäer. Zwischen dem frühesten und dem spätesten Text liegen also gut sechs, sieben Jahrhunderte – länger als die Zeitspanne, die uns heute vom Mittelalter trennt.
Diese Einsicht hat mich nie beunruhigt, im Gegenteil. Sie macht das Alte Testament für mich zu etwas Lebendigerem als einem diktierten Text. Es ist ein Gespräch über Zeiten hinweg: Spätere Schreiber haben ältere Überlieferungen aufgegriffen, kommentiert, ergänzt und neu geordnet, oft angesichts von Krisen, die nach Deutung verlangten. Die Entstehung der Bibel ist in diesem Sinn auch die Geschichte eines Volkes, das nach Worten für seine Erfahrungen mit Gott suchte.
Dass Religionen ihre Wurzeln oft tief in vorschriftliche Zeiten zurückverfolgen, gilt nicht nur für das Judentum. Wer dieser Spur weiter folgen möchte, findet im Essay über die Frage nach der ältesten Religion der Menschheit einen größeren Rahmen.
Schriftkultur und früheste Texte: Von mündlicher Tradition zur Niederschrift
Bevor etwas aufgeschrieben wurde, wurde es erzählt. Das klingt banal, ist aber für das Verständnis der Geschichte der Bibel entscheidend. Lieder, Stammeserzählungen, Rechtssätze und Gebete wurden über Generationen mündlich weitergegeben, am Lagerfeuer, im Heiligtum, bei Festen. Die Schrift kam später – und sie kam mit der Verwaltung.
Schreiben als Sache des Staates
Im Alten Orient war Schreiben lange ein Handwerk von Spezialisten, eng verbunden mit Königshöfen und Tempeln. In Israel und Juda lässt sich eine breitere Schriftkultur erst ab dem 9. und vor allem dem 8. Jahrhundert vor Christus nachweisen. Aus dieser Zeit stammen auch außerbiblische Inschriften aus der Region, etwa die Mescha-Stele aus Moab oder die Tel-Dan-Inschrift, in der vom „Haus David“ die Rede ist. Sie zeigen, dass in diesem Raum nun Texte entstanden, die über den Alltag hinaus Bedeutung tragen sollten.
Das Debora-Lied und andere alte Stimmen
Unter den Texten des Alten Testaments gelten einige poetische Stücke als besonders alt. Häufig genannt wird das Debora-Lied im fünften Kapitel des Richterbuchs, ein Siegeslied von archaischer Sprache und Wucht. Manche Forscher halten es für eine der ältesten Überlieferungen der Bibel, die lange mündlich tradiert wurde, bevor sie ihren Platz im Buch fand. Das älteste erhaltene Stück eines biblischen Textes ist dagegen ganz klein: zwei silberne Amulettröllchen aus Ketef Hinnom bei Jerusalem, wohl aus dem späten 7. oder 6. Jahrhundert vor Christus, auf denen eine Fassung des aaronitischen Segens eingraviert ist – „Der Herr segne dich und behüte dich“.
Ich finde es bewegend, dass ausgerechnet ein Segen die älteste greifbare Spur ist. Wer verstehen will, wie Theologinnen und Theologen mit solchen Funden arbeiten, findet im Text darüber, was ein Theologe eigentlich tut, einen Zugang.
Der Zeitstrahl der Entstehung: Die wichtigsten Epochen
Ein Zeitstrahl zur Entstehung des Alten Testaments ist immer eine Vereinfachung, denn viele Bücher sind in mehreren Schichten gewachsen. Dennoch helfen einige Stationen, Ordnung in die Jahrhunderte zu bringen:
| Zeitraum | Epoche | Bedeutung für die Texte |
|---|---|---|
| bis ca. 1000 v. Chr. | Vorstaatliche Zeit | mündliche Überlieferung von Liedern, Erzählungen und Rechtstraditionen |
| ca. 9.–8. Jh. v. Chr. | Königreiche Israel und Juda | Beginn einer breiteren Schriftkultur, erste schriftliche Sammlungen |
| 722 v. Chr. | Untergang des Nordreichs Israel | Überlieferungen des Nordens gelangen nach Juda |
| spätes 7. Jh. v. Chr. | Reform unter König Joschija | Kern des Deuteronomiums wird häufig mit dieser Zeit verbunden |
| 587/586 v. Chr. | Zerstörung Jerusalems, Babylonisches Exil | Phase intensiver Sammlung und Deutung der Überlieferung |
| ab 539 v. Chr. | Persische Zeit | Ausgestaltung der Tora und vieler Prophetenbücher |
| 3.–2. Jh. v. Chr. | Hellenistische Zeit | späte Schriften wie das Buch Daniel; Beginn der griechischen Übersetzung |
Das Exil ist für mich der Kern dieses Zeitstrahls. Als Jerusalem fiel und der Tempel zerstört war, stand der Glaube vor der Frage, ob er die Katastrophe überleben würde. In dieser Situation wurde gesammelt, geordnet und erinnert. Viele Forscher sehen hier den Moment, in dem aus verstreuten Traditionen allmählich eine gemeinsame Schrift wurde. Wie die universitäre Theologie solche Datierungen methodisch erarbeitet, zeigt der Beitrag über die Theologie an der Uni Heidelberg.
Struktur und Umfang: Die Bücher des Alten Testaments
Wie viele Bücher hat das Alte Testament? Auch hier ist die Antwort aufschlussreicher, als die Frage vermuten lässt, denn sie hängt davon ab, wen man fragt.
Tora, Propheten und Schriften
Die jüdische Bibel, der Tanach, gliedert sich in drei Teile: die Tora, also die fünf Bücher Mose; die Nevi’im, die Propheten; und die Ketuvim, die Schriften, zu denen etwa die Psalmen, das Buch Hiob und die Sprüche gehören. Aus den Anfangsbuchstaben dieser drei Teile setzt sich das Wort Tanach zusammen. Nach jüdischer Zählung umfasst er 24 Bücher.
Unterschiedliche Zählungen in den Konfessionen
Die evangelischen Bibeln zählen dieselben Texte als 39 Bücher, weil sie etwa die zwölf kleinen Propheten einzeln aufführen und die Bücher Samuel, Könige und Chronik jeweils in zwei Teile trennen. Die katholische Bibel umfasst 46 Bücher, weil sie zusätzlich einige Schriften enthält, die in der griechischen Übersetzung überliefert sind – darunter Tobit, Judit, die Makkabäerbücher, das Buch der Weisheit und Jesus Sirach. In der evangelischen Tradition heißen diese Texte Apokryphen, in der katholischen deuterokanonische Bücher.
Auch die Reihenfolge unterscheidet sich. Während der Tanach mit den Chronikbüchern endet, schließen christliche Bibeln das Alte Testament mit den Propheten ab und lassen es so auf das Neue Testament hin offen. Es ist dasselbe Material, das zwei Traditionen auf unterschiedliche Weise lesen. Dass eine Religion mehr ist als die Summe ihrer Texte, habe ich an anderer Stelle beschrieben: Was eine Religion ausmacht.
Ursprache und Überlieferung: Hebräisch, Aramäisch, Griechisch
Das Alte Testament wurde überwiegend auf Hebräisch geschrieben. Einzelne Abschnitte, vor allem in den Büchern Daniel und Esra, sind auf Aramäisch verfasst, der damaligen Verkehrssprache des Vorderen Orients. Ab dem 3. Jahrhundert vor Christus entstand in Alexandria eine griechische Übersetzung, die Septuaginta. Sie wurde für die frühen Christen zur wichtigsten Gestalt des Alten Testaments.
Die ältesten erhaltenen Handschriften größerer Textteile stammen aus Qumran am Toten Meer. Die dort ab 1947 entdeckten Schriftrollen reichen bis ins 3. Jahrhundert vor Christus zurück; die große Jesaja-Rolle ist das bekannteste Beispiel. Die älteste vollständig erhaltene hebräische Bibelhandschrift, der Codex Leningradensis, stammt dagegen erst aus dem Jahr 1008 nach Christus. Wer nach der „ersten Bibel der Welt“ fragt, stößt also nicht auf ein einzelnes Exemplar, sondern auf eine lange Kette von Abschriften.
Kanonisierung: Warum wurden diese Schriften ausgewählt?
Eine Sammlung braucht eine Grenze. Irgendwann musste entschieden werden, welche Schriften als heilig gelten und welche nicht. Diesen Prozess nennt man Kanonisierung. Lange wurde angenommen, eine Versammlung jüdischer Gelehrter in Jabne, häufig Jamnia genannt, habe den Kanon gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus festgelegt. Heute sehen viele Forscher das skeptischer und sprechen eher von einem allmählichen Prozess, in dem sich der Gebrauch in Gottesdienst und Lehre verfestigte.
Die Tora galt vermutlich schon in persischer Zeit als verbindlich, die Propheten folgten, während die Gruppe der Schriften am längsten offen blieb. Kriterien waren wohl das Alter einer Schrift, ihre Verbindung zu großen Gestalten der Überlieferung und vor allem ihre Bewährung im Leben der Gemeinde. Ein Text wurde kanonisch, weil Menschen ihn immer wieder lasen und darin etwas fanden, das sie trug.
Das Alte Testament ist kein Buch, das an einem Tag geschrieben wurde, sondern ein Gespräch über Jahrhunderte – und wir sind eingeladen, es fortzusetzen.
Mich beruhigt dieser Gedanke. Er nimmt der Bibel nichts von ihrer Würde, aber er lässt Raum für Fragen. Auch die Schreiber des Alten Testaments haben gezweifelt, geklagt und gerungen – man lese nur Hiob oder die Klagepsalmen. Wie viel Glaube und Zweifel miteinander zu tun haben, habe ich im Essay Der Schatten des Glaubens zu beschreiben versucht.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Wann wurde das Alte Testament geschrieben?
- Das Alte Testament wurde nicht auf einmal geschrieben, sondern entstand über einen langen Zeitraum. Die ältesten schriftlichen Teile stammen nach heutigem Forschungsstand etwa aus dem 9. und 8. Jahrhundert vor Christus, die jüngsten, etwa das Buch Daniel, aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. Viele Texte gehen zudem auf ältere mündliche Überlieferungen zurück.
- Wie viele Bücher hat das Alte Testament?
- Das hängt von der Tradition ab. Der jüdische Tanach zählt 24 Bücher. Evangelische Bibeln enthalten dieselben Texte, zählen sie aber als 39 Bücher. Die katholische Bibel umfasst 46 Bücher, weil sie zusätzlich die deuterokanonischen Schriften wie Tobit, Judit oder Jesus Sirach enthält.
- Welcher ist der älteste Text im Alten Testament?
- Als besonders alt gilt das Debora-Lied im fünften Kapitel des Richterbuchs, das lange mündlich überliefert worden sein dürfte. Das älteste erhaltene Stück eines biblischen Textes sind zwei silberne Amulettröllchen aus Ketef Hinnom bei Jerusalem aus dem späten 7. oder 6. Jahrhundert vor Christus mit einer Fassung des aaronitischen Segens.
- Wurde das Alte Testament auf einmal verfasst?
- Nein. Es ist eine Sammlung von Schriften, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Viele Bücher bestehen aus mehreren Schichten, die von verschiedenen Generationen von Schreibern gesammelt, ergänzt und überarbeitet wurden. Besonders das Babylonische Exil im 6. Jahrhundert vor Christus gilt als Schlüsselzeit für diese Arbeit.
- In welcher Sprache wurde das Alte Testament ursprünglich geschrieben?
- Überwiegend auf Hebräisch. Einzelne Abschnitte, vor allem in den Büchern Daniel und Esra, sind auf Aramäisch verfasst. Ab dem 3. Jahrhundert vor Christus entstand in Alexandria mit der Septuaginta eine griechische Übersetzung, die für das frühe Christentum große Bedeutung erlangte.
